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09 | September 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Das Rad nicht neu erfinden

Betriebliches Gesundheits­management in Hochschulen | Stefanie Thees

Betriebliches Gesundheitsmanagement ist auch für die Hochschulen längst kein Fremdwort mehr. Volle Stundenpläne, Prüfungen und zunehmender Druck durch wachsende Studierendenzahlen und Aufgaben in der Verwaltung machen gesundheitliche Vorsorge zu einem wichtigen Thema.

Deutsche Hochschulen sind sehr engagiert, wenn es um das Thema „Familienfreundlichkeit“ geht. Sie setzen nicht nur zahlreiche Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Beruf bzw. Studium und Familie um – mit dem Zertifikat „familiengerechte Hochschule“ gibt es sogar ein Kontrollsystem, das die stetige Weiterentwicklung fördert. Das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) dagegen steht noch am Anfang seiner Entwicklung. Zwar gibt es einige Hochschulen und Universitäten, die sich seit Jahren strukturiert um Gesundheitsmanagement kümmern, doch das Engagement geht oft nicht über einen jährlich stattfindenden Gesundheitstag, den Rückenschulkurs oder andere Einzelmaßnahmen hinaus.

An der Hochschule Coburg ist das Thema „Gesundheit“ vor vier Jahren als Projekt angestoßen worden. Ziel war es, betriebliches Gesundheitsmanagement in den Hochschulstrukturen zu integrieren. Entstanden ist daraus ein eigenständiges Referat „Gesunde Hochschule“, das sich um Studierende und Beschäftigte kümmert. Zu seinen Aufgaben gehören u.a. der Hochschulsport, Vorsorge, Ergonomie am Arbeitsplatz, Kurs- und Seminarangebote und Personalentwicklung.

Strukturiertes Gesundheitsmanagement muss also einen Beitrag dazu leisten, die Hochschule als Lebens- und Arbeitswelt positiv zu gestalten und gesunde Studien- und Arbeitsbedingungen zu schaffen. Die Zielgruppe ist vielfältig: Neben den Beschäftigten aus Verwaltung und Technik sind auch Lehrende und Studierende relevante Adressaten. Studierende von heute sind potenzielle Führungskräfte von morgen. Ihnen gilt es bereits in der Ausbildung ein Gesundheitsbewusstsein mit auf den Weg zu geben und sie für das Thema zu sensibilisieren.

BGM ist ­Führungs­sache

Die Initiative zur Einführung eines Gesundheitsmanagements kann aus ganz unterschiedlichen Richtungen erfolgen. Zum Beispiel durch den Personalrat oder Lehrende aus themennahen Studiengängen. Auch Beratungsstellen spielen oftmals eine Rolle. Dennoch müssen vor allem die Hochschulleitung und weitere Entscheidungsträger innerhalb der Hochschule von der Relevanz des Themas überzeugt sein. An der Hochschule Coburg ist das Referat „Gesunde Hochschule“ zum Beispiel direkt der Hochschulleitung zugeordnet. Es wird unterstützt von einer Steuerungsgruppe. Ihr gehören Vertreter des Personalrats und der Hochschulleitung, verschiedene Beauftragte wie die Familien- und Gleichstellungsbeauftragten oder der Sicherheitsingenieur, das Referat für Qualitätsentwicklung, das Referat für Hochschulentwicklung sowie Studierende an.

Ressourcen

Personelle und finanzielle Ressourcen sind für ein erfolgreiches BGM unabdingbar. Es muss sozusagen ein Gesicht bekommen. Darüber hinaus sollte es auch über ein finanzielles Budget verfügen, um Maßnahmen und Aktivitäten umsetzen zu können. Den Gesamtprozess kann ein Steuerungsgremium begleiten, das sich – wie oben beschrieben – aus wichtigen Funktionsträgern der Hochschule zusammensetzt. Auch externe Partnerschaften helfen. Zum Beispiel, wenn Krankenkassen, die Landesunfallkassen, das Gesundheitsamt oder externe betriebsärztliche Dienste ihre Außensicht einbringen.

Vier Schritte zum ­Gelingen

Steht die Entscheidung, ein betriebliches Gesundheitsmanagement an der Hochschule zu implementieren, muss im nächsten Schritt ein geeignetes Vorgehen festgelegt werden. Es geht darum, Ziele und Strategien zu erarbeiten. Dann kann die eigentliche Analysephase beginnen, in welcher die Ist-Situation an der Hochschule erfasst wird.

