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05 | Mai 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Koste es, was es wolle?

Die Gier als Persönlichkeitsmerkmal | Johannes Hewig | Patrick Mussel

Hochriskante Spekulationen von Mitarbeitern aus der Finanzdienstleistungsbranche trugen zum Entstehen der weltweiten Finanzkrise bei. Wie kann dieses Verhalten rechtzeitig erkannt und verhindert werden? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Gier als Persönlichkeitsmerkmal und hochriskantem Verhalten im Beruf?

Menschen in unterschiedlichen Berufen unterscheiden sich bezüglich ihrer Persönlichkeit und ihrer Wertvorstellungen. Beispielsweise suchen sich Personen mit einer hohen sozialen Motivation bevorzugt Tätigkeiten in helfenden Berufen. Unter Wissenschaftlern dürfte der Wunsch nach Status und Erkenntnisgewinn überdurchschnittlich ausgeprägt sein. Und Personen, die materialistischen Werten eine hohe Bedeutsamkeit zumessen, suchen sich Berufe mit hohen Erwerbsmöglichkeiten, beispielsweise im Finanzdienstleistungsbereich.

Personen in zuletzt genanntem Bereich haben im Rahmen der Finanzkrise durch ihren übermäßigen Wunsch nach Geld einen zweifelhaften Ruf erlangt. Ihr riskantes Verhalten trug zu einem nicht unerheblichen Teil zu jenen Ereignissen bei, die in der Immobilienkrise in den USA und der Schuldenkrise in Deutschland ihren Anfang nahmen und in einer globalen Wirtschaftskrise endeten. Hochriskante Spekulationen mit teilweise faulen Finanzprodukten brachten den Finanzdienstleistern in den Boom-Jahren fabulöse Gewinne, führten jedoch während der Krise zu ebenso desaströsen Verlusten. Die Folgen sind bekannt: Gewinneinbrüche und Entlassungen zunächst in der Finanz-, später auch in der Realwirtschaft, Insolvenzen, wie der spektakuläre Fall Lehman Brothers, Arbeitslosigkeit und Rezession in besonders schwer betroffenen Ländern wie Griechenland sowie die Bereitstellung enormer Summen durch Regierungen für Rettungsschirme und Wachstumspakete. Ein gewichtiger Aspekt in diesem Gefüge sind die agierenden Personen mit ihrer Persönlichkeit und ihren Wertvorstellungen. Was, wenn der Wunsch nach materiellen Gütern exzessiv wird, und in blanke Gier umschlägt?

Was ist Gier?

Aus Sicht der differentiellen Psychologie ist es ungemein spannend, sich der Frage zu stellen, was Gier als Persönlichkeitsmerkmal ausmacht, wie wir sie konzeptionell fassen und operational messen können und in wieweit die Gier dazu beitragen kann, Verhaltensweisen wie das riskante Spekulieren von Investmentbankern besser verstehen zu können. Wir haben uns in einer Reihe von Studien zunächst damit auseinandergesetzt, was den Kern dieses Konstrukts ausmacht und wie wir die interne Struktur beschreiben können. Nach unseren Ergebnissen lässt sich Gier beschreiben als einen Wunsch nach mehr, koste es, was es wolle, einschließlich einem exzessiven Streben nach materiellen Gütern und der Bereitschaft, dass dieses Streben auch auf Kosten von anderen geht. Es handelt sich somit um eine Kombination aus Werten und Temperamentseigenschaften: Gier lässt sich von einem „normalen“ Streben nach Geld und materiellen Gütern abgrenzen, da sie durch eine Form von Rücksichtslosigkeit begleitet wird, wobei gierige Personen es in Kauf nehmen, dass eigene materielle Vorteile auf Kosten anderer gehen.

Wir haben einen Persönlichkeitstest zur Erfassung von Gier entwickelt. Analog zur Definition von Gier erfasst dieser zwei Komponenten: Materialismus und Rücksichtslosigkeit. Interessanterweise fanden wir eine sehr hohe Korrelation zwischen diesen beiden Komponenten: Obgleich man sie konzeptionell klar trennen kann, finden sich bei Personen mit hohen Werten bei einer dieser Komponenten auch mit hoher Wahrscheinlichkeit hohe Werte bei der anderen. Ein weiterer bemerkenswerter Befund zeigte sich in einer kulturvergleichenden Studie. Dabei zeigten Personen aus den Vereinigten Staaten von Amerika signifikant höhere Werte als Personen in Deutschland. Dieses Muster könnte Unterschiede in Werten widerspiegeln, insbesondere höheren Materialismus in den USA im Vergleich zu europäischen Ländern.

