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Kommentar
Distanz

Der Vorschlag der Wirtschaft, die Hochschulen zu "Unternehmerschmieden" zu machen, wurde von der HRK kritisiert - aber nicht konsequent genug.

Von Felix Grigat 20.04.2018

Der Wirtschaft brennt es auf den Nägeln. Schon jetzt fehlen Lehrlinge für viele Berufe, qualifizierte Fachkräfte werden dringend gesucht. Das kann Staat und Gesellschaft nicht gleichgültig sein, hängt doch unser aller Wohlergehen, auch die Finanzierung von Forschung und Universitäten, an einer international starken und leistungsfähigen Wirtschaft. Verständlich deshalb der Ruf des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) nach "praxisnah qualifizierten Hochschulabsolventen, die sich schnell und flexibel in betriebliche Abläufe integrieren" können.

Dies aber geht zu weit. Es darf bei aller Not nicht vergessen werden: Bildung und Universität "funktionieren" nur mit Distanz, Freiheit und Unabhängikeit. Gut, dass die HRK, die noch in den neunziger Jahren mit der Wirtschaft "Hochschulen als Unternehmersschmieden" forderte, dies unterdessen erkennt und den DIHK kritisiert.

Dennocht macht diese Kritik der HRK ratlos, war sie es doch selbst, die zusammen mit der Kultusministerkonferenz im "Qualifikationsrahmen für deutsche Hochschulabschlüsse" (HQR) den Kompetenzbegriff als Leitkriterium für das Studium eingeführt, propagiert und zementiert hat.

Die HRK kritisiert ihre eigene Politik

Die so konzipierte neue "Kompetenz-Universität" ist aber der Gegenentwurf zur Bildungsuniversität. In dieser ging es darum, dass der sich als Subjekt in Freiheit verstehende Mensch mündig und selbsttätig zur Welt in ein Verhältnis treten kann – auch kritisch, auch nicht-nutzenorientiert. Dagegen wird das, was mit Kompetenz gemeint ist, nicht vom Individuum bestimmt, sondern ökonomisch und politisch von den beruflichen Tätigkeiten und Anforderungen her. Das Individuum wird zum "Objekt von Prozessen der Kompetenzentwicklung" degradiert. Kompetenz trimmt das Individuum geradezu auf die totale Anschlussfähigkeit ans System. Das ist aber exakt das, was die Wirtschaft und der DIHK fordern. Die HRK kritisiert also ihre eigene Politik.

Der Kompetenzbegriff verkürzt die Anthropologie, weil er den Einzelnen als Kompositum von Kompetenzen betrachtet. Er reduziert die gesellschaftliche Wirklichkeit auf ein Marktgeschehen und blendet obendrein Inhalte und Qualität aus.

Bildung ist etws ganz anderes, ein aliud und weit sperriger, als DIHK und auch die HRK meinen: Sie ist unzeitgemäß, weil auf Zukunft ausgerichtet. Ein gebildeter Mensch soll mit seinem Jahrhundert leben, aber nicht sein "Geschöpf" sein (Schiller), zwar "Sohn seiner Zeit" aber nicht "Zögling" oder gar "Günstling". Dies wäre vielmehr gerade Unbildung, Barbarei. Ein Denken, das von Zeitproblemen ausgeht und dann von der Bildung die nötigen Kenntnisse erwartet, verfehlt die Pointe. Es geht nicht um die Ausbildung von "couranten Menschen". Genau diese "Bildung um ihrer selbst willen" aber nützt Wirtschaft und Gesellschaft am besten.                 

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