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06 | Juni 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Open your mind and ­share

Woher kommt das Glück und wohin geht es? | Tobias Esch

Kann man Glück „lernen“? Oder werden wir bestimmt durch unsere Gene und den Zufall des Lebens? Einige Gedanken zur Gestaltbarkeit von „Glück“.

Vor einigen Jahren machten Forschungsergebnisse die Runde, wir alle würden mit einem feststehenden Happiness Setpoint, einer Voreinstellung für das Glück geboren werden, an der man praktisch nichts mehr ändern könne. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass Menschen, die schwere Schicksalsschläge (oder Glücksereignisse) zu verarbeiten hatten, in Untersuchungen schon nach wenigen Wochen wieder auf ihr persönliches Ausgangsniveau der Befindlichkeit zurückkehrten. Die Setpoint-Theorie führte auch dazu, dass therapeutische Ansätze im Bereich von Positiver Psychologie, Salutogenese und Mind-Body-Medizin usw. unter einen Rechtfertigungsdruck gerieten. Das war jedoch, im Nachhinein, ein Glücksfall: Denn die Wissenschaft brachte nun ein sehr viel differenzierteres Bild zutage, nicht nur, was die Veränderungssensibilität und Trainierbarkeit von Glücks- und Zufriedenheitszuständen angeht (State versus Trait), die Zyklushaftigkeit und Modifikationsbewegungen, sondern sogar die Erkenntnis, dass auch die genetische Disposition nur ein Aspekt in einem Gesamtbild ist, das sehr wohl Veränderungen unterworfen ist, die man z.T. auch bewusst und aktiv mitgestalten kann. So ist heute weitgehend akzeptiert, dass unsere Gene für etwa 40 bis 50 Prozent unseres Glückserlebens verantwortlich sind, der Zufall und die Lebensumstände bzw. Verhältnisse ca. zehn Prozent ausmachen und etwa 40 bis 50 Prozent von dem abhängen, was wir tun, was wir lernen, welche Schlüsse wir aus unseren Erfahrungen ziehen, was wir daraus machen. Natürlich ist dieses wieder ein ziemlich akademisches Bild, und in der Praxis sind die unterschiedlichen Anteile sicher verwoben. Eines aber können wir mitnehmen: Glück fängt bei jedem selbst an, es ist weniger zufällig – der Zufall wird allgemein in diesem Kontext überschätzt. Die Einstellung scheint dagegen umso bedeutsamer zu sein. Samuel Koch, der nach einem Unfall in der Fernsehsendung ‚Wetten dass?‘ seit 2011 querschnittsgelähmte junge Mann, sagt dazu: Man kann auf allen Ebenen klagen. Und man kann auf allen Ebenen glücklich sein.

Determinanten des Glücks

Was aber sind nun die genauen Determinanten des Glücks? Was können wir tatsächlich beeinflussen? Das sozioökonomische Panel in Deutschland und auch die Autoren des Glücksatlas sehen folgende wesentliche Zufriedenheitsfaktoren: Ausreichend Geld. Die magische Grenze liegt bei uns bei einem Monatseinkommen von ca. 5 000 Euro, was etwa dem Doppelten des durchschnittlichen Haushaltseinkommens in Deutschland entspricht, darüber hinaus führt mehr Geld, statistisch gesehen, nicht zu mehr Glück. Allerdings kann die Schere auch schon viel früher auseinander gehen. Zu den Zufriedenheitsfaktoren zählen auch die Arbeit bzw. der berufliche Erfolg oder das notwendige Stillen von Grundbedürfnissen, die Gene, die Gemeinschaft bzw. Gesellschaft und schließlich die Gesundheit.

