Eine Lehrerin in schwarzem Klein und mit rotblonden langen Haaren steht vor einer weißen Tafel im Gespräch mit einer jugendlichen Schülerin oder Studentin.
unsplash/ThisIsEngineering

Bildung
Studien zeigen Stress im Bildungsalltag auf

Stress und Gewalt im Bildungssystem: Die junge Generation ist laut Jugendstudie unzufrieden wie noch nie. Lehrkräfte fühlen sich überlastet.

25.04.2024

Viele junge Menschen sind pessimistisch, blicken mit Sorge in ihre Zukunft und fühlen sich psychisch belastet. So könnte man die kürzlich veröffentlichte Trendstudie "Jugend in Deutschland" der Autoren Simon Schnetzer (Studienleitung), Kilian Hampel und Professor Klaus Hurrelmann mit wenigen Worten zusammenfassen. Befragt wurden 2.042 Personen im Alter von 14- bis 29 Jahren zu ihrer Stimmungslage, politischen Präferenzen und Vorstellungen für die Zukunft. 

Zukunftsgestaltung: Wissenschaft und Forschung relativ ohnmächtig 

Wie schon 2022 sei weiter ein "Krisenmodus" charakteristisch für die Generation. Auf der Liste der Sorgen stünden laut der Autoren jene Themen im Vordergrund, die zum Teil nur schwer zu erklären und durch persönliche eigene Anstrengungen nicht zu beseitigen seien. Hierdurch werde offenbar das Ohnmachtsgefühl immer wieder getriggert, das den jungen Menschen noch aus der Corona-Pandemie im (Unter-)Bewusstsein geblieben sei.

Als die entscheidenden Akteurinnen und Akteure für die Zukunft in Deutschland schätzten die jungen Menschen vor allem Politik und Parteien ein. Sie stünden mit 62 Prozent bei weitem an der Spitze der Nennungen, gefolgt von Wirtschaft und Unternehmen (49 Prozent) und mit einigem Abstand Wissenschaft und Forschung (37 Prozent) sowie "Menschen wie du und ich" (34 Prozent) mit vergleichsweise geringem zugemessenem Einfluss. 

Trotzdem sei sich die Mehrheit der jungen Leute sehr bewusst, dass sie für den künftigen Wohlstand des Landes verantwortlich seien (63 Prozent). Insgesamt bräuchte es laut Studie mehr Mut, eine Innovationskultur im Bildungssystem zu verankern. 

Stresst Schule, statt den Umgang mit Stress zu lehren? 

Auch Inés Brock-Harder, Vorsitzende des Bundesverbands der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, äußerte sich kürzlich gegenüber dem MDR sorgenvoll über die Stressbelastung in der Schule: Sowohl die Statistiken und die Studien als auch die Wahrnehmung in den Praxen zeige, dass das stark zugenommene Ausmaß an seelischen Störungen und psychischen Verhaltensauffälligkeiten aus der Corona-Pandemie noch lange nicht auf dem Stand von zuvor zurückgegangen sei. Das habe etwas mit dem erhöhten Stress, dem die Kinder und Jugendlichen in den Schulen nun ausgesetzt seien, zu tun. 

Mehr als ein Viertel der Befragten habe laut Jugend-Trendstudie angegeben, wegen mangelnder Lust und Motivation (32 Prozent), dem Gefühl von Überforderung oder einer Empfindung von innerlichem Ausgebranntsein (jeweils 26 Prozent) nicht zur Schule oder zur Arbeit gegangen zu sein. Etwa elf Prozent hätten offengelegt, aktuell wegen psychischen Störungen in Behandlung zu sein. 

Das aktuelle Bildungssystem sei laut kritischer Bilanz der Studie nicht in der Lage, die junge Generation auf das Leben vorzubereiten: "Das gestiegene Ausmaß von psychischen Belastungen macht sich inzwischen in vielen Bereichen des Bildungssystems bemerkbar und wirkt sich auch auf das Arbeitsleben aus. Es zeigt leider auch, dass das Bildungssystem es aktuell nicht vermag, junge Menschen für den Umgang mit zunehmendem Stress aufgrund des beschleunigten digitalen Lebens vorzubereiten". 

"Das Bildungssystem vermag es aktuell nicht, junge Menschen für den Umgang mit zunehmendem Stress aufgrund des beschleunigten digitalen Lebens vorzubereiten."
Aus der Trendstudie "Jugend in Deutschland "2024"

"Die Ergebnisse zeigen dringenden Handlungsbedarf: Die jungen Menschen kritisieren ein eklatantes Digitalisierungsdefizit im gesamten Bildungsbereich und in der Wirtschaft in Deutschland. Außerdem beklagen sie, dass ihre schulische Ausbildung sie zu wenig auf das wirkliche Leben und die Arbeitswelt vorbereitet., so Ko-Autor Kilian Hampel. 

