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07 | Juli 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Fürsorge und Schädigung

Moral in Alltag und Beruf | Wilhelm Hofmann

Wie oft und auf welche Weise spielen moralische Taten und Erlebnisse in Beruf und Alltag eine Rolle? Welchen Einfluss nehmen dabei das soziale Umfeld, der Bezug zur Religion und die poli­tische Einstellung? Kann Moral glücklich machen? Erkenntnisse aus einer Studie über moralisches Empfinden.

Egal, ob im beruflichen Leben, in persönlichen Beziehungen, oder im öffentlichen Leben: Überall ist unser Denken von moralischen Urteilen mitbestimmt. Das heißt, wir unterscheiden zwischen dem, was wir für „gut“ und „richtig“ halten, und dem was wir für „schlecht“ und „falsch“ halten und richten unser Handeln danach aus. Doch wie häufig sind moralische Taten und Erfahrungen eigentlich im täglichen Leben? Welche Rolle spielen dabei politische Einstellung, Religiösität und das soziale Umfeld? Und macht Moral glücklich? Zusammen mit meiner Kollegin Linda Skitka (University of Illinois at Chicago) und den Kollegen Daniel Wisneski (St. Peter’s College) und Mark Brandt (Universität Tilburg) bin ich diesen Fragen der Alltagsmoral in einer groß angelegten Feldstudie nachgegangen, deren Ergebnisse kürzlich in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurden.

Einer unserer Ausgangspunkte war, dass es zwar einerseits eine sehr umfangreiche Forschungsliteratur zu moralischen Urteilen gibt. Allerdings wurden die bestehenden psychologischen Erkenntnisse zur Moral fast ausschließlich über hypothetische und andere artifizielle Urteilsaufgaben gewonnen. In einem sehr populären Gedankenexperiment, dem sogenannten Trolley-Paradigma, werden Versuchsteilnehmer beispielsweise vor die Wahl gestellt, ob sie eine dickleibige Person von einer Fußgängerbrücke auf die Gleise schubsen würden, um mit dieser Tat eine heranrasende, unbemannte Draisine zum Stillstand zu bringen, die ansonsten fünf Bahnarbeiter umbringen würde. Obwohl derartige Szenarien für die Auslotung der Denkmechanismen beim moralischen Urteilen sehr nützlich sein können (in diesem Fall die Rolle emotionaler Reaktionen), stellte sich uns die Frage nach der ökologischen Validität der Gültigkeit und Relevanz der gewonnen psychologischen Untersuchungsbefunde für das Alltagsgeschehen.

Alltagsnah messen

Um moralisches Verhalten und Empfinden möglichst alltagsnah zu messen, wählten wir ein für die Moralforschung neuartiges Paradigma: Wir nutzten unterschiedliche Kanäle um über 1.200 Erwachsene aus allen Regionen der USA und Kanadas zu rekrutieren (sogar aus entlegenen Regionen Alaskas machten Menschen bei der Studie mit). Allen Teilnehmern schickten wir drei Tage lang je fünf Kurznachrichten auf ihre Mobiltelefone. Mit jeder dieser SMS wurden die Teilnehmer aufgefordert, in einem kurzen Onlinefragebogen Auskunft zu geben über etwaige in der letzten Stunde begangene oder beobachtete moralische bzw. unmoralische Handlungen. Insgesamt rund 13.000 Antworten wurden auf diese Weise aus dem täglichen Leben der Teilnehmer geschöpft. Etwa 30 Prozent davon handelten von moralisch relevanten Ereignissen, in den restlichen 70 Prozent fiel laut Auskunft der TeilnehmerInnen nichts moralisch Relevantes vor.

Inhaltlich am häufigsten waren Ereignisse, die mit Fürsorge bzw. Schädigung zu tun hatten – die wichtigste Grunddimension moralischen Verhaltens und Urteilens. Aber auch weitere Grunddimensionen bestimmten den moralischen Alltag der Teilnehmer, wie etwa Fairness bzw. Unfairness (ob es bei der Aufteilung von Gütern „gerecht“ zugeht), Aufrichtigkeit bzw. Unaufrichtigkeit (ob die Wahrheit geachtet wird), Loyalität bzw. Illoyalität (ob man der Familie oder nahe stehenden Personen treu ist), Reinheit bzw. Unreinheit (ob etwas besonders „Reines“ oder „Unreines“, „Unanständiges“ getan wird) und Autorität bzw. Unterwanderung von Autorität (ob man Autoritätspersonen, Gesetze und Regeln achtet). Insgesamt reichten uns acht derartige Tiefenstrukturen aus, aufbauend auf den Arbeiten um Jonathan Haidt und Jesse Graham, um die gesammelten Antworten möglichst vollständig zu kategorisieren.

