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08 | August 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Entlarvend

Zur Bedeutung des Fake in wissenschaftlichen Diskursen | Stephan Ellinger | Katja Koch

In Zeiten „alternativer Fakten“ und bedrohlicher „Fake-News“ gerät ein wichtiges Stilmittel wissenschaftlicher Diskurse unter Druck. In der Geschichte verschiedener Forschungskulturen haben Fakes häufig wichtige Korrekturen eingeleitet. Sie gelten als letztes Mittel der Kritik, wenn allzu vertraute Gewohnheiten zu Fehlentwicklungen führten und geäußerte Einwände an Machtstrukturen scheitern.

Wie sind Fakes von einfachen Fälschungen zu unterscheiden? Im aktuellen Wissenschaftsbetrieb scheitert aus der Sicht einiger Kollegen die eindeutige Abgrenzung des Fake von der kriminellen Fälschung bereits an der Übersetzung. Der englische Begriff, so wird festgestellt, sei nun einmal mit „Fälschung / Täuschung“ zu übersetzen. Und eine Täuschung erfülle den Tatbestand wissenschaftlichen Fehlverhaltens und widerspreche ethischen Normen. So einfach ist das. Selbst auf die Gefahr hin, zugleich diesen Kollegen und auch Wikipedia zu widersprechen, soll im Folgenden ein differenzierter Blick auf die unterschiedlichen Formen kritischer Diskursbeiträge in wissenschaftlichen Publikationen geworfen werden.

Die Bedeutung des Fake für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess haben Stefan Römer und Martin Doll untersucht. Beim Fake handelt es sich nicht einfach um eine Fälschung, sondern um die absichtsvolle Nachbildung z.B. eines Kunstwerks mit dem Ziel der Kritik an Institutionen und Fehlentwicklungen. Während ein Fälscher auf Tarnung abzielt und Vorkehrungen zur Verschleierung seines Betrugs trifft, bezweckt der Urheber eines Fake im Gegenteil die zeitnahe Aufdeckung und bahnt diese durch vielfältige Hinweise innerhalb seines Werkes an. Der Fake kann durch seine eindeutigen Ungereimtheiten vom aufmerksam rezipierenden Experten des betroffenen Fachgebiets entlarvt werden. Für den Insider ist damit im ­Fake selbst die Authentifizierung enthalten. Für Nicht-Experten oder oberflächlich Rezipierende bleibt die Täuschung im Fake mitunter vorerst verborgen. Sie werden dann durch den Autor selbst im Rahmen der Aufklärung enttäuscht. Martin Doll betont: „Damit etwas sinnvoll als Fake bezeichnet werden kann, muss es zu einem bestimmten Zeitpunkt den Status der Täuschung (deceit), der Irreführung (deception) oder der Fälschung eingenommen haben, der dann – meist nach kurzer Zeit – vom „Urheber“ selbst ex post dementiert wird. Fakes können nur dann ausreichend beschrieben werden, wenn man ihre Prozesshaftigkeit und damit verbundene Statuswechsel in den Blick nimmt“ (Doll 2015).

Zu allen Zeiten haben in den jeweiligen Disziplinen Täuschungen kritisches Potenzial entwickelt. Sie stellen im Wissenschaftsbetrieb nach ihrer Entlarvung Qualitätskriterien, institutionelle Zuständigkeiten, Kommunikations- und Machtstrukturen in Frage und leiten mehr oder weniger zwingend einen Transformationsprozess ein. Direkt intendiert sind diese diskurskritischen Effekte allerdings lediglich von den Urhebern der Fakes. Nicht-authentische Handlungsformen können auf der Akteursebene anhand folgender Merkmale unterschieden werden:

Eine Fälschung

  • täuscht im Rahmen realer wissenschaftlicher Untersuchungen Ergebnisse, Daten oder Werte vor,
  • wird in betrügerischer Absicht getarnt, eine Aufdeckung soll vermieden werden,
  • dient der Karriere und der Reputation des Fälschers,
  • Ähnlichkeiten mit „echten“ Exemplaren, Untersuchungen und Daten werden herausgestellt.

Ein Plagiat

  • gibt im Rahmen realer wissenschaftlicher Texte fremde Anteile (z.B. aus Forschungsberichten) als die eigenen aus,
  • wird getarnt, eine Aufdeckung soll vermieden werden,
  • soll dauerhaft dem Autor zugeschrieben werden und schließlich
  • dient der Karriere und der Reputation des Plagiators,
  • Ähnlichkeiten mit dem plagiierten Text werden bestmöglich verborgen.

Ein Fake

  • baut nicht auf eine reale Untersuchung, sondern ist im Gesamten idealtypisch erfunden,
  • soll nach einer Phase der Täuschung als solche aufgedeckt werden,
  • dient der Kritik und ist ein Diskursbeitrag innerhalb des betroffenen Fachbereiches,
  • trägt Spuren zur eigenen Aufdeckung in sich, parallel wird die Authentifizierung des Fake durch den Urheber vorbereitet,
  • Ähnlichkeiten mit „echten“ Exemplaren, Untersuchungen und Daten werden übertrieben deutlich dargestellt.

Das Potenzial der Fakes für die Kritik am Wissenschaftsdiskurs besteht zum einen in der Notwendigkeit einer genauen Analyse und Anwendung der gültigen Kriterien und Diskurspraktiken und zum anderen darin, akzeptierte Praxis infrage zu stellen, indem eben diese etablierten Gewohnheiten und Denkweisen ad absurdum geführt werden.

