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10 | Oktober 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Vorlesung und Ablenkung

Wie Studierende mobile Geräte in Vorlesungen verwenden | Armin Weinberger

Konzentrieren sich Studierende in Vorlesungen auf die Lerninhalte oder ­erschöpft sich die Teilnahme weitgehend auf die physische Präsenz? Kann die Nutzung mobiler Endgeräte in die Vor­lesung integriert werden?

In den Anfängen der ersten Universitäten in Europa mangelte es an den damals handgeschriebenen Lehrbüchern, und so war die Vorlesung wortwörtlich ein Mittel, mehreren Studenten gleichzeitig Buchwissen zu vermitteln. Die Lehrform Vorlesung behauptet sich über ein Jahrtausend hinweg fast völlig unverändert und setzt im 21. Jahrhundert an, den Hörsaal mit jeweils mehreren hundert Studierenden hinter sich zu lassen und im Videoformat über MOOCs (Massive Open Online Courses) mehrere tausend Lernwillige zu erreichen.

Vorlesungsferne Medien­nutzung

Inwieweit in Vorlesungen aber tatsächlich Studierende „erreicht“ werden können ist fraglich. Durchschnittlich die Hälfte der Studierenden verwendet mobile Geräte wie Laptops und Smartphones in Vorlesungen. In einer aktuellen Studie haben wir studentische Mediennutzung anonym und verdeckt beobachtet. Wenige Studierende verwenden ihre mobilen Geräte ausschließlich vorlesungsnah, z.B. um die Vorlesungsfolien herunter zu laden und auf dem eigenen Bildschirm zu betrachten, um Notizen zu machen oder um online Fachbegriffe nachzuschlagen. Über die unterschiedlichen Fachrichtungen Betriebswirtschaftslehre, Bildungswissenschaften und Informatik hinweg fokussieren Studierende überwiegend auf vorlesungsferne Inhalte auf sozialen Webseiten wie Reddit oder Facebook, d.h. 52 Prozent des beobachteten Umgangs mit mobilen Geräten ist vorlesungsfern, 30 Prozent vorlesungsnah und 18 Prozent konnte nicht eindeutig als vorlesungsnah oder -fern klassifiziert werden. Einzelne Studierende verwenden die gesamte Vorlesungszeit darauf, auf dem Laptop zu spielen oder mit Kopfhörer sich Filme und Serien anzusehen. Der Vergleich mit Selbstberichtsdaten zeigt, dass Studierende dabei unterschätzen, wie häufig sie sich von vorlesungsfernen Inhalten ablenken lassen und wie ungünstig sich diese Ablenkungen auf ihren Lernerfolg auswirken.

Schiefe Motive: FoMO

Verschiedene Motive existieren für den ablenkenden und daher nachteiligen Gebrauch mobiler Geräte in Vorlesungen. Eines davon ist die Angst, etwas zu versäumen oder FoMO (Fear of Missing Out), was sich freilich nicht auf die Vorlesungsinhalte, sondern auf soziale Online-Informationen bezieht. Die stets verfügbaren Online-Ablenkungen scheinen kleine Belohnungen darzustellen, und viele Studierende haben es sich zur Gewohnheit gemacht, hochfrequent Online-Informationen abzurufen. Nicht selten geschieht das gerade dann, wenn zu Hause oder in Vorlesungen gelernt werden soll. Studierende wägen mitunter ab, wie viel Aufmerksamkeit sie nur bestimmten Teilen der Vorlesung widmen oder inwieweit rein körperliche Präsenz immer noch besser ist als vollständiges Fernbleiben.
Pädagogische ­Optionen

Neben der Förderung von Studienfähigkeiten, wie z.B. zur Planung und Steuerung von Lernaktivitäten, dem Erstellen hilfreicher Notizen, dem produktiven Gebrauch von Computern und anderer Ansätze auf Seiten der Studierenden, gibt es drei mögliche konkrete Reaktionen auf Seiten der Dozierenden.

1. Ignorieren. Ein Hochschulstudium ist Erwachsenenbildung, und es liegt in der Verantwortung der Studierenden, ihre Aufmerksamkeit ganz nach jeweiligem Bedarf auf die Lerninhalte zu lenken. Mangelnde Aufmerksamkeit wird sich letztlich in der Lernerfolgskontrolle negativ niederschlagen. Allerdings zeigen auch erwachsene Lerner Defizite darin, ihre eigenen Lernprozesse adäquat zu regulieren und könnten bei entsprechender Anleitung doch hohe Lernerfolge erzielen.

