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04 | April 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Steiler oder flacher Weg

­Erkennen von Emotionen beeinflusst die Karriere | Gerhard Blickle

Wer die Karriereleiter erklimmen möchte, braucht u.a. Intelligenz, Ehrgeiz, Engagement. Doch auch der Bereich der Emotion spielt für den beruflichen Erfolg eine Rolle, nämlich die Fähigkeit, Emotionen in Gesichtern und Stimmen anderer korrekt zu identifizieren.

Das Thema, warum eine Person im Leben voran kommt, bei einer anderen aber die Karriere eher flach ausfällt, hat bereits die Autoren der jüdischen Bibel fasziniert und ihre Fantasie beflügelt: Kain erschlägt aus Zorn über den geringeren Erfolg seinen Bruder Abel; Joseph macht im fernen Ägypten Karriere als Traumdeuter und hoher Regierungsbeamter, während seine Brüder zu Hause fast verhungern.

Der persönliche ­Leistungsbeitrag

In unserer heutigen Wissensgesellschaft soll der persönliche Leistungsbeitrag zählen. Als wichtig dafür werden Intelligenz, Ehrgeiz, Engagement sowie die Bereitschaft, für den zukünftigen Erfolg Frustrationen in der Gegenwart hinzunehmen und Belohnungsaufschub zu praktizieren, erachtet. Und es gibt in der Tat eine Reihe von Studien, die die Karriererelevanz dieser meritokratischen Faktoren auch empirisch belegen.

Tätigkeitsirrelevante Einflussgrößen

Aber tätigkeitsirrelevante Einflussgrößen sind faktisch ebenfalls von großer Bedeutung. Frauen verdienen im Durchschnitt im Beruf weniger als Männer. Je höher der sozioökonomische Status des Elternhauses, desto höher steigt man auf. Die physische Attraktivität spielt auch dann eine Rolle, wenn die Einflüsse von Intelligenz und Geschlecht statistisch kontrolliert werden. Weder schlanke noch dicke Männer, sondern solche mit leichtem Übergewicht verdienen im Durchschnitt am meisten, wohingegen bei Frauen eher Untergewichtige ein höheres Erwerbseinkommen erzielen. Auch Gesichtsmerkmale sind relevant für das Erwerbseinkommen: Der Dominanzausdruck eines Gesichtes, erfasst aus Collegefotos, sagt den finanziellen Berufserfolg nach 20 Jahren vorher.

Wie man sieht, belegt die empirische Forschungsliteratur, dass die Ursachen faktischen beruflichen Erfolges äußerst vielfältig sein können und sich nicht nur auf die Klassiker von Intelligenz, Ehrgeiz, Belohnungsaufschub und Fleiß beschränken lassen. Schließlich gibt es neben den tätigkeitsrelevanten und irrelevanten Faktoren noch die bisher verkannten Vorhersagegrößen beruflichen Erfolges aus dem Bereich der Emotionen. Der nach heutigem Forschungskonsens grundlegende Faktor in diesem Bereich ist die sogenannte Emotionserkennungsfähigkeit.

Der interpersonale Erfolgsfaktor

Wir haben mit unserer Arbeitsgruppe die Bedeutung der Emotionserkennungsfähigkeit für den Berufserfolg untersucht. Unsere Annahme war, dass Personen mit einer guten Emotionserkennungsfähigkeit einen positiven Leistungsbeitrag am Arbeitsplatz zeigen.

Die aktuellen Emotionen von Personen haben einen starken Einfluss auf deren Situationswahrnehmung, deren Entscheidungen sowie deren situatives Handeln. Das zutreffende Verständnis der aktuellen emotionalen Befindlichkeit anderer Personen erleichtert deshalb den sozialen Umgang mit diesen Personen und ermöglicht eine Steuerung der Emotionen und des Handelns dieser Personen in eine gewünschte Richtung.

Soziale Akteure mit guter Emotionserkennungsfähigkeit sollten deswegen von ihren Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz als sozial kompetenter eingeschätzt werden, weil sie die Situation anderer besser einschätzen können (z.B. deren Orientierungsbedürfnis, deren Wunsch nach Unterstützung oder deren Bereitschaft, sich anzuschließen oder zu widersetzen). Sie sollten andere besser überzeugen können; es sollte ihnen leichter fallen, berufliche Netzwerke aufzubauen, und sie sollten anderen als vertrauenswürdiger erscheinen. Natürlich dürfen auch die Schattenseiten dieser Kompetenzen nicht vernachlässigt werden; solche Personen sind dann auch erfolgreicher darin zu suggerieren, emotionalen Druck aufzubauen und andere zu vereinnahmen.

Für die Gesamtheit dieser sozialen Kompetenzen am Arbeitsplatz hat sich in den letzten Jahren der Begriff der politischen Fertigkeiten durchgesetzt. In der Summe sollten diese politischen Fertigkeiten dann zu einer besseren Beurteilung der interpersonalen Leistung durch die Vorgesetzten und dadurch zu einem höheren Berufseinkommen führen. In der Abbildung wird der Weg von der Emotionserkennungsfähigkeit zum Berufseinkommen zusammenfassend dargestellt.

