Jürgen Habermas
Wissenschaft und Politik trauern um großen Denker
Professor Jürgen Habermas ist vergangenen Samstag im Alter von 96 Jahren in Starnberg verstorben, wie der Suhrkamp-Verlag meldete. Politik und Wissenschaft hoben das wissenschaftliche, intellektuelle und politische Wirken des Philosophen hervor.
Professor Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität Frankfurt, an der Habermas lange Jahre lehrte, betrauerte in einer Pressemeldung den Verlust eines der weltweit bedeutendsten Philosophen. "Die bahnbrechenden Arbeiten von Jürgen Habermas, aber auch seine persönliche Präsenz an der Universität und seine vertrauensvolle Nähe zu vielen Mitgliedern unserer Universität wirken weit über die Lebensspanne dieses außerordentlichen Forschers und einzigartigen Hochschullehrers hinaus."
Gegenüber der Süddeutschen Zeitung (SZ) erinnerte sich der Historiker Professor Norbert Frei an seine Gespräche mit Habermas, in denen es meist um die Aussichten Europas und die Zukunft der Demokratie gegangen sei. "Es war seine überwache, um nicht zu sagen journalistische Präsenz, die unsere Gespräche bestimmte, sein enormes Gespür für politische und gesellschaftliche Veränderungen – und seine Lust, die Reflexion der eigenen Zeitgenossenschaft dem auszusetzen, was er für den Kontrollblick des Zeithistorikers hielt."
Die Soziologin Professorin Eva Illouz zeigte sich gegenüber der SZ tief erschüttert. Habermas Tod markiere das Ende einer Ära: "Er war das nüchterne Gewissen Deutschlands und Europas. Er wandte seinen Blick nicht von den Verbrechen Europas ab, und doch half er uns, an uns selbst zu glauben."
Politik betrauert "großen Aufklärer"
Nach Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) betrauerte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Kondolenzschreiben an Habermas' Kinder den Verlust eines "großen Aufklärers", der die Widersprüche der Moderne durchmessen habe. "Er hat uns das Ethos des demokratischen Diskurses gelehrt und die Emanzipation des Menschen als unaufgebbares Ziel begründet." Der gebürtige Düsseldorfer habe maßgeblich dazu beigetragen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die intellektuelle Öffnung der Bundesrepublik für die politische Kultur des Westens gelang und damit der Weg zu einer gefestigten Demokratie geglückt sei.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) würdigte Habermas laut dpa als einen der bedeutendsten Denker unserer Zeit. Dieser habe mit Weitblick und historischer Größe politische und gesellschaftliche Entwicklungen begleitet. Merz betonte: "Seine analytische Schärfe prägte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus den demokratischen Diskurs." Habermas' soziologische und philosophische Arbeit habe Generationen von Forschern und Denkern geprägt.
Auch die hessische Landesregierung hat nach dpa-Meldung mit großer Trauer auf den Tod des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas reagiert und dessen herausragende Bedeutung für Wissenschaft und Gesellschaft gewürdigt. "Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen der größten Denker unserer Zeit", sagte Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) in Wiesbaden. "Habermas hat uns gezeigt, dass Demokratie vom Gespräch lebt – von der Bereitschaft zuzuhören, Argumente auszutauschen und gemeinsam nach Wahrheit zu suchen", sagte er weiter. Sein Denken erinnere daran, dass Freiheit und Verantwortung untrennbar miteinander verbunden seien. Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) fügte hinzu: "Jürgen Habermas hat Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern inspiriert und gezeigt, wie unverzichtbar die Geisteswissenschaften für das Verständnis unserer Gesellschaft und für eine lebendige demokratische Kultur sind. Sein Vermächtnis ist aktueller denn je."
Emmanuel Macron und António Guterres würdigen Habermas
Die weltweite Bedeutung von Jürgen Habermas verdeutlicht sich an den internationalen Reaktionen auf seinen Tod. Wie die SZ berichtet, würdigte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron den Philosophen als großen Europäer, der einen Schatz an Gedanken hinterlasse: "Er stellte sein Leben in den Dienst am Ideal der europäischen Einigung und der unermüdlichen Suche nach jenen universellen Grundsätzen, die ein freies, gleiches und menschenwürdiges Zusammenleben organisieren können."
Auch UN-Generalsekretär António Guterres hat sich laut dpa tief betroffen gezeigt. "Kein Philosoph hat mein politisches Denken im Laufe meines Lebens so sehr geprägt wie Jürgen Habermas", ließ Guterres der dpa am Sonntag (Ortszeit) über sein Pressebüro mitteilen. Seine Beiträge "haben unser Verständnis von Wesen und Wert demokratischer Gesellschaften maßgeblich beeinflusst und geformt", sagte Guterres demnach. Besonders beeindruckt hätten ihn die Ideen des Philosophen zum charakteristischen Merkmal einer modernen Demokratie: dem ständigen Austausch zwischen politischen Entscheidungsträgern und der Zivilgesellschaft. "Heute brauchen wir diese ständige Interaktion – diesen Dialog zwischen Politik und Bevölkerung – mehr denn je, um die Herausforderungen, vor denen wir stehen, besser zu verstehen und wirksame Lösungen zu finden", urteilte der UN-Generalsekretär.
Habermas setzte auf den öffentlichen Dialog
Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in einem Nachruf schrieb, erregte Habermas 1953 erstmals Aufmerksamkeit, als er in deren Feuilleton Martin Heideggers "Einführung in die Metaphysik" rezensierte. Die Veröffentlichung von dessen Vorlesung enthielt eine Passage zur "inneren Wahrheit und Größe" der Nationalsozialistischen Bewegung. Dies kritisierte Habermas als "fortgesetzte Rehabilitation" der NS-Diktatur in der deutschen Öffentlichkeit.
Seinen Ruf in den deutschen sowie internationalen Sozial- und Geisteswissenschaften erarbeitete sich Habermas mit seiner Habilitationsschrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit" von 1962, in der er philosophische, soziologische und historische Fragen verband. Nach einer kurzen Zeit an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg übernahm er 1964 den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Ab 1971 leitete Habermas das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. 1983 kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 den Lehrstuhl für Philosophie mit dem Schwerpunkt Sozialphilosophie innehatte. Als Habermas' Hauptwerk gilt die 1981 publizierte "Theorie des kommunikativen Handelns", in der er kommunikative Verständigung als Basis gesellschaftlicher Ordnung begreift.
Habermas fühlte sich zeitlebens dem öffentlichen Dialog verpflichtet. Unterstützte er zunächst die Studentenbewegung von 1967/68, positionierte er sich gegen deren zunehmende Radikalisierung. Im Historikerstreit wandte er sich 1986 gegen die von ihm als revisionistisch wahrgenommene vergleichende Darstellung von Stalinismus und Nationalsozialismus. 1999 befürwortete er einen NATO-Einsatz im Kosovo auf Grundlage des Völkerrechts. In den letzten Jahren äußerte er sich vermehrt zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, wobei er für eine Verhandlungslösung plädierte.
hae/dpa