Universität
02 | Februar 2013 Artikel versenden Artikel drucken

Einsamkeit und Freiheit

Wer verteidigt die Leitidee der Institution Universität? | Georg Kamphausen

In den Festveranstaltungen von Wissenschaftsorganisationen oder Universitäten ist es heute nahezu verpönt, auf die Idee der Universität, auf Einsamkeit und Freiheit als Grundkonstituenten der Wissenschaft, hinzuweisen oder darüber nachzudenken. Das gereicht der Institution zum Schaden. Eine Erinnerung an die Idee der Universität, die auch nicht mit Kritik an der Gegenwart spart.

Die Welt ist zwar alles, was der Fall ist, aber nicht alles, was geschieht ist wert, beobachtet, kommentiert und beurteilt zu werden. Die „unübersehbare Mannigfaltigkeit“ der uns umgebenden Erscheinungen teilt uns ihre je besondere „Kulturbedeutsamkeit“ nicht mit. „Alle denkende Erkenntnis der unendlichen Wirklichkeit durch den endlichen Menschengeist beruht daher auf der stillschweigenden Voraussetzung, dass jeweils nur ein endlicher Teil derselben den Gegenstand wissenschaftlicher Erfassung bilden kann“, so Max Weber. Nach welchen Prinzipien aber dieser Teil ausgesondert wird, gehört zu dem wohl wesentlichsten Problem der gegenwärtigen Bildungsdebatte. Nach welchen Kriterien unterscheiden wir zwischen dem, was uns wissenswert und dem, was uns bedeutungslos erscheint? Dass jene Gesichtspunkte dem Stoff selbst nicht entnommen werden können, ist dem gegenwärtig vorherrschenden konsumistischen Zeitgeist zumeist nicht klar. Er schließt umstandslos vom Sein auf das Sollen und hält es dementsprechend für eine unwiderlegbare Tatsache, dass Kinder einen eigenen Fernseher, PC und Handy benötigen, die Schule für die Erziehung des Nachwuchses zuständig sei und die Bildung einzig und allein praktischen Zielen (Berufsvorbereitung) zu dienen habe und nicht um ihrer selbst willen gewollt werden sollte. Diese vorherrschende „Erkenntnistheorie“, die mit einem pragmatisch-hedonistischen Handlungsmodell einher zu gehen pflegt, beruht auf Voraussetzungen, die Alexis de Tocqueville vor nahezu 200 Jahren eindringlich beschrieben hat: „Das herausragendste Kennzeichen demokratischer (lies: moderner) Zeitalter ist die Vorliebe des Menschen für leichte Erfolge und Genüsse des Augenblicks. Diesen begegnet man im Lebenslauf der Gebildeten wie aller anderen. Die Mehrzahl derer, die in Zeiten der Gleichheit leben, sind von einem zugleich lebhaften und schwächlichen Ehrgeiz erfüllt; sie wollen sogleich große Erfolge erzielen, aber sie möchten sich großer Anstrengungen enthalten. Diese widersprechenden Regungen drängen sie unmittelbar zum Suchen allgemeiner Begriffe, dank derer sie sich einbilden, mit wenig Aufwand weitumfassende Gegenstände zu schildern und die öffentliche Aufmerksamkeit mühelos auf sich zu lenken. (…). Ganz so unrecht haben solche nicht, denn ihre Leser fürchten sich vor Vertiefung ebenso wie sie selbst und suchen in den Schöpfungen des Geistes gewöhnlich nur leichtes Vergnügen und Belehrung ohne Anstrengung“ (II, 29). Dabei handelt es sich vor allem um eine Kritik von Allgemeinbegriffen, die selten oder nie in Frage gestellt werden, weil und insofern sie dem gegenwärtigen Selbstverständnis zufolge als „selbst-evident“ gelten. Diese allgemeinen Begriffe „haben das Wunderbare an sich, dass sie dem menschlichen Geist erlauben, über eine große Zahl von Dingen gleichzeitig rasche Urteile abzugeben; andererseits aber liefern sie ihm immer nur unvollständige Kenntnisse, und was sie ihm dabei an Weite gewähren, entziehen sie ihm an Genauigkeit“ (II, 27). „Jeder ist heute geschäftig; die einen wollen an die Macht gelangen, die andern Reichtum ergattern. Wo soll man in diesem allgemeinen Wirbel, in diesem ständigen Zusammenprall entgegengesetzter Interessen, in diesem fortwährenden Rennen der Menschen nach Geld die Stille finden, die dem vertieften Forschen des Geistes nötig ist? Wie soll man sein Denken auf irgendeine Sache sammeln, wenn alles ringsum in Bewegung ist und man selbst täglich vom reißenden Strom, der alles mit sich wälzt, fortgetragen und geschaukelt wird?“ (II, 54). Und weiter heißt es: „Jeder trachtet sich nun selbst zu genügen, und er setzt seinen Stolz darein, sich über alles ihm gemäße Glaubensansichten zu bilden. Die Menschen sind bloß noch durch Interessen und nicht mehr durch Gedanken verbunden, und es ist, als seien die Anschauungen der Menschen nur noch eine Art Gedankenstaub, der in allen Richtungen durcheinanderwirbelt, ohne sich ballen und setzen zu können“ (II, 19).

