04 | April 2008 Artikel versenden Artikel drucken

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Warum die HRK die Vorlesungszeiten ändern will | Margret Wintermantel

Nach Ansicht der HRK ist eine Angleichung der Semester- und Vorlesungszeiten an den europäischen Hochschulen notwendig. Diese Auffassung teilen nicht alle Beteiligten und Betroffenen in den deutschen Hochschulen. Was sind die Gründe, was die Vor- und Nachteile einer solchen Umstellung? Wissenschaft und damit Hochschulen waren immer international und grenzüberschreitend ausgerichtet. Dies wird auch künftig nicht nur so bleiben, sondern sich tendenziell verstärken. Was für die Forschung gilt, ist mittlerweile auch für Studium und Lehre uneingeschränkt anerkannt. Im Zuge des Bologna-Prozesses entsteht ein europäischer Hochschulraum, der ein Studium ohne Grenzen für rund 15 Millionen Studierende an über 5 000 Hochschulen in Europa ermöglichen soll. Ziel ist die Europäisierung der Studienangebote, die nicht nur der Öffnung innerhalb Europas, sondern zur ganzen Welt dient und die internationale Wettbewerbsfähigkeit auch des deutschen Hochschulsystems steigert. Mit neuen Studienstrukturen und Inhalten sowie mit einer verbesserten Organisation von Auslandsaufenthalten streben die deutschen Hochschulen an, ihre Position als international attraktiver und wettbewerbsfähiger Standort sowohl für inländische wie ausländische Studierende zu verbessern.

»Die deutsche Semestereinteilung behindert die internationale Mobilität der Studenten.«

Auslandsaufenthalte deutscher Studenten sowie das zeitweise Studium ausländischer Studenten an deutschen Hochschulen hängen wesentlich von der Organisation der Semester ab. Die nachstehende Übersicht zeigt deutlich, dass die deutsche Semestereinteilung und der Zeitraum der Vorlesungen die internationale Mobilität der Studenten in erheblichem Maße behindern. Die Vorlesungszeiten des Wintersemesters enden – wegen des späten Beginns im Oktober – erst nach der dritten Februarwoche des Folgejahres. Zu diesem Zeitpunkt haben aber bis auf einige Ausnahmen – nämlich Luxemburg, Schweiz, Kroatien, Italien, Österreich und die Slowakei – die Vorlesungszeiten der Frühjahrs-/Sommersemester im Ausland schon begonnen (vgl. den oberen Teil und die mit einem Pfeil versehenen Spalten „Januar“ und „Februar“ der Übersicht). akademischer-jahresplanIn den skandinavischen Ländern, Großbritannien, Irland, Frankreich und den USA beginnen die Vorlesungen des Frühjahrssemesters im Januar, in den übrigen zum Vergleich herangezogenen Ländern in der ersten Hälfte des Februars (vgl. unteren Teil der Übersicht). Von Bedeutung ist auch, dass die Vorlesungen des vorhergehenden Herbst-/ Wintersemesters außerhalb Deutschlands – unabhängig davon, ob sie im August, September oder Oktober beginnen – in einigen Ländern schon im Dezember, ganz überwiegend jedenfalls Ende Januar abgeschlossen sind. Nur in fünf Fällen reichen sie bis zum Ende der ersten und in Portugal bis zum Ende der zweiten Februarwoche.

Problematische Asymmetrie

Diese Asymmetrie führt dazu, dass deutsche Studenten ohne Probleme nur zu einem Wintersemester (August/September) ins Ausland wechseln können, da das Sommersemester in Deutschland gerade rechtzeitig im Juli endet. Deutsche Studenten, die einen Studienplatz im Ausland für das Sommersemester erhalten, könnten (studienbegleitende) Prüfungen des vorangegangenen „Heimat-Wintersemesters“ nicht mehr ablegen. Studenten in Deutschland haben im Übrigen auch im Sommersemester Probleme, an Sommerkursen, Sprachkursen usw. an ausländischen Hochschulen teilzunehmen, da diese Veranstaltungen regelmäßig im Juni/Juli stattfinden, also noch mitten in der deutschen Vorlesungszeit. Ausländische Studenten hingegen können ohne zeitliche Kollisionen nur zum Sommersemester (April) an eine deutsche Hochschule wechseln. Würden sie ein Wintersemester in Deutschland studieren und im folgenden Sommersemester wieder in ihr Heimatland zurückkehren wollen, verpassen sie dieses Semester, wenn sie Deutschland nicht vor Semesterschluss und damit zum Teil ohne abschließende Prüfungen vorzeitig verlassen. Ein Auslandssemester verlängert damit das Studium regelmäßig um ein bis zwei Semester, möglicherweise verstärkt im BA-/MA-System, das enger strukturierte Studienpläne vorsieht und deshalb weniger Spielraum für individuelle Entscheidungen ermöglicht.