Was sind geeignete Methoden, um die Bedürfnisse der Zielgruppen aufzuzeigen, Probleme und Schwachstellen im Setting Hochschule zu definieren und die gesundheitliche Situation der Hochschulangehörigen abzubilden? Beschäftigte können zum Beispiel quantitativ befragt werden – zur Arbeitssituation, ihren Ressourcen und Belastungen. Studierende können ihre Studienbedingungen und mögliche Verbesserungsvorschläge im Rahmen eines Gesundheitszirkels qualitativ diskutieren.

Die gesammelten Erkenntnisse kann das Steuergremium nutzen, um mögliche Maßnahmen in einem ersten Konzept zusammenzustellen. Diese können sowohl verhaltens- als auch verhältnispräventiv konzipiert sein. Das Referat Gesunde Hochschule bietet zum Beispiel Schulungen, Kurse, Gesundheitsvorträge oder Aktionstage an. Außerdem wirkt es auf das soziale Umfeld und die Arbeits- und Studienbedingungen. So dient ein Mitarbeitercafé zur Verbesserung der Kommunikationskultur, es werden Führungskräfteschulungen durchgeführt und ein externer Arbeitspsychologe steht bei Fragen zur Verfügung.
Das BGM kann gesundheitsfördernde Arbeits- und Studienzeitmodelle anstoßen oder die Teamentwicklung und das Konfliktmanagement in den Fokus nehmen. Natürlich gibt es auch Themen wie Campusgestaltung, Ergonomie am Arbeitsplatz oder Nichtraucherschutz. In dieser Phase sollte vor allem auch die Zielgruppenspezifität von Maßnahmen beachtet werden. Nicht alle beispielsweise sind in gleichem Maße für Frauen und Männer geeignet.

Im dritten Schritt folgt die eigentliche Umsetzung von Maßnahmen. Hier hat es sich bewährt, auch sogenannte Quick Wins, also Maßnahmen mit schnell sichtbarem Erfolg, zu realisieren. Auch wenn BGM an Hochschulen überwiegend strukturell und daher oft eher im Hintergrund wirkt, ist es besonders wichtig, präsent im Hochschulgeschehen zu sein.

In der Abschlussphase folgt die Evaluation, um den Erfolg der Maßnahmen zu bewerten. Hier bietet es sich an, nicht nur Teilnehmerzahlen auszuwerten, sondern auch die Ergebnisse und den Prozess. So lässt sich überprüfen, ob bei der Umsetzung auch die ursprünglichen Ziele erreicht wurden.

Verbindung zu Forschung und Lehre

In einer Hochschule oder Universität sind viele Potenziale und Expertisen vorhanden, auf die das BGM zurückgreifen kann. Es gibt Studienrichtungen, die das BGM unterstützen und bereichern können. Studierende der Gesundheitswissenschaften übernehmen beispielsweise einzelne Projekte oder Aktionen. Andere können sich um die Vermarktung kümmern. Prinzipiell kann jeder, der Projektmanagement in der Praxis erleben möchte, mitwirken. Im Anschluss können Studierende auch bei der Auswertung von Befragungen beteiligt werden. In Coburg wird das BGM außerdem mit Forschungsprojekten verknüpft. Für einen „University Health Report“ zum Beispiel haben über 900 Studierende Fragen zu ihren Studienbedingungen beantwortet. Das BGM kann also gesundheitswissenschaftliche Fragestellungen untersuchen, deren Erkenntnisse dann zurückspiegeln und neue Ansätze für Maßnahmen entwickeln.

Auch für das BGM ist es von großer Bedeutung, von anderen zu lernen. Viele Hochschulen sind in ihrer Struktur oder Organisation vergleichbar, sodass sich Themen und Probleme ähneln. Austauschmöglichkeiten gibt es zum Teil auf der Ebene der Bundesländer. Ein nationales Netzwerk stellt der bundesweite Arbeitskreis gesundheitsfördernder Hochschulen dar. Denn niemand muss das Rad gleich neu erfinden.

 

A U T O R I N

Stefanie Thees (B. Sc.) leitet das Referat Gesunde Hochschule an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Coburg. Weiterführende Informationen finden sich unter www.hs-coburg.de/gesundheit.


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