»Die Menschen sind bloß noch durch Interessen und nicht mehr durch Gedanken verbunden.«

Das ist eine sehr präzise Beschreibung der wesentlichen Elemente jener Überzeugungen und neuen Lebensverhältnisse, in denen wir uns eingerichtet haben: Bezweiflung aller Autoritäten, Emanzipation und Selbstautorisierung, Subjektivierung aller Wahrheitsansprüche, anti-institutioneller Affekt, Anpassung an die Herrschaft der öffentlichen Meinung, Kritizismus, Nörgelei und Unzufriedenheit (Neid), Desinteresse an Ideen, Schaumschlägerei und Hang zur Selbstdarstellung (Selbstvermarktung), Vorliebe für Events und Sensationen, Differenzierungsverlust (Gleichmacherei), Orientierung an der „Normativität des Faktischen“ (Effizienz, Nützlichkeit).

Gemeinsam geteilter Erfahrungsraum

Das „soziale Kapital“ moralischer Autonomie beruht in der bürgerlichen Gesellschaft ganz entscheidend auf dem Glauben an und dem Vertrauen auf die bürgerliche Kultur und ihre Institutionen, die mitsamt ihren Ideen, Weltanschauungen, Ideologien und ihrer wissenschaftlichen Weltsicht gemeinsame Maßstäbe der Beurteilungsfähigkeit und den Kanon eines gemeinsam geteilten Wissensbestandes hervorbringen und institutionell stabilisieren. Dazu gehört neben dem sichtbaren Erfolg in der Wirtschafts- und Arbeitswelt (ökonomische Selbständigkeit), der wachsenden Teilhabe am politischen Geschehen (Wahlrecht) sowie der Fähigkeit, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen (Kant) insbesondere auch die Erfahrung eines Rückhalts in dem mit anderen Bürgern geteilten Hintergrundwissen über die Verlässlichkeit einer sozialen Ordnung und die Möglichkeit, sich in ihr orientieren zu können. Das Wirtschafts- und Bildungsbürgertum bezieht seine eigenen, autonomen Werte (Ehrbarkeit) aus einem gemeinsam geteilten Erfahrungsraum und einer „repräsentativen Kultur“, die die Auswahl der für kulturbedeutsam erachteten Selektionskriterien regelt und damit Evidenzen und Plausibilitäten sowie Exklusions- und Inklusionsargumente der unterschiedlichsten (und oft genug höchst problematischen) Art bereitstellt. Dass nicht nur der Erfahrungsraum, sondern auch die Institutionen einem permanenten Wandel unterliegen, versteht sich von selbst. Die entscheidende Frage ist nun, ob sich unser Vertrauen in die Kompetenz Anderer rechtfertigen lässt, das heißt, ob und inwieweit die Institutionen, Einrichtungen und Berufe, denen wir unser Vertrauen schenken, dieses Vertrauens auch würdig sind. Der Zweifel ist nicht nur die Mutter der Erkenntnis, er nagt auch an den Fundamenten einer bürgerlichen Ordnung, die das Problem der Herrschaft des Menschen über seinesgleichen nicht still legen kann. Wer die Institutionen von und in denen er lebt, nicht verteidigt, darf sich über seine eigene Orientierungslosigkeit nicht beschweren. Der gebildete Laie liegt heute ständig auf der Lauer, um die Schwächen aller Experten und Autoritäten aufzuspüren, und seine damit einher gehende wachsende Gleichgültigkeit gegenüber den Selektionsleistungen von Institutionen ruiniert letztlich die Fundamente seiner bürgerlichen Lebensführung selbst.