Neue deutsche Semesterzeiten notwendig

International harmonisierte Vorlesungszeiten in Deutschland würden hier Abhilfe schaffen. Auch wenn es insoweit keine einheitliche europäische Regelung der Vorlesungszeiten gibt, so liegen doch angepasste bzw. vergleichbare Regelungen vor, die in den ganz überwiegenden Fällen die Mobilität der Studenten fördern statt sie zu hemmen. Nach intensiven Beratungen – sowohl in den Gremien der HRK als auch in den einzelnen Mitgliedshochschulen – hat die HRK vor knapp einem Jahr in Gießen den Grundsatzbeschluss zur „Harmonisierung der Semester- und Vorlesungszeiten an deutschen Hochschulen im Europäischen Hochschulraum“ getroffen.

»Die Diskussion um die Har­monisierung der Vorlesungs­zeiten ist heftiger geworden.«

Versuche in dieser Richtung hatte es schon in der Vergangenheit gegeben. Sie scheiterten schließlich jedoch an dem uneinheitlichen Votum der Hochschulen. Diesmal war es anders. Eine Reform erscheint aber inzwischen unverzichtbar und dringlich. Die Diskussion um die Harmonisierung der Semester- und Vorlesungszeiten ist heftiger geworden. Auch die European University Association (EUA) hat sich des Themas angenommen. „Synchronisierung der akademischen Kalender“ heißt es dort und wird ebenfalls als bedeutsam für die internationale Mobilität gesehen. Wir brauchen eine neue deutsche Semesterverteilung im Jahr und neue Vorlesungszeiten, die einen Wechsel vom Wintersemester zum Mitte Januar beginnenden Frühjahrssemester von Hochschulen anderer Staaten „nahtlos“ möglich machen. Im Hinblick auf die geltenden Zahlen der Vorlesungswochen, die unverändert bleiben sollen, schlägt die HRK deshalb folgende neue Einteilung vor (siehe grüne Zeile in der Übersicht): Das bisherige Wintersemester wird in ein Herbstsemester umgewandelt. Das Herbstsemester beginnt am 1. September und endet am 28. Februar des Folgejahres (Semesterzeit). Die Vorlesungszeit, d.h. die Kernzeiten der Lehrveranstaltungen, soll grundsätzlich am ersten Montag des Septembers beginnen und in jedem Fall spätestens Mitte/Ende Januar enden. Der Beginn kann gegebenenfalls innerhalb der ersten Septemberhälfte von Hochschule zu Hochschule variieren. Das konkrete Ende der Vorlesungszeit hängt von der jeweiligen Anzahl der Vorlesungswochen in den Hochschulen ab. Ein Vorlesungsende z.B. am 23. Dezember ist also an Universitäten möglich. Das bisherige Sommersemester wird in ein Frühjahrssemester umgewandelt. Das Frühjahrssemester beginnt am 1. März und endet am 31. August (Semesterzeit). Die Vorlesungszeit beginnt grundsätzlich am ersten Montag des März und soll spätestens Ende Juni enden. Das konkrete Ende der Vorlesungszeit hängt wiederum von der jeweiligen Anzahl der Vorlesungswochen in den Hochschulen ab. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass die HRK mit ihrem Vorschlag keiner Verlängerung oder Verkürzung der Vorlesungszeiten das Wort redet. Es werden stattdessen Rahmenzeiten vorgegeben, die dem unterschiedlichen Umfang der Vorlesungszeiten an Universitäten und Fachhochschulen Rechnung tragen. Damit folgt aus dem HRK-Modell auch keine Einschränkung der Forschung. Mit der Fixierung auf einen einheitlichen Anfang der Vorlesungszeiten und die offene Terminierung des Endes bleiben genügend Spielräume, Besonderheiten einzelner Hochschulen oder allgemeine Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Vorlesungspausen während der Oster- bzw. Herbstschulferien bleiben möglich, setzen im letzteren Fall aber voraus, dass der Vorlesungsbetrieb in der ersten Septemberwoche beginnt. Selbstverständlich können Prüfungsphasen in die Vorlesungszeiten integriert bleiben und kann der Nachweis von ECTS-Punkten weiterhin auch in der vorlesungsfreien Zeit erwartet werden. Wichtig ist allerdings die Aufteilung des studentischen workloads auf Vorlesungszeiten und vorlesungsfreie Zeiten. Auch ein zweimaliger Studienbeginn im Jahr wird nicht ausgeschlossen.