Abbildung: Der Weg von der Emotionserkennungsfähigkeit zum Berufseinkommen

Abbildung: Der Weg von der Emotionserkennungsfähigkeit zum Berufseinkommen

Aktuelle Emotionen wie z.B. Wut, Furcht, Trauer oder Glück äußern sich u.a. in Gesicht, Stimme und Körperhaltung. Emotionsstimuli werden wie folgt erzeugt: Zunächst bittet man Laien oder Schauspieler, ausgewählte Emotionen darzustellen und erzeugt davon eine Bild und Tondokumentation. Im zweiten Schritt wählen wissenschaftliche Emotionsexpertinnen und -experten anhand objektiver Merkmale (z.B. Pupillengröße, Schallschwingungskonfigurationen) prototypische Beispiele für einzelne Emotionen aus. Im dritten Schritt werden dann diese vorsortierten Stimuli ungeschulten Betrachtern zur Kategorisierung vorgelegt. Bei denjenigen Bild- und Stimmstimuli, bei denen Darstellungsintention, Expertenurteile und der Durchschnitt der Laienurteile konvergieren, liegen validierte Stimuli vor.

Die individuelle Emotionserkennungsfähigkeit einer Person ist umso besser, je mehr validierte Gesichts- und Stimmstimuli diese richtig kategorisiert. Wir haben in unseren Studien mit über 300 Berufstätigen auf jeweils bereits validierte Gesichtsbilder und Stimmproben zurückgegriffen. Vor den eigentlichen Untersuchungen hatten die berufstätigen Studienteilnehmer ausreichend Gelegenheit, sich mit der Art der Stimuli und ihrer Kategorisierung vertraut zu machen. Trotzdem unterscheiden sich Personen sehr stark in Bezug auf ihre individuelle Emotionserkennungsfähigkeit. Die politischen Fertigkeiten der Teilnehmer wurden von ihren Kollegen eingeschätzt, die interpersonale Leistung von Vorgesetzten, das Einkommen wurde von den Untersuchungsteilnehmern berichtet.

Ausschluss alternativer Erklärungen

Das berufliche Einkommen steht in Verbindung mit vielen Größen: Geschlecht, Alter, dem Ausbildungsniveau, der Art der Tätigkeit, der Wochenarbeitszeit, der Berufserfahrung sowie dem hierarchischen Rang. Wir haben den Zusammenhang von Emotionserkennungsfähigkeit und beruflichem Einkommen unter Kontrolle dieser Drittvariablen geprüft und das theoretische Modell bestätigen können. In einer zweiten Studie haben wir zusätzlich die kognitive Intelligenz und die berufliche Leistungsbereitschaft kontrolliert und konnten dabei den Zusammenhang von Emotionserkennungsfähigkeit und Einkommenshöhe replizieren. In zukünftigen Untersuchungen sollten außerdem Körpergewicht, physische Attraktivität und Gesichtsmerkmale kontrolliert werden.

Fazit und Ausblick

Die Studienergebnisse zeigen, dass die bisher in ihrer Berufsrelevanz verkannte Fähigkeit, Emotionen bei anderen aus Gesichtern und Stimmen korrekt zu identifizieren, in Zusammenhang mit beruflichem Erfolg steht und zwar auch dann, wenn man wichtige soziodemografische und psychologische berufliche Drittvariablen kontrolliert. Die Ergebnisse belegen weiterhin, dass die Emotionserkennungsfähigkeit keine leistungsirrelevante Einflussgröße auf das Einkommen darstellt, wie z.B. Geschlecht, Gewicht oder physische Attraktivität, sondern in einem funktionalen Leistungszusammenhang mit dem Arbeitsplatzhandeln steht, was durch die Urteile von Kollegen und Vorgesetzten belegt wird. Es ist also sinnvoll, Trainings für diese Kompetenz zu entwickeln und Stellenbesetzungen unter Berücksichtigung dieser Kompetenz vorzunehmen. Betrachtet man die Beziehung zwischen Emotionserkennungsfähigkeit und politischen Fertigkeiten detaillierter, zeigt sich, dass circa 20 Prozent der Unterschiede zwischen Personen in Bezug auf deren politische Fertigkeiten mit den Unterschieden in der individuellen Emotionserkennungsfähigkeit zusammenhängen. Circa 25 Prozent der Unterschiede zwischen Personen in Bezug auf deren interpersonale Leistung hängt mit den Unterschieden in den individuellen politischen Fertigkeiten zusammen. Aber nur circa 3 Prozent der persönlichen Einkommensunterschiede hängen mit der individuellen interpersonalen Leistung zusammen. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass direkte Vorgesetzte nur einen begrenzten Einfluss auf die Vergütung ihrer Mitarbeiter haben, und wir berufliche Entwicklungsverläufe nicht über eine Reihe von Jahren hinweg erfassen konnten. Vermutlich sind bei Personen mit höherer Emotionserkennungsfähigkeit auch die Entwicklungspfade steiler als bei Personen mit geringerer Emotionserkennungsfähigkeit.

Die Fähigkeit, Emotionen korrekt wahrzunehmen, sollte aber nicht nur für das Berufsleben relevant sein. Eltern, die die Gefühle ihrer Kinder zutreffend einschätzen, können sie besser verstehen, auf sie eingehen und sie anleiten. Und Menschen, die die Emotionen ihres Partners bzw. ihrer Partnerin richtig einschätzen, können adäquater reagieren und so zu einer höheren Beziehungszufriedenheit beitragen. Das korrekte Erkennen von Emotionen ist also auch in anderen Lebensbereichen von hoher Bedeutung für gelingende soziale Interaktionen.

 

A U T O R

Gerhard Blickle, Professor an der Universität Bonn, ist Leiter der Abteilung für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie am dortigen Institut für Psychologie und Mitglied des Fachkollegiums Psychologie der Deutschen Forschungsgemeinschaft.


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