Lehre
10 | Oktober 2017 Artikel versenden Artikel drucken

„Helfen würde mehr Zeit“

Über die medizinische Ausbildung und ihre Schwächen | Sigrid Harendza

Mit exzellentem Fachwissen allein ist es in der Medizin nicht getan. Denn den Großteil der Arbeitszeit macht der Kontakt mit Patientinnen und Patienten aus – und das oft in extremen Stresssituationen. Wie kann die medizinische Ausbildung Studierende darauf vorbereiten?

Forschung & Lehre: Frau Professorin Harendza, sind Sie schon einmal aus einer Ihrer Lehrveranstaltungen gegangen und haben gedacht: „das war jetzt aber mal nichts“?

Sigrid Harendza: Na klar. Immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, dass es mir nicht wirklich gelungen ist, mit den Studierenden in Kontakt zu treten, egal, ob es sich um eine Vorlesung oder einen Kleingruppenunterricht handelte.

F&L: Wie sollte der Austausch mit den Studierenden denn aussehen?

Sigrid Harendza: Als Dozentin möchte ich die Studierenden mit auf eine Entdeckungsreise nehmen, bei der sie am Ende ein „Aha-Erlebnis“ haben. Die US-Amerikaner nennen das „guided discovery“. Ganz egal, ob ich etwas viel schneller selbst erklären könnte: wenn Studierende sich ein Thema selbst erschließen, erinnern sie die Inhalte besser und verknüpfen sie gleichzeitig mit einem positiven emotionalen Erlebnis.

F&L: Worauf kommt es speziell im Medizinstudium noch an?

Sigrid Harendza: Studierende müssen lernen, ihr fachliches Wissen im Gespräch mit Patientinnen und Patienten nicht nur verständlich rüberzubringen, sondern dabei auch empathisch zu sein. Kommunikationskurse gibt es inzwischen wohl an allen medizinischen Fakultäten. Es steht dabei aber noch so gut wie nirgendwo auf dem Lehrplan, wie sie für Laien verständlich sprechen. Ehrenamtlich nutzen Medizinstudierende schon seit einigen Jahren die Internetplattform „Was hab’ ich?” und übersetzen medizinische Befunde für Patienten. Nur vereinzelt greifen Universitäten bisher auf das Angebot von onlinebasierten Kommunikationskursen der Initiatoren der Plattform zurück.

Empathie ist wichtig, weil in der Medizin die Art und Weise, wie ich etwas sage, noch entscheidender ist als in anderen Berufen. Es bringt nichts, wenn ich gelernt habe, wie eine Bypass-Operation durchgeführt wird, sie meinen Patienten aber so erkläre, dass sie schweißgebadet vor mir liegen und sich aus Angst gegen einen solchen möglicherweise lebensnotwendigen Schritt entscheiden.

F&L: Wie werden Studierende am besten auf ihren späteren beruflichen Alltag vorbereitet?

Sigrid Harendza: Man sollte schon früh im Studium Situationen simulieren, wie sie im späteren Berufsalltag auftreten. Die Studierenden könnten beispiels-weise auf Schauspielpatienten treffen, die sie untersuchen, beraten und für die sie eine Behandlung anordnen müssen.

Anders als bei einer Staatsexamensprüfung sollten die Studierenden in solchen Übungen nicht benotet werden, sondern nach einer Selbsteinschätzung ein Feedback von beteiligten Assistenzärzten und Pflegekräften sowie ihren Dozierenden erhalten. Ihre Erkenntnisse könnten die Studierenden dann unter anderem nutzen, um ihr Praktisches Jahr so zu gestalten, dass sie an den Kompetenzen arbeiten können, die ihnen noch schwerfallen.

F&L: Wie stark werden solche Prüfungsformate schon eingesetzt?

Sigrid Harendza: Es wird leider noch größtenteils mit Multiple-Choice-Prüfungen gearbeitet – dem ungünstigsten Prüfungsformat für angehende Ärzte. Es gibt Studierenden das Gefühl, dass es immer eine richtige Lösung gibt. Damit geht es weiter, wie in der Schule, wo die 1,0er Leute erfahren haben: „Ich muss nur genug lernen, dann mache ich alles richtig.“ Die Realität sieht im Krankenhaus aber später so aus, dass eine Person mit Symptomen durch die Tür kommt und niemand weiß, was mit ihr ist – auch der Chefarzt nicht. Was man also lernen muss, ist, mit seinen fachlichen Kenntnissen auf diese Person zuzugehen und sich durch die Art und Weise, wie man die Person befragt, aus vielen kleinen Puzzlesteinen im Kopf ein Bild davon zu machen, was sich hinter den beschriebenen Symptomen für eine Krankheit verbergen könnte, um dann gezielt und begründet weitere Schritte in der Diagnostik und Behandlung vorschlagen zu können.

F&L: Der Schwachpunkt scheint offensichtlich. Warum ändert sich nichts?

Sigrid Harendza: Strukturell und strategisch wurde mit der Einführung von praktischen Prüfungen und der Vernetzung von vorklinischen und klinischen Einheiten schon einiges verändert. Was noch fehlt ist eine gelebte andere Lernkultur. Ohne die tragen die Reformen nicht.

Ein Vorbild können zum Beispiel die USA sein. Da fragt der Chefarzt die Studierenden bei der Visite zwischendurch immer mal etwas – und das nicht, um sie bloßzustellen, sondern um sie weiterzubringen. Da heißt es dann „Gucken Sie das bis morgen nach. Ich frage Sie dann.“ Und am nächsten Tag diskutiert er auf Fachebene mit ihnen, was sie im Buch gelesen haben. Es ist trotz hierarchischer Struktur eine inhaltliche Auseinandersetzung auf Augenhöhe, begleitet von echtem Interesse am Fortschritt der zukünftigen Kolleginnen und Kollegen.