Ursachen gierigen Verhaltens

Um den Ursachen gierigen Verhaltens näher zu kommen, haben wir in einer Studie Personen gebeten, eine Aufgabe zum Risikoverhalten zu bearbeiten, und parallel dazu neuronale Prozesse mittels Elektroencephalogramm (EEG) erfasst. Die Untersuchung der zugrundeliegenden kognitiven Prozesse bietet dabei Ansatzpunkte für Erklärungsmodelle jener Verhaltensweisen, die mit Persönlichkeitsmerkmalen wie Gier assoziiert sind. An der Untersuchung nahmen 20 Studierende der Wirtschaftswissenschaften teil. Im Labor bearbeiteten die Versuchspersonen die sog. Balloon-Analogue-Risk-Task. Aufgabe ist es, einen Luftballon, der als Bild auf dem Bildschirm dargestellt wird, möglichst weit aufzupumpen. Je weiter man den Ballon aufpumpt, desto größer der Gewinn. Platzt der Ballon jedoch, dann verliert man alles.

Zusätzlich bearbeiteten die Versuchspersonen den Test zur Erfassung von Gier. Wie erwartet zeigte sich, dass Personen, die besonders gierig waren, den Ballon weiter aufpumpten als Personen mit niedrigeren Werten. Die Risikoneigung konnte also anhand des Persönlichkeitsmerkmals Gier vorhergesagt werden. Interessanter Weise war dieser Effekt besonders ausgeprägt, wenn das Persönlichkeitsmerkmal zuvor durch eine unabhängige Aufgabe aktiviert wurde.

Während der Ballon-Aufgabe wurde die Hirnaktivität der Versuchspersonen mittels EEG registriert. Dabei zeigte sich zunächst eine typische Reaktion auf das Feedback: Ca. 270 Millisekunden nach der Rückmeldung, ob der Ballon geplatzt ist oder nicht, zeigt sich eine Komponente im EEG, die als Feedbackbezogene Negativierung bezeichnet wird. Sie indiziert, ob ein Ereignis besser oder schlechter war als erwartet. Die Komponente wird als Indikator eines wichtigen neuronalen Prozesses interpretiert, der es uns ermöglicht, aus Fehlern zu lernen und unser Verhalten entsprechend anzupassen.

Überraschenderweise blieb diese charakteristische Reaktion auf den Feedbackstimulus bei gierigen Personen aus, d.h. diese Personen zeigten nahezu die gleiche Reaktion, unabhängig davon, ob der Ballon platzte oder nicht. Interpretiert man diesen Befund auf der Basis der Theorien, die dieser Komponente zugrunde liegen, so könnte dies bedeuten dass gierige Personen Schwierigkeiten haben, aus Fehlern zu lernen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Ähnliche Befunde wurden in früheren Studien bereits für Psychopathie berichtet.

Gier als Persönlichkeitsmerkmal

Die Befunde legen nahe, dass riskantes Verhalten in verschiedenen Kontexten durch Gier als Persönlichkeitsmerkmal beeinflusst ist. Dabei ist dieser Effekt besonders stark, wenn Gier zuvor aktiviert wurde. Solche aktivierenden Einflüsse könnten beispielsweise ein hoher Bonus auf finanzielle Erfolge oder auch Aspekte der Unternehmenskultur sein. Die Ergebnisse zu neuronalen Korrelaten liefern einen möglichen Erklärungsansatz: Das riskante Verhalten gieriger Personen könnte daher kommen, dass sie negative Reize oder Warnsignale aus der Umwelt ignorieren. Möglicherweise erklärt dies auch das Auftreten sog. Spekulationsblasen, die dadurch entstehen, dass Investoren in einer Zeit steigender Kurse ihre Anteile zu lange halten, und Indizien, die auf ein Platzen der Blase hinweisen, ignorieren, wie beispielsweise negative Unternehmensnachrichten oder Warnungen von Analysten.

 

A U T O R E N

Prof. Dr. Johannes Hewig ist Professor und Leiter der Arbeitsgruppe Differentielle Psychologie, Persönlichkeits­psychologie und Psychologische Diagnostik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.
Dr. Patrick Mussel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Differentielle Psychologie, Persönlichkeits­psychologie und Psychologische Diagnostik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.


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