Eigenes berufliches Potential werde positiv eingeschätzt 

Es überwiege bezüglich der eigenen Zukunft jedoch die optimistische Stimmung. 17 Prozent beabsichtigen, direkt nach der Schule ein Studium oder duales Studium (vier Prozent) aufzunehmen. 70 Prozent seien auch hoch motiviert, in Vollzeit zu arbeiten. 

Eine deutliche Mehrheit der für diese Studie Befragten in Berufstätigkeit verrichte Bürotätigkeiten, die nicht mit körperlicher Arbeit verbunden sei (57 Prozent), wie zum Beispiel in der Wissenschaft, Administration, Verwaltung oder Entwicklung. Die wichtigsten Statussymbole der 14- bis 29-Jährigen sind Intelligenz (37 Prozent) und beruflicher Erfolg (27 Prozent). 

Wenn sie eine Arbeitgeberin, einen Arbeitgeber oder eine Stelle beurteilten, sei das Wichtigste ist eine gute Arbeitsatmosphäre (64 Prozent), dicht gefolgt von einer guten Balance von Arbeit und Freizeit (56 Prozent) sowie der Sicherheit des Arbeitsplatzes (54 Prozent). Als ihr am stärksten ausgeprägtes Talent bezeichneten junge Menschen laut Studie die „zuverlässige Umsetzung“, also das konsequente und fleißige Abarbeiten, das 73 Prozent bei sich sehen würden. Auch die Fähigkeit der "strukturierten Organisation" (64 Prozent) und die "soziale Kompetenz" (56 Prozent) seien nach eigener Einschätzung eher stark oder sogar sehr stark ausgeprägt. Die Talente in Bezug auf "visionäres Denken", "fachliche Expertise" und "Führungsgeschick" scheinen dagegen deutlich geringer ausgeprägt zu sein.

Themen-Schwerpunkt "Psyche"

Die Nachwirkungen der Corona-Pandemie belasten weiterhin viele. Wie nehmen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Situation wahr? Wie gehen sie mit Belastungen im wissenschaftlichen Alltag um? Welche Unterstützung gibt es? Beiträge zum Thema sammelt der Schwerpunkt "Psyche".  

Umfrage: Lehrkräfte beobachten Gewalt an Schulen 

Fast jede zweite Lehrkraft in Deutschland sieht an der eigenen Schule psychische oder physische Gewalt unter Schülerinnen und Schülern in problematischem Ausmaß. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage der "Robert Bosch Stiftung" hervor. Danach gaben 47 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer an, dass es diese Probleme an ihrer Schule gebe. 57 Prozent der Lehrkräfte schätzten die aktuelle psychosoziale Unterstützung an der eigenen Schule als ausreichend ein. 

Je mehr Probleme mit Gewalt unter Schülerinnen und Schülern von den Lehrkräften berichtet worden seien, wurden, desto geringer sei auch ihr Wohlbefinden gewesen. Kein Risikofaktor für das Wohlbefinden der Lehrkräfte seien hingegen die Größe der Schule oder Klassen, die Häufigkeit der Kooperation innerhalb des Lehrpersonals oder die Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den unterrichteten Klassen. 

Für die aktuelle Ausgabe des "Deutschen Schulbarometers" wurden rund 1.600 Lehrkräfte an allgemein- und berufsbildenden Schulen in Deutschland vom Meinungsforschungsinstitut "Forsa" befragt. 

Lehralltag in einem "kranken System" 

Als größte Herausforderung in ihrer beruflichen Tätigkeit würden Lehrkräfte das Verhalten von Schülerinnen und Schülern sehen. Das sagten bei der aktuellen Umfrage 35 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer. Am zweithäufigsten (33 Prozent) hätten sie den Umgang mit heterogenen Klassen genannt. Gemeint seien damit nach Angaben der "Robert Bosch Stiftung" Klassen, in denen die Schülerinnen und Schüler individuelle Lernbiografien, unterschiedliche kulturelle und familiäre Hintergründe und unter Umständen auch besondere Förderbedarfe hätten. 

Bei der Frage, was an den Schulen am dringendsten getan werden müsse, hätten 41 Prozent Handlungsbedarf beim Personalmangel gesehen. 28 Prozent der Lehrkräfte klagten über hohe Arbeitsbelastung und Zeitmangel. Insbesondere Lehrkräfte an Gymnasien haben laut der Studie überdurchschnittlich häufig die eigene Arbeitsbelastung als ihre größte Herausforderung (38 Prozent; 2023: 41 Prozent). 36 Prozent fühlten sich mehrmals in der Woche erschöpft. Vor allem jüngere Lehrkräfte weisen eine hohe emotionale Erschöpfung auf. 

