Perspektivenwechsel
Wie können ausländische Studenten unterstützt werden? | Dietrich v. Queis
Obwohl der Anteil ausländischer Studenten in Deutschland stetig wächst, wird wenig über deren Schwierigkeiten im Studienalltag nachgedacht. Wie können Professoren und andere Lehrende dazu beitragen, dass das Studium der „Bildungsausländer“ in Deutschland nicht scheitert?
Zahlen
Von 1996 bis 2006 ist der Anteil der „Bildungsausländer“, also der ausländischen Studenten, die ihre Hochschulzugangsberechtigung nicht in Deutschland erworben haben, um 80 Prozent gestiegen. Im Jahr 2009 waren 180.222 ausländische Studenten an deutschen Hochschulen immatrikuliert, das sind fast zehn Prozent aller Studenten. Damit liegt Deutschland hinter den USA und Großbritannien auf Platz drei der beliebtesten Studienländer weltweit. Die Herkunftsregionen der ausländischen Studenten sind über die letzten Jahre weitgehend konstant: Asien und Osteuropa liegen mit je 32 Prozent vor Westeuropa (19 Prozent), Afrika (11 Prozent), Amerika (6 Prozent) und Australien (0,2 Prozent). Die meisten Studenten kommen aus China; 2009 gab es 23.140 chinesische Studenten, das sind 13 Prozent aller Bildungsausländer. Es folgen die Russische Föderation, Polen und Bulgarien mit je fünf Prozent.
Probleme
Mit diesem erheblichen quantitativen Zuwachs hat die Erfolgsquote der ausländischen Studenten und die Qualität der Betreuung durch das deutsche Hochschulpersonal nicht Schritt gehalten. Zu viele ausländische Studenten – manche Schätzungen sprechen von 50 Prozent – brechen ihr Studium ab; viele Kooperationen und Austauschprogramme scheitern. In einschlägigen Untersuchungen zur Situation der ausländischen Studenten an deutschen Hochschulen zeigen sich folgende Problembereiche:
– nicht ausreichende Deutschkenntnisse und zu geringe Fachkenntnisse für das Studium
– mangelnde Fähigkeit, das Studium selbständig zu planen
– Ungeübtheit mit den Anforderungen wissenschaftlichen Arbeitens
– fehlende Betreuung durch Hochschullehrer
– seltene Kontakte und wenig Hilfestellung durch deutsche Studenten.
Ein Grund dafür liegt darin, dass viele ausländische Studenten auf die speziellen Anforderungen eines eigenständigen wissenschaftlichen Studiums in der deutschen Tradition von akademischer Freiheit nicht vorbereitet sind. Die meisten kommen aus einem Bildungssystem, das – aus hiesiger Sicht – als verschult und sehr strukturiert gelten kann. Es gibt für jedes Semester einen verbindlichen Stundenplan mit kontrollierter Anwesenheitspflicht. Man studiert in einem festen Klassenverband; der Kontakt zu den Hochschullehrern ist eng, denn diese fühlen sich für den Studienerfolg verantwortlich. Der Lehrstoff wird als fester Wissenskanon vermittelt und regelmäßig abgeprüft. Die Leistungen der Studenten bestehen hauptsächlich darin, vorgegebene Literatur zu lesen, Texte zu lernen und zu reproduzieren. Analytisches Denken und selbständige Problemlösung sind weniger wichtig. Diese unterschiedlichen akademischen Kulturen macht folgendes Beispiel deutlich:
Ein Psychologie-Dozent an einer australischen Universität hatte in seiner Vorlesung fünf verschiedene Theorien vorgestellt, sorgfältig die Vor- und Nachteile dargelegt und erklärt, wo man zusätzliche Informationen bekommen könnte. Der Stoff war gut strukturiert und logisch vorgetragen worden. Dennoch waren die internationalen Studenten am Ende der Vorlesung enttäuscht und fühlten sich betrogen. Sie kritisierten, dass der Dozent absichtlich die wichtigsten Informationen ausgelassen hätte: nämlich, welche der Theorien und Methoden am besten wäre. Als der Dozent anschließend einige Fallstudien in fünf Gruppen diskutieren ließ und nicht die seiner Meinung nach erwarteten Ergebnisse sagte, hatten viele internationale Studenten den Eindruck, dass sich der Dozent von seiner Rolle als Lehrer verabschiedete. Fragen zu stellen, kam für sie nicht in Frage, weil sie befürchteten, den Dozenten in Verlegenheit zu bringen.
