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06 | Juni 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Der unkonventionelle Wilhelm von Humboldt

Eine Erinnerung zu seinem 250. Geburtstag | Michael Maurer

Wilhelm von Humboldt, geb. am 22. Juni 1767 in Potsdam, gehörte zu seiner Zeit zur kulturellen europäischen Elite. Auch heute noch steht sein Name für eine Bildungsuniversität als dezidierter Gegen­entwurf zu einer bloß am Ausbildungsnutzen orientierten Hochschule. Schlaglichter auf einen Jahrhundertdenker.

Ein unkonventioneller Mensch war Wilhelm von Humboldt mit Sicherheit, und das ist noch harmlos ausgedrückt. Oder haben Sie schon einmal jemanden kennengelernt, der sich über schlaflose Nächte freute, statt sich über sie zu grämen? Der unumwunden zugab, solange er ein Buch lese, überzeugten ihn die Argumente des Autors zumeist; wenn er dann ein anderes, gegenteiliges lese, finde er das ebenso einleuchtend? Der als Parkinson-Kranker in fortgeschrittenem Alter unendliche Mühe mit den gewöhnlichsten Alltagsverrichtungen haben musste, aber seiner Freundin schreiben konnte, es verdrieße ihn nicht, wenn er lange brauche, um einen Knopf zuzukriegen, denn dabei habe er genug zu denken?

Ein Mann also offenbar, der sich eigene Gedanken machte und auch keine Furcht davor hatte, ausgelacht zu werden, wenn er sie äußerte. Schließlich musste er ja wohl voraussetzen, auf Unverständnis zu stoßen, wenn er im Rahmen eines Bildungsplanes beispielsweise schrieb, es könne einem Tischler nicht schaden, Griechisch zu lernen; und er machte die Sache nicht wirklich besser damit, dass er hinzufügte, es könne auch einem Gelehrten nicht schaden, das Tischlerhandwerk zu erlernen. An merkwürdigen Äußerungen dieser Art finden sich bei Humboldt viele, etwa die, ein Mensch müsse erst in sich selbst ganz gut werden, bevor er auf andere wirken könne. Vielleicht war Wilhelm von Humboldt eben doch ein etwas verschrobener preußischer Junker, der es sich herausnahm, sonderbare Ansichten auch laut zu äußern?

»Ein Mensch muss erst in sich selbst ganz gut
werden, bevor er auf andere wirken kann.«

Ja, ein Adliger des späten 18. Jahrhunderts war vielleicht souveräner als ein Bürgerlicher. Nicht zufällig deutet Goethe in seinem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre so etwas an, wo er seinen Helden aussprechen lässt, eine volle Bildung zum Menschen könne eigentlich nur ein Adliger erlangen; die Sphäre des Bürgers sei zu beschränkt. Trotzdem darf man sich dieses Adelserbe nicht als borniert vorstellen, weil es nicht den Stand, sondern die Menschheit zum Zielpunkt hat. Auch das findet man bei Humboldt: „Es gibt nur zwei wohltätige Potenzen in der Welt: Gott und das Volk. Was in der Mitte ist, taugt rein weg nichts, und wir selbst nur insofern, als wir uns dem Volk nahestellen“.

Das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen

Dabei geht es offenbar um das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen – einer der wesentlichen Fluchtpunkte seines Denkens. Der Mensch als Individuum – und kaum einer fand hochtönendere Worte zum Preis der Individualität als gerade Humboldt – und die Menschheit im Ganzen, das waren die Pole, um welche seine Bemühungen kreisten. Freilich, man muss dabei auch die Grenzen sehen, die ihm selber so deutlich waren, dass er sie auch formulieren konnte: Er empfand sich als unmusikalisch und ‚religiös unmusikalisch‘ (um einen Ausdruck Max Webers aufzugreifen). Humboldts Spiritualität blieb im wesentlichen gebunden an das, was ihm die abendländische Tradition zur Verfügung stellte, namentlich die Griechen, die er wie wenige andere verehrte. Er war vielseitig interessiert: von der Kunst bis zur Literatur, von der Philosophie und Politik bis zur Sprachwissenschaft, von der Geschichte bis zu (fast) allem, was das Kulturleben zu bieten hatte – aber eben weder Religion noch Musik.

