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12 | Dezember 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Mit Leidenschaft ­verknüpft

Karriere in der Wissenschaft | Heiner Minssen

Schon vor 100 Jahren kannte der Soziologe Max Weber keinen beruflichen Weg, der mehr auf Zufall beruht, als eine Karriere in der Wissenschaft. Noch immer sind hier die Arbeitsbedingungen prekär und der Erfolg höchst ungewiss.

Eine Wissenschaftskarriere gilt dann als erfolgreich, wenn sie in eine Professur mündet. In Deutschland sind rund 170.000 Personen an Universitäten beschäftigt, die dem wissenschaftlichen Nachwuchs – übrigens eine bemerkenswerte Bezeichnung für erwachsene Menschen bis zu einem Alter von 41 Jahren, dem durchschnittlichen Alter bei der Erstberufung auf eine Professur – zugerechnet werden. Ihnen stehen rund 24.000 Professuren gegenüber, wobei die Schere zwischen der Anzahl der Personen im Mittelbau – noch so eine schöne Bezeichnung – und Professuren in den letzten Jahren weiter auseinandergegangen ist. Nun will natürlich nicht jeder Angehörige des Mittelbaus auch Professor werden, aber diejenigen, die eine Professur anstreben, können sich angesichts dieser Zahlen leicht ausrechnen, dass die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Karriere höchst ungewiss ist.

Ohne den wissenschaftlichen Nachwuchs würde die Lehre an den Universitäten zusammenbrechen. Das Problem allerdings ist, dass die Lehre bei der Berufung auf eine Professur eine allenfalls untergeordnete Rolle spielt. Ausschlaggebend sind stattdessen die Leistungen in der Forschung, die durch eine Promotion, in manchen Fächern zusätzlich durch eine Habilitation, durch möglichst zahlreiche Publikationen in möglichst international angesehenen Zeitschriften und in der Postdoktorandenphase zusätzlich durch die Einwerbung von möglichst zahlreichen Forschungsprojekten unter Beweis gestellt werden. Allerdings kann niemand sagen, wie viele Publikationen und wie viele eingeworbene Forschungsprojekte man vorweisen muss, um für eine Professur in Betracht gezogen zu werden. Nur eines ist gewiss: es sollten viele sein, alles andere ist ungewiss.

Eine Karriere in der Wissenschaft ist ein „Hazard“ (Max Weber); die Erfolgsaussichten sind unsicher und die Erfolgsbedingungen ungeklärt. Nach Maßgabe des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes muss die Berufung auf eine Professur spätestens sechs Jahre nach der Promotion geklappt haben, sonst steht man in einem Lebensalter, in dem andere außerhalb der Wissenschaft wichtige Karriereschritte schon längst hinter sich haben, völlig überqualifiziert auf der Straße. Zudem sind die Arbeitsbedingungen auf dem Weg zur Professur alles andere als optimal. Die Stellen des wissenschaftlichen Nachwuchses sind in der Regel befristet, z.T. mit äußerst kurzen Vertragslaufzeiten, und viele Stellen sind in mehrere Teilzeitstellen aufgesplittet. Kurzum: es handelt sich um Arbeitsbedingungen, die gemeinhin mit dem Adjektiv „prekär“ belegt werden.

Wissenschaft als Beruf

Das Erstaunliche ist nun, dass die Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen selbst ihre Arbeitsbedingungen gar nicht als prekär einstufen. Natürlich leiden sie unter den Ungewissheiten ihrer Arbeits- und Lebenssituation; nicht umsonst schieben gerade Akademikerinnen ihren Kinderwunsch nach hinten, und nicht wenige suchen sich einen – oftmals besser bezahlten – Job außerhalb des Wissenschaftssystems. Aber bei denen, die „drinnen“ bleiben, treten die unbefriedigenden Arbeitsbedingungen zurück hinter der Aufgabe. Max Weber, um ihn nochmals zu zitieren, hat von Wissenschaft als Berufung gesprochen und die Leidenschaft betont, die mit einer Tätigkeit in der Wissenschaft verknüpft ist. Ganz so emphatisch wird man das heute wohl nicht mehr ausdrücken, aber der Spaß an der Sache, das „Brennen“ für das Forschungsthema, oder etwas moderner gesagt: die hohe intrinsische Motivation ist immer noch der entscheidende Grund für eine Tätigkeit in der Wissenschaft. Die Universität ermöglicht es, eigene inhaltliche Interessen zu verfolgen, sie ermöglicht es gewissermaßen, das Hobby zum Beruf zu machen, und dies lässt offenbar über die unzureichenden Arbeitsbedingungen hinwegsehen, die zu einer Tätigkeit in der Wissenschaft gleichsam dazugehören, solange man es nicht auf eine Professur geschafft hat.

