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07 | Juli 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Selbst bewerten und einschätzen

Macht beruflicher Erfolg glücklich? | Andrea Abele-Brehm | Anne Klostermann

Berufliche Entfaltung und Erfolg spielen eine wichtige Rolle im Leben vieler Menschen. Aber macht beruflicher Erfolg auch zufriedener im Leben? Auf den ersten Blick scheint es so. Eine genauere Betrachtung des Zusammenhangs zwischen beruflichem Erfolg und Lebenszufriedenheit liefert jedoch ein differenzierteres Bild.

Was bedeutet es, glücklich zu sein?

Zufriedenheit und Glück als Komponenten des „subjektiven Wohlbefindens“ sind für alle Menschen erstrebenswerte Ziele. Subjektives Wohlbefinden bezieht sich auf die Bewertung des eigenen Lebens sowohl in kognitiver („Ich bewerte mein Leben und meine Lebensumstände positiv“), als auch in emotionaler Hinsicht („ich erlebe häufig Freude und seltener Ärger oder Trauer“). Auf eine grobe Formel gebracht, sind 30 bis maximal 50 Prozent des subjektiven Wohlbefindens genetisch bzw. temperamentbestimmt, 40 bis 50 Prozent „intentionale Aktivität“, d.h. eigenes Tun, und 10 bis 15 Prozent „Umstände“ (z.B. Kultur, demographische Faktoren) (Lyubomirski et al. 2005). Beruf und Arbeit sind Teile der intentionalen Aktivität und können eine Determinante des Glücks darstellen. Aber nicht jeder Mensch, der beruflich erfolgreich ist, wird die Frage, ob er glücklich sei, mit „Ja“ beantworten. Wovon hängt es also ab, dass beruflicher Erfolg glücklich und zufrieden macht?

Was macht beruflichen ­Erfolg aus?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich zunächst ein Blick darauf, was beruflichen Erfolg eigentlich ausmacht. Da gibt es zum einen objektive Kriterien, anhand derer beruflicher Erfolg definiert werden kann. Die gängigsten Kriterien sind das Einkommen einer Person, ihr hierarchischer Status und das Ausmaß an Verantwortung, das er oder sie in seiner/ihrer Position innehat.

Genauso wichtig sind die subjektiven Kriterien, anhand derer beruflicher Erfolg definiert werden kann. Die subjektiven Erfolgsbewertungen sind das Ergebnis von Vergleichsprozessen, bei denen Erreichtes mit Standards verglichen wird. Wurde ein Standard erreicht oder gar übertroffen, fällt auch die Bewertung positiv aus. Wurde er nicht erreicht, fällt die Bewertung dementsprechend negativ aus. Solche Vergleichsprozesse laufen meist spontan ab, sie können aber auch das Ergebnis gezielter Reflexion sein.

Standards können aus verschiedenen Quellen gespeist sein. Häufig verwenden Menschen soziale Standards, indem sie andere Personen (in ähnlichen Lebensumständen) als Vergleichsmaßstab für ihre Erfolge nutzen. „Wie stehe ich im Vergleich zu einem ehemaligen Kommilitonen beruflich da“ ist Beispiel für einen Vergleichsprozess, bei dem ein sozialer Vergleich angestellt wird. Es gibt aber auch individuelle Standards wie persönliche (Lebens-) Ziele oder Gefühle, die als Maßstab für den Vergleichsprozess herangezogen werden. „Habe ich das erreicht, was ich mir vor zehn Jahren vorgenommen habe“ ist Beispiel für einen Vergleichsprozess, bei dem ein selbstgesetzter Standard herangezogen wird. Heslin (2003) zeigte in einer Untersuchung, dass Berufstätige, nach ihrem beruflichen Erfolg befragt, sowohl soziale als auch selbstgesetzte Standards als Grundlage für ihre Erfolgsbewertung angaben.

Zwischen objektiven und subjektiven Erfolgskriterien bestehen Wechselwirkungen, d.h. objektiver Erfolg kann subjektiven Erfolg nach sich ziehen, aber auch umgekehrte Zusammenhänge sind möglich.

Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit

Abele, Hagmaier und Spurk (2015) untersuchten in einer Längsschnittstudie, wie Berufserfolg und Lebenszufriedenheit zusammenhängen und wie dieser Zusammenhang von objektiven und subjektiven Erfolgsbewertungen beeinflusst wird. In der Studie wurden 990 Berufstätige (davon 648 Männer) zweimal im Abstand von zwei Jahren zu ihrem Berufserfolg, ihrer persönlichen Bewertung des Berufserfolgs und ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Zum Zeitpunkt der ersten Befragung waren die Teilnehmer im Schnitt 37 Jahre alt und hatten seit zehn Jahren ihren Hochschulabschluss in verschiedenen Fachrichtungen.

Objektiver Berufserfolg wurde über die Angaben der Befragten zu ihrem monatlichen Einkommen und ihrer beruflichen Verantwortung (Führungsposition, Projektverantwortung) ermittelt. Die persönlichen Bewertungen des Berufserfolgs setzen sich aus zwei Vergleichen zusammen: zum einen verglichen sich die Befragten mit früheren Kommilitonen, Akademikern im Allgemeinen und eigenen Kollegen (sozialer Vergleich). Zum anderen bewerteten sie, wie zufrieden sie mit verschiedenen Aspekten ihrer Karriere waren, zum Beispiel mit ihrer bisherigen beruflichen Entwicklung (Abgleich mit persönlichen Zielen). Die Lebenszufriedenheit wurde über einen gängigen Fragebogen erfasst, mit dem die Befragten ihre Übereinstimmung zu Aussagen wie „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich fast nichts daran ändern“ angaben.

Zusammenhang Berufserfolg und Lebenszufriedenheit

Die Autoren analysierten den direkten Zusammenhang zwischen objektivem Berufserfolg und Lebenszufriedenheit. Zusätzlich untersuchten sie, wie sich dieser Zusammenhang verändert, wenn man die persönlichen Erfolgsbewertungen zusätzlich berücksichtigt. Die Analysen zeigen, dass anfänglicher Berufserfolg zwei Jahre später nur dann zu mehr Lebenszufriedenheit führte, wenn die Befragten ihre Karriere positiv bewerteten. Die objektiven Maße des Berufserfolgs allein, Einkommen und Verantwortung, trugen nicht zu einer höheren Lebenszufriedenheit bei.

Der Zusammenhang zwischen beruflichem Erfolg und Lebenszufriedenheit ist demnach ein indirekter. Er wird maßgeblich durch subjektive Bewertungsprozesse beeinflusst. Konkret führte der Berufserfolg dann zu mehr Lebenszufriedenheit, wenn sich die Person im Vergleich mit relevanten anderen Personen gut einschätzte und wenn sich ihre beruflichen Leistungen mit ihren persönlichen Zielen deckten.

Die Schattenseiten des Erfolgs

Die Ergebnisse zeigen allerdings auch, dass Berufserfolg nicht nur positive, sondern auch negative Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit hat. Wenn man den Zusammenhang von objektivem Erfolg und Lebenszufriedenheit unter Herausrechnung des subjektiven Erfolgs anschaut, war ersterer sogar negativ. Objektiver Erfolg ohne die entsprechende subjektive Bewertung wirkte sich leicht negativ auf die Lebenszufriedenheit aus. Für diesen negativen Zusammenhang gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Eine Erklärung ist die, dass beruflich erfolgreiche Personen zeitlich sehr stark eingebunden sind und dadurch wenig Zeit für andere Lebensbereiche wie zum Beispiel soziale Kontakte haben. Letztere sind jedoch für die Lebenszufriedenheit besonders wichtig.

Fazit: Beruflicher Erfolg kann glücklich machen. Dabei kommt es aber auf die persönliche Bewertung an!


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