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04 | April 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Strenge Schule

Durch Resilienz außergewöhnlichen ­Belastungen trotzen | Dietrich von der Oelsnitz

Im privaten wie beruflichen Leben sind Eigenschaften wie Belastbarkeit, Widerstandskraft und Regenerationsvermögen wichtig – Attribute, die auch unter dem Begriff der Resilienz zusammengefasst werden. Grundsätzlich wird darunter die Fähigkeit eines Systems verstanden, Irritationen ausgleichen und trotz äußeren Drucks wieder in seine Ursprungsform zurückkehren zu können. Wie aber wird man als Person resilient?

Es ist gut 60 Jahre her, da schrieb die nördlichste Hawaii-Insel Kauai Forschungsgeschichte: Die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner erforschte an etwa 700 Kindern die Grundlagen ihres gelingenden (oder auch weniger guten) Lebens. Nicht alle Kinder waren glücklich in behüteten Elternhäusern aufgewachsen; viele wurden unter schwierigen Bedingungen in einer ärmlichen oder wenig liebevollen Umgebung groß. Wider Erwarten gelang es allerdings gut einem Drittel der „Risikokinder“, als Erwachsene ein zufriedenes und von stabilen Sozialbeziehungen erfülltes Leben zu führen.

Psychosoziale Störungen und deviantes Verhalten waren bei ihnen die Ausnahme. Im Kontrast dazu stand die Mehrheit der vorbelasteten Kinder, deren Lebensweg weit weniger unkompliziert verlief. Was aber zeichnete die Glücklichen und Zufriedenen aus?

Da wirkten zunächst mehr oder weniger unveränderliche, angeborene Merkmale (z.B. das Aussehen oder die Körpergröße) sowie diverse umgebungsbezogenen Faktoren (z.B. der soziale Status der Familie oder das Wohnviertel, in dem sie lebt). Als weitaus bedeutsamer stellte sich hingegen eine andere Faktorengruppe heraus: die Fähigkeit zur Interaktion mit anderen. Das gelingende Leben vieler Heranwachsender ging oft hervor aus deren sozialer Kompetenz und damit verbundenen Kommunikationsfähigkeiten. Diese Personen verfügten in überdurchschnittlichem Maße über soziale Urteilskraft, Einfühlungsvermögen, eine effektive Konfliktregulation sowie eine besondere nonverbale Sprache. Kurz: Sie waren in der Lage, Menschen für sich einzunehmen und Freundschaften zu schließen – und diese auch in schwierigen Phasen aufrechtzuerhalten.

Schlüsselfaktoren der ­Resilienz

Makrosystemisch beschreibt der Begriff die Toleranz eines Systems gegenüber äußeren Störungen; er ist in dieser Form fast gleichzeitig sowohl im Umfeld der interdisziplinären Umweltwissenschaften als auch der Werkstoffkunde entwickelt worden. Mikrosystemisch geht es darum, bei Menschen Eigenschaften und Fähigkeiten auszubilden, die sie eintretende Krisen bzw. Belastungen meistern lassen. Ein anschauliches Beispiel für diese Resilienz (von lateinisch resilire = zurückspringen, abprallen) ist die Fähigkeit von Stehaufmännchen, sich aus jeder beliebigen Lage wieder aufzurichten.
Menschen vermögen beruflichen oder privaten Belastungen in der Regel diverse Ressourcen entgegenzusetzen, können also z.B. soziale Unterstützung, Handlungsspielräume oder persönliche Kontrollkognitionen aktivieren. Resilienz erklärt, warum manche Menschen außergewöhnlichen Herausforderungen besser standhalten als andere – und selbst unter widrigen Bedingungen gedeihen können („flourish“).

Wertet man die Forschung aus, dann besitzt die persönliche Resilienz verschiedene Säulen:

– Optimismus: Zuversicht und Vertrauen besitzen – in sich und das Leben;
– Akzeptanz: schwierige Situationen annehmen; möglichst gelassen bleiben;
– Lösungsorientierung: nicht die eigene, missliche Lage in den Mittelpunkt rücken, sondern nützliche Handlungsstrategien entwickeln; Fatalismus vermeiden;
– Passive Rolle verlassen: „Opferrolle“ ablehnen, stattdessen Selbstvertrauen in die eigene Aktivität;
– Netzwerkbildung: soziale Unterstützung sichern, Hilfen organisieren;
– Konkrete Zukunftsvorstellungen: attraktive Ziele setzen: „Da will ich mal hin!“.

Die Resilienzforschung steckt vielleicht nicht mehr in den Anfängen; es dominieren allerdings immer noch subjektive Einzelerfahrungen. Noch nicht ganz klar ist, wie sich die o.g. Attribute herausbilden – vermutlich in einer Mischung aus biologisch-genetischen Anlagen und eigener Bewusstseinsbildung. Resilienz ist eine individuelle Veranlagung, die aber mehr oder weniger angestoßen bzw. gestärkt werden kann. Dementsprechend wird dieses Phänomen heute in diversen Bereichen untersucht und aktiviert: in der Paartherapie, der Kinderpsychologie, der Medizin und der Gerontologie. Auch im betriebswirtschaftlichen Führungszusammenhang ergeben sich eine Fülle von Themen und Empfehlungen, auf die hier nicht im Detail eingegangen werden kann (vgl. dazu von der Oelsnitz 2017).