Nicht in jedem Fall sind die betroffenen Fachgesellschaften jedoch daran interessiert, diese Potenziale für sich fruchtbar zu machen. Vielmehr scheinen aus der Erschütterung, die mit einem gelungenen Fake in der Regel einhergeht, sehr unterschiedliche Reaktionen resultieren zu können: 1. Das irr­tu?m­li­che Akzeptieren eines Fake wird von den Fachleuten moralinsauer als missbrauchtes Vertrauen gewertet. 2. Der ­Fake wird als Fälschung deklariert und damit kriminalisiert, gleichwohl er die Merkmale einer solchen nicht erfüllt. 3. Das Unentdecktbleiben des Fake wird als Folge defizitären Urteilsvermögens (in etwa bei einem Review) von einzelnen Personen(gruppen) deklariert. 4. Es wird anerkannt, dass der Fake deshalb funktionierte, weil die durch den Fake kritisierten Strukturen die Entdeckung erschwerten.

Lediglich Variante 4 lässt den durch einen Fake angestrebten Transformationsprozess innerhalb des Wissenschaftsbetriebes möglich werden. Bei Variante 1 hingegen wird die dem Fake immanente fachliche Kritik in eine moralische, bei Variante 2 in eine juristische Dimension überführt, um damit den Ethos der Fake-Autoren in Frage zu stellen und die fachliche Intention zu verschleiern. Variante 3 ist gewissermaßen eine Art „Sündenbock-Variante“, bei der die Qualität der Arbeit Weniger zur Disposition gestellt wird, nicht aber die Qualitätsmaßstäbe innerhalb des Faches. Varianten 1 bis 3 verhindern – einzeln oder im Verbund – die eigentlich intendierte Wirkung des Fake.

Fakes in der Wissenschafts­geschichte

Im Folgenden soll exemplarisch an vier Fakes und ihre Kritik an unterschiedlichen zeitspezifischen Trends erinnert werden.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts konnten in Zeiten zunehmend etablierter Publikationswege Wissenschaftler nahezu ungehindert immer neue Sensationen und Nichtigkeiten zum Besten geben. Im Fall des Botanikers Johannes Beringer, Dozent an der Universität Würzburg, wollten ihn zwei seiner Kollegen bremsen. Sie schoben ihm über eine längere Zeit immer wieder Figurensteine unter, die angeblich südöstlich von Würzburg bei Ausgrabungen gefunden worden waren und die er trotz absichtlich angebrachter eindeutiger und später zunehmend ans Lächerliche grenzender Spuren der Fälschung im Jahr 1726 in mehreren Büchern veröffentlichte. Die „Würzburger Lügensteine“ wurden zur Mahnung an die etablierten Kreise vor ungebremster Veröffentlichungssucht (Doll 2015).

Im November 1911 erschien in der Freien Presse ein unsinniger und in sich widersprüchlicher Bericht von Arthur Schütz. Kontext dieses legendären Fakes waren nicht enden wollende Veröffentlichungen mit Analysen eines kurz zuvor verzeichneten Erdbebens in Wien. Schütz wollte Kritik an der kritiklosen Übernahme von angeblichen Faktendiskussionen üben, die, eingerahmt durch ingenieurtechnische Details und demonstriertes Universalwissen, Autorität darstellten. Im abgedruckten Beitrag erwähnt der Autor auch das angeblich unerklärliche Phänomen, dass sein im Laboratorium schlafender „Grubenhund“ bereits eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallend unruhig geworden sei. Diesem unentdeckten Scherz verdankt der Skandal später seinen Namen (Schütz 1953).

1996 wurde ein Fake-Beitrag von Alan Sokal, Professor an der New York University, bei der kulturwissenschaftlichen Zeitschrift Social Text abgedruckt. Der Autor wollte durch seinen legendären Hoax Kritik an einer – wie er sie nannte – „postmodernen Strömung“ innerhalb gesellschaftswissenschaftlicher Publikationen üben. Der Aufsatz, in dem der Physiker vorgab, die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Konsequenzen zu erläutern, die sich aus angeblich neuen physikalischen und mathematischen Theorien ergäben, ist angereichert mit unsinnigen Darstellungen und erkennbar unlogischen Argumentationen, allerdings reichlich versehen mit Modewörtern, Zitaten von prominenten Wissenschaftlern und naturwissenschaftlichen Bezügen. Sokals Anliegen war es, auf fehlgeleitete inhaltliche Kriterien für die Akzeptanz von Fachartikeln in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften hinzuweisen (Sokal/Bicmont 1999).

Diachronisch konnten Fakes immer wieder zur Entlarvung von Machtstrukturen und Schieflagen in den Communities beitragen. Wissenschaftlicher Ethos droht somit nicht an Fakes selbst, sondern an struktureller Gewalt innerhalb ökonomisierter Fachgesellschaften, die an einer Entlarvung ihrer selbst nicht interessiert sein können, zu scheitern.

Und an Humorlosigkeit.

 

A U T O R E N

Stephan Ellinger ist Professor für Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen an der Universität Würzburg.
Katja Koch ist Professorin für Pädagogik mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung an der Universität Rostock.


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