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05 | Mai 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Kempen: „Mehr wägen, weniger zählen“

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) hat Hochschulpolitik, Wissenschaftsorganisationen und Fachgesellschaften dazu aufgerufen, sich breiter und intensiver mit Nutzen und Gefahren von Datenerhebungen und Forschungsinformationssystemen auseinanderzusetzen. „Wissenschaft beruht auf Kreativität und Originalität, die sich nicht vermessen lassen. Exzellente Wissenschaft braucht vor allem kluge, individuell in ihrer Forschung freie Köpfe“, erklärte der Präsident des DHV, Professor Bernhard Kempen. „Eine zahlengläubige und technokratische Steuerungspolitik braucht die Wissenschaft nicht.“

In jüngster Vergangenheit hatte insbesondere die vom Wissenschaftsrat initiierte Einführung eines „Kerndatensatz Forschung“ zur bundesweit einheitlichen Definition und Strukturierung von Forschungsinformationen für Diskussionen unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gesorgt. „Politik und Gesellschaft benötigen Planungssicherheit und haben daher ein legitimes Interesse an einer gesicherten Datenlage über Wissenschaft. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit einer zunehmend von Kennziffern gesteuerten Wissenschaftspolitik liegen jedoch die besseren Argumente bei den Kritikern weiterer Datensammlungen“, betonte der DHV-Präsident.

So würden bestehende Verteilungskämpfe um knapper werdende Ressourcen immer häufiger sowohl mittels eines unzulässigen Vergleichs zwischen den Fächern innerhalb einer Hochschule als auch mittels des ebenso problematischen standortübergreifenden Vergleichs einzelner Fächer entschieden. Dabei blieben viele entscheidungsrelevante Faktoren, die sich nicht in ein Zahlenkorsett pressen ließen, auf der Strecke. Durch den Zugriff auf scheinbar objektives Datenmaterial verliere die wissenschaftsimmanente Bewertung von Forschungsleistungen durch fachlich qualifizierte Peers zunehmend an Bedeutung. Ein Wissenschaftssystem, das bei Verteilungs- und Bewertungsentscheidungen verstärkt auf Kennziffern und Daten setze, leiste einer „Tonnenideologie“ Vorschub. „Es befördert bereits heute durch die Verknüpfung von finanziellen Anreizen mit der Zahl von Publikationen eine Flut an Artikeln, die von der Wissenschaft selbst kaum noch rezipiert werden kann“, so Kempen. Zu befürchten sei, dass wissenschaftliche Leistungsbereiche, die sich in Datenerfassungen nicht oder nur unzureichend abbilden ließen, zunehmend verkümmerten und bei Förderentscheidungen vernachlässigt würden.

Der DHV-Präsident ergänzte, dass die fortschreitende Fixierung auf Kennziffern erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen an den Hochschulen binde. Sie bleibe zudem wissenschaftsfremd und widerspreche der Eigenart von Wissenschaft, die allein der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis verpflichtet sei. Schon heute sei die politische Gängelung und vielfältige Steuerung der Wissenschaft durch rechtliche Direktiven und finanzielle Zuteilungsentscheidungen mit der Freiheit der Forschung kaum noch vereinbar.


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