Entschleunigung
07 | Juli 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Lektionen der Unruhe

Über das Bekannte, das unbekannt geblieben ist | Ralf Konersmann

Schnelligkeit, Beschleunigung und Unruhe prägen den Alltag der Menschen des 21. Jahrhunderts auf der ganzen Welt. Ist die Unruhe ein Defekt oder gar eine pathologische Verirrung, der man einfach mit Ruhe und Entschleunigung begegnen muss? Gehört dieser Trend zur Entschleunigung, mit dem man „schleunigst“ den Schalter umlegen will, selbst zu den Denkschablonen einer Unruhekultur? Ein Beitrag zur Situation der Zeit jenseits der Kulturkritik.

Wir alle haben die Lektionen der Unruhe gelernt. Sie sind uns in Fleisch und Blut übergegangen, ohne dass wir uns dafür hätten anstrengen müssen. Um sie zu verinnerlichen, hat es vollkommen ausgereicht, sich ihnen nicht zu widersetzen.

Die Alltagsregeln, mit denen wir uns zur Ordnung rufen, die zahllosen Selbstermutigungen, die uns durch den Tag helfen, sprechen eine deutliche Sprache. Sie versichern uns, dass noch nicht aller Tage Abend ist und jeder es schaffen kann; dass wir nicht zurückbleiben und aus jeder Krise gestärkt hervorgehen; dass es so nicht bleiben kann und dass das Bessere der Feind des Guten ist. Sie ermahnen uns, dass wir den Mut nicht sinken lassen, dass wir nichts versäumen, nicht trödeln und nicht zögern dürfen; dass wir mithalten müssen und den Anschluss nicht verlieren dürfen; dass man etwas aus sich machen, dass man vorankommen, durchstarten und öfter mal was Neues anfangen muss; dass wir uns immer wieder neu erfinden; dass wir die Hände nicht in den Schoß legen; dass wir mit der Zeit gehen und am Ball bleiben; dass wir immer wieder aufstehen und niemals aufgeben; dass wir Schritt halten, dass wir uns nicht festlegen dürfen, nicht einrosten, kein Moos ansetzen und nicht schlappmachen …

Gemeinsam mit den Refrains aus den Charts („Keep On Moving“), den Filmtiteln („Run All Night“) und den Werbejingles („Always In Motion“) fügen sich die Gemeinplätze der alltäglichen Mobilmachung, ohne sonderlich tiefschürfend zu sein, zu einem Konsens der fortgesetzten Selbstüberbietung. In diesen Konsens einzuwilligen fällt uns umso leichter, als wir des allgemeinen Einvernehmens sicher sein dürfen. Mal um Mal erneuern diese Selbstermahnungen das Bekenntnis zu dem, was durch das Meinungssystem, was durch Sitte und Gewohnheit schon im Vor­hinein als fraglos beglaubigt ist.

Ontologisches Gefälle

Wie aber sind wir dahin gekommen? Woher die verbreitete Sorge, nicht voranzukommen und auf der Stelle zu treten? Was ist das für eine Gedankenordnung, in der Stillstand als Rückschritt gilt und Abwarten als Lähmung? Wie konnte es geschehen, dass wir die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, die einmal die Namen des Glücks gewesen sind, gegen das Versprechen der Unruhe eingetauscht haben? Und wer ist, von all diesen Überzeugungsroutinen einmal abgesehen, dieses Wir? Wer sind die Propagandisten der Unruhe?

Die eingangs zitierten Faustregeln deuten darauf hin, dass wir es weniger mit einer natürlichen Veranlagung zu tun haben, mit dem arttypischen Verhalten des Homo sapiens sapiens, als mit einer kulturellen Konvention, die darüber entscheidet, was für uns das Normale ist. Basis dieser Grundeinstellung ist die verbreitete Gewissheit, dass die Welt nicht ist, wie sie sein soll, dass sie also ihren eigenen Idealwert fortwährend verfehlt. Diese Ausgangslage, dieses ontologische Gefälle und die Überzeugung, dass ein richtiges Leben im falschen undenkbar sei, lässt nur einen Schluss zu: dass die Welt so, wie sie ist, nicht bleiben kann, und in einer permanenten, niemals nachlassenden Veränderungsbewegung zurechtgerückt werden muss.