»Wer die Institutionen, von und in denen er lebt, nicht verteidigt,
darf sich über seine eigene Orientierungslosigkeit nicht beschweren.«

Plausibilitätsverlust institutioneller Leitideen

Der Plausibilitätsverlust institutioneller Leitideen (idée directice) ist vor allem das Ergebnis der wachsenden Erlebnisorientierung sozialen Handelns (event) in sporadisch entstehenden Konsumentengemeinschaften (Szenen), die sich in der Darstellung ihres eigenen Selbst medial vergesellschaften (Verbühnung). Dies ist in allen Institutionen zu beobachten, in der Ökonomie, im Kulturbetrieb, in Universität, Paarbeziehungen oder Kirchen. Nur wer konsumbereit ist, ist auch erlebnisfähig, der Selbstgenuss wird als solipsistischer Intimverkehr denkbar. Da den meisten Institutionen (Ehe, Familie, Schule, Universität, Kirchen) ihre Selektionsleistung, also die Fähigkeit sowie das Recht auf Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig, wahr und falsch, bedeutsam und irrelevant, heilig und profan abgesprochen wird (anti-institutioneller Affekt), wird der Verweis auf gemeinsam geglaubte Ideen, einen gemeinsam für wichtig erachteten Kanon, also auf einen moralischen Common Sense, immer unwahrscheinlicher. Das fördert ein Verhalten der Entscheidungsverweigerung und führt – insbesondere in der gegenwärtigen Praxis des Vernunftgebrauchs zum Verschwinden der Ironie als Schutz vor offensichtlicher Dummheit. Nicht nur in der viel gelobten „freien Wirtschaft“, sondern insbesondere in den staatlich alimentierten Dienstleistungsberufen ist eine Refeudalisierung von Hierarchien zu beobachten, also die Gewährung von Zugangschancen durch konsequente Abschaffung von Leistungskriterien insbesondere in jenen sozialen Räumen, in denen durch informelle Beziehungsarbeit miteinander gut vernetzte „neue Stände“ entstanden sind. Anders formuliert: Gerade im Bereich der Bildungseinrichtungen führt die Banalisierung, Relativierung oder Zerstörung kultureller Selektionskriterien, die ehedem durch die Leitideen gesellschaftlicher Institutionen garantiert und bewehrt wurden, zu einer Vermehrung von Beliebigkeiten und einem opportunistischen Denkstil, der das gerade „Gegebene“ für das „zwangsläufig Notwendige“ hält. Einige wenige Beispiele aus den Bereichen Bildung und Universität sollen das Gesagte verdeutlichen:

