Ein humaoider Roboter steht vor einem Spiegel
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Standpunkt
Brauchen wir eine neue Ethik für die digitale Welt?

Die Digitalisierung erfordert eine Diskussion über bestehende Normen und Werte. Vor allem Informatiker müssen sich einbringen, meint unsere Autorin.

Von Judith Simon 06.03.2019

Big Data und Künstliche Intelligenz, Smart­phones und Smart Homes, vorhersehende Polizeiarbeit und selbstfahrende Autos – digitale Technologien verändern zunehmend unseren Alltag. Großen Hoffnungen auf wirtschaftliches Wachstum und wissenschaftliche Durchbrüche stehen berechtigte Sorgen entgegen.

Im Kontext sozialer Medien etwa entbrennen Debatten um "Fake News" und "alternative Fakten", sowie allgemeiner um den Einfluss großer Technologiekonzerne auf öffentliche Meinungsbildung. Zudem wirft die Delegation weitreichender Entscheidungen an undurchsichtige Software (zum Beispiel bei Kreditvergaben oder in der Strafjustiz) heikle Fragen auf.

Es verwundert daher nicht, dass der Ruf laut wird nach einer neuen Ethik für diese digitale Welt. Ethik, so scheint es, kommt oft und gerade in Zeiten der Verunsicherung ins Spiel, wenn tradierte Denk- und Handlungsmuster in Frage gestellt, wenn gesellschaftliche Normen und Werte neu verhandelt werden müssen. Ethik soll und kann Orientierung bieten.

Ob nun aber eine neue Ethik von Nöten ist, ist fraglich. Einerseits sind viele Herausforderungen im Kontext der Digitalisierung alte Probleme im neuen Gewand. Man denke nur an die aktuelle Debatte um die Grenzen der Meinungsfreiheit.

Entwickler für Verantwortung sensibilisieren

Andererseits ergeben sich insbesondere durch autonome Systeme tatsächlich genuin neue Fragen, zum Beispiel hinsichtlich der Zuschreibung von Verantwortung. Ethische Theorien, die primär auf individuelle Akteure fokussieren, können komplexe soziotechnische Phänomene oft nicht adäquat beschreiben. Sie müssen daher um relationale Ansätze ergänzt werden, welche (Macht-)Beziehungen unterschiedlicher Akteure zueinander in den Vordergrund rücken.

Das Interesse von Politik und Öffentlichkeit, vor allem aber auch von Studierenden an ethischer und gesellschaftlicher Reflexion über die Folgen der Digitalisierung ist immens. Es ist Zeit, diesem Bedarf Rechnung zu tragen.

Hieraus ergeben sich Anforderungen für Wissenschaft und Politik: Für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, insbesondere auch aus der Informatik, gilt es, sich in öffentliche Debatten um die Chancen und Risiken der Digitalisierung einzubringen.

Die Politik wiederum ist dazu aufgerufen, Institutionen zu schaffen, um ethische Reflexionsprozesse fest in Lehre und Forschung zu verankern. Die Einbettung von Arbeitsgruppen für Ethik in die Informatik ist hierbei ein wichtiger Schritt, um zukünftige Entwickler und Entwicklerinnen von Anfang an für die Bedeutung ihrer Profession und die damit verbundene Verantwortung zu sensibilisieren. Die Unabhängigkeit dieser Institutionen ist essenziell, wenn wir Debatten über Ethik, Recht und gesellschaftliche Werte in Zeiten der Digitalisierung nicht privaten Unternehmen überlassen wollen.

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