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02 | Februar 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Heilsame Verlagerung

Vergessen Sie Ihren Körper nicht! | Johannes Michalak

Die körperliche Haltung eines Menschen sagt viel über seinen emotionalen Zustand aus. Doch wie agiert der Körper mit der Psyche? Kann ein fröhlicher Gang sogar bewirken, dass der Mensch sich positive Dinge besser merken kann?

Die Tätigkeit des Wissenschaftlers im modernen Hochschulsystem ist in der Regel nicht besonders körperfreundlich. Lange Perioden des Sitzens am Schreibtisch, Arbeit am Computer mit zusammengesunkener Sitzhaltung und hohe Arbeitsbelastung mit wenig Gelegenheit zum körperlichen Ausgleich gehören für viele Wissenschaftler zu den äußeren Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeit. Neben diesen äußeren Tätigkeitsaspekten mag auch die geistige Ausrichtung zu einer Entfremdung vom körperlichen Erleben beitragen. So beschäftigt sich Wissenschaft meist mit abstrakten Konzepten und Theorien, wobei die Abstraktion ja gerade im Absehen von der konkreten und singulären Verkörperung des Gegenstandes besteht. Neben den äußeren Rahmenbedingungen mag auch dies dazu führen, dass wir im alltäglichen Leben häufig vor allem in unseren Köpfen und Gedanken sind und den Körper nur dann wahrnehmen, wenn er Schmerzen oder Unwohlsein verursacht.

Dass diese ‚entkörperte’ Lebensweise ‚Kosten’ hat, wissen die meisten von uns häufig mit mehr oder weniger großer Klarheit. Im Folgenden möchte ich über einige wissenschaftliche Befunde berichten, die die Bedeutung des Körpers für unsere körperliche und psychische Gesundheit unterstreichen.

Bewegung und Gesund­heit

Der erste Aspekt erscheint fast trivial: körperliche Bewegung tut gut und ist gesund. Diese Aussage ist mittlerweile empirisch breit gestützt und kann mit einem hohen Evidenzgrad getroffen werden. So geht im Vergleich zur Inaktivität bereits eine leichte Aktivität von 15 Minuten am Tag mit einer signifikanten Reduktion der Mortalität um 14 Prozent und mit einer um drei Jahre verlängerten Lebenserwartung einher. Jede Viertelstunde leichte Bewegung zusätzlich am Tag reduzierte das Mortalitätsrisiko um weitere vier Prozent. Neben der Wirkung von Bewegung auf die körperliche Gesundheit zeigen Studien auch Auswirkungen von Bewegung auf psychisches Wohlbefinden und depressive Störungen.

Bewegungsqualität und Emotionen

Aber vielleicht ist es nicht nur der Aspekt des Wie-viel-Bewegens und der Intensität der körperlichen Betätigung, der für Menschen wichtig ist, sondern die Frage der Qualität von Bewegungen. Unter der Bezeichnung ‚Embodiment’ hat sich ein interdisziplinäres Forschungsprogramm entwickelt, das genau diesen Aspekten nachgeht. Herausgreifen möchte ich hier vor allem die Frage des Einflusses des Körpers auf Emotionen. Mittlerweile ist es breit abgesichert, dass motorische und emotionale Prozesse sich wechselseitig beeinflussen. Die eine Richtung dieses Zusammenhangs erscheint möglicherweise profan: Unsere Stimmungen und Emotionen drücken sich über das motorische System aus. Dies zeigt sich neben emotionstypischen Gesichtsausdrücken in motorischen Veränderungen des gesamten Körpers. In einer eigenen Untersuchung haben wir beispielsweise das Gangmuster depressiver Patienten untersucht (für eine Animation siehe: http://biomotionlab.ca/ Demos/BMLdepression.html).

Weniger trivial erscheint die Frage, ob auch Einflüsse in umgekehrter Richtung ablaufen, also vom motorischen System auf emotionale und andere psychische Prozesse. Auch wenn einige besonders spektakuläre Befunde der Embodiment-Forschung sicherlich noch der Absicherung durch Replikationen bedürfen, lässt sich doch insgesamt sagen, dass Veränderungen der Motorik (z.B. Veränderung des mimischen Ausdrucks, Beugen oder Strecken des Armes, Körperhaltung) Auswirkungen auf emotionale Prozesse (auf Stimmung, emotionales Gedächtnis und Verhalten) haben. Auch Auswirkungen von motorischen Prozessen auf andere psychische Funktionen, wie die zum Beispiel auf kreative Prozesse, wurden untersucht.

