Aufstieg durch Bildung?
02 | Februar 2013 Artikel versenden Artikel drucken

Eine echte Erfolgsgeschichte?

Soziale Mobilität in Deutschland | Michael Hartmann

Um sich ein genaueres Bild der sozialen Durchlässigkeit in Deutschland zu verschaffen, reicht es nicht aus, auf die herkunftsbedingten Unterschiede beim Hochschulzugang zu blicken. Entscheidend ist auch, was sich am unteren Ende des Bildungssystems tut – oder auch nicht. Über Gewinner und Verlierer.

Die Entwicklung an den Hochschulen stimmt bei erster Betrachtung positiv. Das muss man selbst als Kritiker des deutschen Bildungssystems einräumen. Niemals zuvor haben so viele Menschen hierzulande studiert. Ihre Zahl hat sich seit der Jahrtausendwende um fast 30 Prozent erhöht. Bei den Studienanfängern sieht es sogar noch besser aus. Ihre Zahl hat sich um 50 Prozent erhöht, auf ungefähr eine halbe Million. Derselbe Trend zeigt sich auch beim Erwerb der Studienberechtigung. Seit 2000 ist der Prozentsatz der Schulabsolventen mit einer solchen Berechtigung von einem guten Drittel auf über die Hälfte eines Jahrgangs gestiegen. Auch wenn man die Einmaleffekte wie die doppelten Abiturjahrgänge und den Wegfall der Wehrpflicht berücksichtigt, bleibt ein Anstieg auf gut 45 Prozent. Dazu haben vor allem die Fachoberschulen und vergleichbare Einrichtungen des berufsbildenden Bereichs beigetragen, auf die mittlerweile ca. 40 Prozent aller Studienberechtigungen entfallen. Sie haben in erster Linie dafür gesorgt, dass immer mehr Kinder die Studienberechtigung erwerben, bei denen die Eltern höchstens den Hauptschulabschluss aufweisen. Statt nur 15 Prozent wie Mitte der 1970er Jahre sind das heute ungefähr 35 Prozent, mehr als das Doppelte. Über die Hälfte davon hat einen Fachoberschul- oder einen vergleichbaren Abschluss gemacht. Die allgemeine Hochschulreife haben nur gut 45 Prozent, aber auch das ist noch eine Steigerung um 70 Prozent in den letzten vier Jahrzehnten. So weit, so gut.

Wer studiert heute?

Schaut man näher hin, relativiert sich die Erfolgsgeschichte jedoch. Der Erwerb der Studienberechtigung bedeutet gerade für diese Schüler nicht zugleich auch die Aufnahme eines Studiums, wie eine Studie im Auftrag der Vodafone-Stiftung belegt. Der Unterschied zwischen ihnen und den Schülern, bei denen zumindest ein Elternteil schon studiert hat, ist gravierend. Während bei letzteren seit Mitte der 1970er Jahre nur ein leichter Rückgang der Studierquote von knapp 90 auf knapp 80 Prozent zu verzeichnen ist, ist sie bei den Kindern aus den sogenannten „bildungsfernen“ Haushalten im gleichen Zeitraum von 80 auf nur noch gut 50 Prozent gesunken. Das betrifft fast ausschließlich die Schüler, die ihre Studienberechtigungen nicht am Gymnasium erworben haben. Von ihnen beginnt nicht einmal mehr die Hälfte ein Studium. Von den Abiturienten an den Gymnasien machen dagegen nach wie vor über vier Fünftel diesen Schritt, von den Arbeiterkindern unter ihnen immerhin auch noch drei Viertel. Die herkunftsbedingten Unterschiede beim Hochschulzugang sind reduziert worden, aber nicht in dem Maße, wie es die absoluten Zahlen nahelegen. Für die rasante Zunahme der Studierendenzahl dürfte nämlich noch eine Tatsache verantwortlich sein. Jetzt strömen die Kinder jener Eltern an die Hochschulen, die dank der Bildungsexpansion der 1970er Jahre erstmals in ihrer Familie selbst die Hochschulreife erwerben konnten und danach zumeist auch studiert haben. Die positiven Veränderungen in den letzten gut zehn Jahren sind insofern auch eine indirekte Folge der damaligen Öffnung des Bildungssystems.

