Ein Volkspolizist beobachtet mit einem Fernglas an der kriegsmäßig abgeriegelten Sektorengrenze in der Berliner Friedrichstraße, September 1961.
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Geschichte
"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"

Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Für viele Menschen ist die Erinnerung bis heute nicht verblasst.

Von Jutta Schütz 13.08.2021

Eine Stunde nach Mitternacht beginnt die geheim geplante "Aktion Rose". In Ost-Berlin werden Gleisverbindungen in den Westteil der Stadt getrennt, Straßen aufgerissen, Betonschwellen und Ziegelsteine herangekarrt, tonnenweise wird Stacheldraht ausgerollt. Es ist der 13. August 1961. Der Bau der Berliner Mauer beginnt. 60 Jahre danach erinnert das vereinte Deutschland nun an jenen Tag, mit dem die Teilung für mehr als 28 Jahre besiegelt wurde. Erst nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 kamen Ost und West wieder zusammen.

Der immer weiter perfektionierte «antifaschistische Schutzwall» um West-Berlin wächst auf rund 155 Kilometer. Quer durch die Stadt wird die Mauer auf 45 Kilometern Länge hochgezogen. Das Brandenburger Tor steht nun im Niemandsland. An der innerdeutschen Grenze um die nun abgeschottete DDR werden es etwa 1400 Kilometer.

Noch wenige Wochen zuvor, am 15. Juni 1961, hatte Walter Ulbricht, Vorsitzender des DDR-Staatsrates und SED-Parteichef, im Festsaal des Ost-Berliner Hauses der Ministerien vor internationaler Presse dreist behauptet: «Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten». Der Politfunktionär mit Fistelstimme und Spitzbart sprach vielmehr über Wiedervereinigung und einen Friedensvertrag. Es war alles Lüge. Ulbricht erteilte den Einsatzbefehl zum Mauerbau.

Folgen für das ganze Leben

Für etliche Menschen, die diesen historischen Einschnitt erlebten, ist das bis heute nicht verblasst. Der frühere DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann sagt, die Folgen hätten sein ganzes Leben betroffen. "Mein Vater blieb in West-Berlin, die Familie wurde getrennt", sagt der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. So wie er hätten viele nicht mehr zur Arbeit oder Schule im anderen Teil der Stadt gekonnt. "Der Weg zum Abitur war mir buchstäblich verbaut", sagt der Ostdeutsche der Deutschen Presse-Agentur. Sein Traum vom Architektur-Studium zerbrach.

An jenem 13. August sei er nicht in Ost-Berlin gewesen, erinnert sich der 78-Jährige, der in der DDR über Umwege dann Pfarrer wurde. Heute meint er: "Was man damals noch gar nicht erfassen konnte, war die Brutalität des Grenzregimes der DDR." Doch gleich sichtbar sei der moralische Bankrott der SED-Diktatur gewesen, die sich doch stets als das bessere Deutschland ausgegeben habe.

Für die Bundesstiftung unterstreicht Direktorin Anna Kaminsky, je länger die Berliner Mauer als Symbol der kommunistischen Diktatur zurückliege, desto schwerer könnten sich Nachgeborene vorstellen, dass Deutschland und Berlin über Jahrzehnte zweigeteilt waren. "Insofern lohnt jede Anstrengung in der Bildungsarbeit, die Realität des SED-Grenzregimes zu vermitteln, gerade weil sich die Essenz der kommunistischen Diktatur in Mauer und Stacheldraht offenbart." Noch kurz vor dem Mauerfall hatte Ulbricht-Nachfolger Erich Honecker getönt, die Mauer werde noch in 100 Jahren stehen.

Nach Angaben des Bundesarchivs, das jetzt die Stasi-Unterlagen verwaltet, stand die DDR Anfang der 60er Jahre vor dem Ruin, da abertausende Menschen flüchteten. Die SED-Führung habe sich angesichts der desolaten Lage nicht anders zu helfen gewusst, als das eigene Volk einzusperren. Eine unüberwindbare Mauer sollte die Fluchten stoppen und der SED die Macht sichern, wie es hieß.

Nur noch wenig von der Original-Mauer zu sehen

In Berlin starben nach dem Mauerbau nach wissenschaftlichen Erkenntnissen mindestens 140 Menschen durch das DDR-Grenzregime. Nach Angaben des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin wurde dessen Studie von der Bundesregierung korrigiert, wonach an der deutsch-deutschen Grenze mindestens 327 Menschen ums Leben kamen. An diesem Ergebnis war Kritik aufgekommen, daraufhin wurden Teile des Forschungsprojekts überprüft. Die Bundesregierung gehe nun von mindestens 260 Todesopfern aus, so der Forschungsverbund.

In Berlin ist nicht mehr viel von der Original-Mauer zu sehen. Die East Side Gallery, Reste an der Bernauer Straße oder in der Nähe des Abgeordnetenhauses geben aber noch eine Ahnung der einstigen Teilung. Ein Pflasterstreifen markiert den früheren Grenzverlauf, wird aber von vielen übersehen. In der Euphorie der Wiedervereinigung war ein Großteil der Mauer abgerissen worden, erst später kamen nachdenkliche Töne hinzu. Der rot-rot-grüne Senat hat jetzt beschlossen, weitere Reste der Berliner Mauer zu sichern und in sein Gedenkkonzept einzubeziehen.

Aber anderswo gibt es noch Teile des Bollwerks, wie die Aufarbeitungsstiftung in dem Buch «Die Berliner Mauer in der Welt» dokumentiert. In einer jetzt erschienenen, überarbeiteten Auflage werden 170 Mauer-Denkmäler weltweit vorgestellt. So erinnerten Mauersegmente in den Gedenkbibliotheken der US-Präsidenten, im Vatikan, in mehreren Hauptstädten oder etwa auf der Herrentoilette eines Casinos in Las Vegas an die Friedliche Revolution von 1989.

In der deutschen Hauptstadt soll mit einem umfangreichen Programm an den 60. Jahrestag des Mauerbaus erinnert werden. Die Mauer-Stiftung lädt vom 13. bis 15. August zu Führungen, Zeitzeugengesprächen, Workshops, Konzerten und Ausstellungen ein. Vorbereitet seien auch digitale Angebote, so die Stiftung. Am 13. August (10.00 Uhr) ist ein zentrales Gedenken mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an der Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße mit 120 Gästen geplant. Vor der dortigen Kapelle der Versöhnung auf dem früheren Todesstreifen werden auch Zeitzeugen erwartet. Am Denkmal für die Mauertoten sollen Kränze niedergelegt werden.

Die Bernauer Straße gilt als Symbol der deutschen Teilung. Als die Mauer hochgezogen wurde, lag die Häuserfront der Straße im Osten, der Bürgersteig im Westen. In den ersten Tagen nach dem 13. August 1961 versuchten noch Menschen, aus ihren Wohnungsfenstern in den Westen zu springen. Die Fenster wurden dann zugemauert, die Häuser später abgerissen. Auf dem früheren Todesstreifen wurde nach der Wiedervereinigung eine Open-Air-Gedenklandschaft eingerichtet.

dpa