Aussenseiter & Störenfriede
07 | Juli 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Außenseiter

Fluch und Segen des Anders-Seins | Norbert Groeben

Es gibt gute Gründe, warum ­Gesellschaften Menschen mit abweichenden Meinungen und abweichendem Verhalten aushalten müssen. Doch wie hält der Einzelne diese Position aus? Wann gelingt es den Non-Konformisten, die Mehrheitsmeinung zu beeinflussen? Zur Psychologie des Außenseiters.

„Es liegt im Interesse der Allgemeinheit, dass es immer Menschen geben muss, die gegen den Strom schwimmen. Nur weiß die Allgemeinheit das meistens nicht.“ (Seneca)

Außenseiter gehört zu den auch sprachpsychologisch interessanten Begriffen, bei denen der zentrale Bedeutungsaspekt nicht explizit benannt, sondern implizit als Voraussetzung unterstellt ist. Denn was ist das ‚Innen‘, dem der Außenseiter nicht angehört? Dadurch, dass es unbestimmt bleibt, entfaltet es bereits ein erhebliches Druck- bzw. Drohpotenzial. Das bezieht sich sowohl auf eine quantitative wie qualitative Ebene. Quantitativ geht es immer um die Relation einer Mehrheit zu einer Minderheit. Der Außenseiter steht als Minderheit, sei es als Einzelner oder zu mehreren, der Majorität gegenüber, mit der er in relevanten Dimensionen nicht übereinstimmt. Deren inhaltliche Ausprägung (Qualität) besteht vor allem aus den Normen und Regeln, die in der Mehrheitsgruppe gelten und von ihr definiert werden. Jede Gruppe braucht solche Normen und Konventionen, um den Zusammenhalt aufzubauen, der gemeinsame Identität und Wirksamkeit ermöglicht. Das reicht von relativ oberflächlichen Konventionen bei eher kleinen Gruppen wie dem Besitz von Nike-Schuhen in einem jugendlichen Klassenverband bis zu ausgesprochen tiefgreifenden Normen in relativ großen gesellschaftlichen Teilsystemen wie der Ablehnung von Suizid-Assistenz in der organisierten Ärzteschaft. Die Gruppe muss aus Gründen der Selbsterhaltung wie der Wirksamkeit auf die Einhaltung ihrer Normen achten, also von den Gruppenmitgliedern die Zustimmung und Erfüllung der Gruppen-Normen, d.h. Konformität, verlangen.

Das Anschlussmotiv

Dieser Konformitätsdruck kann sich für den Einzelnen, der als Außenseiter am Rand der Gruppe steht, zu einem Fluch auswachsen. Denn der Mensch ist nun einmal auf soziale Einbindung angewiesen. Deshalb stellt das Anschluss-Motiv neben dem Leistungs- und Macht-Motiv eine der zentralen Motivationen dar. Insbesondere in emotional belastenden Situationen wirkt der Anschluss an andere angstreduzierend und ermöglicht eine konstruktive(re) Problemlösung (Affiliations-Theorie nach Schachter). Wenn dieser Anschluss jedoch durch eine ablehnende Haltung der Gruppe nicht oder nur unzureichend gelingt, bedeutet das eine gravierende (emotionale) Belastung. Eine Belastung, die insbesondere im Kontext jugendlicher Gruppendynamik erforscht und nachgewiesen ist. Bisweilen reichen schon oberflächliche Person-Merkmale wie (abweichende) Kleidung etc. aus, weswegen die Gruppe mit zum Teil vehementer Ausgrenzung reagiert. Vor allem bei schüchtern-unsicheren, aber auch aggressiv-unangepassten Kindern und Jugendlichen kann sich diese Ausgrenzung bis hin zu gewalttätigen Mobbing-Aktionen steigern. Wer auf diese Weise Opfer von Gruppen-Konformität und -Druck wird, kann sein Außenseitertum sicher nur als Fluch empfinden.

