Symbolbild "Kommunikation": zwei gezeichnete Köpfe schauen sich an, darin ist jeweils ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen.
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Wissenschaftskommunikation
Barrieren in der Kommunikation überbrücken

Forschung wirkt am besten, wenn sie wahrgenommen wird. Wie es Forschenden gelingt, ihr Wissen erfolgreich zu kommunizieren.

Von Lisa Herzog 26.07.2022

Wem schenken Politikerinnen und Politiker sowie die breite Öffentlichkeit ihr Vertrauen? Studien zur Vertrauenswürdigkeit verschiedener Berufsgruppen zeigen regelmäßig, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als sehr vertrauenswürdig wahrgenommen werden. Ausnahmen bilden allerdings politisch hochrelevante Themen wie der Klimawandel oder Impfungen. Bei diesen wird die Autorität wissenschaftlicher Erkenntnisse oft kontrovers diskutiert. Anstatt solche Zweifel an der Wissenschaft einfach von sich zu weisen, fordert das Projekt Science with Society (SCISO) eine Auseinandersetzung mit den Ursachen dieses Vertrauensverlustes. Es wurde von der Arbeitsgruppe "Trust in (Young) Scientists" der Global Young Academy initiiert, eines weltweiten Netzwerks von 200 Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern.

Die Diskussionen in der Arbeitsgruppe zeigten, dass die Probleme in vielen Ländern ähnlich gelagert sind. Weltweit stehen junge Forschende vor dem gleichen Dilemma: Da sind einerseits die Zwänge, denen sie unterliegen, wenn sie im System bleiben wollen: publizieren, unterrichten, Drittmittel einwerben, Netzwerke bilden. Und da sind andererseits die Ideale, um derentwillen man überhaupt Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler werden wollte: die Suche nach neuen Erkenntnissen, die Freude am gemeinsamen Forschen und Diskutieren, aber auch der Austausch mit denjenigen, die von diesen Einsichten profitieren oder einen auf ganz neue Fragen stoßen könnten.

"Weltweit stehen junge Forschende vor dem gleichen Dilemma."

Wissenschaft mit der und für die Gesellschaft zu betreiben, und das auf eine Art und Weise, die Vertrauen nicht nur fordert, sondern auch verdient – das kann sehr verschiedene Formen annehmen, von citizen science-Initiativen in den Umweltwissenschaften über Dialogformate in Museen oder Volkshochschulen bis hin zu "open science" und Wissenschaftskommunikation in den Sozialen Medien. Klar ist jedoch, dass kommunikative Fähigkeiten dafür wichtig sind. Deswegen hat die Arbeitsgruppe den Kontakt mit dem Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik), einem in Karlsruhe ansässigen Institut, das Seminare in Wissenschaftskommunikation anbietet, gesucht. Es verfügt über langjährige Expertise darin, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der verständlichen Kommunikation mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu schulen.

Ironie der Spezialisierung in der Wissenschaft

Es ist eine der Ironien der hochgradigen Spezialisierung von Wissenschaft, dass die Forschung über die Rolle von Wissenschaft in der Gesellschaft, über wissenschaftliche Integrität und über die Effektivität von Wissenschaftskommunikation viele der potenziellen Zuhörerinnen und Zuhörer – nämlich Forschende, die dadurch besser über ihre eigene Arbeit reflektieren und kommunizieren könnten – kaum erreicht. Sie findet in der Wissenschaftssoziologie und -philosophie, den science and technology studies oder den Kommunikationswissenschaften statt und dürfte von Biomedizinern, Ingenieurinnen oder Musikwissenschaftlern kaum wahrgenommen werden.