Wer sind die Verlierer?

Was jedoch für die Frage nach sozialer Mobilität und Chancengleichheit mindestens genauso wichtig ist, das sind die Entwicklungen am anderen Ende des Bildungsspektrums. Bestand das Hauptproblem in Deutschland lange Jahre vor allem darin, dass der Zugang zu den hohen Bildungsabschlüssen der Masse der Bevölkerung versperrt blieb, muss man heute trotz der weiter existierenden sozialen Unterschiede beim Hochschulbesuch eher darauf achten, was sich unten im Bildungssystem abspielt. Dort bildet sich ein Sockel von 15 bis 20 Prozent eines jeden Jahrgangs heraus, der kaum noch Aussichten auf eine vernünftige Berufsausbildung und Berufslaufbahn hat. Zwar hat der Anteil der Hauptschüler an allen 15-jährigen Schülern laut Bundesbildungsbericht im letzten Jahrzehnt von 19,2 auf 16,8 Prozent abgenommen, dieser Erfolg hat aber zwei deutliche Mängel. Erstens ist im gleichen Zeitraum der Anteil der Förderschüler von 5,3 auf 6,4 Prozent gestiegen. Zweitens hat sich der Rückgang des Hauptschulbesuchs je nach Elternhaus sehr ungleichmäßig vollzogen. Am stärksten fiel er unter den deutschen Kindern aus dem oberen Viertel der Bevölkerung aus. Dort sank er um über die Hälfte von 7,1 auf nur noch 3,3 Prozent. Bei den deutschen Kindern aus der mittleren Hälfte der Bevölkerung war es dagegen nur ein Prozentpunkt, von 14,8 auf 13,8 Prozent, und bei denen aus dem unteren Viertel ging der Hauptschulbesuch auch nur von 25,3 auf 22,7 Prozent zurück. Der Abstand zwischen oben und unten ist in dieser Beziehung also sogar gewachsen. Wirklich erfreulich ist nur die Entwicklung bei den Kindern mit Migrationshintergrund. Bei ihnen ist der Prozentsatz der Hauptschüler drastisch gesunken, bei denen aus dem unteren Viertel von 45,2 auf 31,5 Prozent und bei denen aus der mittleren Hälfte sogar von 35,4 auf 19,7 Prozent. Das ist ein großer Fortschritt. Es findet eine deutliche Annäherung zwischen deutschen Kindern und Kindern aus Migrantenfamilien statt.

»Nach dem Erwerb des Hauptschulabschlusses gelingt es nicht einmal
jedem zweiten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.«

Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich unten zunehmend unabhängig von der nationalen, aber stark abhängig von der sozialen Herkunft eine Gruppe von ungefähr einem Fünftel bildet, die vollkommen abgehängt zu werden droht. Wenn man berücksichtigt, dass es nach dem Erwerb des Hauptschulabschlusses nicht einmal jedem zweiten gelingt, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, und es ohne Hauptschulabschluss fast aussichtslos ist, dann wird deutlich, wie groß diese Gefahr ist. Sie wird von den zuständigen Lehrkräften auch gesehen. Wie sehr sich die Situation zu Ungunsten der Hauptschüler seit der Jahrtausendwende verändert hat, zeigt eine Umfrage von Allensbach. Im Jahr 2000 beurteilten die Lehrer an den verschiedenen Schulformen die Zukunftsaussichten ihrer Schüler noch relativ gleich. Zwischen 25 und 29 Prozent sahen mehr Chancen und Möglichkeiten für sie, zwischen 42 und 49 Prozent mehr Schwierigkeiten. Zehn Jahre später hat sich dieses recht ausgeglichene Bild dramatisch verschoben. Von den Lehrern an den Hauptschulen sind nur noch 18 Prozent optimistisch gestimmt, mit 60 Prozent dagegen mehr als dreimal so viele pessimistisch. Bei den Gymnasiallehrern ist es genau umgekehrt. Der Anteil der Optimisten hat auf 43 Prozent zugelegt, der der Pessimisten ist auf ein Viertel zurückgegangen.