Diese Begeisterung für die Sache ist eine wichtige Voraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere; ohne sie wird es nicht klappen. Etwas kommt hinzu. Wer als Postdoktorand an der Universität bleibt und damit endgültig den Weg einer Karriere in der Wissenschaft einschlägt, entscheidet dies in der Regel nicht auf Basis einer Chancen-Risiko-Abwägung, sondern blendet die Risiken schlicht aus. Vorherrschend ist eine bestimmte Form von Vertrauen, nämlich Zuversicht – man könnte auch sagen: blindes Gottvertrauen –, dass alles gutgehen wird. Niklas Luhmann, ebenfalls ein Soziologe, wenn auch erheblich jünger als Max Weber, hat Zuversicht vor längerer Zeit mit dem Satz charakterisiert: „Wer verlässt schon morgens bewaffnet das Haus?“. Zu Recht können wir davon ausgehen, dass wir nicht in bewaffnete Auseinandersetzungen verwickelt werden. Diese Zuversicht scheint eine „Grundausstattung“ des wissenschaftlichen Nachwuchses zu sein, weil sie über die nicht unbeträchtlichen Risiken einer Wissenschaftskarriere hinwegblicken lässt.

Sie ist auch erforderlich, um die unvermeidbaren Nackenschläge wegzustecken. Bei einer Ablehnungsquote von 90 Prozent in international bedeutsamen Fachzeitschriften ist die Annahme von eingereichten Manuskripten die Ausnahme, nicht die Regel, und wenn der Aufsatz doch angenommen wird, ist keineswegs sichergestellt, dass er nach der Veröffentlichung in irgendeiner Weise zur Kenntnis genommen wird. Gleiches gilt für die Beantragung von Forschungsprojekten; auch hier muss man sich viel Konkurrenz erwehren und erhält mehr Ablehnungsschreiben als Förderbenachrichtigungen. All dies ist mit Enttäuschungen verbunden, die nur mit einem erheblichen Maß an Zuversicht bewältigt werden können.

Eine hohe intrinsische Motivation und ein ausgeprägtes Maß an Zuversicht sind also eine wesentliche Voraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere. Nun sind natürlich auch andere Karrieren ungewiss und riskant, aber zwei Aspekte machen eine Karriere in der Wissenschaft besonders riskant. Zum einen ist es bei einem Misserfolg, also der Nichtberufung auf eine Professur mit der Karriere unwiderruflich vorbei und eine völlige berufliche Neuorientierung erforderlich. Zum anderen können Universitäten zum Erfolg ihres wissenschaftlichen Nachwuchses nur begrenzt beitragen: zwar können sie Graduiertenprogramme anbieten, aber sie verfügen nicht wie etwa Unternehmen über Personalmacht. Selbst wenn ein Nachwuchswissenschaftler sich als besonders befähigt erwiesen hat, kann das Rektorat „seiner“ Universität ihn nicht mit einer Professur versorgen. Die Berufung erfolgt auf Vorschlag des jeweiligen Fachs und aufgrund des Hausberufungsverbots auch nicht an der Heimatuniversität; Universitäten investieren in die Ausbildung ihres Nachwuchses, damit andere Universitäten davon profitieren.

Die Risiken einer Karriere in der Wissenschaft sind also hoch, aber sie ließen sich stärker begrenzen. Ein Schritt in die richtige Richtung ist sicherlich die geplante Schaffung von Juniorprofessuren mit der aus den USA bekannten Tenure-Track-Option, also der Aussicht auf Entfristung beim Erreichen klar definierter Ziele. Ein weiterer Schritt könnte die Einführung von Maßnahmen sein, die als Personalentwicklung in Wirtschaftsunternehmen längst gang und gäbe sind. Zwar gibt es seitens der Universitäten mittlerweile eine Reihe von Angeboten in diesem Bereich, als Aufgabe auf Ebene der Lehrstühle ist Personalentwicklung jedoch noch entschieden zu wenig verankert. Dabei sind doch gerade Professoren und Professorinnen für die Entwicklung ihres „Nachwuchses“ verantwortlich.

 

A U T O R

Heiner Minssen ist Professor für Arbeits­organisation und Arbeits­gestaltung an der Ruhr-Universität Bochum.


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