Andere Untersuchungen unterstreichen auch andere Determinanten. Bruno Frey in Zürich, einer der Experten gerade für die zur Rede stehenden Aspekte, nennt neben der Arbeit und den Freunden, der Familie bzw. den Kindern z.B. auch den Glauben und das politische System, in dem man lebt: Demokratie und Freiheit. Weitere Studien betonen gerade den letztgenannten Bereich: Es zeigt sich immer wieder, dass Länder, in denen eine freiheitliche Grundstimmung sowie stabile soziale und politische Verhältnisse herrschen und wo die Einkommensschere zwischen ‚oben‘ und ‚unten‘ nicht zu weit auseinander geht, deutlich höhere Zufriedenheitswerte der Bevölkerung haben und auch ein kollektives Gefühl des ‚Erblühens‘ (Flourishing) ermöglichen. So kommt es, dass zu den glücklichsten Ländern neben der Schweiz, Island, Kanada und Dänemark auch Costa Rica an vorderster Stelle gehört. Aber auch das Gefühl von ‚Zeit haben‘, wozu auch die Frage der konkreten Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie der Vereinbarkeit verschiedener (Grund-)Bedürfnisse und Interessen gehören, spielt eine Rolle. Immer wieder stößt man auf den notwendigen und gesuchten Ausgleich zwischen Gemeinsinn, gesellschaftlichem Glück und Erblühen einerseits und dem individuellen Glück andererseits.

Studien, z.B. aus der Jacobs University in Bremen, führen das Glück auf drei Säulen zurück: Das Haben, das Sein und das Lieben. George Vaillant, der die größte und längste Studie in diesem Kontext begleitet, die sog. ‚Grant Study‘, die an der Harvard University seit Jahrzehnten läuft, nennt fünf Determinanten oder ‚Lebensaufgaben‘ für ein gelungenes Leben und eine hohe Lebenszufriedenheit (das Schaffen oder Arbeiten, idealerweise im Flow bzw. mit Hingabe, achtsam und aufmerksam; das Loslassen; das Geben; den Glauben; die Liebe), um sogleich auf die Frage, welches denn wohl der wichtigste Faktor sei, zu antworten, dass es auf jeden Fall auf die Liebe ankäme. Die Fähigkeit zu lieben, geliebt zu werden, das Gefühl zu haben, von irgendjemandem angenommen und gemocht und gesehen zu werden und dieses Gefühl auch teilen und zurückgeben zu können. Gerald Hüther sagt: Es braucht für das Lebensglück ein Gleichgewicht zwischen zwei „Ur-Bedürfnissen“ des Menschen, dem der Freiheit und des Wachstums einerseits und dem der Verbundenheit und Liebe andererseits. Und auch wenn es die Aufgabe des Glücks ist, biologisch gesehen, unseren Arterhalt zu sichern, so ist damit neben dem Wachstum und der konkreten Expansion bzw. Fortpflanzung eben auch die optimale An- und Einpassung verbunden, die die Evolution auch in einen kulturellen, übergeordneten Zusammenhang gestellt hat: Den Erhalt von Wissen und Kultur durch Verbundenheit. Dafür braucht es Offenheit. Offenheit für andere Menschen und Offenheit für den Wandel gelten heute als beste Garanten einer langfristigen Lebenszufriedenheit (open your mind and share). Dazu gehört auch das Anerkennen und ‚Herausbringen‘ der eigenen Potenziale und Stärken, auch jener der Mitmenschen, dazu eine gewisse Neugierde und Flexibilität, aber auch das Fördern und Pflegen von sozialen Kontakten und Freundschaften, wobei, so sagt die Wissenschaft (anders als wir oft gesagt bekommen), sogar schon in jungen Jahren mehr Glück entsteht, wenn wir unsere Mitbürger und Peers nicht als Mitbewerber und Konkurrenten, sondern als Kooperationspartner erleben.

