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07 | Juli 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Kein kaltes Herz?

Die zwei Gesichter der Psychopathie | Gerhard Blickle

Psychopathen gelten im allgemeinen als herzlose Menschen mit hoher krimineller Energie. Wie eine neue Studie zeigt, ist das Persönlichkeitsbild der Psycho­pathie jedoch äußerst vielschichtig: Höhere Intelligenz und eine erfolgreiche Bildungskarriere können beruflichen Erfolg und gesellschaftliche Akzeptanz maßgeblich beeinflussen.

Schon der sprachliche Anschein trügt: Weder unter Psychiatern noch unter Psychotherapeuten gilt Psychopathie als psychische Störung oder Erkrankung. Vor über zweihundert Jahren wurde dieses scheinbar paradoxe Persönlichkeitssyndrom vom französischen Psychiater an der Pariser Salpêtrière Philippe Pinel (1809) als „manie sans delire“ charakterisiert. Und bereits in Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ aus dem Jahr 1827 wurde ein Zusammenhang zwischen Kaltherzigkeit und wirtschaftlichem Erfolg hergestellt. Schließlich gab der amerikanische Psychiater Harvey Cleckley seiner Fallstudiensammlung über die psychopathische Persönlichkeit aus dem Jahr 1941 den berühmt gewordenen Titel „The Mask of Sanity“.

Komplex und ­mehrdimensional

Heute ist sich die große Mehrheit der Forschenden darin einig, dass Psychopathie ein komplexes, mehrdimensionales Persönlichkeitskonstrukt darstellt. Wichtige Aspekte davon sind eine reduzierte Impulskontrolle, eine starke Gegenwartsorientierung an Stelle von praktiziertem Belohnungsaufschub, Skrupellosigkeit in der Verfolgung eigener Vorhaben, starke Schuldexternalisierungstendenzen, keine oder geringe Schuldgefühle, wenig Mitgefühl für andere, hohe Furchtlosigkeit, hohe Belastbarkeit, der starke Drang im Mittelpunkt zu stehen sowie hohe Persuasivität und Charme.

In den vergangenen zehn Jahren nach der großen Immobilien- und Finanzkrise hat das Psychopathiekonzept dann Karriere in der nordamerikanischen und angelsächsischen Wirtschaftspresse gemacht. Die Gier und Skrupellosigkeit der Psychopathen in den Spitzenetagen von Wirtschaft, Banken und Politik (die snakes in suits), die sich nur am kurzfristigen Erfolg orientierten, wurde zur wahren Ursache des weltweiten Finanzkollapses stilisiert. Eine Metaanalyse, also eine empirische Zusammenfassung aller bisherigen Studien zum Zusammenhang von Psychopathie, beruflicher Leistung und antisozialem Verhalten, zeigte allerdings nur minimale Zusammenhänge, die zwar in die erwartete Richtung wiesen, aber praktisch kaum von Null verschieden waren. Das Psychopathiekonstrukt erfordert also eine differenziertere Herangehensweise, um seine Auswirkungen adäquat einschätzen zu können.

Um das scheinbare Paradox der psychopathischen Persönlichkeit aufzulösen, unterschied der amerikanische Psychologe David Lykken bereits vor über 20 Jahren zwischen zwei Faktoren der Psychopathie, die heute als furchtlose Dominanz und egozentrische Impulsivität bezeichnet werden. Die egozentrische Impulsivität umfasst die Aspekte der Defizite in der Selbststeuerung (geringe Impulskontrolle), den machiavellistischen Egoismus (Skrupellosigkeit), die sorglose Planlosigkeit (Gegenwarts- statt Zukunftsorientierung) sowie die rebellische Risikofreude. Personen mit hoher Ausprägung auf dem Persönlichkeitsfaktor der egozentrischen Impulsivität sollten demnach eine starke Tendenz zu antisozialem und kriminellem Verhalten aufweisen.

Orthogonalität

Der Faktor der furchtlosen Dominanz ist nach Lykken geprägt durch Furchtlosigkeit, Stressimmunität sowie Persuasivität. Die neuere Forschung zeigte, dass die beiden Faktoren der egozentrischen Impulsivität und furchtlosen Dominanz voneinander unabhängig (orthogonal) sind. Das bedeutet, dass man auf dem einen Faktor hohe, mittlere, oder niedrige Werte haben kann unabhängig davon, ob man hohe, mittlere oder niedrige Werte auf dem anderen Faktor hat. Es ist also möglich und es kommt öfter vor, dass Personen zwar hohe Werte auf dem Faktor furchtlose Dominanz aufweisen, aber trotzdem über hohe Selbstkontrolle verfügen, erfolgreich Belohnungsaufschub praktizieren und sich konstruktiv in soziale Gefüge einordnen können. Die Orthogonalität der beiden Faktoren ist eine wichtige Ursache, warum in der bereits erwähnten Meta-Analyse zu Berufsleistung und antisozialem Verhalten nur Null-Effekte zu verzeichnen waren: Es wurden Äpfel und Birnen vermengt, so dass am Ende nur Mus herauskam. Hätte man die egozentrische Impulsivität separat untersucht, wären deren negative Verhaltenskonsequenzen vermutlich deutlich zu Tage getreten.

