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04 | April 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Unbewusstes nutzen

Mehr Willenskraft durch innere Motivation | Peter Gröpel

Den inneren Schweinehund zu überwinden und hohe Leistung zu erbringen kostet Kraft. Allerdings neigen Menschen dazu, mit dieser Willenskraft „sparsam“ umzugehen, und ihre Anstrengung lässt mit der Zeit nach. Externe Anreize wie etwa extra Geld können zwar helfen, länger am Ball zu bleiben, doch es gibt auch einen „günstigeren“ Weg, um das Leistungsvermögen dauerhaft hoch zu halten – die innere Motivation.

In der Schule wie am Arbeitsplatz ist starker Wille, neben Intelligenz, die psychologische Schlüsselvariable für Erfolg. Psychologen haben mitsamt langjährigen Forschungsdesigns beobachten können, dass die Menschen, die bereits als kleine Kinder über starke Willenskraft verfügt haben, als Heranwachsende ihren Gleichaltrigen in schulischer Leistung, sozialer Kompetenz und Umgang mit Frustration und Stress überlegen waren. Im Vergleich zur Intelligenz, die sich ab dem Erwachsenenalter kaum verändern lässt, lässt sich allerdings der Wille trainieren und stärken. Um die Willenskraft steigern zu können, muss man sie verstehen. Dazu haben Forscher in den letzten Jahren entscheidende Entdeckungen gemacht.

Willenskraft wird gebraucht, um schwierige Situationen und Aufgaben zu meistern, in denen man Unlust verspürt, Versuchungen widersteht und eigene Wünsche oder sogar automatische Körperreaktionen wie Schmerz und Emotionen unterdrücken muss. Sich auf einen langweiligen Lernstoff zu konzentrieren, ein hartes körperliches Training durchzuführen, einen schwierigen Arbeitstermin zu bewältigen oder trotz Verärgerung freundlich mit Klienten umzugehen sind nur einige Beispiele. Psychologische Forschung hat nachgewiesen, dass der Wille nicht konstant ist, sondern mit der Zeit schwächer wird. Haben Versuchspersonen in Experimenten eine schwierige Aufgabe bewältigt, zeigten sie in einer darauffolgenden, ebenfalls schwierigen Aufgabe eine schlechtere Leistung als Personen, die vorher ihre Willenskraft nicht aufbringen mussten. Man bezeichnet dies als „Erschöpfung“ des Willens.

Zeitweilige Willensschwäche

Grundsätzlich gibt es zwei Erklärungsmodelle für die reduzierte Willenskraft. Das erste Modell – Kraftspeichermodell – besagt, dass Wille eine limitierte Ressource ist, die sich schnell erschöpft. Ähnlich wie ein Muskel, der Regeneration nach einer Anstrengungsphase braucht, wird der Wille „müde“, und es muss eine Erholungsphase geben, um die Kraft neu aufzutanken. Das zweite Modell – Motivationsmodell – beschreibt die zeitweilige Willensschwäche lediglich als eine Verschiebung der Motivation: Nach einer ersten Anstrengung sind Menschen nicht mehr motiviert, sich weiter anzustrengen, sondern das Tempo zu reduzieren und sich stattdessen zu belohnen. Anders gesagt, es ist nicht so, dass der Wille erschöpft wäre, die Menschen entschieden sich nur nicht, sich weiter anzustrengen. Bisherige Forschung bestätigt beide Erklärungsmodelle.

Der Zusammenhang mit Motivation liefert besonders gute Hinweise, wenn es darum geht, anwendungsnahe Implikationen zu ziehen. Motivation und Wille sind zwar voneinander unabhängig, sie können sich aber gut kombinieren und ergänzen. Motivation bezeichnet eine aktivierende Ausrichtung auf einen positiv bewerteten Zielzustand, wie etwa einen guten Studienabschluss. Solange das Studium gut läuft und der Lernstoff interessant ist, reicht Motivation allein, um näher ans Ziel zu kommen. Sobald aber Schwierigkeiten auftauchen, der Stoff langweilig oder zu schwer wird, kommt Wille ins Spiel. Egal, ob man dann motiviert ist oder nicht, ob man ein schweres Referat selbst gewählt oder vom Dozenten zugeteilt bekommen hat, solange Unlust zu überwinden ist und es „bergauf“ gehen muss, ist Willenskraft gefragt. Eine zusätzliche Unterstützung durch Motivation kann aber von Vorteil sein.

Zusammenspiel von Motivation und Wille

Motivation kann reduzierte Willenskraft kompensieren und Willenskraft kann fehlende Motivation kompensieren. In einer Reihe von Untersuchungen wurden Versuchspersonen vorerst mit einer schwierigen Aufgabe konfrontiert und dadurch ihre Willenskraft erschöpft. Danach wurden sie vor eine andere, ebenfalls schwierige Aufgabe gestellt. Der Hälfte der Personen wurde eine extra Zahlung versprochen, falls sie die zweite Aufgabe gut lösen. Die andere Hälfte der Personen bekam keine zusätzliche Motivation. Erwartungsgemäß zeigten die extra motivierten Personen eine deutlich höhere Leistung in der zweiten Aufgabe als die nicht motivierten Personen. Offensichtlich haben die motivierten Menschen tiefer in Ressourcen gegriffen und mehr Kräfte mobilisiert.