In eigenen Untersuchungen sind wir der Frage nachgegangen, ob Prozesse, die für depressive Patienten charakteristisch sind, durch motorische Veränderungen beeinflusst werden können. Einer der stabilsten Befunde der Depressionsforschung ist, dass depressive Personen eine Tendenz besitzen, bevorzugt negatives Material zu behalten, während nicht depressive Personen sich vor allem an positives Material erinnern. In einer ersten Untersuchung haben wir Versuchspersonen im Bewegungslabor der Queen’s University Kingston durch eine Gangfeedback-Methode, die die Daten aus der oben dargestellten Untersuchung zum Gangmuster depressiver Patienten nutzte, dazu gebracht, entweder depressiver (z.B. zusammengesunkener, mit weniger vertikaler Dynamik) oder fröhlicher als normal zu laufen. Dann haben wir ihnen 20 positive und 20 negative Eigenschaftswörter präsentiert. Nach weiteren acht Minuten haben wir einen überraschenden Gedächtnistest zu diesen Wörtern durchgeführt. Wie aus der Embodimentperspektive zu erwarten, erinnerten Personen, die depressiv gelaufen sind, mehr negative Wörter als Personen, die fröhlich gelaufen sind. In einer weiteren Studie haben wir ähnliche Effekte bei akut depressiven Patienten gefunden. In dieser Studie wurde die Sitzhaltung verändert. Patienten, die gebückt depressiv gesessen haben, erinnerten, wie für Depressive typisch, vor allem negatives Material, während aufrecht sitzende Patienten keine bevorzugte Erinnerung von negativem Gedächtnismaterial mehr zeigten.

Vom Kopf in den Körper

Insgesamt zeigt sich also, dass Bewegung, und dabei sowohl der Aspekt der Intensität als auch der Qualität von Bewegung, mit unserer körperlichen und psychischen Gesundheit eng verknüpft zu sein scheint. Aus den Befunden zu Auswirkungen von körperlicher Aktivität und Gesundheit lässt sich sicherlich eindeutig der Schluss ziehen, dass Menschen, und vielleicht gerade Wissenschaftler mit möglicherweise besonderem Risikoprofil, auf regelmäßige Bewegung achten sollten, so dass die hohe geistige Beanspruchung durch körperliche Aktivität ausbalanciert werden kann.

Die langfristigen Konsequenzen von bestimmten Bewegungs- und Haltungsmustern und des Potenzials von gezielten Veränderungen auf dieser Ebene müssen sicherlich erst noch eingehender untersucht werden. Vor Vereinfachungen in diesem Bereich unter dem Motto „Kopf hoch“ muss auch gewarnt werden. Allerdings scheinen sie nahezulegen, dass bestimmte Arten von Bewegungs- und Haltungsmustern günstige psychische Auswirkungen haben können. Eine gezielte Veränderung von problematischen motorischen Aspekten (z.B. Körperhaltungen oder Bewegungsmustern) könnte also unser Wohlbefinden auf körperlicher und geistiger Ebene steigern. Möglichkeiten hierzu bieten sich sicherlich vielfältig an. Hier kann beispielsweise auf körperliche Übungssysteme aus dem asiatischen Bereich wie Qi Gong, Tai Chi Chuan oder Yoga verwiesen werden, in denen möglicherweise ein jahrhundertelanges Erfahrungswissen über die komplexen Zusammenhänge von Körper und Geist steckt. Ein besonderes Kennzeichen dieser Systeme ist, dass sie nicht nur den Körper im Sinne eines Objektes trainieren, sondern eine Erhöhung der Achtsamkeit für den Körper angestrebt ist, so dass letztendlich eine Verlagerung des Bewusstseinsschwerpunktes vom Kopf in den Körper gefördert wird. Und vielleicht ist das gerade für uns in der Wissenschaft Arbeitende eine heilsame Verlagerung.

 

A U T O R

Johannes Michalak hat den Lehrstuhl für Klinische Psycho­logie und Psychotherapie II an der Universität Witten/Herdecke inne.


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