F&L: Ein Medizinstudent formulierte das Problem einmal so: „Jede freie Minute wird am Universitätsklinikum der Forschung gewidmet, denn diese ist karrierefördernd und bringt Geld“. Fehlen die Anreize für „gute Lehre“?

Sigrid Harendza: Der jeweiligen Abteilung bringt die Lehre schon Geld und zur Karriereförderung gehört ein Didaktik-Zertifikat inzwischen ins eigene Portfolio. Mehr Gehalt wäre für mich persönlich auch kein Anreiz. Und eine Studie hat kürzlich ergeben, dass auch Lehrpreise als Motivation für gute Lehre so gut wie keine Rolle spielen.

»Es ist verständlich, dass teils wenig Freude am Unterrichten
aufkommt, wenn ständig das Bereitschaftstelefon klingeln kann.«

Helfen würde mehr Zeit. Gerade für die klinischen Dozierenden ist eine 60-bis 70-Stunden-Woche völlig normal. Davon verbringt man 90 Prozent im Kontakt mit den Patientinnen und Patienten oder mit administrativen Arbeiten. Die restlichen zehn Prozent bleiben für Forschung und Lehre. Es bedarf eines guten Zeitmanagements und einer gesunden Persönlichkeitseinstellung, um allen Bereichen gerecht zu werden. Viele junge Kollegen sind für den Unterricht nicht freigestellt von ihren klinischen Aufgaben. Dass manchmal wenig Freude am Unterrichten aufkommt, wenn ständig das Bereitschaftstelefon klingeln kann, ist verständlich.

F&L: Ärztinnen und Ärzte bräuchten Ihrer Meinung nach also mehr Freiraum für die Lehre und sollten diesen dann engagiert nutzen. Was sollten sie als Lehrpersonen sonst noch mitbringen?

Sigrid Harendza: Sie sollten vor allem als Person authentisch sein. Gerade im medizinischen Bereich beim Unterricht am Krankenbett in Kleingruppen von drei bis sechs Studierenden müssen sie sich darüber bewusst sein, dass die Studierenden sie als Vorbild betrachten und sich Sachen abgucken, auch wenn diese gar nicht zum Unterrichtsstoff gehören. Ich habe als Prüferin beispielsweise bei manchen Studierenden erkannt, bei welchem meiner Kollegen sie Unterricht hatten, weil sie deren charakteristische Formulierungen verwendet haben, um etwas zu erklären.

F&L: Wie steht es um die Ausrichtung des Studiums: Einige Studierende wollen nach ihrem Abschluss vielleicht gar nicht den Arztberuf ergreifen, sondern in der Forschung bleiben. Kann das Medizinstudium gleichzeitig exzellente Ärzte und Wissenschaftler ausbilden?

Sigrid Harendza: Ja, das ist schon möglich. Aber Ziel des Medizinstudiums sollte es aus meiner Sicht nicht in erster Linie sein, reine Wissenschaftler auszubilden. Die Hochschulen haben auch einen gesellschaftlichen Auftrag, dieses Land mit Ärztinnen und Ärzten zu versorgen und nicht Menschen aus anderen Ländern in ländliche Gebiete zu schicken, in denen die Bewohner vielleicht auch noch einen Dialekt sprechen und von ausländischen Ärzten nur schwer verstanden werden.

Jeder, der ärztlich tätig wird, muss jedoch Grundkenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens erwerben – schon alleine, weil man medizinische Studien verstehen können muss, um nicht auf Medikamentenwerbung hereinzufallen.

F&L: Haben sich die Medizinstudierenden über die letzten Jahre verändert?

Sigrid Harendza: Die sogenannten „Digital Natives“ kommen langsam an die Hochschulen. Da ist das Smartphone Fluch und Segen zugleich. Es ist ein Fluch, weil es – wie bei dem einen oder anderen Arzt – selbst am Krankenbett ständig benutzt wird, und ein Segen, weil Studierende nach Absprache mit den Dozierenden schnell beispielsweise die Nebenwirkungen eines Medikamentes nachsehen können.
Schön ist, dass die Studierenden insgesamt aufgeschlossener sind und mehr fragen. Umso ärgerlicher ist es, wenn sie abgekanzelt werden, nach dem Motto „Das sind ja totale Basisfragen, die Sie nicht verstanden haben.“ Das finde ich schade, weil Lernen nur befördert wird, wenn die Studierenden Fragen stellen und echtes Interesse haben.

F&L: Auch Patientinnen und Patienten wollen zunehmend mitreden. Im Internet können sie sich viel leichter vor dem Arzttermin selbst darüber informieren, was sie haben könnten. Oft reagieren Ärztinnen und Ärzte darauf genervt. Sollte das Studium nicht die Aufgabe haben, die Aufgeschlossenheit der angehenden Ärzte gegenüber solchen Entwicklungen zu fördern?

Sigrid Harendza: Natürlich. Wir sollten Patientinnen und Patienten nicht von oben herab belehren, sondern ihre Einwände ernst nehmen und uns konstruktiv damit auseinandersetzen. Das be-
inhaltet auch, sich in Fragen einzuarbeiten, die man vielleicht nicht ad hoc beantworten kann. Das Arztbild vom allwissenden Halbgott in Weiß hat im Internetzeitalter endgültig ausgedient. Es braucht nur noch ein wenig Zeit, bis auch dieser Kulturwandel unumkehrbar vollzogen ist.

Die Fragen stellte Katrin Schmermund.

 

A U T O R I N

Professorin Sigrid Harendza ist Ober­ärztin und Leiterin der Sektion Ausbildungsforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Foto: Claudia Ketels, UKE


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