Portrait von Dieter Imboden
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Universitäten
Zwischen Unterfinanzierung und Hochleistungsdruck

Mit der Exzellenzinitiative sollten deutsche Universitäten wettbewerbsfähiger werden. Wo steht unser Forschungssystem heute? Fragen an Dieter Imboden.

Von Vera Müller 02.05.2019

Forschung & Lehre: Was wurde bislang mithilfe der Exzellenzinitiative erreicht, was das deutsche Wissenschaftssystem ohne sie nicht geschafft hätte?

Dieter Imboden: Die Exzellenzinitiative hat innerhalb der deutschen Universitäten zu einem stärkeren Gemeinschaftsgefühl und besserem Bewusstsein für die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Lehrstühlen und Fachbereichen geführt, und zwar sowohl an Universitäten, welche im Wettbewerb um die Fördermittel erfolgreich als auch nicht erfolgreich waren. Dieser "kulturelle Wandel" hat, wie die Expertenkommission in zahlreichen Gesprächen feststellen konnte, auch jene Universitäten erfasst, die keine Anträge gestellt hatten, aber sich bewusst wurden, wie sie sich entwickeln müssten, um künftig von dieser Art von Wettbewerb nicht ausgeschlossen zu sein.

Gegen außen hat sich in den Bundesländern – mit gewissen Ausnahmen – die Erkenntnis durchgesetzt, dass "ihren" Universitäten im wirtschaftlichen Wettbewerb zwischen verschiedenen Regionen ein enormer Stellenwert zukommt. Jene Bundesländer, welche zu Beginn der Exzellenzinitiative der Forschungs- und Innovationspolitik wenig Bedeutung beimaßen, haben unterdessen ihre Haltung weitestgehend revidiert.

International hat die Exzellenzinitiative in Fachkreisen zwar Aufmerksamkeit erhalten – gewisse Länder haben sie sogar imitiert (zum Beispiel Frankreich) –, aber in der breiteren Öffentlichkeit und insbesondere über Europa hinaus hat sich der an sich bereits gute Ruf der deutschen Universitäten nicht drastisch verändert, zumindest nicht während der letzten Jahre.

F&L: Wenn nicht erheblich mehr Geld in das deutsche Hochschulsystem investiert wird, hat die geforderte vertikale Differenzierung nur eine Umverteilung der Mittel zur Folge...

Dieter Imboden: Differenzierung bedeutet nicht notwendigerweise Mittelumlagerungen zwischen Universitäten, sondern eine bessere Nutzung dieser Mittel durch eine Konzentration auf das, was eine einzelne Institution gegenüber anderen auszeichnet. Aber es ist richtig: Die Expertenkommission hat von jeher betont, dass die – gemessen an den Gesamtkosten des deutschen Universitätssystems – an sich bescheidenen Mittel nichts an der Tatsache ändern, dass die deutschen Universitäten unterfinanziert sind und das Wachstum der Mittel nicht mit dem Wachstum der Studierendenzahlen Schritt gehalten hat. Störend ist auch die Tatsache, dass das Mittelwachstum bei den außeruniversitären Forschungsinstitutionen in den letzten 15 Jahren bedeutend größer gewesen ist, sich also in der Forschung der Wettbewerb noch stärker zugunsten letzterer verschoben hat. Im Lande Humboldts ist diese damit entstehende wachsende Distanz zwischen Lehre und Forschung zu bedauern.

"Im Lande Humboldts ist diese damit entstehende wachsende Distanz zwischen Lehre und Forschung zu bedauern." Dieter Imboden

F&L: Wie lauten Ihre Forderungen an die Politik, damit die von Ihnen vorgeschlagene Anpassung an erfolgreiche internationale Hochschulsysteme gelingen kann?

Dieter Imboden: Erstens für die Lehre: Bei einer Abiturientenquote von 50 und mehr Prozent sind die Qualifikationen der Schulabgänger extrem inhomogen. Wenn heute für gewisse Studiengänge von den Universitäten Vorkurse angeboten werden müssen, damit die Studierenden den Grundvorlesungen, wie sie vor 20 oder 30 Jahren Standard waren, folgen können, ist das ein Alarmzeichen; ganz abgesehen davon, dass die große Zahl von Studierenden einen echten universitären Unterrichtsstil mit Seminaren etc. unmöglich macht. Es müsste daher im Sinne der oben erwähnten vertikalen Differenzierung den Universitäten die Freiheit gegeben werden, sich in geeigneter Form ihre Studierenden für die einzelnen Studiengänge selber auszuwählen. Ich bin mir bewusst, dass mit dieser Forderung grundsätzliche Fragen der Chancengleichheit (die ohnehin eine Chancengerechtigkeit sein müsste) aufgeworfen werden. Allerdings sind in der beruflichen und künstlerischen Ausbildung solche Eintrittshürden längst akzeptiert und selbstverständlich. Natürlich kann eine Universität, welche sich in ihren Anforderungen abheben möchte, durch stringentere Prüfungsbedingungen nachträglich eine entsprechende Selektion vornehmen, aber diese Methode ist ineffizient und für alle Beteiligten frustrierend. Schließlich bleiben die Exzellenz verhindernde, weil nivellierende Kapazitätsverordnung zwischen den Ländern und die starke Abhängigkeit der Universitätsfinanzierung von Studierendenzahlen ein Hindernis für die Universitäten, mehr Leistung einzufordern.

Zweitens für die Forschung: So wichtig kompetitiv eingeworbene Drittmittel für den universitären Forschungsbetrieb sind, so sollte ein gesundes Verhältnis zwischen einer für längere Zeiträume garantierten Grundausstattung und kompetitiven Zusatzmitteln bestehen. Unzählige Fallstudien (gerade auch von meiner eigenen Universität, der ETH Zürich) zeigen, dass Durchbrüche in der Forschung nicht möglich sind ohne jahrelange Investitionen in gewisse Problemstellungen: Investitionen, die nicht Jahr für Jahr gegenüber Geldgebern gerechtfertigt werden müssen.

