10 | Oktober 2008 Artikel versenden Artikel drucken

Gags nutzen sich sehr schnell ab

Ein Ars legendi-Preisträger über die Praxis der Vorlesung | Joachim Winter

„Wichtig ist aufm Platz“ ist eine Grundweisheit des Fußballsports. Diese Einsicht kann auch auf die Hochschullehre übertragen werden. Worauf kommt es konkret in der Vorlesung an, um Studenten zu begeistern und Wissen und Einsichten weiterzugeben? Fragen an einen ausgezeichneten Hochschullehrer.

Forschung & Lehre: Die Vorlesung beginnt, der Hörsaal ist überfüllt und es ist sehr unruhig. Was tun Sie?

Joachim Winter: Ich beginne in der Regel mit einem kurzen Rückblick über die letzte Vorlesung und gebe einen Überblick über den anstehenden Stoff. Auch wenn es einmal etwas lauter sein sollte, fange ich nach der Begrüßung einfach an zu sprechen – es wird dann in der Regel sehr schnell ruhig. Der letzte Notnagel bei zu großer Unruhe im Hörsaal ist der Hinweis auf „klausurrelevanten“ Stoff. Wenn dieses Wort fällt, wird es schlagartig mucksmäuschenstill. Wie alle Gags nutzt sich auch dieser leider sehr schnell ab.

F&L: Stellen Sie Fragen in der Vorlesung und gibt es Diskussionen mit den Studenten?

Joachim Winter: Einige wenige Fragen an die Studenten stelle ich in jeder Vorlesung. Eine Diskussion ergibt sich eher als Reaktion auf Fragen oder Kommentare der Studenten. In aller Regel nehme ich mir die Zeit, Fragen der Studenten auch auszudiskutieren. Man muss bei sehr spezifischen Diskussionen nur im Auge behalten, dass sich der Rest der Studenten nicht langweilt.

F&L: Und wenn auf eine Frage keiner antwortet, das Plenum schweigt?

Joachim Winter: Die Erfahrung zeigt, dass in den meisten Vorlesungen eine kleine Gruppe von Studenten von sich aus bereit ist, Antworten zu versuchen. Es ist allerdings schwierig, dem großen Rest Antworten zu entlocken; ich versuche das auch nicht. Dennoch ist es meiner Ansicht nach sinnvoll, Fragen zu stellen, weil auch diejenigen Studenten, welche niemals zu antworten bereit wären, merken, ob sie die Antwort ebenso hätten geben können oder nicht. In Massenvorlesungen spreche ich Studenten übrigens nie direkt an, in kleineren Veranstaltungen durchaus.

F&L: Angenommen, Sie haben den Faden verloren: Lassen Sie das die Studenten merken, machen Sie eine Pause und beginnen Sie nochmals von vorne?

Joachim Winter: Wenn ich den Faden wirklich verloren habe, merken das die Studenten, und natürlich muss ich dann das Argument noch einmal neu entwickeln. Das kommt glücklicherweise nicht sehr häufig vor, so dass ich ohne große Peinlichkeit offensiv damit umgehen kann. Ein wenig Selbstironie hilft dabei. Wenn man sich selbst in die Rolle eines Studenten versetzt, ist auch klar, dass das Eingestehen eines Fehlers viel besser ankommt als der Versuch, ihn so zu übergehen, als hätte niemand etwas bemerkt.

F&L: Was gehört zu einem überzeugenden „Auftritt“ eines Hochschullehrers?

Joachim Winter: Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass eine ausreichende Vorbereitung auf jede einzelne Vorlesung entscheidend ist. Wie groß der Vorbereitungsaufwand ist, hängt natürlich vom Einzelfall ab, aber auch Vorlesungen, die ich schon oft gehalten habe, muss ich jeweils zumindest kurz rekapitulieren. Darüber hinaus ist es wichtig, dass ich den Stoff für die ganze Vorlesungszeit ausgeplant habe. Improvisieren zur Kompensation mangelnder Vorbereitung gelingt wohl nur ganz wenigen Kollegen überzeugend, mir jedenfalls nicht. Ich denke, dass man das durchaus verallgemeinern kann: Studenten merken, wenn ein Dozent den Stoff nicht präsent hat; sie werten dies berechtigterweise als Ausdruck mangelnder Professionalität und distanzieren sich innerlich vom Dozenten, vom Stoff der Veranstaltung und vielleicht sogar von einem ganzen Lehrfach. In meinem Fachgebiet, der Anwendung statistischer Methoden in der empirischen Analyse ökonomischer Fragestellungen, einem aus Sicht der meisten Studenten eher trockenen Gebiet, ist es zudem nicht nur wichtig, den Stoff anschaulich und interessant aufzubereiten – es bestehen auch gute Möglichkeiten dazu. Ich versuche dabei, einen Perspektivwechsel zu schaffen: Wenn ich als Student an dieser Veranstaltung teilnehmen müsste oder wollte, was würde ich von ihr erwarten? Wie viel Aufwand würde ich erbringen? Was fände ich spannend, was würde mich langweilen? Selbstverständlich kann man seine Lehrveranstaltungen nicht nur an den bekannten oder vermuteten Wünschen der Studenten ausrichten. Aber auch bei vorgegebenen Inhalten helfen mir diese Überlegungen, den Stoff so aufzubereiten, dass er die Studenten interessiert.

Eine ausreichende Vorbereitung auf jede einzelne Vorlesung ist entscheidend.

F&L: Ist ein wenig schauspielerisches Talent hilfreich?

Joachim Winter: Schauspielern muss man in einer Vorlesung wohl eher nicht, aber es hilft natürlich, wenn man keine Scheu davor hat, sich vor größeren Gruppen zu präsentieren. Insofern kann es durchaus sein, dass gute Schauspieler und gute Dozenten ähnliche Persönlichkeitseigenschaften besitzen. Ich selbst habe oft keine Lust, in den Hörsaal zu gehen und eine Vorlesung zu halten – nicht zuletzt, weil es ja so viele andere Dinge zu tun gäbe. Aber wenn ich dann im Hörsaal stehe, macht es mir einfach Spaß.

Gute Schauspieler und gute Dozenten besitzen ähnliche Persönlichkeitseigenschaften.

F&L:Wie viel ist in der Lehre Begabung und was lässt sich üben? Wie stehen Sie zu Didaktikkursen für Hochschullehrer?

Joachim Winter: Grundlegende Techniken lassen sich lernen, und viele Fehler lassen sich vermeiden, wenn man sich ihrer erst einmal bewusst ist. Deshalb sind Didaktikkurse wichtig und hilfreich. Aber auch eine gewisse Begabung gehört wohl dazu. Ich selbst habe nie einen Didaktikkurs besucht, aber im Nachhinein denke ich, dass ich damit einige Fehler hätte vermeiden können. Aber noch wichtiger wäre für mich ein Sprechtraining gewesen. Nach 90 Minuten Vorlesung ist meine Stimme nicht mehr zu gebrauchen, egal, ob ich imAudimax oder einem kleinen Seminarraum stehe. Auch hier gibt es natürlich lernbare Techniken. Das sollte ich wohlnoch einmal nachholen.

 

A U T O R

Joachim Winter lehrt Empirische Wirtschaftsforschung an der Ludwig Maximilians- Universität München. 2008 wurde er mit dem Ars legendi-Preis ausgezeichnet.


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