Bibliotheken
05 | Mai 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Die digitale Welt und das Vergessen

Internetsuchmaschinen und Bibliotheken | Wilfried Lagler

Das Schlagwort der „Informationskompetenz“ wird heute vor allem im Zusammenhang mit dem Internet gebraucht. Das aber ist zu wenig, es muss weiter reichen. Es geht um das geduldige Suchen, Lesen, Bewerten und auch das überraschende Finden in Bibliotheken. Ein Blick in Informationswelten jenseits des Internets.

Die zunehmende Verfügbarkeit von Informationen im Internet, fortschreitende Digitalisierung und die nahezu überall bequeme Informationsbeschaffung über Suchmaschinen wie Google lässt zwei wichtige kritische Aspekte außer Acht, die nur selten in den öffentlichen Diskussionen unserer modernen Informationsgesellschaft auftauchen. Zum einen ist es die bei vielen, vor allem jungen Internetnutzern weit verbreitete und angesichts ihrer Sozialisation im Internetzeitalter auch verständliche Ansicht, dass das, was sie im Internet über Suchmaschinen zu bestimmten Fragestellungen finden, bereits alles sei, was es hierzu an verfügbaren Informationen gibt, so dass andere Wege der Informationsbeschaffung immer weniger beschritten werden. Zum anderen ist es die zunehmende Abhängigkeit der Informationssuchenden von Suchmaschinen, deren Logik überdies vielen Nutzern nicht näher bekannt ist. Trotz der oft unüberschaubaren und nicht selten redundanten Fülle von Suchergebnissen bestimmen die Suchmaschinen, was die Suchenden an Informationen geliefert bekommen. Zwar suggeriert die schiere Fülle der erzielten Treffer den Suchenden, dass sie mehr Informationen bekommen haben, als sie in der Regel benötigen. Doch abgesehen von der Frage der Zuverlässigkeit der Informationen fehlen sachdienliche Hilfen bei der Ordnung des Gefundenen und Kriterien zu ihrer Bewertung, so dass sich bei vielen Nutzern bald eine gewisse Hilflosigkeit breit macht, da sie nicht wissen, wie sie mit den vielen ungeordneten Daten umgehen sollen, die sie erhalten haben. Zwar sortieren die Suchmaschinen nach „Relevanz“ der Informationen (die Kriterien dafür bleiben meist unklar), vor allem aber nach dem, was und wie andere Nutzer zuvor gesucht haben. Bei regelmäßiger Nutzung der Informationsangebote im Web spielt auch das eigene Suchverhalten, also das ermittelte Nutzerprofil, eine wichtige Rolle. Eine mehrfache und bedenkliche Abhängigkeit entsteht hier: von der Art und Funktionsweise der Suchmaschinen, vom Suchverhalten vieler anderer Nutzer („andere suchten auch …“), schließlich eine gewisse Lenkung der eigenen Suchstrategie (meinten Sie „…“).