Der Einzug des Praxisbezugs in die Universitäten

Erstens: Mit der Bachelorisierung aller Studiengänge hat der Grundsatz vom Praxisbezug Einzug in die Universitäten gehalten. Abgesehen davon, dass es schon komisch wirkt, ein Plädoyer für die Berufsbezogenheit akademischer Studien aus dem Mund von Professoren zu hören, die nie oder höchst selten über eigene Berufserfahrungen außerhalb der Universität verfügen, steckt in dieser banalen Fassung der gesellschaftlichen Nützlichkeitsfunktion von Wissen bereits das ganze verbreitete Ressentiment gegenüber der Idee einer Universität, die mehr zu sein hat als die (nach der Höheren Schule) nächst höhere Schule. Wilhelm von Humboldt ging es nicht darum, vom Staat die Freiheit der Universität zugunsten einer korporativen Selbstverwaltung zu fordern, sondern er trat den pragmatischen, auf nützliche Berufsausbildung ausgehenden Forderungen des Staates als Repräsentanten der gesellschaftlichen Interessen entgegen. Darin liegt seine auch heute noch unglaubliche Modernität und Radikalität: Bildung um ihrer selbst willen kann es nur in einer Universität geben, die nicht als der verlängerte Arm nützlichkeitsorientierter bürgerlicher Interessen organisiert wird. Freiheit im Humboldtschen Sinne bedeutet Freiheit von der Berufsausbildung, und es ist bedeutsam, dass Humboldt gerade an diesem Punkt mit kompromissloser Schärfe formuliert: Die Freiheit vom Staat, die Humboldt forderte, ist eine Freiheit von den Ansprüchen der Erwerbs- und Produktionsgesellschaft. Akademisch heißt daher immer auch: theoretisch und theoretisch bedeutet immer philosophisch.

»Freiheit im Humboldtschen Sinne bedeutet Freiheit von der Berufsausbildung.«

Die „Antiquarisierung“ von Klassikern, das Desinteresse an der Fachgeschichtsschreibung und die Entprofessionalisierung eines disziplinären Kanons haben jene „Diskurse“ befördert, die über die Grenzen einzelner Fachwissenschaften hinausreichend dem Zauberwort „Kulturwissenschaft“ zum Durchbruch verholfen haben, mit dem alle fachlichen und professionellen Präzisierungen obsolet werden. Differenzierungsgewinne sind nicht mehr erwünscht, da sie die öffentliche Kommunikation erschweren. Wer wahrgenommen werden will, kann sich auf die kleine Schar anderer Spezialisten nicht reduzieren. Da er im Medium einer erweiterten Öffentlichkeit handelt, poliert er seinen Internet-Auftritt und ist stark an Selbstvermarktung interessiert. Begriffe wie inter- und: transdisziplinär markieren den begeisterten und vollständig kritiklos hingenommenen Differenzierungsverlust des wissenschaftlichen Spezialistentums in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Kurzum: der Trivialisierung der Wissenschaften (Friedrich Tenbruck) folgt die Banalisierung kultureller Selektionskriterien und Bewertungsmaßstäbe auf dem Fuße.

Bekenntnis zu einem Kanon

Zweitens: Die Gewinnung von Maßstäben der Orientierungsfähigkeit ist ohne Bekenntnis zu einem Kanon, ohne disziplinäre Eigenlogik und fachliche Spezialisierung kaum denkbar. Die „undergraduate studies“ und ihre „general curricula“ in den Vereinigten Staaten haben mit dem Bachelor-Studium à la bolognese daher nichts gemein. Der in einem „studium generale“ präsentierte Fächer- und Autorenkatalog beschreibt einen common sense hinsichtlich wichtiger Probleme und Fragen, also einen gemeinsam geteilten Referenzrahmen, den es im Zeitalter eines nahezu vollständigen Relativismus nicht geben kann. Ein „studium generale“ ist nicht mit dem uninspirierten Themensalat identisch, in den jeder Fachbereich seine Lieblingsingredienzen kippt. Interdisziplinären Kredit kann nur der erwerben, der zuvor disziplinäres Kapital angehäuft hat.