Gruppendruck und die ­Grenzen seiner Wirksamkeit

Was lässt sich nun dagegen unternehmen? Glücklicherweise wird heutzutage an den (meisten) Schulen die einfachste, aber dennoch effektive Strategie dafür zumindest besprochen (wenn auch noch zu wenig eingeübt): nämlich dass jemand dem Außenseiter beisteht. Das geht zurück auf ein klassisches Experiment in der Geschichte der Psychologie (durch Solomon Asch in den frühen 1950er Jahren). Dabei wurde Gruppendruck aufgebaut, indem in einer Gruppe von Untersuchungsteilnehmern die Mehrheit Eingeweihte des Versuchsleiters waren und bei einer Wahrnehmungsaufgabe (des Vergleichs von Strichlängen) teilweise relativ eindeutig falsche Angaben machten. Wenn die einzig echte Versuchsperson am Ende der Schätzreihe antworten musste, passte sich ein Drittel der Teilnehmer der falschen Gruppenmeinung an, nur ein Viertel blieb völlig unbeeindruckt. Entscheidend aber: Sobald nur eine einzige weitere Versuchsperson korrekte Schätzungen abgibt, bricht die Wirksamkeit des Gruppendrucks völlig zusammen. Sobald der Außenseiter also nicht völlig allein gelassen ist, verliert der Schrecken der Ausgrenzung seine stärkste Kraft.

Unter bestimmten Bedingungen lässt sich die Wirkrichtung sogar umkehren, wie die Forschung zum Einfluss von Minoritäten zeigen konnte (ausgehend von Serge Moscovici und seinen Experimenten Anfang der 1970er Jahre). Dabei konnten zwei eingeweihte Versuchsteilnehmer die Mehrheit der uneingeweihten Gruppenmitglieder durch inadäquate Farbbenennungen zu immerhin einem Drittel ebenfalls unpassender Farbeinschätzungen bewegen, allerdings nur, wenn sie konstant bei ihrer Fehlbezeichnung (grün statt blau) blieben. In der Fortführung des Untersuchungsparadigmas mit komplexeren Problemen und Gruppen-Settings erwies sich, dass der Minoritäten-Einfluss allerdings neben der konstanten Einstellung auch eine flexible Verhandlungsführung erfordert. Außenseiter können also die Mehrheitsmeinung verändern, wenn sie, wie es der Aphoristiker auf den Punkt bringt, flexiblen Starrsinn (Karl-Heinz Karius) zeigen. Das Wichtigste ist dabei jedoch der Prozess, durch den der Minoritäten-Einfluss möglich wird. Das, was in der Gruppe als selbstverständlich gilt wie Norm, Konvention etc. wird durch den flexiblen Starrsinn des Außenseiters hinterfragt und muss sich einer Prüfung auf Wert- wie Zweckrationalität stellen!

Das konstruktive Merkmal Non-Konformismus

Darin liegt das positive, konstruktive Merkmal des Außenseiters (im Gegensatz zur nur negativen Charakterisierung des „außen“): Außenseiter sind vom Ansatz her, weil sie über ihre Relation zur Gruppe und deren Normen reflektieren müssen, Non-Konformisten. Wobei Non-Konformismus nicht mit Anti-Konformismus zu verwechseln ist. Wer als Anti-Konformist die vorfindbaren Normen einfach mit minus Eins multipliziert, bleibt genauso vollständig der Konformität verhaftet wie der Konformist. Non-Konformismus ist die reflektierte, begründete Entscheidung gegen, aber ggf. ebenso für bestimmte Normen und Konventionen. Wie für Individuen gilt auch für Gruppen, dass sie sich nur durch solche Reflexion und wo nötig Veränderung von Werthaltungen, Einstellungen etc. weiterentwickeln können. Dementsprechend spielen Außenseiter für das Fortbestehen von Gruppen (nicht nur, aber besonders auch in der Wissenschaft) eine essenzielle Rolle. Denn: „Es ist meistens der Außenseiter, der der Menschheit einen neuen Weg bereitet.“ (David Kiser) Das Fehlen von Außenseitern ist daher ein Fluch für die Mehrheitsgemeinschaft und ihre Weiterentwicklung (nicht nur, aber gerade auch in der Politik!).