Bedenken und Gefahren

Gewiss soll hier keine allgemeine und undifferenzierte Kulturkritik an der modernen Informationsbeschaffung an sich geübt werden. Aber es erscheint doch wichtig, auf einige bedenkliche Tendenzen und Gefahren aufmerksam zu machen. Zunächst: Längst ist nicht alles, was in herkömmlichen Informationsspeichern wie Archiven und Bibliotheken auf beschriebenem oder bedrucktem Papier oder anderen Speichermedien aufbewahrt wird, auch in digitaler Form verfügbar. Allein die deutschen Bibliotheken besitzen hunderttausende von älteren Druckschriften und anderen Medien, deren Inhalte bisher noch nicht digitalisiert wurden, etwa wegen des Urheberrechtsschutzes oder ihres hohen wissenschaftlichen Spezialisierungsgrades. Zwar wird diese Menge im Laufe der kommenden Jahre nicht zuletzt durch die elektronischen Angebote der Verlage geringer werden, aber sie stellt sicher für längere Zeit eine weiterhin nennenswerte Größe dar. Archive werden nicht alle bei ihnen lagernden Dokumente Blatt für Blatt digitalisieren können, ohne hierfür vorher eine gewisse Auswahl im Hinblick auf relevante Nutzerinteressen getroffen zu haben. Zugegeben, das Suchen und Auffinden der in Archiven und Bibliotheken auf konventionelle Weise gespeicherten Informationen, die bei weitem nicht alle veraltet oder trivial sind, ist für die Nutzer oft mühsam und zeitaufwändig, bleibt aber für solides wissenschaftliches Arbeiten unerlässlich. Dieser geballten Informationsmenge der Vergangenheit droht (zumindest teilweise) jedoch das Vergessen, wenn vor allem von jungen Menschen nach ihren Recherchen gesagt wird: Mehr habe ich bei Google bzw. im Netz nicht gefunden. Viele Dozenten an Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen stehen vor diesem Problem einer derart eingeschränkten Wahrnehmung. Hinzu kommt der oft oberflächlich-ungeduldige oder unkritische Umgang mit dem von Suchmaschinen gelieferten Material, vor allem aber die durch die Internetnutzung noch geförderte Unkenntnis anderer Informationsquellen und die abnehmende Bereitschaft, in Bibliographien, Findbüchern und Katalogen von Archiven und Bibliotheken nach Büchern, Zeitschriften oder Archivalien zu suchen, diese vor Ort aufzusuchen bzw. auszuleihen, verständig-kritisch zu lesen und zu verarbeiten. In vielen wissenschaftlichen Bibliotheken ist die Zahl der Ausleihen trotz steigender Studentenzahlen in den letzten Jahren stark zurückgegangen (in Tübingen etwa um ein Drittel), eine Tendenz, die nicht allein durch das zunehmende Vorhandensein von E-Books und die Nutzung von Datenbanken, E-Learning-Plattformen oder der Freihandbestände vor Ort erklärt werden kann. Während bei der herkömmlichen wissenschaftlichen Arbeit der autonome kritische Geist gefragt ist, so scheint dieser bei der Internetnutzung oftmals ausgeblendet zu sein: Das steht doch im Netz, so hört man oft. Ist es darum aber auch immer richtig und verlässlich? Und wo bleibt bei den so vehement geforderten Open-Access-Publikationen vor allem im Zeitschriftenbereich die Selektion und Qualitätsprüfung, die bisher durch Lektorate, Verlage oder Fachgremien (Peer-Reviews) vorgenommen wurde?

»Das steht doch im Netz, so hört man oft. Ist es darum
aber auch immer richtig und verlässlich?«

Macht und Manipulation

Die Frage ist außerdem, ob wir uns nicht in eine zunehmend unreflektierte Abhängigkeit von der Macht der Suchmaschinen und Browser-Giganten begeben, die ja keine selbstlosen Wohlfahrtseinrichtungen sind, sondern Wirtschaftsunternehmen, die auf Gewinn und Expansion aus sind und immer stärker und raffinierter auch den Werbemarkt bestimmen. Die meist kostenfreie Informationssuche wird damit „bezahlt“, dass die Nutzer eine Unmenge von eigentlich unerbetener personengezielter Werbung mitgeliefert bekommen. Sind diese international agierenden Informationsgiganten also die modernen „Gate-Keeper“ (ein einst von Walter Lippmann entwickelter Begriff aus der Nachrichtenforschung), die ja nicht nur eine wertfreie ökonomische oder finanzielle Macht darstellen, sondern in unserer global vernetzten Gesellschaft bestimmen, was ihre Nutzer (Leser) an Informationen bekommen bzw. bekommen sollen? Überall hinterlassen die Nutzer ihre Suchspuren im Web, die ihrerseits wieder genutzt werden, um Informationen noch gezielter „an den Mann“ zu bringen. Als kritischer Nutzer fühlt man sich auf eine unheimliche, geradezu kafkaeske Weise unbekannten Mächten ausgeliefert und von ihnen ausgespäht. „Big brother is watching you“, um es mit George Orwell auszudrücken.

Bei aller Faszination der elektronischen Medien, deren praktischer Nutzen in vielen Fällen gar nicht abgestritten werden soll, scheint diese Machtfrage Nutzer und die Öffentlichkeit erstaunlicherweise kaum zu interessieren. Solche Macht lädt jedoch zur Manipulation ein, zunehmend wird sie auch von Politikern rechtspopulistisch oder autoritär regierter Staaten (Ungarn, Türkei, China, Russland) nicht nur als Gefahr für die Stabilität ihrer politischen Systeme gesehen, sondern auch als Lenkungsinstrument für die Kontrolle der Öffentlichkeit genutzt.