In anderen Untersuchungen wurden einige Versuchspersonen motiviert, bereits die erste schwierige Aufgabe gut zu meistern, während andere Versuchspersonen ohne zusätzliche Motivation auskommen mussten. Überraschenderweise haben beide Gruppen eine vergleichbar gute Leistung erbracht. Allerdings hat die nicht motivierte Gruppe in einer zweiten Aufgabe viel schlechter abgeschnitten, wahrscheinlich, weil sie die erste Aufgabe viel mehr Kraft kostete. Die Befunde weisen darauf hin, dass man eine gute Leistung trotz fehlender Motivation erbringen kann, man muss allerdings umso mehr Kräfte aufbieten. Andererseits können Menschen offensichtlich von einer zusätzlichen Motivation profitieren.

Die Macht der inneren Motivation

In der Psychologie ist es längst bekannt, dass innere Motivation länger anhält, als wenn die Motivation von außen kommt. Daher kann sie von besonderem Nutzen sein wenn es darauf ankommt, sich willentlich anzustrengen. Kinder können stundenlang am PC spielen, obwohl die meisten Videospiele ein ähnlich hohes Maß an Konzentration erfordern wie das Lernen für die Schule. Doch nach einer halben Stunde Lernen fühlen sie sich erschöpft, nach einer halben Stunde Spielen immer noch fit. Die innere Motivation, die fürs Spielen offenbar genügend zur Verfügung steht, hat also viel mit Spaßfaktor zu tun. Hätte das Lernen Spaß gemacht, hätten die Kinder auch damit Stunden verbringen können.

Innere Motivation kommt häufig unbewusst zustande, zum Beispiel wenn unbewusste Motive angeregt werden oder wenn man Aufmerksamkeit automatisch auf Positives lenkt. Wir unterscheiden drei unbewusste Grundmotive, die tief in unserer Gefühlswelt verankert sind: das Streben nach Leistung, Freundschaft und Macht. Menschen mit starkem Leistungsmotiv haben Spaß daran, Herausforderungen zu meistern; Menschen mit starkem Anschlussmotiv daran, Freundschaften zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen; und Menschen mit starkem Machtmotiv daran, andere zu beeinflussen und zu kontrollieren.

Psychologen an der Technischen Universität München haben untersucht, wie die innere Motivation den Willen beeinflussen kann. Sie baten Versuchsteilnehmer, eine dominante Rolle in einem schwierigen sozialen Dialog zu übernehmen und diese vor der Kamera zu spielen. Erwartungsgemäß fiel es den Probanden mit einem ausgeprägten Machtmotiv leichter, die dominante Person darzustellen. In einem anderen Experiment sollten heftige Frustrationen überwunden werden, um ein anspruchsvolles Ziel zu erreichen. Eine Probandengruppe konnte diese Aufgabe mit besonders wenig Willenskraft meistern – die mit einem starken Leistungsmotiv. Sie nutzten ihre unbewusste Leistungsmotivation – und damit blieb ihnen mehr Willenskraft für weitere Aufgaben übrig.

Auf Positives schauen

Für die Praxis kann es heißen, mit gezielten Anreizen die innere Motivation zu erhöhen. Die Personen wenden dann weniger Energie auf, um schwierige Aufgaben zu bewältigen – und sind motivierter für die nächsten Aufträge. Zum Beispiel könnte ein Unternehmen einer machtmotivierten Person die Leitung über ein eigenes Team übertragen. Dagegen lässt sich ein leistungsmotivierter Mitarbeiter durch ein kreatives Projekt ohne großen bürokratischen Aufwand am besten anspornen.

Eine andere Möglichkeit wäre, auf Positives gezielt zu schauen. Wenn Schwierigkeiten auftreten, werden manche Menschen besorgt und entmutigt, während andere versuchen, an der schweren Situation etwas Positives zu finden und sich dadurch zu motivieren. Psychologische Forschung hat nachgewiesen, dass diese Suche nach positiven Reizen automatisch (unbewusst) ablaufen kann und dass die Menschen, so dauerhaft hohe Leistungen erbringen. Um diese Art der inneren Motivation zu stärken und automatisieren, wäre es zunächst nötig, aus jeder schwierigen oder unangenehmen Situation gezielt etwas Positives zu ziehen, sowie nach Wegen zu suchen, wie man die Situation meistern kann anstatt zu grübeln. Und dies gerne auch schriftlich. Ähnlich wie bei Pawlowschen Hunden kommt es mit der Zeit und Wiederholung zu einem Konditionierungseffekt: das Auftreten einer schwierigen Situation wird positive Emotionen automatisch hervorrufen. Dadurch steigt nicht nur die Motivation, sondern auch das Leistungsvermögen. Wollen allein genügt ja nicht, man muss auch tun.

 

A U T O R

Dr. Peter Gröpel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sportpsychologie der Technischen Universität München. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Leistungsfähigkeit in Frustrations- und Drucksituationen.


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