Dagmar Wolf von der "Robert Bosch Stiftung" habe die Ergebnisse der Umfrage laut Deutscher Presseagentur als Momentaufnahme eines kranken Systems gewertet. Lehrerinnen und Lehrer müssten die Folgen des "massiven Personalmangels" ausgleichen und immer neue Belastungen bewältigen. Gleichzeitig werde das berufliche Wohlbefinden in Zukunft enorm wichtig sein, um Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen zu halten und den Beruf für junge Menschen wieder attraktiver zu machen. 

Hohe Selbstkompetenz mit digitalen Medien 

Die Ergebnisse des Schulbarometers zeigten darüber bezüglich digitaler Kompetenz, dass über zwei Drittel der Lehrkräfte (68 Prozent) den digitalen Medien einen Mehrwert für ihren Unterricht und die eigene Arbeit zusprechen würden. Gleichzeitig gingen sie jedoch mehrheitlich davon aus, dass Medien die Anforderungen an die Aufgaben von Lehrkräften nicht reduzieren können würden (65 Prozent). 

Aus den Aussagen werde deutlich, dass sich etwas mehr als zwei Drittel der Lehrkräfte (69 Prozent) als kompetent einschätzten, digitale Medien im Unterricht einzusetzen und Lerninhalte durch digitale Medien effizient zu vermitteln (70 Prozent). Trotz dieses insgesamt hohen Anteils an Personen, die sich als kompetent einschätzen, seien es lediglich 51 Prozent der Lehrkräfte, die sich für diese Aufgabe vorbereitet fühlten. 

Stress und großer Handlungsdruck im Bildungssystem 

Mit Blick auf die Umfrage sagte die Vorsitzende des Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, dem Berliner "Tagesspiegel": "Es ist erschütternd, dass so viele Lehrkräfte im Alltag verschiedene Formen von Gewalt erleben müssen." Das wachsende Ausmaß von Gewalt an Schulen, der Lehrkräftemangel und der marode Zustand vieler Schulen führten zu zusätzlichem Stress für alle. Deshalb müsse in die Schulen investiert werden. 

"Das wachsende Ausmaß von Gewalt an Schulen, der Lehrkräftemangel und der marode Zustand vieler Schulen führen zu zusätzlichem Stress für alle."
Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Philologenverbandes 

Auch Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) nannte die Ergebnisse alarmierend. Es mache deutlich, wie groß mittlerweile der Handlungsdruck in der Bildung sei, sagte sie den Tageszeitungen der Funke Mediengruppe. 

Dringenden Handlungsbedarf sieht gut ein Drittel auch bei maroden Schulgebäuden: 35 Prozent der befragten Lehrkräfte hielten Investitionen in die Sanierung und Renovierung für notwendig. Der Bedarf ist laut Robert Bosch Stiftung in allen Regionen und sozialen Lagen in etwa gleich hoch. 

Ganz grundsätzlich zeigt die Umfrage aber auch: Obwohl die Mehrheit (75 Prozent) der Lehrerinnen und Lehrer der Umfrage zufolge zufrieden mit ihrem Beruf und ihren Schulen ist, würden 27 Prozent den Beruf wechseln, wenn sie könnten. 

Lehrpersonal im Studium für Gewalt an Schulen rüsten 

Kürzlich meldete die Deutsche Presseagentur, die Zahl der Gewalttaten an Schulen habe in Baden-Württemberg laut Innenministerium zugenommen: So seien im vergangenen Jahr 2.545 entsprechende Straftaten gegenüber Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften erfasst worden. 

Die GEW verwies daraufhin auf eine bundesweite Zunahme von Jugendgewalt und auf zunehmende Gewalt über soziale Medien und Kommunikationsplattformen. Dort gehe es um verbale und psychische Gewalt vor allem zwischen Jugendlichen – aber auch zwischen Schülerinnen, Schülerin und Lehrpersonal, sagte Landesgeschäftsführer Matthias Schneider. 

Die GEW forderte Schulsozialarbeit an allen Schulen: "Es muss nicht eine ganze Stelle sein – aber zumindest stundenweise", sagte Schneider. Zudem brauche es mehr schulpsychologische Unterstützung. 

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) schrieb, das Thema Gewalt müsse in allen drei Phasen der Ausbildung Berücksichtigung finden: Im Studium, im Referendariat und durch Fortbildungen müssten Schulleitungen und Lehrpersonal zum Umgang mit gewaltsamen Situationen befähigt werden – damit sie stets entsprechend reagieren könnten. 

Im Schulbarometer wird empfohlen "die Gesundheitsförderung könnte als Teil des professionellen Selbstverständnisses etabliert werden und dem Eindruck entgegenwirken, die Tätigkeit als Lehrkraft führe unausweichlich zu niedrigem Wohlbefinden".

cva