Wofür sein Ohr zugänglich war: Rhythmus. Humboldt freute sich nicht nur an den klassischen Metren, sondern berauschte sich geradezu am kunstvoll komponierten Silbenfall, insbesondere griechischer Dichtung und griechischer Dramen, den er auch in deutschen Übersetzungen nachzuahmen suchte, aber darüber hinaus an der Dichtkunst aller Sprachen, die ihm zugänglich waren, und es gab keine damals bekannte Sprache, die ihm unzugänglich blieb. Seine Begeisterung für rhythmisches Sprechen ist so hervorstechend, dass er selber meinte, damit habe ihn die Natur für den Mangel eines musikalischen Gehörs entschädigt.

Die Sprach­philosophie

Statt Religion und Musik also Sprache und Philosophie. Und nun das Größte, wozu sein umfassender Intellekt fähig war: die Koppelung beider als ‚Sprachphilosophie‘. Seine leitenden Ideen öffneten ihm den Horizont für das Allgemeinste: die Vernunft der Sprache. Sprache ist nicht nur ein Mittel, uns anderen Menschen mitzuteilen, verständlich zu machen; Sprache ist das Medium der Vernunft selbst. Sprache hat Logos-Qualität, könnte man sagen. „Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache“, formulierte Humboldt anknüpfend an Herder. Es kann hier nur angedeutet werden, dass dieser Gedanke ein ungeheuerliches, menschliche Kräfte überforderndes Pensum zum Sprachenlernen und Systematisieren, zum Sammeln und Reflektieren enthält. Humboldts Art der Philosophie besteht aber gerade in seinen Analysen zur Sprache, seinem progressiven Eindringen in immer subtilere Gesetze der Artikulation und Reflexion, der Phonetik und der Grammatik.

Das Bildungsprogramm

Man wird sich, an diesem Punkt angelangt, nicht darüber wundern, dass Sprache der entscheidende Gegenstand seines Bildungsprogrammes sein sollte, wie es in dem von ihm reformierten preußischen Gymnasium mit Wirkungen auf ganz Deutschland zutage tritt. Humboldt vertrat die Idee, auch ein sehr unzulängliches Sich-Abarbeiten an Problemen der Sprache nütze jedem Menschen. Allgemeine Schulbildung sollte für alle Kinder möglich sein: „Jeder, auch der Aermste, erhielte eine vollständige Menschenbildung, jeder überhaupt eine vollständige, nur da, wo sie noch zu weiterer Entwicklung fortschreiten könnte, verschieden begränzte Bildung, jede intellectuelle Individualität fände ihr Recht und ihren Platz, keiner brauchte seine Bestimmung früher als in seiner allmäligen Entwicklung selbst zu suchen“. In der Reformkrise des preußischen Staates konnte dieser Gedanke in Verbindung mit der Idee der Nation erstaunlich produktiv gemacht werden. Die „höchste und proportionirlichste Ausbildung aller Kräfte zu einem Ganzen“ sollte nicht nur das Ziel eines individuellen Bildungsganges sein; damit verknüpfte sich für Humboldt direkt das Wohl der Gesellschaft und des Staates. Der Liberale wollte nicht nur die freie, möglichst ungehinderte Bildung jedes Einzelnen, sondern auch eine solche Festlegung der Strukturen, welche Bildung im Sinne des Ganzen optimierte.