Ohne einen Kanon wird es auch hier nicht gehen und: Wer soll denn in einer nahezu vollständig ent-akademisierten Universität einen akademischen Ansprüchen genügenden Unterricht erteilen, der über das Niveau von Volkshochschulkursen hinausgeht? Wie kann man die mangelnde Bibelkenntnis kompensieren, wenn es (wie an meiner Universität) keine Theologen, wer führt in die Bildersprache der Renaissance ein, wenn es keine Kunstgeschichte mehr gibt? Wie lassen sich philosophische Grundkenntnisse verteidigen, wenn die Vermittlung theoretischer Kompetenzen kein ausdrückliches Ziel multi-, trans- und interdisziplinärer Studiengänge mehr ist? Was geschieht, wenn das Selbstverständliche, das unbefragt Gültige nicht mehr selbstverständlich ist? Was geschieht, wenn niemand mehr über offensichtliche Dummheiten oder Peinlichkeiten, über schlechten Geschmack und intolerierbares Verhalten lacht? Die bürgerliche Vernunft kennt als Prüfverfahren noch den „test by ridicule“: Eine Absurdität kann nur so lange vertreten werden, wie sie eine Maske trägt.

Lionel Trilling sagte es noch einfacher: Der Bürger habe eine „moral obligation to be intelligent”. Die Vorstellung, dass man andere vor seinem eigenen Selbst verschonen müsse, verwandelt sich heute in die Aufforderung, sich überall ganzheitlich und voll inhaltlich einbringen zu sollen. Es entsteht ein kulturell dominierendes Selbstverwirklichungsgebot, dem Nähe und Unmittelbarkeit als Werte an sich gelten. Die Suche nach dem wahren Selbst ist aber nichts anderes als eine Selbsterfahrung ohne Welterfahrung, die keine Gegenstände mehr kennt.

»Selbst die Priester tarnen sich heute als Laien.«

Zwischen Abgrenzung und Differenzierung

Drittens: Aus der Not einer zunehmenden Isolierung entsteht die Versuchung, so verwechselbar zu sein wie die homogenisierte soziale Umwelt. Je mehr sich die Besonderheiten der gesellschaftlichen Schichtung verlieren, desto mehr wird nach dem Unverwechselbaren in solchen Eigenarten gesucht, die sich aber sogleich wieder als Allgemeinheiten entpuppen. Dies führt zu einem permanenten Wechselspiel zwischen Abgrenzungsversuchen (Besonderungen) und Differenzvernichtungen. Die selbstverständliche Anerkennung jedweden Spezialisten- und Fachmenschentums (Max Weber) kann unter diesen Umständen immer seltener erbracht werden. Welcher Lehrer möchte noch als „Autorität“ gelten, welche Mutter ist nicht stolz, wenn man sie für die ältere Schwester ihrer Tochter hält; und selbst die Priester tarnen sich heute als Laien. Dadurch wird der Schein der „Entideologisierung“ und „Herrschaftslosigkeit“ verstärkt. Es entsteht die Vorstellung, alle Autoritäten hätten sich dem Pragmatismus und der Philosophie der Nützlichkeit verschrieben. Es entsteht der Eindruck von spannungslosen, nicht-ideologisch motivierten Verhaltensweisen, einer nüchternen, illusionsfeindlichen und antiideologischen Tendenz.