Unsere nächste Frage war, ob die politische Einstellung einen deutlichen Einfluss auf die Betonung moralischer Inhalte hat. Einige Autoren haben zuletzt argumentiert, dass (US-amerikanische) Konservative und Liberale bildlich gesprochen „von anderen Planeten“ seien, da ihre moralischen Geschmäcker so unterschiedlich ausgeprägt seien. Das konnten wir in dieser Schärfe allerdings nicht bestätigen: Zwar berichteten politisch eher links ausgerichtete Teilnehmer etwas häufiger von Ereignissen, die mit Fairness bzw. Unfairness und Aufrichtigkeit bzw. Unaufrichtigkeit zu tun hatten als politisch eher rechts ausgerichtete TeilnehmerInnen. Rechte wiederum betonten Loyalität und Illoyalität und Reinheit und Unreinheit mehr als Linke. Diese gefundenen Unterschiede waren jedoch relativ gering. Somit unterscheidet sich das moralische Alltagserleben konservativer und liberaler Menschen eher in Nuancen (was aber natürlich nicht ausschließt, dass sich beide Parteien in politischen Angelegenheiten regelmäßig im Clinch miteinander liegen).

Auch die These, dass religiöse Menschen mehr moralische Taten vollbrächten als nicht-religiöse, stützen die Daten aus dem Lebensalltag nicht: So fanden wir mit unserer Methode keinerlei objektive Unterschiede in der durchschnittlichen Häufigkeit begangener moralischer oder unmoralischer Taten zwischen religiösen und nichtreligiösen Teilnehmern. Zudem konnten unabhängige Beurteiler, die die Kurzberichte der Teilnehmer (ohne Kenntnis von deren Religionszugehörigkeit) bewerteten, keinerlei Unterschiede in der durchschnittlichen Qualität moralischer Taten zwischen Religiösen und Nichtreligiösen feststellen. Allerdings fanden wir auf der subjektiven Ebene, dass religiöse im Vergleich zu nichtreligiösen Menschen intensivere moralische Emotionen wie Schuld und Abscheu beim Begehen unmoralischer Taten erlebten, sowie mehr Stolz und Dankbarkeit in Reaktion auf ihre moralischen Taten.

Wir untersuchten auch die Frage, ob die Häufigkeit moralischen Verhaltens von vorangegangenen moralischen Ereignissen in der Lebensumwelt der Teilnehmer abhängt. Die Analyse moralischer Dynamiken über den Tag hinweg erbrachte u.a. Evidenz für einen moralischen Ansteckungseffekt: Waren die Versuchsteilnehmer an einem gegebenen Tag Ziel einer moralischen Tat, so steigerte dies die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst danach auch eine moralische Tat vollbrachten. Anders ausgedrückt: „Gutes tut, wem Gutes widerfährt“.

Glück und Sinn

Schließlich fragten wir uns angesichts einer langen Tradition philosophischer Arbeiten zum guten Leben, ob moralische Erfahrungen unmittelbare Auswirkungen auf das Glücksempfinden und das Erleben von Sinn haben? Hier zeigten sich sehr deutliche Effekte: Moralische Erfahrungen standen mit deutlich höherem momentanen Wohlbefinden und höherer erlebter Sinnhaftigkeit in Zusammenhang als unmoralische Erfahrungen. Am Glücklichsten im jeweiligen Moment waren die Teilnehmer übrigens, wenn sie selbst die Adressaten der moralischen Taten anderer waren. Dagegen hing das Sinnerleben am stärksten von den eigenen Taten ab. Allerdings erlauben diese Befunde lediglich Rückschlüsse auf das Hier und Jetzt. Ob moralische Taten und Erfahrungen auch langfristig Glück und Sinn spenden, wie wir das vermuten würden, müssen stärker längsschnittlich angelegte Projekte klären. Der sich stärker aus dem Labor herausbewegenden empirischen Moralforschung stehen aufregende Zeiten bevor.

 

A U T O R

Wilhelm Hofmann ist Professor für Social and Economic Cognition im Department Psychologie an der Universität zu Köln.


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