Professor Dr. Peter-André Alt
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Debattenkultur
"Öffentliche Auftritte haben bei vielen einen gewissen 'Hautgout'"

Die Wissenschaft spielt eine wichtige Rolle in der Debattenkultur, meint HRK-Präsident Peter-André Alt. Wie es um sie steht, erklärt er im Interview.

Von Katrin Schmermund 30.08.2019

Forschung & Lehre: In einer gemeinsamen Stellungnahme mit DFG und Thomas-Mann-Haus betonen Sie die Verantwortung der Wissenschaft in der politischen Debattenkultur. Neben der Analyse politischer Entwicklungen gehöre es zu deren Aufgabe, sich aktiv in die gesellschaftliche Debatte einzubringen. In welchen Situationen der jüngsten Vergangenheit hätte sie dies Ihrer Meinung nach stärker machen müssen?

Peter-André Alt: Ich sage nicht, dass sie bislang ihrer Verantwortung nicht gerecht wurde. Aber wir müssen uns verstärkt damit auseinandersetzen, wie wir uns als Wissenschaft einbringen können und ob wir das derzeit genügend und richtig tun. Gerade die Hochschulen können beispielgebend sein für eine lebendige Debattenkultur und für fairen Austausch zwischen zum Teil sehr diversen Haltungen und Interessen.

F&L: Wie können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besser darauf vorbereitet werden, sich in öffentliche Debatten einzubringen und mit möglichen Angriffen umzugehen?

Peter-André Alt: Kommunikationsfähigkeiten spielen heute bei der Qualifikation junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine zentrale Rolle. Es geht dabei nicht nur um so praktische Fragen wie "Was sage ich in einem Interview", sondern um Haltungen, um die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in einer demokratischen Gesellschaft. Wer sich der Verantwortung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an dieser Stelle bewusst ist, wird auch Wege suchen, seine Expertise in gesellschaftliche Debatten einzubringen. Und je nach Fach geht es natürlich auch um den konkreten Umgang mit den immer hitzigeren, durch Social Media befeuerten Debatten, die irrational, ja manchmal bedrohlich sein können. Hier muss die Institution beraten und begleiten.

"Die Institution muss beraten und begleiten."

F&L: Mit Blick auf die Kommunikation ihrer Forschung kritisieren einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich bereits stark einbringen, dass es in Deutschland dafür kaum Anreize gebe. Ziehen diejenigen, die Ihrem Rat folgen, den Kürzeren?

Peter-André Alt: Transparenz schafft Glaubwürdigkeit und ist damit eine wichtige Voraussetzung für das Vertrauen in Wissenschaft. Für ein Vertrauen, dessen Bröckeln wir gerade beklagen. Transparenz sollte deshalb so weit wie möglich gesichert sein, auch ohne spezielle Anreize. Dabei scheint mir aber wichtig festzuhalten, dass nicht jede und jeder gleichermaßen engagiert und gut auf diesem Feld sein will und kann. Diejenigen, die sich in der Kommunikation besonders auszeichnen, werden derzeit leicht überstrapaziert, weil es so wenige sind. Die Medien tun ihren Teil dazu, weil sie sich an bewährte Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner gerne immer wieder wenden. Heute fehlt es an Anerkennung innerhalb der Community, bei vielen haben Auftritte in der Öffentlichkeit gar einen gewissen "Hautgout". Das muss sich ändern, damit mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aktiv werden.

F&L: Welche Vorreiter einer lebhaften Debattenkultur sehen Sie in Deutschland und im Ausland?

Peter-André Alt: Mein Eindruck ist, dass wir in Deutschland viele vorzügliche Formate für die Wissenschaftskommunikation von Science Slams bis zu Paneldiskussionen haben, aber auch Persönlichkeiten wie Ranga Yogeshwar oder Mai Thi Nguyen-Kim, die Wissenschaft vorzüglich in alten und neuen Medien vermitteln. Mein Eindruck nach vielen Gesprächen in den USA, woher ich gerade zurückkehre, ist allerdings, dass mehr US-Kollegen aus dem Wissenschaftssystem Kanäle wie Twitter oder Podcast nutzen, um sich einzumischen und ihre Stimme zu erheben, als das – noch – in Deutschland der Fall ist.

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