Wirtschaftswissenschaften
05 | Mai 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Aus dem Gleichgewicht

Über den Zustand der Wirtschaftswissenschaften | Arne Heise

Es begann mit einer Forderung der Studierenden: Mehr Pluralität der Paradigmen und Methoden in den Wirtschaftswissenschaften. Der Verfasser dieses Beitrags setzt sich mit dem Kern dieser Forderung und den Reaktionen innerhalb und außerhalb der Profession aus­einander.

Im Jahr 2000 machten französische Studierende an der Pariser Sorbonne mit einem Aufruf auf sich aufmerksam, der eine weltweite Welle des Protestes auslöste: Angehende Wirtschaftswissenschaftler reklamierten eine Selbstbezüglichkeit und Weltfremdheit der Wirtschaftswissenschaften, deren hoher Grad an Formalität und Ab­straktheit mit dem Begriff des ‚Autismus‘ belegt und entsprechend eine ‚post-autistische Ökonomik‘ eingefordert wurde. Neben einer Öffnung der Wirtschaftswissenschaften für Methoden und Erkenntnisse anderer Wissenschaften – also einer stärkeren Interdisziplinarität statt eines häufig beklagten Imperialismus – wurde auch mehr Pluralität der Paradigmen und Methoden eingefordert. Nachdem kurz darauf eine Gruppe von Studierenden der Cambridge University sich die Forderungen der französischen Kommilitonen zu eigen machte, entstanden ähnlich motivierte Studentengruppen in vielen Ländern in Europa, den USA und darüber hinaus: Aus den ‚Post-Autisten‘ wurden schnell die ‚Real-World-Economists‘ und dann die ‚Pluralen Ökonomen‘, die mittlerweile an vielen deutschen Universitäten regionale Arbeitsgruppen gegründet haben und, zusammen mit 64 anderen studentischen Initiativen aus 30 Ländern, im Jahr 2014 erneut mit einem Appell an die Öffentlichkeit gegangen sind. In ihrem ‚International Student Call for Pluralism in Economics‘ haben sich die Anliegen auf drei Kernpunkte verdichtet: Methodischen und theoretischen Pluralismus sowie Interdisziplinarität.

Die Reaktion der Profession war zunächst gespalten. Eine Gruppe von Ökonomen, die sich selbst (zumeist) als heterodoxe Ökonomen verstehen, unterstützte die Initiative der Studierenden von Beginn an und unterfütterte deren Argumentationen mit eigenständigen Analysen zum und Kritik am monistischen Konformismus der Wirtschaftswissenschaft, der die Dominanz eines Mainstreams geschaffen hat, den es in dieser Form in anderen Sozialwissenschaften aus guten Gründen nicht gibt. Eine andere, wesentlich größere Gruppe von Ökonomen lehnte das Anliegen der Studierenden als unbegründet ab. Der formal-mathematische Deduktivismus der Ökonomik sei vielmehr die Stärke dieser Disziplin, da er es erleichtere, intersubjektiv nachvollziehbare, ‚wertneutrale‘ Ergebnisse vorzulegen. Und der Mangel an Pluralismus wurde gleichermaßen bestritten, wie der monistische Kern der Ökonomik als deren Reifegrad (‚Normalwissenschaft‘) herausgestellt wurde. Im Laufe der Entwicklungsgeschichte der Ökonomik, so die Argumentation, haben sich methodische und theoretische Standards herausgebildet, die den Konkurrenzkampf der Paradigmen, wie er in der Frühzeit der Disziplin bis in die 1960er Jahre hinein geherrscht habe, zugunsten des jetzigen Mainstreams – dem dynamisch-stochastischen Gleichgewichtsmodell (DSGM) – entschieden haben.