Dialektik des Glücks

Ist Glück gleich Glück? Wohl kaum. So verläuft das Glück dynamisch und zyklisch und das eher heftige Glückserleben des Jugendlichen (bzw. dessen Suche danach) hat mit der Zufriedenheit und ‚Altersweisheit‘ auf den ersten Blick nur wenig gemein. Und doch operieren sie beide über den gleichen biologischen Mechanismus. Wie kann das sein? Im Kontrast zu dem, was uns die Medien manchmal suggerieren, ist ausgerechnet im Alter ab 65 (und besonders dann mit 75 Jahren) statistisch die Lebenszufriedenheit am größten. Nun sind eben Glück und Zufriedenheit nicht das gleiche, aber das eine geht nicht ohne das andere, auch biologisch nicht! Zwischen diesen beiden Phasen höheren Glücks bzw. höherer Zufriedenheit in der Jugend und im Alter liegt die öde Wildnis des Lebens der Erwachsenen, der Häuslebauer, Familiengründer, Arbeitenden, Gestressten und Geplagten. Jene aber dominieren die allgemeine Wahrnehmung, und so kommt es, dass wir überrascht reagieren, wenn Studien zeigen, dass ältere Menschen mitnichten emotionell flacher reagieren, sondern einfach gelassener sind. Sie reagieren nicht mehr so stark auf Negatives, sondern – nachweislich – eher auf das Positive.

Die U-förmige Kurve des Glücks bzw. der Lebenszufriedenheit mit ihrem Tal in den Vierzigern verheißt einerseits, dass es wieder besser, ja, noch besser wird, es sich also lohnt, da durchzukommen, und andererseits, dass wir erst unser ‚Ich‘ aufbauen müssen (damit wir etwas haben, weswegen wir gestresst sein können – dann aber auch Erleichterungsglück empfinden können, wenn der Stress nachlässt), damit das ‚Selbst‘ am Ende bewusst und achtsam erlebt werden und das ‚Wir‘ wieder in die Gemeinschaft eingehen kann. Das ist der Preis, den wir alle zu zahlen haben. Aber wir bekommen viel zurück: Im Idealfall Wachstum, Reifung, Erfahrungen, Einpassung, Zufriedenheit, Gelassenheit, Authentizität, Selbstbewusstsein, Beziehungen, Freundschaften, auch: Nachkommen, Kinder, Enkel. Und so langweilig und ‚spießig‘ das jüngeren Menschen vorkommen mag, fragt man aber ältere Menschen nach den wichtigsten Zielen und ‚Lebensquellen‘, dann antworten sie in Untersuchungen: Innerer Friede und das Weitergeben von etwas. Man nennt das wissenschaftlich ‚Generativität‘. Wir könnten aber auch ‚Vermächtnis‘ sagen.

Epilog

Oft hören wir von der Gegensätzlichkeit der beiden Pole ‚Freiheit‘ und ‚Sicherheit‘. Von einer Unvereinbarkeit, die zwischen Autonomie, Wachstum und Verbundenheit bestünde. Dabei übersehen wir eine wichtige Dimension: die der Zeit. Alles wandelt sich, so auch wir. Das hat die Biologie so vorgesehen. Die Polarität ist nur eine scheinbare, es gibt vielleicht gar keinen Unterschied zwischen einem gelungenen, glücklichen Leben, d.h. einer tiefen inneren Zufriedenheit, und dem Impuls zu wachsen, dem Bedürfnis nach Freiheit und Potenzialentwicklung. Alles kommt zu seiner Zeit.

Das gleiche System bedient beide Aspekte – wie zwei Seiten einer Medaille –, und es unterliegt zugleich einem Wandlungsprozess. Grundtöne und Stimmungen können sich ändern, so dass kleinere Zyklen in einen größeren münden, bei dem, immer auf einem Kontinuum und niemals schwarz-weiß, verschiedene Klangfarben oder Geschmäcker entstehen, verschiedene Sinne angesprochen werden und unterschiedliche Vorlieben.

Aber wir sind dennoch immer ganz. Wir selbst. Ein gelungenes Leben bedarf eben auch des Yin im Yang – und umgekehrt. Dabei bekommen wir schon in der Jugend einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte. Und verlieren im Alter nie, wie Hermann Hesse das so trefflich beschreibt, den Geschmack und, ja, sicher auch die Sehnsucht nach dem, was möglich wäre, möglich war. Das zu akzeptieren und zuzulassen, auch loszulassen, ist vielleicht die schwerste und wichtigste Übung.

 

A U T O R

Tobias Esch ist Professor für Integrative Gesundheits­förderung an der Hochschule Coburg und assoziierter Wissenschaftler im Bereich Neurowissenschaften der State University of New York. Seit September 2013 ist er zusätzlich Gastprofessor an der Harvard Medical School.


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