KARRIERE » Karriere-Praxis
02 | Februar 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Viel mehr als eine Zier

Taktische Bescheidenheit und Berufserfolg | Corinna Diekmann

Bescheidenheit und beruflicher Erfolg ­erscheinen vielen Menschen als Widerspruch. Aktuelle Forschungsbefunde offen­baren jedoch die Vorteile taktischer Bescheidenheit im Berufsleben. Kann ein bescheidenes Auftreten die Karriere sogar fördern?

Wir alle haben schon das Sprichwort gehört: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“ Doch stimmt das überhaupt? Aktuelle Forschungsbefunde deuten darauf hin, dass ein gewisses Understatement, oder taktische Bescheidenheit, vor allem für Berufseinsteiger im Arbeitsleben von Vorteil sein kann. Taktisch bescheiden tritt auf, wer seine bekannten oder offensichtlichen Stärken, Leistungen oder Erfolge öffentlich bewusst ein wenig herunterspielt. Diese taktische Bescheidenheit ist nicht zu verwechseln mit der Persönlichkeitseigenschaft „echter“ Bescheidenheit, welche im Wesentlichen eine innere Haltung widerspiegelt. Vielmehr dient die taktische Bescheidenheit der gezielten Eindruckssteuerung nach außen, dem sogenannten Impression Management: Unser Verhalten in sozialen Interaktionen ruft ganz automatisch bestimmte subjektive Eindrücke bei unserem Gegenüber hervor, die uns – ob zutreffend oder nicht – erhebliche Vor- oder Nachteile verschaffen können. Im Berufsleben spielt unsere Außenwirkung eine wichtige Rolle für unsere Entwicklungs- und Karrierechancen. Dementsprechend bemühen sich viele Menschen bewusst oder unbewusst darum, in beruflichen Kontexten einen „guten Eindruck“ bei ihren Interaktionspartnern zu erwecken.

Sympathie und Kompetenz

Obwohl die subjektiven Eindrücke von Personen natürlich vielschichtig sind, folgen sie grundsätzlich zwei universalen Urteilsdimensionen; Sympathie und Kompetenz. Das besondere Potenzial der taktischen Bescheidenheit besteht darin, dass sie sowohl zum Eindruck von Sympathie als auch von Kompetenz beitragen kann. Dies hebt sie positiv ab von anderen Selbstdarstellungstaktiken, die bisher meist im Fokus der Forschung standen: Besonders intensiv erforscht wurden das Einschmeicheln, bei dem durch Komplimente, Zustimmung und Gefälligkeiten Sympathie erweckt werden soll, und die Eigenwerbung, bei der durch das Betonen eigener Stärken und Leistungen Kompetenz vermittelt werden soll. Obgleich beide Taktiken sich im Berufsleben großer Beliebtheit erfreuen und unter den richtigen Bedingungen durchaus Erfolg versprechen, ist das Potenzial dieser zwei Taktiken durch ihre einseitige Ausrichtung auf Sympathie- bzw. Kompetenzsignale begrenzt, weil die jeweils andere Urteilsdimension unberücksichtigt bleibt: Schnell wirkt man beim Einschmeicheln zwar sympathisch, aber auch naiv, und bei der Eigenwerbung kompetent, aber auch arrogant. Demgegenüber ermöglicht die taktische Bescheidenheit, die einen sympathischen und gleichzeitig kompetenten Eindruck fördern soll, eine besser ausbalancierte Selbstpräsentation. So kann sie in unterschiedlichen Beurteilungskontexten und unter wechselnden Bewertungskriterien zu einer vorteilhaften Außenwirkung beitragen.

Bescheidenheit im Interview

Neue empirische Studien unterstreichen die günstigen Effekte eines bescheidenen Auftretens im Berufsleben. In experimentellen Untersuchungen beurteilten Studienteilnehmer, die im Rahmen ihrer Berufstätigkeit selbst Interviews durchführen, die Wirkung fiktiver Bewerber, die entweder taktische Bescheidenheit, Einschmeicheln oder Eigenwerbung zur Selbstdarstellung im Auswahlinterview nutzten. Die Studienteilnehmer schätzten ein, wie sympathisch und wie kompetent ihnen jeder Bewerber erschien und wie wahrscheinlich sie ihm eine Stelle anbieten würden. Die Analysen ergaben, dass der Erfolg und Misserfolg der beiden Taktiken Einschmeicheln und Eigenwerbung ganz entscheidend von bestimmten Merkmalen der Interviewsituation abhingen, welche unterschiedliche Gewichtungen von Sympathie- und Kompetenzzuschreibungen implizieren. Demzufolge sind diese Taktiken riskante Strategien, die Bewerbern mitunter sogar schaden können. Dagegen wurde ein bescheidenes Auftreten über die verschiedenen untersuchten Interviewsituationen hinweg durchweg positiv wahrgenommen. Besonders vorteilhaft war taktische Bescheidenheit dann, wenn die Beurteiler sich frei und unabhängig in ihren Urteilen fühlten und wenn sie aufgrund umfassender Vorinformationen von einer exzellenten Qualifikation der Bewerber ausgehen konnten.

