Stressforschung
Wie Stress die Denkleistung beeinflusst
Ein Team am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung in Dortmund (IfADo) hat ein neuartiges, aversives Video-Paradigma (AVP) entwickelt. Dabei zeigten die Forschenden den 78 männlichen Probanden emotional belastende Videoclips, um akuten Stress auszulösen. In der Folge ist es dem Team gelungen, stressbedingte Einbußen bei zentralen kognitiven Funktionen wie dem Arbeitsgedächtnis zu messen, berichtete das IfADo über die Studie, die in der dritten Quartalsausgabe des International Journal of Clinical and Health Psychology veröffentlicht wurde. Ziel der Studie war es nach eigenen Angaben, mögliche positive Effekte nicht-invasiver Hirnstimulation (NIBS) auf stressbedingte Defizite des Arbeitsgedächtnisses zu untersuchen.
Die Teilnehmenden fühlten sich der Studienbeschreibung zufolge nach Sichtung der belastenden Videos ängstlicher und berichteten von negativeren Stimmungen. Auch der Körper reagierte messbar auf den Stress: Der Spiegel des Stresshormons Cortisol im Speichel stieg an, und die Herzratenvariabilität nahm ab. EEG-Messungen zeigten zudem, dass sich auch die Aktivität im Gehirn veränderte.
"Unsere Auswertungen zeigen, dass unter Stress die bewusste Steuerung von Gedanken und Handlungen nachlässt."
Sumit Roy, wissenschaftlicher Mitarbeiter, IfADo
"Unsere Auswertungen zeigen, dass unter Stress die bewusste Steuerung von Gedanken und Handlungen nachlässt – während unbewusste, automatische Reaktionen zunehmen", erklärt Sumit Roy, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gruppe Neuromodulation. "Das bedeutet: Menschen reagieren in solchen Momenten empfindlicher auf äußere Reize, sind leichter ablenkbar und tun sich schwerer mit Entscheidungen und der Impulskontrolle."
Eine Denkaufgabe, die direkt nach dem Stressreiz gelöst werden sollte, gelang den Teilnehmenden schlechter – ein Hinweis darauf, wie sehr Stress das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigen kann. Die Teilnehmenden sollten eine Aufgabe lösen, um die Leistung ihres Arbeitsgedächtnisses zu messen. Dabei sahen sie eine Folge von Buchstaben. Ihre Aufgabe war es, per Knopfdruck zu reagieren, sobald ein Buchstabe erschien, der bereits 2, 3 oder 4 Schritte zuvor in der Reihe gezeigt worden war.
Nicht-invasive Hirnstimulation verbesserte Gedächtnisleistung
Um die negativen Auswirkungen von Stress auf das Gedächtnis zu verringern, verglichen die Forschenden die Wirkung der transkraniellen Gleichstromstimulation (tDCS) – einer Elektrostimulation des Gehirns – in zwei vorderen Bereichen des Gehirns (präfrontaler Cortex, PFC). Die stärksten Effekte zeigten sich bei der Stimulation des Gehirnareals, das für die Kontrolle und Bewertung von Gefühlen zuständig ist.
Die Teilnehmenden konnten sich besser auf die Gedächtnisaufgabe konzentrieren und die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol nahm ab. Die Ergebnisse legen nahe, dass eine gezielte Stimulation dabei helfen kann, die Kontrolle im Gehirn unter Stress zu stabilisieren und die körperlichen Stressreaktionen zu verringern.
"Zukünftige Studien könnten auch die Auswirkungen von Stress, einschließlich seiner Modifikation durch Stimulation, auf andere kognitive Prozesse wie Aufmerksamkeit oder Entscheidungsfindung untersuchen", regt das Autorenteam an.
cva