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03 | März 2015 Artikel versenden Artikel drucken

The Big Two

Werte beeinflussen die Lebens­zufriedenheit | Andrea Abele-Brehm

Werte legen relativ stabil und allgemein fest­, was in einer Kultur und was für den einzelnen Menschen wichtig ist. Welche Bedeutung haben Werte für die indi­viduelle Lebenszufriedenheit?

Für den einen ist es besonders wichtig, viel Geld zu verdienen, für die andere, viele Freunde zu haben, für einen dritten, Einfluss auszuüben, für eine vierte Person sind alle diese Ziele ähnlich wichtig. Eine Person bezeichnet sich als besonders zielstrebig und durchsetzungsfähig, eine andere schreibt sich die Eigenschaften sozial, vertrauenswürdig und einfühlsam zu.

Die „Big Two“ der menschlichen Existenz. Werte und Eigenschaften können in zwei große Inhaltsklassen eingeordnet werden. Diese „Big Two“ werden in der Forschung mit den Begriffen „Agency“ und „Communion“ bezeichnet. Es sind von Bakan (1966) eingeführte termini technici und deshalb werden sie im Weiteren auch nicht umschrieben. Agentische Eigenschaften umfassen zum Beispiel Ehrgeiz, Kompetenz und Durchsetzungsvermögen, um ein Ziel zu erreichen. Sie stehen damit für die persönliche Selbstbehauptung und die Selbstentfaltung. Agentische Werte beziehen sich darauf, wie wichtig einem Menschen z.B. Macht, Einfluss, Wohlstand, Leistung oder Anerkennung sind. Kurz: Agency spiegelt das Streben nach Kontrolle und Einfluss sowie die Wichtigkeit dieser Bereiche wieder. Demgegenüber bezeichnet Communion das Streben des Menschen nach Gemeinschaft und guten sozialen Beziehungen. Kommunale Eigenschaften sind etwa Vertrauenswürdigkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft oder Empathie. Kommunale Werte beziehen sich darauf, wie wichtig einem Individuum Vertrauen, Mitgefühl, Harmonie oder Anstand sind.

Agency und ­Communion

Agency und Communion umschreiben die „Dualität der menschlichen Existenz“: Niemand kann ohne soziale Beziehungen und deren Pflege leben (communion) und jeder Mensch braucht Ziele und Motivation, diese Ziele zu erreichen. Jemand, der nur kommunal, aber nicht agentisch ist, wird bald abhängig und unselbstständig, möglicherweise depressiv. Umgekehrt ist jemand, der nur agentisch handelt, aber die Communion verkümmern lässt, ein unangenehmer Zeitgenosse und längerfristig wahrscheinlich einsam und allein, möglicherweise zynisch. Bisherige Forschung zu Lebenszufriedenheit hat bereits einige Befunde erbracht, dass Werte/Ziele und persönliche Eigenschaften mit Lebenszufriedenheit zusammenhängen, allerdings wurde bisher der gemeinsame Einfluss von Werten und Eigenschaften noch nicht untersucht.

Wie beeinflussen die „Big Two“ die Lebenszufriedenheit? In einer Studie haben wir erforscht, wie sich agentische und kommunale Eigenschaften sowie agentische und kommunale Werte auf die Lebenszufriedenheit auswirken. Die Hypothese lautete, dass Menschen mit agentischen Eigenschaften und gleichzeitig hohen kommunalen Wertvorstellungen besonders zufrieden sind. Hintergrund dieser Überlegung war, dass agentische Eigenschaften eine Person befähigen, zielstrebig und beharrlich zu handeln – unabhängig davon, welche Ziele verfolgt werden. Kommunale Werte wiederum geben dem Handeln eine pro-soziale Richtung. Frühere Forschung hat z.B. gezeigt, dass ehrenamtliches Engagement und Hilfsbereitschaft die Lebenszufriedenheit positiv beeinflussen können.

Die Studie wurde im Jahr 2013 sowohl in Deutschland (201 Befragte) als auch in Russland (368 Befragte) durchgeführt. Über den Kulturvergleich sollte herausgefunden werden, inwieweit trotz unterschiedlicher Lebensbedingungen in beiden Ländern ähnliche Ergebnisse erzielt werden können bzw. ob sich die Hypothese über verschiedene Kulturen hinweg stützen lässt. Russland und Deutschland unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht, z.B. hinsichtlich kultureller Traditionen und hinsichtlich der ökonomischen Situation.

Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit von kommunalen Werten (hoch versus niedrig) und agentischen Eigenschaften (hoch versus niedrig) in Deutschland und Russland (Lebenszufriedenheit: Werte von 1 „wenig unzufrieden“ bis 5 „sehr zufrieden“)

Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit von kommunalen Werten (hoch versus niedrig) und agentischen Eigenschaften (hoch versus niedrig) in Deutschland und Russland (Lebenszufriedenheit: Werte von 1 „wenig unzufrieden“ bis 5 „sehr zufrieden“)

Die Ergebnisse zeigten, dass agentische Werte gar nicht mit der Lebenszufriedenheit zusammenhängen, d.h. die Lebenszufriedenheit der Befragten war unabhängig vom Ausmaß ihrer agentischen Werte. Kommunale Werte dagegen hingen positiv mit der Lebenszufriedenheit zusammen, Personen mit stärker ausgeprägten kommunalen Werten waren zufriedener. Kommunale Eigenschaften hingen geringfügig positiv mit der Lebenszufriedenheit zusammen. Agentische Eigenschaften hingen stark positiv mit der Lebenszufriedenheit zusammen, d.h. Personen, die sich als sehr agentisch bezeichneten, waren auch zufrieden. Die höchste Lebenszufriedenheit äußerten – in Übereinstimmung mit der formulierten Hypothese – diejenigen Befragten, die gleichzeitig hoch agentisch waren und hohe kommunale Ziele verfolgten.

Anders formuliert: Es sind nicht die agentischen Werte, die zufrieden machen, sondern vielmehr die kommunalen Werte. Allerdings entfalten die kommunalen Werte nur dann ihren positiven Einfluss, wenn sie mit Tatkraft und Zielstrebigkeit verknüpft sind. Die Abbildung verdeutlicht diesen Zusammenhang. Die Befragten wurden in Gruppen von hoch agentischen versus niedrig agentischen Personen bzw. Personen mit hohen versus niedrigen kommunalen Werten aufgeteilt. Es zeigt sich deutlich, dass in beiden Ländern die hoch agentischen Personen, die gleichzeitig kommunale Werte stark vertreten, am zufriedensten waren. Menschen, die Selbstvertrauen haben und sich in der Lage fühlen, ihre Ziele zu erreichen und die gleichzeitig zwischenmenschliche Werte besonders hoch halten, sind sowohl in Russland als auch in Deutschland mit ihrem Leben besonders zufrieden.

Länder

Vergleich der beiden Länder. In Russland waren die Befragten zwar generell weniger zufrieden mit ihrem Leben als in Deutschland (siehe Abbildung), doch waren die Zusammenhänge mit agentischen Eigenschaften und kommunalen Zielen in beiden Ländern in gleicher Weise zu finden. Die Befunde waren für Männer und Frauen gleich und sie unterschieden sich nach Bildungshintergrund nicht.

Während sich die Wichtigkeit kommunaler Werte zwischen Deutschland und Russland nicht unterschied, beurteilten die russischen Teilnehmer agentische Werte (konkret: Autonomie, Kompetenz, Leistung, Wohlstand, Status, Anerkennung, Macht, Überlegenheit) im Durchschnitt höher als die deutschen Teilnehmer (Ausnahme: Ehrgeiz wurde bei den Deutschen höher eingeschätzt; bei „Einfluss“ gab es keinen Unterschied zwischen den Ländern).

Geteilte Freude

Machen nur kommunale Werte glücklich? Die Studie zeigt also, dass Personen, die sich für andere einsetzen, auch für sich selbst „profitieren“, nämlich in Form von positiven Emotionen und von Zufriedenheit. „Geteilte Freude ist doppelte Freude“ sagt schon das Sprichwort und die vorliegenden Daten untermauern dies. Allerdings ist die Studie nicht dahingehend interpretierbar, dass agentische Werte der Lebenszufriedenheit abträglich sind, sie haben nur im Zweifelsfall wenig Auswirkung. Letztere Aussage ist auch mit Befunden der „positiven Psychologie“ kompatibel, wonach Geld und Besitz die Lebenszufriedenheit zwar auch positiv beeinflussen, ihr Einfluss aber deutlich geringer ist als derjenige von gelungenen sozialen Beziehungen sowie der des Bewusstseins, ein gemochtes und akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft zu sein.

 

A U T O R I N

Professorin Dr. Andrea Abele-Brehm lehrt Sozialpsychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie ist derzeit auch die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und war Fachkollegiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.


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