Bescheidenheit im Berufsalltag

Auch im beruflichen Alltag kann ein bescheidenes Auftreten für Berufseinsteiger von Vorteil sein. Eine groß angelegte Feldstudie mit mehreren Hundert Studienteilnehmern untersuchte die Zusammenhänge zwischen der bescheidenen Selbstdarstellung von Nachwuchskräften im täglichen Arbeitsleben und verschiedenen Beurteilungen durch ihre Vorgesetzten. Die Befunde zeigten ein positives Zusammenspiel der taktischen Bescheidenheit der Nachwuchskräfte einerseits und ihrer grundsätzlichen Bescheidenheit im Sinne der Persönlichkeitseigenschaft andererseits: Nachwuchskräfte, die sowohl häufig taktisch bescheiden auftraten als auch gleichzeitig tatsächlich persönlich bescheiden waren, wurden von ihren Vorgesetzten als sympathischer, kompetenter und sogar leistungsstärker eingeschätzt. Allein taktisch bescheidenes Verhalten oder nur persönliche Bescheidenheit waren hingegen nicht mit günstigeren Vorgesetztenurteilen verbunden. Dies weist darauf hin, dass sich die taktische und die persönliche Bescheidenheit von Nachwuchskräften im Aufbau einer positiven Außenwirkung gegenseitig ergänzen: Während das taktisch bescheidene Auftreten hinsichtlich eigener Stärken und Erfolge für andere leicht zu beobachten ist und somit den Eindruck von Bescheidenheit direkt hervorruft, ermöglicht die innere Haltung von genuiner Bescheidenheit den Nachwuchskräften auch längerfristig die authentische und glaubwürdige Umsetzung des taktisch bescheidenen Verhaltens.

Erfolgreiche Karriere

Im Einklang mit den erfolgversprechenden Auswirkungen auf die Reputation kann eine bescheidene Selbstdarstellung schließlich auch die berufliche Entwicklung und Karriere begünstigen: Eine andere Feldstudie über mehrere Jahre ergab, dass bescheiden auftretende Nachwuchskräfte mehr Mentoring im Berufsleben erhielten. Nachwuchskräfte, die sich bescheiden präsentierten und zusätzlich über ausgeprägtes politisches Geschick verfügten, erreichten sogar höhere Positionen in der Organisation und berichteten zudem über eine größere Karrierezufriedenheit. Das Potenzial der taktisch bescheidenen Selbstdarstellung reicht also weit über einen guten persönlichen Eindruck hinaus: Ganz entgegen der verbreiteten Annahme, gerade Berufseinsteiger müssten die Werbetrommel für sich und ihre Leistungen rühren und Bescheidenheit im Berufsleben sei ein wahrer Karrierekiller, kann ein glaubhaftes bescheidenes Auftreten die positive Reputation von Nachwuchskräften fördern, zu ihrer erfolgreichen beruflichen Entwicklung beitragen und mit geldwerten Vorteilen verbunden sein.

Insbesondere auch aufstrebende Nachwuchswissenschaftler könnten von einem bescheidenen Auftreten profitieren: Taktische Bescheidenheit wirkt dann am besten, wenn die Betreffenden ihre Stärken und Erfolge als bekannt voraussetzen können. Speziell Berufungskommissionen und ähnliche Gremien sind bereits vor einem persönlichen Gespräch über erstklassige Publikationen, erfolgreich eingeworbene Drittmittel und weitere Leistungsindikatoren der Person informiert. Und auch Fachkollegen im Hochschulalltag sind oft mit den wissenschaftlichen Leistungen des Einzelnen vertraut. Wenn also die Erfolge leistungsstarker Nachwuchswissenschaftler für sich sprechen, kann eine bescheidene Selbstdarstellung – über die fachlichen Leistungen hinaus – die positive persönliche Reputation stärken.

Viel besser als das eingangs genannte Sprichwort trifft es vielleicht ein Bonmot, das Philip D. Stanhope zugeschrieben wird: „Bescheidenheit ist der einzige sichere Köder, wenn du nach Lob angelst.“

 

A U T O R I N

Dr. Corinna Diekmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Universität Bonn. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Impression Management im Berufs­leben, Urteilsbildung und Karriereerfolg.


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken | PDF Format PDF-Download