08 | August 2007 Artikel versenden Artikel drucken

Das Ende bewährter Abwehrstrategien?

Bologna-Prozess: Bürokratische Überregulierung oder sinnvolle Neuordnung des Studiums? | Friedrich Stratmann | Bernd Kleinmann

Mit externem Druck und umfassenden Regulierungsversuchen kennen sich die Hochschullehrer deutscher Universitäten gut aus. Doch der Bologna-Prozess und die damit verbundenen Kontrollmechanismen stellen alles bis dahin Gewesene in den Schatten. Individuelle Handlungs- und Ermessensspielräume schrumpfen, es droht eine bürokratische Überregulierung.

Die Verkürzung der Studienzeiten im Kontext des Bologna-Prozesses macht eine Neuordnung des Studiums erforderlich. Dabei ist – so Heinz-Elmar Tenorth, Professor an der HU Berlin – insbesondere die „Zeit als größter Knappheitsfaktor in allen Lernprozessen“ zu berücksichtigen. „Wir müssen uns angewöhnen, dass wir nur die begrenzte Lebenszeit unserer Studenten beanspruchen dürfen“. Ein effizienter Umgang mit der Ressource Zeit bedarf einer formalen Regelung der Studienorganisation, wie sie in Form von Semestern und Semesterwochenstunden, Curricula mit Pflicht- und Wahlpflichtveranstaltungen, Studien- und Prüfungsordnungen, Leistungsnachweisen etc. seit langem an den Hochschulen üblich ist.

»Die neue Formalstruktur des Bologna-Prozesses schlägt auf die Arbeits­prozesse unmittelbar durch.«

Vor dem Hintergrund der Notwendigkeit einer formalen Strukturierung des Studiums muss die empörte Desavouierung seiner Neuordnung als „Bürokratisierung“, „Überreglementierung“ oder – mit polemischem Zungenschlag – als Turnübung an den „Trimm-dich-Stangen der Modulstrukturen“ (Narr/ Grottian) zunächst überraschen. Entkleidet man die Polemik des sie begleitenden, eher politisch motivierten Generalverdachts, hier werde eine „neoliberale Hochschulpolitik“, „BWLerisierung der Hochschule“ oder gar „Zerstörung der Universität“ betrieben, so lassen sich vier Elemente ausmachen, die der Befürchtung einer bürokratischen Überregulierung Vorschub leisten könnten:

  • straffe Strukturierung von Lehrangebot und Studienverlauf mit (nunmehr) hoher Verbindlichkeit für Hochschullehrende und Studierende
  • Ablösung des Systems der bisherigen Studienorganisation mit Zwischen- und Abschlussprüfungen sowie „Scheinen“ als Nachweis über Studienleistungen
  • Aufbau eines Systems studienbegleitender Prüfungen mit Leistungspunkten und Summierung der Einzelleistungen zum Studienabschluss
  • Pflicht zur Akkreditierung von neuentwickelten Studiengängen vor Aufnahme des Studienbetriebs und Re-Akkreditierung dieser Studiengänge nach fünf Jahren.

„Taylorisierung“ des Lehr­alltags?

