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DHV-Tag
Wissenschaft als Bewegte und Bewegerin

Wissenschaft entfaltet sich im Spannungsfeld interner und externer Dynamiken. DHV-Präsident Koch zur Frage, "was Wissenschaft bewegt".

Von Lambert T. Koch 05.05.2025

Die Formulierung "was Wissenschaft bewegt" ist offensichtlich mehrdeutig; kann man doch zum einen solche Faktoren vor Augen haben, die ihrerseits Wissenschaft als kulturelle Ausprägung von Gesellschaften hervorbringen, verändern und immer neu fordern. Oder man blickt umgekehrt auf das, was durch Wissenschaft bewegt wird. Beide Variablenkomplexe stehen mithin in einer intensiven Wechselbeziehung zueinander: Das, was Wissenschaft hervorbringt, wirkt auch wieder auf sie zurück – auf ihre Fragestellungen, Antworten, Methoden und Rahmenbedingungen. Damit zeigt sich ein evolutorisches Moment, ein Prozess, der aus sich selbst heraus in Gang gehalten wird. Die fortlaufende Veränderung der Bedingungen des wissenschaftlich Möglichen lässt diesen Prozess nie an ein Ende gelangen. Antworten bleiben vorläufig, werfen wieder Fragen auf und fordern so das menschliche Erkenntnisvermögen immer neu: Wissenschaft als epistemisches Perpetuum mobile.

Von dieser elementaren Bewegungslogik ausgehend lässt sich weiter fragen, was aber nun die Wirkmächtigkeit von Wissenschaft in der Breite ausmacht. Erst einmal sind es die einzelnen Wissenschaftstreibenden als solche, die das in modernen Gesellschaften so weit ausdifferenzierte und institutionalisierte System "Wissenschaft" konstituieren. Zugleich aber kommt auch dem über seine Geschichte hinweg entstandenen organisationalen Konstrukt in seiner Gesamtheit Wirkmacht zu, weil ihm gesellschaftliche Funktionen zuerkannt werden und weil es erst die von Neugier und unterschiedlichen Erkenntnisinteressen getriebenen Individuen zusammenführt, die Wissenschaft ausmachen, ihnen einen disziplinären und organisationalen Platz zuweist und ihr Wirken auf diese Weise beeinflusst.

"Dabei können die informellen und formellen Regeln des Wissenschaftsbetriebs grundsätzlich beides: ermöglichend wirken und restringierend."

Dabei können die informellen und formellen Regeln des Wissenschaftsbetriebs grundsätzlich beides: ermöglichend wirken und restringierend. Auch die Regelebene selbst ist immerfort evolutorischen Kräften und damit Wandel ausgesetzt. Es geht um Werte, Vorstellungen, Macht und Einfluss – Impulse, die von innen heraus wirksam sind und von außen in das System hineinwirken. Wie real und relevant diese Prozesse sind, erleben wir gerade wieder besonders eindrücklich – sowohl auf weltpolitischer Bühne als auch im eigenen Land. Nicht nur deshalb ist das Thema hochaktuell. 

Es lohnt, tiefer einzusteigen und zunächst verschiedene Teilperspektiven einzunehmen, bevor es darum gehen kann, in normativer Intention über Anforderungen, Möglichkeiten und Risiken von Wissenschaft im 21. Jahrhundert zu debattieren. Vier naheliegende Stoßrichtungen einer solchen analytischen Dekonstruktion sollen im Folgenden umrissen werden.

Anthropologische Grundkonstitution

Ein – gewissermaßen zeitlos-autonomes – Movens des Wissenschaftsbetriebs ergibt sich, wie angedeutet, aus der anthropologischen Grundkonstitution der Wissenschaftstreibenden als Erkenntnissuchende. Daher ist erstens zu fragen, welche kognitionswissenschaftlichen, epistemologischen und wissenschaftssoziologischen Einsichten sich mit Blick auf die Ausgangsfrage fruchtbar machen lassen. 

Welche Faktoren spielen im Prozess der Erkenntnissuche eine besondere Rolle? Was bedeutet es beispielsweise für Wissenschaft und ihre Ergebnisse, wenn davon auszugehen ist, dass jegliche Kognition emotional eingefärbt ist? Wie motivieren oder hemmen Gefühle Erkenntnisprozesse? Was impliziert in diesem Zusammenhang die heutigentags mehr oder weniger selbstverständliche Auflösung des alten Dualismus von Körper und Geist? Inwieweit sind Gefühle für rationale Entscheidungen sogar unabdingbar? Warum erscheint die Menschheit in ihrer Erkenntnissuche so rastlos?