Kritik von innen und außen

Trotz des anfänglich breiten Unverständnisses gegenüber ihren Forderungen ließen sich die ‚Pluralen Ökonomen‘ nicht beirren und bekamen dann ab 2008 ungeahnten Auftrieb durch die ‚Macht des Faktischen‘. Die Instabilitäten der Weltfinanzkrise kontrastierten allzu sehr mit dem Stabilitäts- und Selbstregulierungsversprechen des DSGM, als dass man danach einfach hätte zur Tagesordnung übergehen können. Zumindest die sensibleren unter den Mainstream-Ökonomen fragten selbstkritisch danach, ob ihre Ökonomik wirklich geeignet sei, sozial-ökonomische Kontexte hinreichend zu erfassen und abzubilden, und ob die monistische Verengung nicht doch paradigmatische Entwicklungschancen verbaut hat, die heute angezeigt gewesen wären. Diese Selbstkritik wurde von deutlichen Worten Außenstehender gestützt: So fragte die englische Queen ihre in der British Academy of Science vertretenen Ökonomen, wieso diese die Weltfinanzkrise nicht haben kommen sehen, und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ging mit den Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaften, die sich letztes Jahr in Lindau am Bodensee zusammenfanden, kritisch ins Gericht, als sie feststellte: „Nun kommen wir aus Jahren, in denen man – ich will das in einem so gelehrten Kreis ganz vorsichtig sagen – nicht immer den Eindruck hatte, dass die Wirtschaftswissenschaften schon alles wissen, was auf uns zukommt. (…) Auf jeden Fall hatte man nicht den Eindruck, dass die Mehrheit die Prognosen richtig gemacht hat“.

»Aus den ›Post-Autisten‹ wurden die ›Real-Wold-Economists‹
und dann die ›Pluralen Ökonomen‹.«

Nur wenige Wirtschaftswissenschaftler würden sich gegenwärtig offen gegen das Anliegen der ‚Pluralen Ökonomen‘ stellen. Selbstverständlich, so die landläufige Einschätzung, sollten verschiedene theoretische Auffassungen miteinander konkurrieren können, und selbstverständlich, ist diese theoretische Konkurrenz förderlich für die Gewinnung neuer Erkenntnisse. Und genau so selbstverständlich kann – jenseits der Lehrbücher, die ja nur einen einführenden Kanon bereitstellen – von einem Mangel an theoretischen Ansätzen keine Rede sein. Ist nicht der gegenwärtig erlebbare Aufschwung der experimentellen und Verhaltens-Ökonomik oder der evolutorischen Ökonomik ein beredtes Zeugnis für die Pluralität der Wirtschaftswissenschaft? Doch wer so argumentiert, hat den Kern der Forderung der Studierenden und deren heterodoxen akademischen Unterstützern nicht verstanden bzw. versucht bewusst, die weitgehendere Forderung nach einer echten paradigmatischen Öffnung der Volkswirtschaftslehre zu unterlaufen.

(Falsch verstandene) Reifungsprozesse

Tatsächlich herrscht gegenwärtig kein Mangel an theoretischer Variation oder, präziser gesagt, an intraparadigmatischer Pluralität. Solange theoretische Konstrukte dem methodischen Anspruch an formaler Ausstattung und heuristischer Familienzugehörigkeit – festgemacht am Anerkenntnis bzw. dem Verzicht auf ausdrückliche Zurückweisung des Markträumungspostulats – genügen, werden sie toleriert. Diese Toleranz drückt sich darin aus, dass entsprechende Forschungsartikel in einschlägigen Journals publizierbar sind und auch entsprechende Forschungsprojekte von einschlägigen Forschungsorganisationen (zuvörderst: DFG) grundsätzlich als förderungsfähig angesehen werden – heutzutage die Grundvoraussetzungen für die Erlangung einer Professur. Vertreter der Neuen Klassischen Makroökonomik (NKM) und des Neokeynesianismus sind ebenso darunter zu verstehen wie jene Vertreter der experimentellen Ökonomik, der Neuroökonomik, der Verhaltens-, Komplexitäts- und evolutorischen Ökonomik, die sich explizit zur Mainstream-Heuristik der Markträumung als ‚Muster-Beispiel‘ (oder technisch ausgedrückt: zur Gültigkeit des Walras-Gesetzes) bekennen.