»Es bleibt erstaunlich, wie ein Kulturkonsens
der Unruhe verbindlich werden konnte.«

Und doch bleibt erstaunlich, wie ein solcher Kulturkonsens hat entstehen können, wie er für die gleiche Kultur, die über Hast und Ruhelosigkeit, über Nervosität, Stress und neuerdings auch über Burnout laut und vernehmlich Klage führt, verbindlich werden konnte. Noch einmal also die Frage, wie, auf welchen Wegen dieser Grundsatz des ontologischen Gefälles die Menschen überzeugt hat. Wie sind wir dahin gekommen, der wirklichen Welt, die wir haben, die möglichen Welten vorzuziehen, die wir nicht haben und vielleicht niemals haben werden?

Die kulturelle Selbstbefragung, die Frage nach der Herkunft dieses Denk- und Verhaltensschemas der Unruhe, führt zurück zu den mythischen Quellgebieten der westlichen Kultur. Nach Auskunft dieser ältesten Erzählungen ist nicht die Unruhe ursprünglich, sondern die Ruhe. Nach dem Verstoß gegen das göttliche Gebot ging diese Ruhe jedoch verloren und musste der Unruhe weichen. Die Unruhe, das ist die Lehre namentlich der alttestamentarischen Ursprungserzählung, ist etwas Sekundäres und schon nicht mehr der Ursprung, sie ist ein Mal und ein Makel.

Alles, was den Menschen seither widerfuhr, stellt der religiöse Mythos in den Horizont des uranfänglichen Verstoßenseins und des strafenden Entzugs der Ruhe. So stiftet die Urgeschichte des Mythos einen Weltentwurf, in dem auch er selbst, seine eigene Besinnungsleistung, ihren Ort hat: als erzählerische Vergewisserung einer zunächst bloß bewusstlos gelebten und dann, eben durch den Mythos, mit sich selbst bekanntgemachten Situation. Im Zuge dieser Vergewisserung, dieser Verdeutlichung der Unruhesituation, hat der Mythos die Unruhe als Zeichen verständlich gemacht, das den Nachgeborenen aller Zeiten vor Augen führt, was sie seither sind: Wesen in Unruhe.

Herkunft aus dem Mythos

Rund zweitausend Jahre hat es gedauert, bis diese Erzählung, ohne dass ihre Sinnstruktur gelitten hätte, neuen und freieren Lesarten Raum bot. Aus der Unruhe, die einmal das Verhängnis gewesen war, wurde plötzlich das nicht weniger glaubwürdige Versprechen, entweder zu jenem Ursprung der Ruhe zurückzukehren oder etwas ihm Ebenbürtiges vollkommen neu zu erschaffen.

Entscheidend ist, dass im Zuge dieser Übernahmen und Fortentwicklungen des Mythos der zentrale Gedanke, der Gedanke der nachparadiesischen und deshalb unvollkommenen Welt, erhalten blieb. Allerdings trat an die Stelle der Vorsehung der Mensch, der nun zu der Überzeugung kam, dass ihm mit der Unruhe das Werkzeug seines Weltbemächtigungsverlangens immer schon an die Hand gegeben war. Die frühneuzeitlichen Philosophen haben den Mythos, der vom Verstoßensein in die Unruhe gesprochen hatte, neu gelesen und als die bereits in grauester Vorzeit ausgegebene Lizenz verstanden, die doch offenbar gottgewollte Situation der Unruhe als offenen Raum ungeahnter Möglichkeiten zu erkennen und bereitwillig anzunehmen.

In dieser Lesart ist es nicht der Logos, der die Herrschaft des Mythos beendete, sondern der Mythos selbst, der sich mit der Erzählung von der Verstoßung des Menschen aus der Ruhe des Ursprungs die Basis seines Glaubwürdigkeitsversprechens ungewollt und doch folgerichtig selbst entzog. Seit den Tagen dieser Umwertung ist die Unruhe der Modus eines unabsehbaren Geschehens, das alles bisher Bekannte und im Augenblick Sagbare überschreitet. Was in uns schafft, heißt es einmal bei Paul Valéry, trägt keinen Namen. Und dennoch ist uns die Unruhe nur allzu vertraut. Sie ist das Bekannte, das unbekannt geblieben ist.

Angesichts dieser Vorgeschichte halte ich die verbreitete Vorstellung, die Unruhe sei in Gestalt der Beschleunigung oder der Gier in die eben noch intakte Welt eingebrochen, in die Welt des Ursprungs und der natürlichen Geborgenheit, für verfehlt. Solche Darstellungen bleiben in der Spur des Mythos und klammern sich an sein zentrales Motiv: den Verlust des Paradieses.