Netzwerke

Vieles spricht dafür, dass die Begeisterung für das eigene Selbst mit dem Bedürfnis einhergeht, Reibungsverluste zu vermeiden, sich den Anderen angenehm und gefällig zu machen. Hilfreich ist dazu die Verwendung möglichst weiter Begriffe, die in der Lage sind, Widersprüche zu überdecken. Emotionalisierung beschleunigt die Erfindung von Bedeutsamkeiten, steigert das Selbstwertgefühl und verhindert Beschämung durch das intellektuelle Mittel der Ironie. Eigenlob stinkt nicht mehr, wenn sich alle auf dem Laufsteg befinden und die Dauerpräsentation des Ich zur sinnstiftenden Tätigkeit geworden ist. Das alles geht einher mit einer zunehmenden Refeudalisierung der Herrschaftsverhältnisse. Der gegenwärtig zu beobachtende „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ hört auf den Namen Netzwerk, die um der Verwirklichung rein ideenloser Interessen willen sich bilden (und deshalb eine Begriffsakrobatik pflegen, die vollständig wirklichkeitsresistent ist). Es handelt sich dabei um Gruppen, die überein gekommen sind, in einer bestimmten Weise zu denken, man könnte sie als weltanschauungsfeindliche (ideenlose) Sekten beschreiben, die sich an bestimmte (modische) Themen anklammern und über spezifische Themen, Agenden, Events etc. definieren. Das bringt jeden Sachwiderspruch sofort zum Schweigen. Jeder ist sein eigener Experte auf eigenem Gebiet und für sich selbst: das erlaubt eine ganz wunderbare Harmonie kommunikativer Herrschaftslosigkeit. Netzwerke sind milieuspezifische Kleinwelten ohne Angriffsflächen, ohne Gegner, die nur aus Freunden (Re-Tribalisierung) bestehen. Was sich dabei herausbildet, ist eine von beschreibbaren Fähigkeiten und formalen Kompetenzen völlig absehende Elite der Arrivierten, deren leitende Philosophie der Opportunismus ist. Wahr ist das, was man in den sich gegenseitig tolerierenden oder gar nicht erst zur Kenntnis nehmenden Teilöffentlichkeiten für wahr hält, Religion ist das, was der Mehrheit frommt, Familie das, was der eigenen Selbstentfaltungsdynamik nützt, die Universität ein Ort zur Verbesserung von Selbstvermarktungschancen, Politik das, was niemanden mehr interessiert. Bedarf es eines Nachweises, warum die flächendeckende Verwendung des Begriffes „Exzellenz“ alles Expertentum vernichtet? Während Aristoteles als Meister der „theoria“ mit Recht davon ausging, dass bestimmte Grundsätze des logischen Denkens von niemandem geleugnet werden können, eine im wahrsten Sinne des Wortes „zwingende“ Argumentation also möglich sei, sieht die gegenwärtige praktische Erfahrung anders aus: der Mensch zieht die Flucht in den Subjektivismus („ich meine aber“) vor, anstatt auf dem Schlachtfeld der Logik unterzugehen. Darf man noch im Gefolge Max Webers die Meinung vertreten, Wissenschaft müsse auch einem Chinesen verständliche Ergebnisse produzieren, ohne des Eurozentrismus geziehen zu werden? Gegenwärtig wäre es schon ein großer Fortschritt, wenn es gelänge, sich innerhalb einer Fachdisziplin auf akademische Standards zu verständigen.

Wenn eine Universität mehr leisten soll als Ausbildung (nämlich Bildung), wie erst unlängst der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (Hippler) forderte, dann möchte man gerne genauer wissen, was sich die neuen Bildungsliebhaber (die in den letzten Jahren das Bildungsideal Humboldts lächerlich gemacht haben) unter „Bildung durch Wissenschaft“ im Zusammenhang der sogenannten Hochschulreform denn vorstellen. Und darf man Herrn Gaehtgens oder Frau Wintermantel, die mitsamt ihren überaus eifrigen Studiengangskonstrukteuren maßgeblich an der Entakademisierung der Universitäten beteiligt waren überhaupt fragen, was sie sich (abgesehen von ihrer eigenen Profilierung) von der lustvoll betriebenen Ruinierung der Geisteswissenschaften und der Universitäten erhofft haben?

 

A U T O R

Professor Dr. Georg Kamphausen lehrt Soziologie an der Universität Bayreuth.


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