Dem Gedächtnisverlust ent­gegenwirken

Jede Generation ist stets von Neuem gefragt, welche Informationen, welche Erkenntnisse und welches Wissen sie an die zukünftige Generation weitergeben kann und will. Bibliotheken und Archive, aber auch die Wissenschaft sind heute gefordert, den eingangs erwähnten Tendenzen zum „Gedächtnisverlust“ entgegenzuwirken. Sie müssen deutlich machen, dass in ihren Informationsspeichern noch mehr Inhalte stecken, als es das Web suggeriert, zumal es überhaupt fraglich ist, ob eines Tages wirklich ALLES Geschriebene und Gedruckte der Vergangenheit in leicht zugänglicher digitaler Form zur Verfügung stehen wird. Die Digitalisierung wird nicht zuletzt von der Nachfrage bestimmt, und die Nachfrage kann nur das erfragen, von dem sie schon einmal gehört oder gelesen hat. Zwar ist manches, was in den herkömmlichen Informationsspeichern zu finden ist, durch neuere Erkenntnisse überholt, gleichwohl kann es aber in den meisten Fällen vor allem von den Geisteswissenschaften als wertvolles Quellenmaterial für immer neue wissenschaftliche Fragestellungen benutzt werden.

Wenn junge Menschen von vornherein ganz selbstverständlich mit elektronischen Medien aufwachsen und damit „spielend leicht“ umgehen können, so ist dies sicher zu begrüßen. Aber das darf noch nicht alles sein. Die Schulung von „Informationskompetenz“ (ein Zauber- oder Modewort in Bibliothekskreisen) muss weiter reichen als Internetkompetenz, sie umfasst das geduldige Suchen, Lesen, Bewerten, den kritischen Umgang mit Informationen, gleich aus welcher Quelle sie stammen, ob sie in Servern oder in Bibliothekregalen und Archivmagazinen gespeichert sind. Hinzu kommt vor allem in den Geisteswissenschaften das nicht Planbare, überraschende Finden, wie es bisher in Archiven und Bibliotheken üblich war, das „Moment des Unvorhersehbaren“ im Forschungsprozess, worauf der Konstanzer Wissenschaftsphilosoph Jürgen Mittelstraß mehrfach hingewiesen hat. Er hat in seinem 2000 erschienenen Beitrag „Der Bibliothekar als Partner der Wissenschaft“ überdies deutlich gemacht, dass Information heutzutage zunehmend an die Stelle von Wissen tritt, und beklagt: „ Woher eine Information stammt und wie sie sich verarbeiten lässt, wird wichtiger als die wissende Teilnahme an der Produktion des Wissens und seine herkunftsunabhängige Beurteilung“. Es genügt nicht, nur Pfade durch den Informationsdschungel zu schlagen, es muss auch dem Vergessen gewehrt werden, das allenthalben droht, wenn immer wieder zu hören ist, dass im digitalen Zeitalter eigentlich keine Bibliotheken und Archive (es sei denn als museale Einrichtungen für Handschriften und alte Drucke) mehr nötig seien, weil die benötigten Informationen im Web oder in irgendwelchen Datenwolken („Clouds“) zu finden seien. Beschriebenes oder bedrucktes Papier wird bei sachgemäßer Lagerung auch noch nach 500 Jahren von den Menschen lesbar sein, bei der elektronischen Langzeitarchivierung mag man dies bei allen Fortschritten auf diesem Gebiet bezweifeln, zumal hier auch noch eine weitere Gefahr, geradezu ein Alptraum droht, nämlich das versehentliche oder absichtliche Löschen von Daten, die dann ein für alle Mal verloren sind. In der „schönen neuen Welt“ (Aldous Huxley) des digitalen Zeitalters darf nicht in Vergessenheit geraten, was vergangene Generationen uns an wertvollem Wissen und Gedankengut in Archiven und Bibliotheken hinterlassen haben.

 

A U T O R

Dr. Wilfried Lagler arbeitet als ­wissenschaftlicher Bibliothekar an der Universität Tübingen.


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