»Der HRK-Vorschlag sieht keine Verlängerung oder Verkürzung der Vorlesungszeiten vor.«

Wegen der Lehramtsstudiengänge, die in Kooperation mit den Universitäten durchgeführt werden, ist die Vorlesungszeitreform auch an den Kunst- und Musikhochschulen sinnvoll, obwohl bei diesen die Umstellung aus internationaler Sicht nicht so zwingend erscheint.

Vor- und Nachteile

Die Vorteile liegen ebenso auf der Hand wie die Probleme, die aus dem Weg geräumt werden müssen. Pluspunkte wären die Erleichterung von Auslandsaufenthalten ohne Zeitverlust, der Wegfall der Unterbrechung der Vorlesungszeiten durch die Weihnachtsferien, eine bessere Koordinationsmöglichkeit zwischen Universitäten und Fachhochschulen bei hochschulübergreifenden Studienangeboten. Die Umstellung bedeutet aber auch eine Reihe von Herausforderungen. Die Hochschulen dürfen generell nicht mitten in der Studienstrukturreform (Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge) mit einer weiteren aufwendigen Reform überfordert werden. Im Besonderen gilt es, genügend Spielräume für die Durchführung bestimmter Schul- und Vorpraktika sowie für die Zulassungsverfahren zu erhalten bzw. zu schaffen. Eine solche Umstellung hat Auswirkungen auf gängige Gepflogenheiten und rechtliche Vorgaben für die Durchführung von Prüfungen, von wissenschaftlichen Kongressen und auf Lehrtätigkeiten ausländischer Wissenschaftler in Deutschland und deutscher Wissenschaftler im Ausland sowie für die Zulassungsverfahren. Andere Probleme, wie die Reform der Studienstruktur und die Durchführung von Praktika, sind unabhängig von dem Harmonisierungsvorschlag entstanden und zu lösen, gleichwohl hier mit zu bedenken.

Wieviel Vorlaufzeit ist nötig?

Für die erforderlichen Lösungen braucht man Zeit. Alle Beteiligten und Betroffenen sollen die Möglichkeit erhalten, sich intensiv mit den Fragen zu befassen und – zusammen mit der HRK – die beste Umsetzungslösung zu finden. Deshalb strebt die HRK die Umstellung der Vorlesungszeiten erst zum September 2010 an. Wir haben damit hoffentlich eine ausreichend lange Vorlaufzeit, so dass man erwarten kann, für die offenen Fragen zufriedenstellende Lösungen zu finden. Einige Fragen können alleine hochschulintern beantwortet werden. Andere Fragen sind mit den Fachgesellschaften, den Fakultäten- und Fachbereichstagen und Verbänden wie dem DHV zu klären. Vieles wird davon abhängen, wie die Schul- und Wissenschaftsminister der Länder das HRK-Modell annehmen werden. In einer gemeinsamen KMK/ HRK-Arbeitsgruppe sollen die grundsätzlichen Möglichkeiten und eventuelle konkrete Formen der staatlichen Unterstützung, soweit sie denn notwendig sind, ausgelotet werden. Auch wenn in acht Ländern die Vorlesungszeiten von den Hochschulen jetzt schon selbst festgelegt werden können – in weiteren sieben Ländern besitzt das zuständige Ministerium ein Einspruchsrecht oder muss den von den Hochschulen vorgelegten Vorlesungszeiten zustimmen, nur in einem Land legt das Ministerium die Vorlesungszeiten fest –, so sind insbesondere die Zulassungsfragen und die Probleme der Schulpraktika sowie die Abstimmung der Schulferien mit den Semesterzeiten ohne KMK nicht oder nur sehr schwer zu lösen. Wobei die Schulferien nicht das Problem darstellen dürften; denn schon jetzt gäbe es nach dem bestehenden Schulferienplan bis 2010 keine wirklichen Probleme (allenfalls in zwei Ländern). Ich hoffe sehr, dass wir spätestens im Herbst dieses Jahres wissen, auf welchen rechtlichen Grundlagen wir den HRK-Vorschlag umsetzen können, so dass dann die Hochschulen mit der konkreten Ausgestaltung beginnen können. Eine erneute Vertagung des Problems dürfen wir uns im Sinne des internationalen Studentenaustauschs nicht leisten.

 

A U T O R

Margret Wintermantel ist Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Von 2000 bis 2006 war sie Präsidentin der Universität des Saarlandes.


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