»Nicht die Unruhe ist das Neue der Neuzeit,
sondern ihre fraglose Anerkennung.«

Die Unruhe ist jedoch etwas anderes; sie ist weder ein ruckartiger, von anonymen Mächten erzwungener Tempowechsel noch das Zeichen der Entfremdung. Sie ist, im Gegenteil, genau das, was die europäische Zivilisationsgeschichte ausmacht und worauf diese Kultur, nachdem der vermeintliche Verlust erst einmal als Generator ungeahnter Möglichkeiten verstanden war, von Anfang an gesetzt hat. Nicht die Unruhe ist das Neue der Neuzeit, sondern ihre fraglose Anerkennung, ihre totale Entgrenzung und überwältigende Normalität.

Die Freisetzung der Unruhe geschah zulasten der Ruhe. Mit einer Entschlossenheit, deren Bildprogramm die polemische Abhängigkeit von jenen ältesten Erzählungen gar nicht erst leugnet, hat die westliche Kultur die Ruhe als Lethargie, als Lähmung und Stillstand unter Verdacht gestellt: als das zusehends unbegreifliche, strategisch abwegige und auch moralisch bedenkliche Außerhalb der Schritt für Schritt ins Recht gesetzten Inquietät.

Normalisierung der Unruhe

Die Unruhe ist also weder ein Defekt noch eine pathologische Verirrung. Sie ist eine Normalität, die dem inneren Kreis jener Übereinkünfte zugehört, über die wir nicht zu reden brauchen, weil ihre Anerkennung fraglos ist.

Bis heute entfaltet sich das Regime der Unruhe auf der Ebene eines stillschweigenden Konsenses, der, noch bevor wir uns besinnen, unseren Entscheidungen vorgegriffen und uns seine Schemabildungen auferlegt hat. Dass wir die Dinge nicht auf sich beruhen lassen, ist ausgemacht, und eben diese Ausgemachtheit, ihre Geräuschlosigkeit, bildet den negativen und gerade als diese Negativität zur Absolutheit fähigen Konsens der Moderne.

Die neuzeitlich bewegte Wissenschaft hat den Auffassungswandel maßgeblich mitgetragen. Mit ihrer Gründergestalt Francis Bacon war die Wissenschaft unter den ersten (und unter den ersten die Entschlossenste), die aus der Unruhe, die einmal ein Zeichen der Sündhaftigkeit gewesen war, ein Versprechen gemacht hat. „Man ruht nicht“, mit diesen Worten wirbt Bacon im Jahr 1620 für die „Erneuerung der Wissenschaft“, „sondern stellt fest, dass man weiter suchen muss.“ In äußerster Verknappung resümiert dieser Satz die Revolution der Einstellungen, den Wechsel vom kontemplativen, vom staunenden Weltverhältnis der Theorie zu den ruhelosen Suchbewegungen der Forschung. Weiterungen wie diese vermitteln aber auch eine Vorstellung davon, wie weit uns das Glücksversprechen der Ruhe in diesem historischen Augenblick des Überschreitens der Schwelle entrückt ist.

Wir leben in einer inquietären Kultur. Es wäre deshalb zu kurz gegriffen, die Unruhe, wie es derzeit mit der Gier oder der Beschleunigung geschieht, als fremd und unzugehörig zu stigmatisieren und an den Pranger der Kulturkritik zu stellen. Erwartungen wie die, man könne kulturelle Selbstverständlichkeiten wechseln wie Kleider und müsse nun schleunigst „den Schalter umlegen“, entspringen ihrerseits den Denkschablonen der Unruhekultur. Dabei ist nicht mal die Unruhe selbst das Problem, sondern die Tendenz, es sich in einer Art Quietismus der Unruhe aufs Neue bequem zu machen.

Wir wissen jetzt, was die Nicht-Ruhe ist. Aber besitzen wir auch nur eine Vorstellung davon, was jenseits von Wellness und Chillout, mit denen wir uns abspeisen lassen, die Ruhe ist? Davon, was heute, inmitten der Kultur der Unruhe, die Ruhe für uns sein könnte? Die Rekonstruktionen der Unruhe, ihrer Tragweite und Unwiderstehlichkeit, laufen auf genau diese Frage zu.

 

A U T O R

Professor Dr. Ralf Konersmann ist Direktor des Philosophischen Seminars der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sein Buch über Die Unruhe der Welt erschien im Mai 2015 (S. Fischer Verlag) und liegt inzwischen in zweiter Auflage vor.


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