F&L: Ist die von Ihnen vorgeschlagene Anpassungsstrategie des deutschen Hochschulsystems an die Gegebenheiten "alternativlos"?

Dieter Imboden: Alternativlos ist nichts! Es gibt verschiedene Wege nach Rom. Aber ich bin überzeugt, dass man sich bei den Möglichkeiten, wie junge Menschen ihren Weg von der Schule bis ins Berufsleben gestalten, wieder auf eine größere Pluralität zurückbesinnen sollte. Die Universität ist nur EINE Möglichkeit unter vielen für einen erfolgreichen Übergang ins Erwerbsleben. Berufslehre, Fachausbildung, Fachhochschulen und andere Ausbildungswege dürfen nicht zur zweit- oder drittbesten Lösung degradiert werden.

F&L: Wer bzw. was sorgt Ihrer Meinung nach für die Wahrung eines Gleichgewichts zwischen der Autonomie der Universität und den externen Ansprüchen?

Dieter Imboden: Es ist primär die Einsicht aller Beteiligten (Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Akademia), dass eine autonome Hochschullandschaft schließlich für alle von Vorteil ist. Als Politiker wäre ich froh zu wissen, dass nicht ich entscheiden muss, wo die künftigen Chancen der Forschung liegen. Als Wirtschaftsangehöriger würde ich der Versuchung widerstehen zu verlangen, dass die Uni genau jene Leute ausbildet, welche jetzt gerade meinen Bedürfnissen entsprechen, denn diese Bedürfnisse werden vielleicht schon in fünf Jahren anders aussehen. Ich würde daher von der Uni erwarten, dass sie Menschen ausbildet, die einen Rucksack für die Bewältigung jetzt noch nicht gestellter Fragen mit sich bringen.

F&L: Wie sieht die (Forschungs- und Lehr)-Freiheit des einzelnen Forschers unter einer starken Hochschulleitung aus? Werden Forschungsentscheidungen nicht zu einer strategischen Entscheidung, die eher zulasten von Forschung abseits des Mainstreams geht?

Dieter Imboden: Wichtigste Voraussetzung für eine gut funktionierende Hochschule sind: Vertrauen zwischen den einzelnen Playern sowie eine gut ausgebaute Kommunikationskultur von unten nach oben und von oben nach unten. Eine gute Hochschulleitung wird sich nicht allein auf Mainstreams konzentrieren, wenn sie im Kontakt mit ihren Forschenden steht und weiß, was neben dem Mainstream an Potenzial vorhanden ist. Sie wird sich schon gar nicht in die Forschung Einzelner einmischen, auch nicht in diejenige ganzer Gruppen. Aber es gibt grundsätzliche Weichenstellungen, welche über die Fakultäten hinausgehen, zum Beispiel die Einrichtung eines ganz neuen Bereichs, wie das der Fall war, als sich aus Physik und Elektrotechnik die Informatik entwickelte. Hier braucht es Entscheidungsbefugnis an der Spitze zur Verhinderung von Blockaden durch konkurrierende Ideen. Natürlich wird eine gute Universitätsleitung solche Entscheidungen nicht im luftleeren Raum quasi aus dem Ärmel schütteln, sondern sich auf allen Stufen und in allen Bereichen informieren.

F&L: Wissenschaftlich exzellente Forschungsleistung lässt sich allenfalls indirekt an Drittmitteleinwerbungen, Zitationen und Patenten festmachen, und die Stärke des deutschen Wissenschaftssystems besteht seit langem darin, dass exzellente Forschung an zahlreichen kleinen und großen Universitäten stattfindet. Wird der Begriff "Exzellenz­universität" diesem komplexen Bild gerecht beziehungsweise reduziert er dieses komplexe Geschehen nicht unverhältnismäßig? Ist das dem Forschungsstandort Deutschland zuträglich?

Dieter Imboden: Den Begriff Exzellenz auf ganze Universitäten anzuwenden ist eigentlich falsch. Exzellent sind einzelne Forschende oder Gruppen. Das gilt auch für das Universitätsranking: Rankings einzelner Fachgebiete sind weit aussagekräftiger als ganzer Universitäten. Die Differenzierung der deutschen Universitätslandschaft sollte nicht an einem Dutzend "Exzellenzuniversitäten" festgemacht werden, sondern an einzelnen Fächern und problemorientierten (interdisziplinären) Arbeitsgruppen. Natürlich wird es sich zeigen, dass gewisse Universitäten (wie in den USA das MIT, Stanford oder Harvard) mehrere solcher Leuchttürme besitzen. Dass man diesen Hochschulen dann in der öffentlichen Wahrnehmung quasi den Exzellenzstatus zuschreibt, finde ich ok, aber das wäre dann eine natürliche Entwicklung und keine Antrags-Olympiade.

F&L: Sie beschäftigen sich nun viele Jahre sehr intensiv mit dem deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystem. Wo sehen Sie es in 20 Jahren?

Dieter Imboden: "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen". Aber im Ernst: Die deutschen Universitäten werden auch in 20 Jahren solide und sehr gut sein, aber ob sie ohne signifikante Änderungen in der Finanzierung je mit den amerikanischen und britischen Spitzen mithalten können, wage ich zu bezweifeln, denn zu unterschiedlich sind die Längen der Spieße, und das kann auch durch die hervorragende Leistung deutscher Wissenschaftler, vor der ich großen Respekt habe, nicht wettgemacht werden. Geld ist leider auch hier die Hälfte des Erfolgs.