Windmühle bei nächtlichem Sternenhimmel
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Mein Rückblick auf 2020
Staubkörner im Universum

Die Coronakrise bringt viele Belastungen mit sich. Positive Erfahrungen können ermutigen und eigene Wege der Entspannung einen Ausgleich schaffen.

Von Barbara Dauner-Lieb 26.12.2020

"Mensch, werde wesentlich", diese Mahnung meines Vaters (1925-2019) habe ich im vergangenen Jahr oft im Ohr gehabt. Im Alter meiner Studierenden war er schon zwei Jahre Soldat gewesen und hatte fast ein Jahr schwer verwundet im Lazarett verbracht. Seine Mutter (1888-1977) hatte im Ersten Weltkrieg Verwundete gepflegt und die Spanische Grippe erlebt.

Meine Mutter (1930-2020) musste als Konsequenz des Zweiten Weltkrieges 13 Mal die Schule wechseln und hatte monatelang überhaupt keinen Unterricht. Ihr Vater (1903- 1978) war als frischgebackener Rechtsassessor und junger Familienvater in der Weltwirtschaftskrise lange arbeitslos. Die Lebensgeschichten von Eltern und Großeltern stellen das harte Jahr 2020 in größere historische Zusammenhänge und ermutigen zu Optimismus und Gelassenheit.

Ermutigt und inspiriert werde ich 2020 aber vor allem durch die vielen Helden des Alltags in meiner engsten Umgebung: Eine Ärztin bleibt nachts und am Wochenende über Handy erreichbar. Nach einem üblen Wasserschaden organisiert und überwacht mein Versicherungsvertreter die unterschiedlichen Handwerkerteams so engagiert, dass die Probleme in kürzest möglicher Zeit und fast geräuschlos beseitigt werden.

Ausgleich zum Corona-Arbeitsalltag schaffen

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Mittelbaus der juristischen Fakultät an der Universität zu Köln unterstützen weit überpflichtgemäß in ihrer Freizeit die Umstellung auf digitale Lehre, bauen Zusatzangebote für die Erstsemester auf, stehen den Studierenden für Fragen und Gedankenaustausch zur Verfügung. Sie haben unfassbar Geduld mit denjenigen, die sich mit den digitalen Werkzeugen schwertun.

In meinen Lehrveranstaltungen komme ich dank der großartigen Unterstützung meines Teams mit der digitalen Lehre ohne allzu peinliche Pannen zurecht. Bei den Examenskandidatinnen und
-kandidaten funktioniert der Kurs per Zoom erstaunlich gut; die Beteiligung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist teilweise sogar deutlich intensiver als im Präsenzunterricht, auch wenn der unmittelbare Kontakt mir und ihnen fehlt.

"Immer wieder eröffnet sich der Blick auf den Flughafen, der wie ein verlassener Parkplatz wirkt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal über Fluglärm freuen würde."

Da ich privat in einer Wohngemeinschaft mit einem Erstsemester der Rechtswissenschaft lebe, kann ich allerdings täglich aus nächster Nähe beobachten, dass die digitale Lehre – so wie sie derzeit überwiegend praktiziert wird – für Anfangssemester begrenzt sinnvoll und erfolgreich ist. Vor allem die zahlreichen Videoaufzeichnungen gehen oft an den Köpfen und Herzen vorbei; schlimmstenfalls bilden sie den Soundtrack für außercurriculare Aktivitäten.

Abends bin ich zu müde für anspruchsvolle Lektüre. So lasse ich mich von Netflix-Serien erheitern und entspannen: "Greanleaf" verändert meine Wahrnehmung; "Fauda" ist unfassbar spannend und politisch brisant; "Peaky Blinders" zeigt coole Typen mit interessanten Haarschnitten. Außer Konkurrenz läuft bei mir "Vikings". Floki lebt? Darüber kann man auch nett mit Studierenden albern.

An den Wochenenden entdecke ich die Wahner Heide zwischen dem rechten Rheinufer und dem Bergischen Land. Die zehn liebevoll ausgezeichneten und gepflegten Rundwanderwege bieten zauberhafte Überraschungen: Eine Panzerwaschanlage voller laut quakender Frösche, Ziegen- und Eselsherden, Kunst im Wald, einen Friedhof für russische Kriegsgefangene, Reste einer Einsiedlerklause. Immer wieder eröffnet sich der Blick auf den Flughafen, der wie ein verlassener Parkplatz wirkt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal über Fluglärm freuen würde.

Meine Bilanz für 2020: Wir sind Staubkörner im Universum – and I think to myself, what a wonderful world.

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