Beide Seiten hatten ganz unterschiedliche Erwartungen an die Lehrsituation und das Rollenverständnis: Die Studenten erwarteten von ihrem Dozenten, dass er eine Autorität in seinem Fachgebiet sei, dass er die richtigen Antworten weiß und sie ihnen sage und dass er sicherstelle, dass sie die Prüfung bestehen. Als gute Studenten wollten sie lernen, indem sie zuhören und alles machen, wozu sie aufgefordert wurden. Der Dozent wiederum erwartete von seinen Studenten, dass sie an der Diskussion teilnehmen, dass sie eigenständig nach Lösungen suchen und den Lehrstoff kritisch hinterfragen. Als guter Dozent wollte er ein Vermittler sein und den Studenten helfen, unabhängig zu lernen.
Beide Seiten schätzten das Verhalten des anderen jeweils aus ihrer Perspektive ein. Die Studenten waren unzufrieden, weil der Dozent nicht das ihnen vertraute Lehrverhalten zeigte, der Dozent war nicht einverstanden mit dem ihm fremden passiven Lernstil seiner Studenten.
Interkulturelle Kompetenz
Um interkulturell sensibel und erfolgreich zu agieren, bedarf es interkultureller Kompetenz. Eine Schlüsselkompetenz hierbei ist die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Dabei kommt es darauf an, die Lehrsituation aus der kulturellen Orientierung des anderen Partners zu sehen und sich in kultursensibler Lehre und Beratung darauf einzustellen, ohne die eigenen akademischen Standards aufzugeben. Dafür kann folgende Checkliste hilfreich sein:
– Sprechen Sie langsam und gut artikuliert; vergewissern Sie sich regelmäßig, ob Sie verstanden werden; geben Sie schriftliche Übersichten/Definitionen; verwenden Sie Visualisierungen (Bilder, Skizzen).
– Beziehen Sie Beispiele, Fälle, Probleme aus dem Herkunftsland und Erfahrungshorizont der ausländischen Studenten in Ihren Lehrstoff mit ein.
– Akzeptieren Sie in Seminaren, dass ausländische Studenten lernen, auch wenn sie schweigen. Fragen zu stellen und sich aktiv zu beteiligen, gilt für viele als unhöflich, vorlaut und als Zeitverschwendung. Stellen Sie Fragen anonym und lassen Sie diese schriftlich beantworten.
– Bieten Sie besondere Beratungsstunden und Propädeutika an; geben Sie Hilfen und Muster für Referate und Hausarbeiten; bestehen Sie auf den wissenschaftlichen Standards (Zitate, Quellen) und weisen Sie Plagiate zurück.
– Geben Sie Feedback unter vier Augen. Führen Sie Gespräche in eher privater Atmosphäre; hören Sie zwischen den Zeilen und achten Sie auf das, was nicht gesagt wird. Schalten Sie bei ernsthaften Konflikten einen Vermittler ein.
– Signalisieren Sie Ansprechbarkeit (offene Tür); ermöglichen Sie lockeres Kennenlernen; sagen Sie, wie Sie angeredet werden wollen. Achten Sie auf nonverbale Signale: Was wird nicht gesagt? Was kommt zuletzt?
Für den Umgang mit internationalen Studenten kann es keine Patentrezepte oder allgemeingültige Regeln geben. Zu komplex sind die jeweiligen Situationen, zu singulär die jeweils handelnden Personen und zu unterschiedlich die kulturellen Kontexte, als dass sich richtiges Verhalten auf den einfachen Grundsatz bringen ließe: „Kommst Du nach Rom, so benimm Dich wie ein Römer“.
Insofern besteht interkulturelle Kompetenz im Hochschulalltag nicht in der schematischen Befolgung von Patentrezepten und der Vermeidung von Fettnäpfchen, sondern in einer spezifischen Geisteshaltung und mentalen Einstellung. Dazu gehören Offenheit, Toleranz, Sensibilität und Flexibilität genauso wie Selbstbewusstsein, Bewahrung der eigenen Identität sowie Kenntnis fremder Kulturen und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel.

A U T O R
Dr. Dietrich v. Queis; Akad. Dir. i.R., 30 Jahre Leiter der Weiterbildung an der Helmut Schmidt-Universität Hamburg. Gastprofessuren in China, Japan, Thailand und Vietnam. Publikationen und Workshops zur Förderung der Lehre und zur interkulturellen Kompetenz in der Hochschule.
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