Lykken entwickelte noch eine weitere Hypothese, nämlich dass sowohl antisoziale Schwerverbrecher als auch Personen mit herausragenden gesellschaftlich anerkannten Leistungen beide unterschiedliche Zweige vom Stamm desselben Persönlichkeitsmerkmals, nämlich der furchtlosen Dominanz, seien. Der Unterschied sei auf das Intelligenzniveau und die dadurch wahrscheinlichere erfolgreiche Sozialisation zurückzuführen. Hohe furchtlose Dominanz und niedrige Intelligenz führten zu einem geringen Sozialisationserfolg und damit zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von antisozialem Verhalten. Hohe Intelligenz erleichtere bei hoher furchtloser Dominanz dagegen den Sozialisationserfolg, der sich in einem höheren Bildungserfolg niederschlage. Eine aus der Sicht der Gesellschaft erfolgreiche Sozialisation manifestiert sich darin, dass Personen die Regeln des zwischenmenschlichen Umgangs kennen, anwenden und sie auch in einem höheren Maß akzeptieren. Um es in einem Bild zu sagen: Eine wenig intelligente, nicht erfolgreich sozialisierte Person mit hoher furchtloser Dominanz schreckt nicht davor zurück, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Ihre Ziele erreicht sie dadurch nicht. Eine intelligente, erfolgreich sozialisierte Person mit hoher furchtloser Dominanz findet dagegen die richtige Türe, klopft an, trägt ihr ambitioniertes Anliegen persuasiv geschickt und mit Charme vor und erreicht so relativ oft ihre Ziele.

Wir haben in unserer Arbeitsgruppe diese These von Lykken zum ersten Mal empirisch in der Arbeitswelt geprüft. An der Studie beteiligten sich 161 berufstätige Personen aus einem breitgemischten Spektrum von Berufen sowie jeweils zwei Auskunftspersonen aus dem direkten beruflichen Umfeld der Zielpersonen am Arbeitsplatz (Kollegen, Mitarbeiter oder Vorgesetzte). Durch den zugesagten Datenschutz für die Studienteilnehmer ergaben sich unverzerrte Selbstberichte und Fremdbeurteilungen des Verhaltens am Arbeitsplatz. Die Zielpersonen berichteten ihren höchsten Bildungsabschluss (die Antwortmöglichkeiten reichten von „kein Schulabschluss“ bis „Promotion“) und bearbeiteten einen Persönlichkeitsfragebogen, mit dessen Hilfe die unterschiedlichen Faktoren der Psychopathie gemessen wurden. Die beiden Auskunftspersonen beschrieben in strukturierter Form das Verhalten und Auftreten der Zielperson am Arbeitsplatz, so dass daraus Beurteilungen der Arbeitsleistung und des antisozialen Verhaltens am Arbeitsplatz (z.B. Anbrüllen anderer, Drogenkonsum, Weitergabe vertraulicher Informationen an unbefugte Dritte) zuverlässig abgeleitet werden konnten.

Es zeigte sich, dass je höher der Psychopathie-Faktor der egozentrischen Impulsivität ausgeprägt war, von den Auskunftspersonen auch erhöhtes antisoziales Verhalten der Zielpersonen am Arbeitsplatz berichtet wurde. Weiterhin fanden wir, dass je höher der Psychopathie-Faktor furchtlose Dominanz ausgeprägt war bei gleichzeitig niedrigem Bildungsniveau von den Auskunftspersonen ebenfalls erhöhtes antisoziales Verhalten der Zielpersonen am Arbeitsplatz berichtet wurde. Schließlich bestätigte sich, dass bei hoher furchtloser Dominanz und hohem Bildungserfolg die Zielpersonen nach Einschätzung der Auskunftspersonen antisozial völlig unauffällig waren, aber zugleich Spitzenleistungen in ihrer Arbeitstätigkeit zeigten. Der Aspekt der Kaltherzigkeit erwies sich als distinkt sowohl in Bezug auf die egozentrische Impulsivität als auch die furchtlose Dominanz.

Differenzierte Sichtweise

Unsere Forschungsergebnisse zeigen insgesamt, dass eine differenziertere Sichtweise von Psychopathie besser in der Lage ist, die dunklen Seiten dieses Persönlichkeitskonstruktes aufzudecken, ohne gleichzeitig dessen mögliche adaptive Dimensionen zu übersehen. Dabei wird auch der protektive Wert von kognitiver Intelligenz und gelingender Bildungssozialisation sowohl für die Einzelperson als auch das soziale Umfeld dieser Personen deutlich.

 

A U T O R

Professor Gerhard Blickle ist Leiter der Abteilung für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie am Institut für Psychologie der Universität Bonn. Er war von 2012 bis 2016 Mitglied des Fach­kollegiums Psychologie der Deutschen Forschungsgemeinschaft.


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