Die inhaltliche Dimension

Mehr oder weniger nahtlos lässt sich an diese Fragen zweitens die inhaltliche Dimension des Themas anknüpfen. Welche Faktoren sind für den Aufstieg und Niedergang von Paradigmen, inhaltlichen Großwetterlagen oder auch modischen Einzelthemen ausschlaggebend? 

Warum ist beispielsweise Militärforschung in manchen Zeiten eher ein Schmuddelkind und plötzlich ruft man wieder nach ihr – auch aus Ecken, aus denen man es gar nicht erwartet hätte? Wie hängt die inhaltliche Dimension mit der epistemologischen zusammen? Wie bewegen Gefühle und Kognitionen das Portfolio an Gegenständen der Wissenschaft? Neugier, Ängste und Hoffnungen können hier ebenso eine Rolle spielen wie Vorteilssuche, Konkurrenz und Wettbewerb.

Wissenschaftstreibende mit ihren Qualifikationen und Interessen folgen Fragen und entwickeln inhaltliche Angebote, für die sie um Aufmerksamkeit werben. Doch ohne eine gewisse gesellschaftliche und politische Grundnachfrage fehlt ihnen häufig der entscheidende Hebel, um die eigenen Themen in den Vordergrund zu befördern. Es finden sich, um das Bild des Evolutionären nochmals aufzugreifen, sowohl Variations- als auch Selektionsmechanismen. 

In der Wissenschaftsgeschichte musste schon manch Zentrales und Geniales lange ein Nischendasein fristen, weil die gesellschaftlichen Pullfaktoren nicht ausgeprägt genug vorhanden waren. So fehlten etwa Mittel für Forschungsprogramme und Stellen, oder es mangelte an Aufmerksamkeit in der wissenschaftlichen Community sowie an Verlagen mit Interesse am jeweiligen Output. (Ja, auch Verlage bewegen Wissenschaft mehr, als man denkt – und vielleicht mehr, als einem lieb sein kann.)

"Oft sind es – aus wissenschaftsimmanenter Sicht – externe Auslöser, die Inhalte und Themen ins Rampenlicht geraten lassen oder abwerten."

Oft sind es – aus wissenschaftsimmanenter Sicht – externe Auslöser, die Inhalte und Themen ins Rampenlicht geraten lassen oder abwerten. Nicht nur geostrategische Zäsuren oder Politiker mit neodiktatorischen Machtgelüsten, sondern auch die Geschichte des interdisziplinären Megatrends der Nachhaltigkeits- und Transformationsdebatte liefern hierfür aus wissenschaftssoziologischer und gesellschaftspolitischer Perspektive markante Beispiele. Erst waren es eher einsame Rufer in der Wüste, die im Interesse einer langfristig konstruktiven Koexistenz von Mensch und Natur von Zeit zu Zeit ein Umdenken im größeren Maßstab forderten. Bereits Alexander von Humboldt war so ein früher Mahner, nachdem er auf seinen Weltreisen beobachtete, wie der Mensch als kommerzieller Akteur Umwelt- und Klimaschäden in erheblichem Umfang verursachte.

In der Moderne gelangte dann der Club of Rome zu einer gewissen Berühmtheit. Sein 1972 veröffentlichter Bericht zu den Grenzen des Wachstums stellt eine Art Startpunkt für den Marsch der Gesamtthematik durch die Institutionen dar. In der Folge wurden allmählich immer weitere Bereiche der Wissenschaft erfasst, eine Bewegung, die sich in den letzten Jahren nochmals exponentiell beschleunigt hat. Heute sind wir längst so weit, dass die Thematik in den Profilen und Grundordnungen von Hochschulen einen zentralen Platz gefunden hat. Dass Bürgerinnen und Bürger in Parteiprogrammen die Themen Klima- und Umweltschutz suchen und junge Menschen mit Begeisterung entsprechende Studiengänge nachfragen, hat viel mit der erwähnten Wechselwirkung von Kognition und Emotion zu tun.