Der Kern des Humboldt’schen Bildungsdenkens liegt in der Trennung der Bildung von der Arbeit. Die Philanthropen hatten eine Bildung des Bürgers zum Menschen durch möglichst umfassende Einbeziehung schon des Kindes in wirkliche oder simulierte ökonomische Prozesse angestrebt. Der Mensch sollte den ‚Zweck seines Daseins‘ erlangen durch Förderung seiner ‚Brauchbarkeit als Bürger‘. Hier kam nun der liberale Adlige mit seinen unkonventionellen Ideen dazwischen und kehrte die Beziehungsverhältnisse gerade um: Den optimalen Nutzen hat ein Staat, eine Gesellschaft, eine Nation nicht von ‚brauchbaren Bürgern‘, sondern von umfassend gebildeten Menschen. Anders gesagt: Bildung kann nicht nach einem festgestellten Bedarf bewirtschaftet werden; sie muß vielmehr geleitet sein von der Idee, dass sich das Optimum gerade dann herauskristallisiert, wenn jeder Einzelne in seiner individuellen Bildung bestmöglich gefördert wird. Entfremdung soll vermieden werden: Jeder Einzelne bleibt mit sich selbst identisch, muss sich nicht den übergeordneten Zwecken eines Anderen unterordnen. Aber es gehört eben auch der Glaube dazu, dass sich aus dieser Förderung der Individualität und dem freien Wettbewerb der Kräfte eine Harmonie entwickele, die der Nation und der Menschheit ersprießlich sei.

In enger Kommunikation mit Schiller entwarf Humboldt den Gedanken des Spieles: Es ist nicht nur die unvermeidliche Arbeit, die uns fördert, indem wir uns in der Welt abmühen; es ist auch das zweckfreie Medium des Spieles, das zur Entfaltung eines Heranwachsenden unabdingbar ist. Anders gesagt: Nicht die direkte Verfolgung eines Zweckes bringt uns ans Ziel, sondern ein gewissermaßen Überschießendes, das in seiner Zweckhaftigkeit vielleicht nicht sogleich erkennbar ist, sich aber letztlich als förderlicher erweist, und zwar nicht nur für das Individuum, sondern für die Menschheit.

»Man muss die Freiheit des Einzelnen ­sichern, um
die Entwicklungsmöglich­keiten des Ganzen zu optimieren.«

Der preußische Staat, wie er ihm in seiner formativen Phase entgegengetreten war, bedeutete für Humboldt nicht das Ziel der Geschichte, sondern vielmehr eine Institution, die man in ihrer Wirksamkeit möglichst beschränken mußte. In der Perspektive der Menschheit galt es, die Freiheit des Einzelnen zu sichern, um die Entwicklungsmöglichkeiten des Ganzen zu optimieren.

Als Deutscher und Kosmopolit konnte sich der Adlige Wilhelm von Humboldt seinen Zeitgenossen verständlich machen, während seine Ideen zur Bildung, zur Geschlechtlichkeit des Menschen und zur Vereinbarkeit des Individuellen mit dem Ganzen in vieler Hinsicht unkonventionell blieben. Erstaunlich, dass er mit solchen Ideen zu geschichtlicher Wirkung gelangen konnte! Das war nur in einer tiefgreifenden Krise des preußischen Staates möglich. Seine eigene Wirkung auf die Zeitgenossen bestand nicht in einem bestimmten Werk, schon gar nicht einer Publikation, sondern vielmehr in der Kraft einer Persönlichkeit, der sich alle in seiner Umgebung beugten. Er verstand es, andere zu überzeugen. Aber letztlich stand er wesentlich mit seiner individuell ausgeformten Persönlichkeit für seine Ziele ein. Es war der Charakter, der etwas bewirkte, nicht der Politiker.

Die Universitätspolitik

Dieser Zug betrifft auch seine Universitätspolitik entscheidend. Mag er auch gescheitert sein mit seiner Idee, die Universität Berlin auf ein vom Staat unabhängiges finanzielles Fundament zu stellen, gelang es ihm doch, seine Idee einer weitgehenden Freiheit von Forschung und Lehre durchzusetzen. Auch auf dieser Ebene fällt wieder besonders die Auflösung einer direkten Zweckbindung auf, der Ablehnung einer Indienstnahme der höheren Bildung für den Staat. Letztlich war es Humboldts klassisches Menschenbild, getragen von Ideen Schillers und Goethes, in Anknüpfung an die alten Griechen, welches eine überraschende Öffnung ermöglichte, die man so durch eine zweckgerichtete Universitätsreform nicht hätte erzielen können.