Diese Einschätzungen decken sich im Großen und Ganzen auch mit denen der betroffenen Jugendlichen selbst. In einer Allensbach-Umfrage stimmten 2012 nur noch 18 Prozent der unter 30jährigen aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status der Aussage zu, dass der, der sich anstrengt, es in der Regel auch zu etwas bringt. Unter den Gleichaltrigen aus Familien mit einem hohen Status waren es mehr als dreimal so viele. In Schweden, wo die gleiche Frage zeitgleich gestellt wurde, stimmten demgegenüber quer durch alle Bevölkerungsteile ungefähr zwei Drittel der Befragten der Aussage zu und die unterste soziale Gruppe mit 68 Prozent dabei sogar häufiger als die oberste mit 64 Prozent. Das ist ein Alarmzeichen für Deutschland und ein Ausdruck der sozial höchst unterschiedlichen Mobilitätsraten und -erwartungen in diesen beiden Ländern, die nicht zuletzt auch ein Resultat der unterschiedlich strukturierten Bildungssysteme sind. Wohin es führen kann, wenn ein Teil der Jugend dauerhaft abgehängt wird, haben die Unruhen in den britischen Ghettos im vorletzten Jahr gezeigt.

Seltenere Aufstiege, häufigere Abstiege

Richtet man den Blick abschließend auf die gesamte soziale Mobilität hierzulande, dann ergibt sich ebenfalls ein eher ernüchterndes Fazit. Der Erwerb höherer Bildungstitel ist immer seltener gleichbedeutend mit einem sozialen Aufstieg, der Erwerb niedriger Bildungstitel dafür immer häufiger verknüpft mit sozialem Abstieg oder dem Verbleib in einer schlechten sozialen Lage. Die soziale Mobilität ist alles in allem deutlich rückläufig, wie eine 2010 veröffentlichte Studie aus dem WZB zeigt. Konnte man bei den Geburtsjahrgängen von Anfang der 1930er bis Ende der 1950er noch eine ausgeprägte Zunahme sozialer Aufstiege konstatieren, hat sich das Blatt seither gewendet. Die Aufstiege werden seltener, die Abstiege häufiger. Bei den Männern in den östlichen Bundesländern ist das besonders spürbar. In den älteren Jahrgängen kamen auf einen Absteiger noch drei Aufsteiger. Im jüngsten dagegen hat es sich fast umgekehrt. Nun kommen auf einen, der sozial aufsteigt, schon knapp zwei, die absteigen. Unter den entwickelten Industrieländern zählt Deutschland damit zu denjenigen Ländern, die eine vergleichsweise geringe soziale Mobilität aufweisen, erheblich geringer als etwa die skandinavischen Länder, wenn auch nicht so gering wie Großbritannien oder die USA. Die geringsten Chancen für soziale Aufsteiger bieten dabei stets die Spitzenpositionen der Gesellschaft. Das bestätigen auch wieder die Ergebnisse einer aktuellen Elitestudie. Von den Topmanagern stammen nach wie vor ca. vier Fünftel aus dem Bürger- oder dem Großbürgertum, d.h. den oberen knapp vier Prozent der Bevölkerung, und bei den höchsten Beamten des Bundes und den Bundesrichtern sind es immerhin noch zwei Drittel. Selbst für Kinder aus Mittelschichtfamilien, deren Eltern schon höhere Bildungsabschlüsse erlangt haben, ist der Zugang in Spitzenpositionen außerhalb der Politik also weitgehend versperrt.

 

A U T O R

Michael Hartmann ist Professor für Elite- und Organisationssoziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört außerdem Management- und Hochschulforschung im internationalen Vergleich.


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