Warum diese Reformelemente nun als Vorreiter einer „Bürokratisierung“ abgelehnt werden, lässt sich verstehen, wenn man herausarbeitet, inwiefern sie die oft von den Hochschulen geübte Entkoppelung zwischen Formal- und Aktivitätsstruktur (so die neoinstitutionalistische Formulierung) verhindern.
Denn allein der Umstand, dass sich Hochschullehrende durch Staat und Akkreditierungsagenturen von außen unter Druck gesetzt fühlen oder dass das Ausmaß der formalen Strukturen (Akkreditierungsverfahren, studienbegleitende zusätzliche Prüfungen, Diploma Supplement, Transcript of Record und Modularisierung etc.) stark zugenommen hat, kann noch nicht die Vehemenz erklären, mit der sich insbesondere die Professorenschaft gegen die Folgen des Bologna-Prozesses wendet. Weder externer Druck noch umfassende Regulierungsversuche sind neu. Beide wurden in der Vergangenheit von den Hochschulen aber nicht selten mit dem bewährten Kunstgriff einer Entkopplung von formaler Struktur (qua Regelwerk) und Aktivitätsstruktur (qua faktischem Tun) abgefedert. So könnten die Hochschulen auch jetzt versuchen, den Legitimationsanforderungen von Wissenschaftsministerien und Akkreditierungsagenturen durch schlüssige Konzepte für Bachelor- und Master-Studiengänge Genüge zu tun, während sie in Bezug auf ihre internen Prozesse „business-as-usual“ betreiben, um die Zielsetzung einer „technischen Effizienz“ nicht zu gefährden.
Nun scheint aber genau diese Strategie nicht mehr zu greifen: Die mit dem Bologna-Prozess einhergehende neue Formalstruktur schlägt auf die Arbeitsprozesse der Hochschullehrenden unmittelbar durch. Sie entwickelt kraft ihrer hohen Verbindlichkeit und ihrer rechtlichen Sanktionierung einen verhaltensregulierenden Effekt, der die gegenläufige Programmierung der Aktivitätsstruktur im Sinne eines „Wir machen so weiter wie bisher“ unmöglich macht. Die neue Struktur des Studiums und die juristisch einklagbare Pflicht zu ihrer Einhaltung führen bei vielen Dozenten daher zum Eindruck einer „Taylorisierung“ ihres Lehralltags: Sie müssen sehr viel häufiger prüfen, Klausurergebnisse fristgerecht abliefern, Teilnahmekontrollen einführen, Fristen einhalten – und verlieren zugleich gewohnte Ermessensspielräume; so kann dem Prüfling für die Fertigstellung einer Hausarbeit eben kein Aufschub mehr gewährt werden. Der neue Studienalltag erscheint daher – insbesondere aus der Sicht der Geistes- und Kulturwissenschaften – als überreguliert und entmenschlicht; die lebendige Begegnung zwischen Lehrenden und Lernenden wird einem Korsett aus administrativ angeordneten Verrichtungen geopfert, in dem Kontrolle über wissenschaftliche Freiheit dominiert. Wohlmeinende „Hinweise“ von Verwaltungsmitarbeitern, man möge doch eine bestimmte Frist einhalten, werden deshalb auch nicht als Hilfe, sondern als Kränkung erlebt. Die Kritik an dieser Bürokratisierung nimmt im Übrigen die Unterstützung dieser Prozesse durch Spezialsoftware nicht aus. Die von der Hochschulverwaltung in Anbetracht der immens anwachsenden Fallzahlen forcierte Informatisierung des Arbeitsprozesses Prüfungsverwaltung wird von den Kritikern als „Durchpauken von Managementprozeduren“ (Narr/Grottian) charakterisiert.

»Der neue Studienalltag erscheint als überreguliert und entmenschlicht.«

Drei Szenarien denkbar

Für die weitere Zukunft erscheinen vor diesem Hintergrund drei Szenarien denkbar; inwiefern sie eintreten, hängt von dem Ausgang der Konflikte zwischen den unterschiedlichen Interessen und Fachkulturen ab:

  1. Die Hochschulen sehen in den neuen Bachelor-Master-Strukturen insgesamt positive Signale für eine Neuordnung der Studienorganisation. Sie passen sich in ihrer Aktivitätsstruktur den formalen Strukturen an. Es gelingt, die curricularen Besonderheiten von Natur- und Ingenieurwissenschaften wie auch von Geistes- und Kulturwissenschaften dabei zu berücksichtigen.
  2. Die Hochschulen entwickeln neue „Organisationsstrategien“, um unter veränderten Rahmenbedingungen die gewünschte Entkopplung von Formalstruktur und Aktivitätsstruktur sicherzustellen. Dies könnte durch den Aufbau einer effizienten, hochschulinternen Serviceorganisation inkl. leistungsfähiger IT bei weitgehender Unversehrtheit der Arbeitsprozesse der Hochschullehrenden gelingen. Es versteht sich von selbst, dass diese Lösung ressourcenaufwendig ist.
  3. Die Einwände aus den Hochschulen, insbesondere aus Geistes- und Kulturwissenschaften, führen zu einer Veränderung der Rahmenbedingungen selbst. Dies könnte dann der Fall sein, wenn sich die neue Formalstruktur als dysfunktional erweist und ihre Reglementierung von Studiengängen anderen Zielen – wie z. B. der Hochschulautonomie oder Profilbildung – im Wege steht.
 

A U T O R

Friedrich Stratmann ist Leiter der Abteilung III - Hochschulentwicklung beim Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover. Bernd Kleimann ist stellvertretender Leiter des Arbeitsbereichs „Organisation und Ressourcenplanung“ beim HIS.


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