Das Foto zeigt Professor Heyo K. Kroemer

Standpunkt Was ist los mit der Ärzteausbildung?

Auf dem Land fehlen Ärzte, in den Großstädten existiert dagegen eher ein Überangebot. Was tun?

Von Heyo K. Kroemer Ausgabe 2/18

Für die medizinische Versorgung einer zunehmend älteren Bevölkerung brauchen wir exzellent ausgebildete Ärzte. Man kann in der letzten Zeit den Eindruck bekommen, dass es in der ärztlichen Ausbildung in der Bundesrepublik drunter und drüber geht. Zuerst beschloss die GroKo im Masterplan Medizinstudium 2020 eine "zielgerichtetere" Auswahl der Studierenden, was eine Ziellosigkeit des derzeitigen Systems impliziert. Des Weiteren hat das Bundesverfassungsgericht 2017 Teile der derzeitigen Studienplatzvergabe für verfassungswidrig erklärt. Was ist los bei den teuersten Studienplätzen, die unser Land zu bieten hat? Wie ist die derzeitige Situation?

Es gibt jährlich ca. 11.000 Studienplätze und über 62.000 Bewerbungen in dem zentralen, gesetzlich geregelten Zulassungsverfahren. Weit über 90 Prozent der so ausgewählten Studierenden schließen das Studium erfolgreich ab und alle finden einen Arbeitsplatz. Jeder andere Studiengang würde mit diesen Zahlen als höchst erfolgreich gelten.

Große strukturelle Probleme

Wo ist der Fehler im Bild? Die medizinische Versorgung in Deutschland hat große strukturelle Probleme. Insbesondere in ländlichen Räumen fehlt es dramatisch an Ärzten in Praxen (nicht nur in der Allgemeinmedizin) und Krankenhäusern, in den Großstädten existiert dagegen eher ein Überangebot. Es gibt in Deutschland die feste Überzeugung, dieses Strukturproblem durch einen intellektuellen Kurzschluss zu lösen: Wenn wir endlich „die richtigen“ Studierenden aussuchen (hohe Empathie bei schlechterer Abiturnote statt exzellenter Abiturnote bei weitgehender Lebensuntüchtigkeit) und diesen Studierenden endlich "das Richtige" beibringen (Allgemeinmedizin statt spezialisierter Ausbildung), dann werden sie in Scharen in die ländlichen Praxen und Krankenhäuser strömen. Da die Politik selbst an diesem Ansatz zu zweifeln scheint, sollen Zwangsmaßnahmen wie die Landarztquote nachhelfen.

In einem ausdrücklich nicht-postfaktischen Land wäre es doch sinnvoll, vorab die folgenden Fragen zu beantworten: Wie viele Ärzte welcher Fachrichtung brauchen und haben wir? Wo und in welchem Umfang sind diese Ärzte tätig? Wie viele Studienplätze brauchen wir wo, um alle Bedarfe zu decken? Wie kann strukturell sichergestellt werden, dass die Arbeit in ländlichen Räumen interessant ist? Wie sollen zukünftige ärztliche Tätigkeiten aussehen, die dann auch die Inhalte von Studium und Weiterbildung bestimmen? Der geneigte Leser ahnt: Eine systematische Beschäftigung mit diesen Fragen hat zu keinem Zeitpunkt stattgefunden. Dabei kann nur die Kombination von Weiterentwicklung der Ausbildung mit Etablierung innovativer Versorgungsstrukturen das Problem lösen.

Zum Schluss eine aus der Zeit gefallene Bemerkung eines alternden Dekans: eigentlich dient ein Studium auch der Persönlichkeitsentwicklung und nicht nur dazu, Handwerker auszubilden.