Ein wichtiger Punkt ist naturgemäß die Art und Weise, wie ein Mensch auf Rückschläge reagiert. Rückschläge sind auch in scheinbar steilen Karrieren keine Seltenheit. Wichtig ist, sie nicht reflexartig persönlich oder gar als „höhere“ Strafe zu nehmen, sondern sie als persönliche Lern-, vielleicht sogar Sinnquelle zu begreifen und dadurch am Ende Negatives in Positives zu wenden. „Dir war das Unglück eine strenge Schule“, schreibt Friedrich Schiller in seinem Drama Maria Stuart. In diesem Sinne können Rückschläge und Enttäuschungen die Bewältigungskapazitäten eines Menschen mit der Zeit sogar verbessern. Resilienz ist daher verwandt mit den Konzepten des Coping sowie der sog. Salutogenese.

Im Konzept der Salutogenese, das in den 1980er-Jahren von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (vgl. 1997) entwickelt wurde, wird die dichotome Klassifizierung von Menschen als gesund oder krank aufgegeben. Stattdessen konzentriert man sich stärker auf die Frage, welche Faktoren dafür verantwortlich sind, dass Menschen zu dem einen oder zu dem anderen Pol wandern. Die Salutogenese geht letztlich von einer ständigen Interaktion zwischen Risikofaktoren und Widerstandsressourcen des Körpers aus: Je nach Einwirkungsart und Einwirkungsgrad der Risikofaktoren sowie der jeweiligen Anpassungsfähigkeit des Individuums bestimmt sich die Position auf dem Kontinuum zwischen Krankheit und Gesundheit. Diese Position verschiebt sich möglicherweise mit zunehmendem Alter. Das kann dann auch Resilienz „kosten“.

Positive Emotionen

Die Salutogenese korrespondiert mit einem zentralen Zweig der sogenannten positiven Psychologie. Dieser Zweig ist nicht symptombezogen, sondern untersucht ebenfalls eher, was aktiv dafür getan werden kann, Gesundheit und Wohlbefinden zu erhalten. Dazu werden u.a. Überlegungen aus der Arbeitszufriedenheits-Forschung, zum subjektiven Gerechtigkeitsempfinden oder auch zur intrinsischen Motivation reaktiviert. Federführend hierbei ist – neben Martin Seligman von der Universität Pennsylvania – nicht zufällig auch der Wissenschaftler, der die Flow-Forschung anschob. Ziel ist es letztlich, die Fähigkeit des Individuums, positiv zu denken und sich den eigenen Neigungen entsprechend zu entwickeln, zu verbessern. Zentrale Ansatzpunkte kreisen um Begriffe wie Hoffnung, Optimismus, Kreativität und Vertrauen, die durch die systemische Innenwelt natürlich stark beeinflussbar sind. So haben beispielsweise Redelheimer und Singh (2001) herausgefunden, dass Oscar-Preisträger im Vergleich zu Kollegen durchschnittlich vier Jahre länger leben. Ist es die durch den Oscar erfahrene Anerkennung? Oder eher die Möglichkeit, sich nun seine Projekte und Filmpartner nach anderen Kriterien aussuchen zu dürfen?

Dass es insbesondere das Erleben von positiven Emotionen sowie die damit verbundene berühmte „innere Einstellung“ sind, die resilient machen und die Basis für eine gesunde Lebensführung legen, bestätigt auch eine faszinierende Studie, die Martin Seligman in seinem Buch „Der Glücksfaktor“ (2003) beschreibt. Sie bezieht sich auf das klösterliche Leben von Nonnen. Grund: Die Ordensfrauen unterliegen in fast allen Teilen der Welt nahezu identischen Lebensbedingungen. Dennoch gibt es hinsichtlich der Gesundheit und Lebenserwartung von Nonnen erhebliche Unterschiede, was vor allem auf deren unterschiedliche Lebensphilosophie zurückgeführt wird. Um diese zu erfassen, analysierte man die kurzen Lebensläufe, die Novizinnen verfassen müssen, wenn sie ihr ewiges Gelübde ablegen.

Als die Forscher die Lebensläufe der Schwestern auswerteten, die sie zuvor nach ihrem Gehalt an positiven Emotionen in vier Gruppen einsortierten, zeigte sich, dass aus der fröhlichsten Gruppe im Alter von 85 Jahren noch 90 Prozent der Nonnen am Leben waren, aus der am wenigsten „positiven“ Gruppe jedoch nur 34 Prozent. Der Glaube versetzt also tatsächlich Berge.

 

A U T O R

Dietrich von der Oelsnitz ist Leiter des Instituts für Unternehmensführung und Inhaber des Lehrstuhls für Or­ga­nisation und Führung an der TU Braunschweig.


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