2. Obstruieren. Man könnte das WLAN um die Hörsäle abschalten oder Studierenden den Gebrauch mobiler Geräte in Vorlesungen untersagen. Aber wenn man nicht gerade zu ausgefeilter Störtechnik greifen will, dann benötigen Smartphones weder WLAN um Internetzugriff zu haben, noch ist es für einen Dozierenden auch nur annähernd möglich, den Gebrauch von Smartphones zu überwachen. Sanktionen würden auch diejenigen Studierenden treffen, die ihre Lernprozesse in geeigneter Weise steuern können und mobile Geräte für vorlesungsnahe Aktivitäten nutzen. Und letztlich erfordert nicht jede Ablenkung Internetzugriff. Auch ohne Handys sind Studierende schon seit mittelalterlichen Vorlesungen anderweitig beschäftigt.

3. Integrieren. Die mitgebrachten mobilen Geräte Studierender können auch als Interaktionsplattform dienen, um Fragen an alle Studierenden gleichzeitig zu stellen, die Antworten unmittelbar auszuwerten und z.B. als Grundlage für eine Diskussion heranzuziehen. Studierende können auch einander oder Dozierenden online Fragen stellen. Unsere Befunde zeigen, dass mit solchen Technologien der Fokus auf die Vorlesungsinhalte gesteigert werden kann. Und doch ist der Einsatz sogenannter Audience Response Systeme, Backchannel und anderer Bildungstechnologien an die Voraussetzung geknüpft, dass diese Interaktionen nicht mit dem Vortrag selbst konkurrieren.

Quo vadis, acroasis?

Damit Studierende angeleitet werden können, ihre mobilen Geräte vorlesungsnah zu verwenden ohne den Faden des Vortrags zu verlieren, müsste sich die Lehrform Vorlesung weiter entwickeln. Einerseits kann die Vorlesung mit weiteren Lehrformen sowie individuellen und kooperativen Lernaufgaben orchestriert werden. Wikis oder Online-Foren können dazu beitragen, Vorlesungen mit anderen Lehr- und Lernformen zu verknüpfen, um multiple Perspektiven und Zusammenhänge darzustellen, das Gelernte praktisch zu üben und den Lernerfolg zu überprüfen. Andererseits wäre die Binnenstruktur der Vorlesung inkl. Vortragspausen zu planen, um Interaktionen mit oder zwischen Studierenden zu ermöglichen sowie um Studierenden die Aufrechterhaltung ihrer Konzentration zu erleichtern.

Dass hier Veränderungspotenzial besteht, zeigt ein weiteres Ergebnis unserer Studie, in der Vera Gehlen-Baum und ich auch das Verhalten der Dozierenden analysierten: Präsenz- als auch Online-Vorlesungen sind meistens Monologe, d.h. 85 Prozent der Zeit verwenden Dozierende darauf, Informationen zu vermitteln, neun Prozent mit wirkungsvollen, spezifischen pädagogischen Handlungen wie Vorab-Gliederungen, Wiederholungen, Fragen und Rückmeldungen und sechs Prozent mit Pausen und themenfremden Inhalten.

Seit dem Mittelalter redigieren und kommentieren in den besseren Vorlesungen kluge und begeisterte Dozierende die wesentlichen Lerninhalte. Um einem Kerngedanken von der Universität als einer Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden gerecht zu werden und Vorlesungen effizienter zu gestalten, wäre es allerdings nötig, die Hörerschaft aktiver einzubeziehen. Dieselben Technologien, die Studierende in Vorlesungen ablenken, könnten dazu dienen, unterschiedliche Lehr- und Lernformen zu kombinieren und die Aufmerksamkeit Studierender in geeigneter Weise zu lenken.

 

A U T O R

Professor Dr. Armin Weinberger lehrt Bildungstechno­logie an der Universität des Saarlandes. In seiner ­Forschung beschäftigt er sich insbesondere mit der Orches­trierung und Strukturierung computerunter­stützten kooperativen Lernens.


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