Standpunkt
02 | Februar 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Geisteswissenschaften oder Digital Humanities?

Michael Hagner ist Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich.

Michael Hagner ist Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich.

Kaum sind Big data in den Geisteswissenschaften angekommen, taucht schon die Frage auf, ob sich diese als Digital Humanities nicht gleich neu erfinden sollten. Dabei geht es nicht nur um Effizienzüberlegungen und die Überwindung der immer wieder beschworenen Krise der Geisteswissenschaften, sondern auch um die Etablierung neuer Ideale der Wissens­generierung.

Zweifellos gibt es Forschungsbereiche, in denen die Arbeit mit Big data zu neuen Einsichten führt. Wer wollte beispielsweise in der Editionsphilologie noch auf digitale Methoden verzichten? Und auch der inzwischen oft zitierte Literaturwissenschaftler Franco Moretti hat vorgeführt, wie sich die Kombination aus originellen Fragestellungen, digitaler Textanalyse und Lust an der Provokation zu einem anregenden Forschungsansatz zusammenfügt. Mehr davon ist willkommen, auch wenn angesichts weniger umtriebiger Geister die Frage aufzuwerfen ist, wieviel distant reading die Geisteswissenschaften vertragen. Max Webers Einsicht von 1919 – „Man versucht nicht un­gestraft, das auf mechanische [heute: digitale, M.H.] Hilfskräfte ganz und gar abzuwälzen, wenn man etwas herausbekommen will, – und was schliesslich herauskommt, ist oft blutwenig.“ – ist heute so gültig wie damals.

Darüber hinaus imponieren die Digital Humanities auch als sozialutopisches Projekt, das als Werkzeug zur Neuorganisation des gesellschaft­lichen Wissens dienen soll. Im Kern dreht es sich dabei um Fragen der Autorschaft (ein adressier­barer Autor versus soziale Netzgemeinschaften), der Forschungspraktiken (qualitative Analyse weniger Quellen versus quantitative Korrelation vieler Daten), der epistemischen Tugenden (Argumentation und Narration versus Bereitstellung und Verlinkung) und der Publikationsformen (in sich geschlossene Monografie, Artikel oder Essay versus liquide Netzpublikation). Diese vier Punkte sind nicht notwendig aneinander gekoppelt, aber sie verdeutlichen eines: Wenn sich in allen Punkten die neuen Ideale gegen die alten durchsetzen würden, dann hätten wir es mit einer paradigmatisch anderen Form von Wissensgenerierung und -zirkulation zu tun, bei der es sich lohnt, darüber nachzudenken, ob der Begriff Wissenschaft dann überhaupt noch tauglich und die Universität noch der richtige Ort wäre, solche Kulturtechniken zu vermitteln.

Um solche Fragen angemessen beurteilen zu können, um Potenziale und Hindernisse, Gewinne und Verluste abzuschätzen, sollten wir uns mit Digital Humanities genauer befassen – und zwar nicht in jubilierender Pfingststimmung, sondern in nüchterner Betrachtung und Einbeziehung der politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen, unter denen die Geisteswissenschaften sich gegenwärtig bewegen.


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken