Junger Mann vor Laptop
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Peer Review Das Beste aus kritischem Feedback machen

Gerade zu Beginn der wissenschaftlichen Karriere kann das Einreichen eines Artikels mit viel Frust verbunden sein. Beth L. Hewett hat nützliche Tipps.

Von Katrin Schmermund 06.07.2018

Forschung & Lehre: Nach monatelanger Arbeit an einem Paper kommt endlich der Tag, an dem es beim Verlag eingereicht werden kann. Nach einiger Zeit dann die ernüchternde Rückmeldung vom Gutachter: Man hat das Gefühl, alles müsse geändert werden. Wie gehen Wissenschaftler mit dieser Situation am besten um?

Beth L. Hewett: Vor allem jüngere Wissenschaftler sehen in den Korrekturen eines Gutachters schnell eine Pauschalkritik an ihrem Artikel. Das ist zwar verständlich, weil sie in ihrem Forschungsbereich noch nicht so etabliert sind, um die notwendige Sicherheit zu haben, dass sie einen wichtigen Forschungsbeitrag zu ihrem Fach leisten. Es ist aber in den meisten Fällen unangebracht, weil sie sich ausführliche Gedanken gemacht und Theorien und Forschungsansatz so angepasst haben, dass die Argumentation zielführend ist – alles andere wäre unangebracht dem Gutachter gegenüber, den es viel Zeit kostet, einen schlechten Artikel zu lesen. Wissenschaftler sollten sich von den Anmerkungen nicht herunterziehen lassen, sondern sie als Hilfestellung sehen, um ihren Artikel zu verbessern. 

F&L: Womit fange ich am besten an?

Beth L. Hewett: Man sollte sich die Korrekturen und sonstige Anmerkungen in Ruhe anschauen, sie dann aber erst einmal weglegen und etwas anderes machen. In der Zeit relativieren sich negative Gefühle, die innere Anspannung lässt nach und die Autorinnen und Autoren eines Artikels können ihre Gedanken etwas sortieren. Danach empfiehlt es sich, mit Textmarkern ausgestattet noch einmal an den Text zu gehen und alle Verben zu markieren. Auf diese Weise verschafft man sich einen guten Überblick über die geforderten Änderungen. Wenn Autoren Glück haben, hat ein Gutachter auch schon einige Anhaltspunkte gegeben, wie die Schwachstellen des Artikels ausgebessert werden können, auf welche Literatur Autoren zum Beispiel zurückgreifen sollten. Das ist eine freundliche Hilfe, aber keine Pflicht eines Gutachters.

F&L: Wie verfahre ich mit den übrigen Anmerkungen?

Beth L. Hewett: Auch die sollten Wissenschaftler markieren, damit sie nichts übersehen – am besten in einer anderen Farbe. Ist alles gekennzeichnet, empfiehlt sich eine Einteilung der notwendigen Änderungen in wichtig und weniger wichtig, schwierig und leicht. Am besten setzt man sich zuerst an die wichtigen leichten Änderungen. Denn die wichtigen Änderungen beziehen sich sehr wahrscheinlich auf grundsätzliche Aspekte, etwa die Theorie oder den Forschungsansatz. Da hierauf die gesamte Arbeit aufbaut, verbessert es ihren logischen Aufbau, mit diesen Punkten anzufangen. Über die wichtigen schwierigen Anmerkungen sollte man in Ruhe nachdenken und sie dann als zweites bearbeiten. Danach stehen die übrigen Anmerkungen an.

F&L: Sollte ich alle Kommentare des Gutachters berücksichtigen?

Beth L. Hewett: Man sollte auf jeden Fall auf alle Notizen eingehen, muss aber nicht zwangsläufig allen zustimmen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es zum Beispiel durchaus akzeptiert wird, nur acht Punkte zu ändern und bei zweien weniger fundamentalen an der ursprünglichen Version festzuhalten. Wichtig ist es dann nur zu begründen, warum man sich dazu entschieden hat.

F&L: Sie gehen davon aus, dass ein Gutachter seinen Job gewissenhaft macht und die Anmerkungen Hand und Fuß haben. Was aber, wenn ich daran zweifele?

Beth L. Hewett: Autoren sollten zunächst einmal in das Urteil des Gutachter vertrauen und es als Tatsache hinnehmen, dass ihr Artikel wissenschaftliche Schwächen hat. Es ist zum Beispiel auch ein Fehler meinerseits, wenn ein Gutachter, der in meinem Fach kein Spezialist, aber nicht auf den Kopf gefallen ist, meine Argumentation nicht verstehen kann. Kommen Wissenschaftler allerdings auch mit etwas Distanz und nachdem sie sich in Ruhe mit den Anmerkungen auseinandergesetzt haben zu dem Schluss, dass sie die Korrekturen für ungerechtfertigt halten, sollten sie sich mit dem Gutachter in Verbindung setzen.

F&L: Welchen Weg würden Sie dabei wählen?

Beth L. Hewett: Ich würde den Gutachter so kontaktieren, wie er mir die Korrekturen geschickt hat, also in der Regel per E-Mail oder auch postalisch. In meinem Schreiben würde ich kurz schildern, um welche Punkte es mir geht und um ein Telefonat bitten.

Beth L. Hewett, PhD
Die US-Amerikanerin Beth L. Hewett, PhD, publiziert und coacht zum wissenschaftlichen Schreiben. privat

F&L: Was, wenn man nicht zueinander findet – kann ich dann noch die Zeitschrift wechseln?

Beth L. Hewett: Natürlich, und das sollten Wissenschaftler auch durchaus tun. Besser ist es aber, eine Einigung zu finden. Schließlich dauert so ein Peer Review Prozess lange und man verliert viel Zeit, wenn man den Artikel neu für eine andere Zeitschrift aufbereitet.

"Auch wenn Zeitschriften sehr viele der eingereichten Artikel ablehnen, sollten Wissenschaftler ihren Artikel ganz gezielt für eine von ihnen schreiben." Beth L. Hewett

F&L: Wirkt es sich zu Beginn der wissenschaftlichen Karriere nicht schlechter für mich aus, mehrere Artikel geschrieben zu haben, die alle abgelehnt wurden, als es ganz gelassen zu haben?

Beth L. Hewett: Keiner wird wissen, wie oft ein Artikel abgelehnt wurde. Gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten das Publizieren als – manchmal schwierigen – wertvollen Lernprozess betrachten.

F&L: Was sind typische Fehler von Wissenschaftlern, die einen Artikel publizieren wollen?

Beth L. Hewett: Eines der größten Hindernisse für eine erfolgreiche Veröffentlichung ist, dass sich Wissenschaftler die Zeitschrift, in der sie publizieren wollen, nicht oder nicht genau angeschaut haben. Sie wissen nicht, auf welchen Stil und auf welche Inhalte es ankommt. Das kann die Zitationsregeln betreffen, aber auch Forschungsmethoden. Veröffentlicht ein Journal zum Beispiel deskriptive Studien, komme ich mit einer analytischen Arbeit nicht weit. Damit zusammen hängt die Frage nach den Lesern: Wissenschaftler sollten sich bewusst machen, wer ein Journal liest und ganz bewusst für diese Zielgruppe schreiben.

F&L: Entspricht es denn gerade bei jungen Wissenschaftlern der Realität, dass sie es sich erlauben können, ihren Artikel nur an ein Journal zu schicken?

Beth L. Hewett: Auch wenn Zeitschriften sehr viele der eingereichten Artikel ablehnen, sollten Wissenschaftler ihren Artikel ganz gezielt für eine von ihnen schreiben. Nur so haben sie eine realistische Chance, dass ihr Artikel publiziert wird. Ist er so geschrieben, dass er zu jeder Zeitschrift ein bisschen, aber nicht genau passt, tun sie sich keinen Gefallen. Sie sollten sich entscheiden, bei wem sie publizieren wollen und dann schreiben. Ein weiteres Problem ist dabei, dass sie häufig zu hohe Ansprüche an sich stellen.

F&L: Wie meinen Sie das?

Beth L. Hewett: Schon ganz am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere versuchen einige Forscher, in den renommiertesten Zeitschriften ihres Fachs zu publizieren. Besser ist es auch hier, klein anzufangen, aus den Rückmeldungen der Artikel für weniger bekannte Zeitschriften zu lernen und mit mehr Erfahrung gute Artikel in den Top-Journals zu schreiben.

F&L: Wie finde ich die richtige Zeitschrift für meinen Artikel?

Beth L. Hewett: Erst einmal sollte ich mich fragen, auf welche Quellen ich selber bei der Recherche zurückgreife. Dann sollte ich Mitarbeiter und Vorgesetzte an meinem Institut nach Tipps fragen. Auch ist es immer hilfreich, auf Sonderausgaben zu achten, die sich mit etwas Glück mit meinem Forschungsthema beschäftigen.