Die medial allgegenwärtigen Umweltkatastrophen verhelfen dem Einwort-Narrativ drohender natürlicher "Kipppunkte" zu Geltung und Macht. Eine solche medial verstärkte Drohkulisse, verbunden mit Gefühlen der Besorgnis, Angst und Verantwortung, macht auch vor dem Wissenschaftsbetrieb nicht halt. Sie bewegt seine Anbieter, Nachfrager und Stakeholder und wird so zur Mitgestalterin des inhaltlichen Spektrums von Wissenschaft.

Die instrumentelle Dimension

Und damit sind wir drittens bei der instrumentellen Dimension. Auch hier ergeben sich wichtige Hinweise auf Bewegungslogiken in Form kausaler Wechselwirkungen im Wissenschaftsbetrieb. Dabei bringen die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen ihre je eigenen Methoden und Instrumente hervor. Diese wiederum bestimmen, was sich in welcher Qualität, Quantität und Geschwindigkeit erforschen lässt. Ein wenig wie der Schein einer Straßenlaterne, der den Kegel definiert, in dem sich vermisste Gegenstände suchen lassen – wobei es bekanntlich nicht notwendigerweise hilft, wenn man seine Forschungen nur deshalb auf den Suchkegel beschränkt, weil dort das Licht ist. Doch inwieweit ist es überhaupt möglich, seine Erkenntniserwartungen über die Grenzen des Erhellten hinaus zu weiten? Wie und auf welchen Prozessen fußend haben zu allen Zeiten Fortschrittserwartungen das Streben nach erhellenden theoretischen Konstrukten beeinflusst?

Fest steht, auch im Zusammenspiel von Erkenntnisinteressen, -methoden und -hilfskonstrukten findet ständig Bewegung statt. Technischer Fortschritt als Ausfluss wissenschaftlichen Arbeitens erweitert zugleich dessen Aktionsradius. Sich wandelnde Interessen lassen die Präferenz für ganz bestimmte Methoden und Instrumente vor anderen zunehmen. Es kommt zu relativen Bedeutungsverschiebungen im wissenschaftlichen Werkzeugkasten.

"Getrieben durch die Hoffnung auf Mehrwerte für Wissenschaft und Gesellschaft sowie Ängste, im internationalen Wettbewerb abgehängt zu werden."

Ein Beispiel hierfür mag die Reallabor-Methode sein, die namentlich im Zuge der Nachhaltigkeitsforschung einen enormen Bedeutungsschub erfahren hat. Nicht wenige sehen in ihr die "Innovationsmethode der Zukunft", wie etwa eine Presseinformation der Fraunhofer Gesellschaft aus dem Jahr 2023 überschrieben ist. Darin heißt es unter anderem, Reallabore seien ein wichtiges Format, um Innovationen in einem offenen Prozess zu gestalten, denn "Simulationen und Modelle greifen zu kurz, weil sie die Wechselwirkungen der Innovation und ihrer Umwelt nur unzureichend abbilden".

Wenn wir von der Erweiterung des Möglichkeitsraums von Wissenschaft sprechen, ist an dieser Stelle zudem unweigerlich die rasant zunehmende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz (KI) zu thematisieren. Als Querschnittstechnologie bewegt sie Wissenschaft in bald all ihren Dimensionen: auf der Objekt- und Metaebene, in den Natur- Ingenieur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, in Lehre und Forschung. Gerade erst ging wieder einmal breit durch die Medien, welche enormen Chancen KI etwa sowohl in der Diagnose als auch in der Therapie von Krebs eröffnet. Und erneut gilt auch umgekehrt: In dem Maße, in dem KI immer mehr lebensweltliche Bereiche des menschlichen Alltags erfasst und verändert, erfährt das damit verbundene Instrumentarium in der Wissenschaft mächtige Pusheffekte. Es werden Ressourcen bereitgestellt, Programme aufgelegt, Stellen geschaffen und Kooperationen initiiert. Getrieben durch die Hoffnung auf Mehrwerte für Wissenschaft und Gesellschaft sowie Ängste, im internationalen Wettbewerb abgehängt zu werden.

