Dokumentation
07 | Juli 2009 Artikel versenden Artikel drucken

Keine Teilnahme an kommerziellen Rankings!

Offener Brief des Konvents der Mathematisch-Naturwissen­schaftlichen Fakultät der Universität zu Kiel

Die Aufbereitung von Umfragen in Tabellenform („Rankings“) und deren Publikation ist mittlerweile ein fast tägliches Ereignis. Mag das ein oder andere Ranking durchaus einen anspornenden Wettbewerbscharakter haben, gibt es doch viele, die wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten. Wissenschaftler sollten sich daran nicht beteiligen, forderte der Konvent der math.-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel in einem Offenen Brief Anfang Juni, den wir hier dokumentieren.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Mit diesem Schreiben möchte ich Sie über einen Beschluss des Konvents der Math.-Naturwiss. Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel informieren.

„Der Konvent der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der CAU Kiel beschließt, sich zukünftig nicht mehr an Hochschulrankings durch kommerzielle Unternehmen oder wirtschafts­nahe Einrichtungen wie etwa dem „Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)“ zu beteiligen.“

Begründung:
Den von kommerziellen Unternehmen oder diesen nahe stehenden Einrichtungen durchgeführten Hoch­schulrankings wurden wiederholt gravierende methodische Mängel nachgewiesen, welche die Aussagekraft dieser Rankings in Frage stellen. So sind z.B. den Hochschulrankings des CHE, welches sich selbst des „umfassendsten und detailliertesten Rankings deutscher Universitäten und Fachhochschulen“ rühmt, wie­derholt unter anderem folgende Schwächen vorgeworfen worden: Geheimhaltung der Datensätze sowie der zugrunde liegenden wissenschaftlichen Methodik, ungeeignete Kriterien wie „Empfehlung von Professoren für Studienorte,“ Manipulationsmöglichkeiten durch Hochschulen, willkürliche Wahl von Rankingparametern und (oftmals zu kleine) Stichprobengrößen, Datenlücken.
Diese Kritiken an den erheblichen Daten- und Methodenmängeln haben im Jahre 2007 dazu ge­führt, dass sich die Schweizer Hochschulrektorenkonferenz aus den grenzüberschreitenden Rankings ver­abschiedet hat. Ferner hat die österreichische „Austrian Agency for Quality Assurance (AQA)“ aus diesen Gründen ihre Zusammenarbeit mit dem CHE aufgekündigt.
Ähnliche Kritik hat unter anderem in den USA dazu geführt, dass zahlreiche Hochschulen, allen voran Elite­einrichtungen wie beispielsweise Harvard, vor geraumer Zeit beschlossen haben, den großen Wirtschaftzei­tungen wie etwa Business Week, Wall Street Journal oder Financial Times, die Materialbasis für derartige Erhebungen nicht mehr zur Verfügung zu stellen. Europaweit wird ebenfalls vermehrt Kritik an derartigen Hochschulrankings geäußert.
Auch in Deutschland regt sich zunehmend Widerstand, insbesondere auch von studentischer Seite. So hat sich z.B. im Jahre 2007 die studentische Vollversammlung der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gegen eine Teilnahme am anstehenden CHE-Ranking im Studiengang Soziale Arbeit ausgesprochen, und seitens des ASTA der Universität Freiburg liegt eine Broschüre mit dem Titel „CHE stoppen!“ vor.
Die Bereitstellung des angeforderten Datenmaterials für solche Rankings sowie die Beantwortung der diesbezüglichen Fragebögen bedeutet für die Hochschulen einen erheblichen personellen und zeitlichen Mehr­aufwand, sowohl für die Verwaltung als nicht zuletzt auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deka­nate sowie der Mitglieder der Fachbereiche. Abgesehen davon, dass dies kaum mit den eigentlichen Aufga­ben einer Hochschule in Forschung und Lehre zu vereinbaren ist, sind diese Mehrbelastungen angesichts der chronischen Unterfinanzierung unserer Universität ohne zusätzliche personelle Unterstützung nicht mehr leistbar.
Fächer der Math.-Nat. Fakultät haben in der Vergangenheit bei Hochschulrankings vielfach sehr gut abge­schnitten und scheuen keineswegs den Vergleich mit anderen Universitäten. Der Beschluss sollte nicht zu­letzt auch als ein Zeichen gegen die nachweislich zunehmende Einflussnahme wirtschaftsnaher Verbände und Stiftungen auf die Hochschulpolitik in Deutschland gesehen werden, welche die Unabhängigkeit der deutschen Hochschulen sowie damit letztendlich das Grundrecht auf Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre tangiert.

Mit freundlichen Grüßen
gez. Prof. Dr. Lutz Kipp
Dekan


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