»Die monoparadigmatische Verengung hat nicht nur Entwicklungschancen verbaut.«

Wer aber diesen methodischen und heuristischen Standards widerspricht, wird nicht als vollwertiger Ökonom angesehen. Dies betrifft gleichermaßen heterodoxe Volkswirte, deren Heuristik die Gleichgewichtszentriertheit ablehnt (die Postkeynesianer, Regulationstheoretiker oder Sozialökonomen) wie solche ‚Dissenter‘ innerhalb des Mainstreams, die zwar deren Heuristik stützen, aber die formal-mathematische Deduktion im Sinne von Friedrich August von Hayek als ‚Wissensanmaßung‘ zurückweisen (die Ordnungsökonomen und Hayekianer). Beiden Strömungen droht die Marginalisierung: Nach der temporären Öffnung und an einigen Standorten konzentrierten Pluralisierung der Wirtschaftswissenschaften im Zuge der Gründungswelle von Reformuniversitäten Ende der 1960er Jahre hat sich fast geräuschlos das DSGM-Paradigma gegen heterodoxe Forschungsprogramme durchgesetzt. Was von den DSGM-Vertretern zumindest bis zum Ausbruch der Weltfinanzkrise als ‚New Consensus‘ gefeiert, als Ausdruck der Überlegenheit ihres Paradigmas verstanden und als Reifezustand der ‚Königin der Sozialwissenschaften‘ propagiert wurde, war das Ergebnis eines Standardisierungs- und Konformitätsprozesses, den das monistische Wissenschaftsverständnis der Disziplin und eine vorauslaufende Entwicklung in den USA – dem unangefochtenen Hegemon in den Wirtschaftswissenschaften – erzwang. Frühere heterodoxe Hochburgen wie der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Bremen oder die Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP) wurden faktisch geschlossen. Erst als die Ordnungsökonomen der Universität zu Köln im Jahr 2009 erlebten, dass ihre Fakultät ‚nach internationalen Standards‘ umgebaut werden sollte, um die ‚internationale Wettbewerbsfähigkeit‘ der deutschen Wirtschaftswissenschaften zu stärken, wurde deutlich, dass auch ‚Familienmitglieder‘ des Mainstreams den eingeleiteten Exklusionsprozessen zum Opfer fallen konnten. Auch ein kurzer medialer Aufschrei (‚Neuerer Methodenstreit‘) konnte daran nichts mehr ändern – die Ordnungsökonomik als ‚Kollateralschaden‘ einer paradigmatischen Schließung, die eigentlich „dem Relativismus, dem Vorzimmer des Obskurantismus“ (so der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Jean Tirole in einer Volte gegen den Pluralismus) gelten sollte.

Es gibt keinen ernsthaften Zweifel daran, dass die Wirtschaftswissenschaften (übrigens nicht nur in Deutschland) in den letzten 40 Jahren eine paradigmatische Verengung bei gleichzeitiger intraparadigmatischer Variation erlebten. Theoretische Variation und fachliche Spezialisierung sind zweifellos positive Kennzeichen des Reifungsprozesses einer wissenschaftlichen Disziplin. Die monoparadigmatische Verengung aber hat nicht nur Entwicklungschancen verbaut, die sich heute in einer einseitigen Politikberatung und wissenschaftlicher Ausbildung zeigen, gegen die immer mehr Studierende aufbegehren. Sie hat gleichzeitig die Wissenschaftsfreiheit beeinträchtigt – immerhin ein Gut von Verfassungsrang!

Zur Wiederherstellung der notwendigen Wissenschaftsfreiheit, zur Erhöhung der wissenschaftlichen Produktivität, aber auch zur Befriedigung einer gesellschaftlichen Nachfrage bedarf es zumindest an öffentlichen Universitäten einer Re-Pluralisierung der Wirtschaftswissenschaften – es sieht gegenwärtig nicht so aus, als könnte dies die Disziplin aus eigener Kraft schaffen.

 

A U T O R

Arne Heise ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Finanzpolitik, Governance-Forschungen und Makroökonomik.


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