SCISO möchte daran etwas ändern, indem es gerade diese Inhalte auf leicht zugängliche Weise für ein internationales Publikum aufbereitet: in Form von neun kurzen Videoclips (unterlegt mit Quellenangaben und Hinweisen zum Weiterlesen), die sich mit Themen wie wissenschaftlicher Integrität, der Rolle von Werten in der Wissenschaft, Interessenskonflikten durch externes Funding oder Citizen Science beschäftigen. Eine zweite Videoserie mit acht Videos entstand unter der Regie des NaWik und beschäftigt sich mit den Grundlagen der Wissenschaftskommunikation: dem Formulieren von Kernbotschaften, dem verständlichen Schreiben, aber auch den Prozessen und Akteuren der Wissenschaftskommunikation. Eine dritte Videoserie, die derzeit fertiggestellt wird, zeigt Interviews und Fallbeispiele aus der Praxis, zum Beispiel aus einem Projekt zwischen Forschenden und Patientinnen und Patienten in Südafrika, die ihre Zusammenarbeit durch gemeinsame Kunstprojekte ausgebaut haben.

"Studien zeigen, dass Forschende als kompetent wahrgenommen werden, aber nicht unbedingt als 'warm'."

Warum dieses Format, das gerade jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ansprechen soll? Studien zur Wissenschaftskommunikation, beispielsweise von Susan T. Fiske und Cydney Dupree, zeigen, dass Forschende in der Regel als kompetent wahrgenommen werden, aber nicht unbedingt als "warm." Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler können Kommunikationsbarrieren mit Nicht-Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern vielleicht leichter überbrücken als ältere Forschende. Denn bei ihnen liegt der eigener Einstieg in die Wissenschaft noch nicht so weit zurück; sich in die Situation derjenigen hineinzuversetzen, die mit der Forschung nichts anfangen können, dürfte ihnen daher vielleicht leichter fallen. Und last but not least: der Umgang mit sozialen Medien ist für viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Selbstverständlichkeit.

Dennoch ist die Botschaft des SCISO-Projekts breiter: Es geht neben praktischen Tipps und Anwendungsmöglichkeiten für die Wissenschaftskommunikation insgesamt (inklusive Blogs, Zeitungsartikel, Interviews) auch um die Reflexion des Selbstverständnisses von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und um eine differenzierte Betrachtung von Themen wie zum Beispiel der angeblichen "Wertfreiheit" von Wissenschaft. Dazu gab die Wissenschaftsphilosophin Heather Douglas ein Interview, in dem sie die Rolle von Werten an unterschiedlichen Stellen im wissenschaftlichen Prozess erläuterte.

Es bleibt die Frage, ob die institutionellen Kontexte, in denen Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler arbeiten, es ihnen erlauben, ein derartiges Verständnis von Wissenschaft zu leben. Wo der Druck, zu publizieren und Drittmittel einzuwerben, hoch ist, bleibt für Projekte mit gesellschaftlichen Akteuren wenig Zeit. Wo eine Kultur der Altershierarchie vorherrscht, wird ein eigenständiges Auftreten jüngerer Forschender vielleicht als dreist empfunden.

Angst vor Kontroversen schreckt ab

Allgemein verhindern oft die Angst vor kontroversen öffentlichen Debatten und fehlende Anerkennungsmechanismen für die aktive Wissenschaftskommunikation ein breiteres Engagement von Forschenden.

Universitäten freuen sich in der Regel über Medieninteresse, das Vorteile im institutionellen Wettbewerb bringen könnte – aber lassen sie auch den Raum für langfristigere und riskantere Projekte in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft? Natürlich kann es nicht darum gehen, dass Social-Media-Popularität zum Ersatz für wissenschaftliche Leistung wird, oder dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die weder Interesse an noch Talent zu Wissenschaftskommunikation haben, dazu verpflichtet werden. Doch die Arbeitsplatzbeschreibungen und Karriereverläufe der Wissenschaft müssen insgesamt genug Raum und Wertschätzung für Aktivitäten bieten, die in der Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Gruppen die Vermittlung oder Anwendung von theoretischem Wissen erlauben oder in transdisziplinären Zuschnitten neue Einsichten hervorbringen. Vertrauen in die Wissenschaft ist ein Gemeingut, zu dessen Erzeugung die akademische community gemeinsam beitragen muss – und es ist eine Investition in die Zukunft, weil vertrauenswürdige Kommunikation zwischen den Trägerinnen und Trägern unterschiedlicher Wissensformen für die Regierbarkeit komplexer demokratischer Gesellschaften unverzichtbar ist.

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