Die institutionelle Dimension

Dies führt viertens zur institutionellen Dimension und zum schon mehrfach erwähnten konstitutiven Wechselspiel von Wissenschaft und der sie umgebenden Gesellschaft: Was Wissenschaft letztlich bewegt, hängt entscheidend auch davon ab, was man sie bewegen und wie man sich von ihr bewegen lässt. Wie viel Freiheit räumt man ihr ein – etwa wie in Deutschland auch verfassungsbewehrte Freiheit – beziehungsweise wie weitgehend will man sie kontrollieren? (Ein Blick über den Atlantik liefert betrübliches Anschauungsmaterial für entsprechende Versuche.) 

Wie viel Vertrauen hat man in die Wissenschaftstreibenden? Wie viel ist Wissenschaft der Gesellschaft wert, wie finanziert man sie, wie stark stattet man sie aus? Inwieweit zieht man sie zu Rate – mit der Konsequenz, als Politikerin oder Politiker gegebenenfalls auch kritisiert zu werden? Wie weit reichen die Bezüge in andere gesellschaftliche Subsysteme hinein? Welche Rolle spielt beispielsweise die soziale Frage und inwieweit bedient sich die Wirtschaftspraxis der Wissenschaft? Wie weitreichend werden Bürgerinnen und Bürger in den wissenschaftlichen Diskurs einbezogen?

Es geht mithin um Ermöglichung, Gewährleistung, Vertrauensvorschuss, Teilhabe und vor allem auch Befähigung zur Teilhabe, um Bildung und Interessenweckung. Welches Ansehen genießt Wissenschaft in der Bürgergesellschaft, wo traut man ihr, wo nicht? Und wieder sehen wir, dass Gefühle eine entscheidende Rolle spielen. Denn emotional geleitete Kognitionen, wie etwa die Geringschätzung der Trump-Administration für Klima- und Umweltforschung, sind mitausschlaggebend dafür, was man Wissenschaft frei sagen lässt oder wo man sie möglicherweise fesselt, weil man vermeintlich Inopportunes nicht hören möchte.

"Was darf eine Gesellschaft von 'ihrer' Wissenschaft erwarten?"

Wie eingangs dargestellt, lässt sich erkennen, dass das, was Wissenschaft bewegt, in gewisser Weise zeit- und raumübergreifend gilt. Daher ist es wichtig, sich die hier skizzierten Bewegungslogiken von Wissenschaft von Zeit zu Zeit neu zu vergegenwärtigen – gerade, wenn es darum geht, was eine Gesellschaft von "ihrer" Wissenschaft erwarten darf. 

Inwieweit sollte die jeweilige Politik steuernd eingreifen? Wo wird sie zur Ermöglicherin und wo zur Bremserin? Was kann andersherum Wissenschaft von Gesellschaft und Politik erwarten? Wer muss wen eventuell vor Risiken schützen? Die Wissenschaft die Gesellschaft oder vice versa? Wie viel Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme muss mit der Freiheit verbunden sein, die wir einander zugestehen und die wir als Wissenschaft so vehement einfordern? 

Fragen und Anregungen, die bewegen und die bewegt werden müssen. Denn wir benötigen klare Vorstellungen davon, was wir von Wissenschaft im 21. Jahrhundert erwarten können und dürfen. Dies gilt besonders für eine Zeit, die offenbar mit einer besonderen Häufigkeitsverdichtung von Veränderung einhergeht, wie es Jürgen Osterhammel formulieren würde.

Der vorliegende Beitrag beruht auf den einleitenden Worten des Autors zum diesjährigen DHV-Tag "Was Wissenschaft bewegt".

Was Wissenschaft bewegt – Schwerpunkt in Forschung & Lehre 

Die Mai-Ausgabe von Forschung & Lehre widmet sich mit einem Themen-Schwerpunkt allem, was die Wissenschaft bewegt. 

Die Beiträge: 

Lambert T. Koch
Konstitutives Wechselspiel: Wissenschaft als Bewegte und Bewegerin 

Armin Nassehi
Selbstkritik am Vorverständnis: Die Rolle der Wissenschaft in der heutigen Zeit 

Wolfgang Ketter | Anna Taudien
Wer trägt die Verantwortung? Ethische Leitplanken für den Einsatz von KI 

Jochem Marotzke
Wissenschaft und Widersprüche: Von zwei unbekannten Krisen in der Klimaforschung 

Karl-Rudolf Korte
Organisierte Freiheit: Wie wird Demokratie in Deutschland gelebt?

Zum aktuellen Heft geht es hier entlang.