Der Kreative als Außenseiter

Tragischerweise ist das der Mehrheits-Gemeinschaft in ihrem konstitutiven Streben nach Zusammenhalt in der Regel nicht bewusst (s.o. Seneca). Das bekommen nicht zuletzt Kreative immer wieder schmerzhaft zu spüren. Kreative sind unvermeidlich in Relation zu ihrer Bezugsgruppe Außenseiter, weil ihre Reflexion zur Aufgabe bzw. zumindest Veränderung zentraler Gruppennormen führt. Das manifestiert sich in einer Asynchronie ihrer Position, die zunächst von der Bezugsgruppe abgelehnt und erst nach um sich greifender Reflexion und erfolgreicher Prüfung übernommen wird. Dafür gibt es unzählige Beispiele aus der Kunst (z.B. van Gogh, der zeitlebens nur ein Bild verkauft hat, von dem man annimmt, dass es sein Bruder über einen Strohmann erstanden hat) bis zur Naturwissenschaft (etwa die anfängliche Ablehnung von Einsteins Relativitätstheorie auch in Göttingen als der damaligen Welthochburg der Physik). Daher gilt für das Außenseitertum der Kreativität wie für Individualität generell: Sie „setzt die Bereitschaft zur Einsamkeit voraus.“ (Raymund Walden)

»Gerade Kreative sind meistens durch eine paradoxale Verbindung
von Selbstzweifeln und Selbstsicherheit gekennzeichnet.«

Außenseiter = einsam?

Impliziert das nun eine Bereitschaft zum Unglücklich-Sein? Ein wenig vielleicht, aber zum größeren Teil eigentlich nicht. Zunächst einmal: Die Fähigkeit zur Einsamkeit ist sowieso Voraussetzung für jede glückliche (auch Zweier-) Beziehung. Und die Einsamkeit wird auf jeden Fall überstrahlt von der Befriedigung, den eigenen Standards, der eigenen Vorstellung vom sinnvollen, produktiven Leben gerecht zu werden. Die Autonomie des non-konformistischen Denkens, Fühlens und Handelns stellt für den Außenseiter, gerade auch den kreativen, die größte Stabilität seiner Existenz dar. Das schließt Unsicherheiten und Belastungen selbstverständlich nicht aus. Reflexion bedeutet immer auch Zweifel. Gerade Kreative sind meistens durch eine paradoxale Verbindung von Selbstzweifeln und Selbstsicherheit gekennzeichnet. Denn der Außenseiter, der nicht mehr zweifelnd reflektiert, verliert über kurz oder lang seinen Status, weil er in einem Konformismus mit irgendeiner Teilgruppe untergeht. Allerdings kann die Reflexion an bestimmten Punkten die emotionale Belastung nicht (völlig) aufheben. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass einen die Mehrheit, wenn man ihr dauernd mit Protest begegnet, nicht übermäßig freundlich umarmen wird. Aber das Bedürfnis nach Anschluss und vor allem auch Wirksamkeit bleibt trotzdem bestehen und macht die Sanktionen der Mehrheit belastend. Solche Sanktionen klaren Blicks immer wieder zu erwarten und auszuhalten, erfordert durchaus nicht wenig Mut und Frustrationstoleranz. Außerdem hoffen gerade auch Kreative darauf, sich mit ihren Ideen durchzusetzen, was wegen der angeführten Asynchronie jedoch u.U. erst in ferner Zukunft geschehen wird. Außenseitertum bedeutet daher, je konstruktiver es ist, umso mehr das Aushalten von unerfüllter Hoffnung. Und als Steigerung dieses Aushaltens sogar die Bereitschaft zum Scheitern: „Er war seiner Zeit weit voraus. Leider bog die dann in eine andere Richtung ab.“ (Willi Feld) Oder man ist vielleicht doch noch nicht ‚außen‘ genug? Denn:

„Oft hat weder die Majorität noch die Minorität Recht, sondern eine dritte Partei, gegen welche die Minorität eine Majorität ist.“ (Jean Paul)

Literaturhinweise:
N. Groeben (2013). Kreativität. Originalität dies­seits des Genialen. Darmstadt: Primus
M. Sader (2008). Psychologie der Gruppe. Weinheim/München: Juventa

 

A U T O R

Norbert Groeben ist Professor für Allgemeine und Kultur-Psychologie an der Universität zu Köln und Honorarprofessor für Allgemeine Literaturwissenschaft an den Universitäten Heidelberg und Mannheim.


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