Auch damals war es näherliegend, einen Studienplan mit Pflichtveranstaltungen und Regelstudienzeit zu organisieren. Dagegen meinte Humboldt, das Studium kenne „keine Gränze nach seinem Endpunkt zu“, es hänge „allein vom Subject“ ab. Der Besuch von Vorlesungen sei „eigentlich nur zufällig; das wesentlich Nothwendige“ sei, daß man zwischen der Schule und dem Eintritt ins Berufsleben „eine Anzahl von Jahren ausschliessend dem wissenschaftlichen Nachdenken an einem Orte widme, der Viele, Lehrer und Lernende in sich vereinigt“.

Man stelle sich einmal versuchsweise vor, man hätte damals schon wissen können, daß das 19. Jahrhundert wesentlich ein Jahrhundert der Industrialisierung werden sollte. Wäre es da nicht konsequent gewesen, Fachhochschulen technischen Charakters mit einem straffen Studienplan zur leitenden Form höherer Bildung zu machen? Man hätte mit den ökonomischen Chancen argumentieren können und mit dem Aufstieg Deutschlands.

Nichts dergleichen: Gerade die Idee einer zweckfreien, persönlichkeitszentrierten Wissenschaft in Forschung und Lehre trieb eine ungeahnte Blüte des gesamten Sektors der Wissenschaft und eine ungeahnte Expansion des Universitätssystems hervor. Die Philologien entwickelten sich zur Weltgeltung; die neuen Naturwissenschaften wuchsen aus der Philosophischen Fakultät heraus; Deutschland wurde im 19. Jahrhundert zur führenden Wissenschaftsnation. Jeder Interessierte und Gebildete, ob nun in Amerika, Rußland oder Italien, lernte im 19. Jahrhundert Deutsch!

Ich will nicht sagen, daß Humboldt das vorhergesehen hätte, aber der Erfolg bestätigte immerhin die Richtigkeit seiner anthropologischen Analyse. So absurd das klingen mag: Deutschland entwickelte sich zur führenden Wissenschaftsnation nicht, indem es die ökonomisch-technischen Bedürfnisse direkt zum Zweck nahm, sondern indem es in einer Krisensituation sich auf das zurückbesann, was menschlich entscheidend ist.

Wilhelm von Humboldt, der unkonventionelle Liberale, war ein Glücksfall. Und zwar gerade deshalb, weil er den Mut hatte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, statt das zu liefern, was seine Auftraggeber vielleicht von ihm erwarten mochten. Gewiß: Als Adliger konnte er ein widerborstiges Selbstbewusstsein leichter aufbringen. Aber damit erbrachte er auch indirekt einen Beleg für seine uns heute überwiegend befremdenden Auffassungen von Persönlichkeit und Individualität. Vielleicht war es doch nicht so verkehrt, sich an den alten Griechen zu orientieren, obwohl sie noch keine Dampfmaschine kannten und auch keine Eisenbahn?

Von hier aus können wir noch einmal zurückblicken auf die unkonventionellen Sonderbarkeiten, die uns am Anfang zu denken gegeben haben. Der Parkinson-Kranke konzentriert sich technisch auf das Knöpfen, ist aber zu dieser Zeit als ‚ganzer Mensch‘ im Spiel, also psychisch und intellektuell frei für das Strömen der Gedanken. Schlaflos, öffnet er sich für die Ideen, die ihn durchströmen. Nicht: „Ich denke“, sondern: „Es denkt in mir“. Aus demselben Grund muß er auch nicht kritisch sofort die Inhalte des einen Buches gegen die konträren des anderen treiben, weil er in der Souveränität des Weisen sein Ich zurücknehmen kann.

Statt Humboldts Namen in bildungspolitischen Debatten gebetsmühlenartig anzurufen, wäre es weiser, sich seiner Reflexion über die wesentlichen Grundlagen des Menschseins zu versichern: Freiheit, Individualität, Persönlichkeit.

Vom Autor liegt aktuell das Buch „Wilhelm von Humboldt: Ein Leben als Werk“, Böhlau Verlag, 2016 vor.

 

A U T O R

Dr. Michael Maurer ist Professor für Kultur­geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


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