Illustration weltweit vernetzter Laptops
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Wissenschaftliche Publikationen
Schwächen von Open Access werden vergessen

Mit Open Access werden viele Chancen für die Wissenschaft verbunden. Probleme bei Finanzierung und Archivierung kommen zu kurz. Ein Kommentar.

Von Wolfgang Sander 12.06.2019

Wieder einmal ein Loblied auf "Open Access" als Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens, dachte ich, als ich den Beitrag "Publizieren in Zeiten der Digitalisierung" in der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre gelesen habe.

Ich bin der Meinung: Wieder einmal werden die entscheidenden Probleme dieses nur bei oberflächlicher Betrachtung visionären Modells nicht angesprochen. Zwei sind es vor allem: erstens das Problem der völlig ungeklärten langfristigen Zugänglichkeit elektronischer Publikationen.

Angesichts der verfügbaren Speichermedien und der erwartbaren technologischen Veränderungen in der Zukunft ist die Rede von "Langzeitarchivierung" ein Euphemismus. Publikationen auf Papier sind bis zu 500 Jahre lesbar; niemand kann das für digitale Daten garantieren, für die sich nicht nur Software und Hardware ständig ändern, für die keine mehr als wenige Jahrzehnte haltbaren Datenträger existieren und bei denen auch niemand weiß, ob Menschen in 200 Jahren überhaupt noch die heutigen Basistechnologien der elektronischen Datenverarbeitung nutzen.

Es dürfte einigermaßen wahrscheinlich sein, dass "Open Access" heute zu einem "No Access" in der Zukunft führen wird. Vielleicht meinen ja manche, unser heutiges wissenschaftliches Wissen interessiere dann ohnehin niemanden mehr. Aber das sollte man doch lieber künftige Generationen selbst entscheiden lassen.

Open Access: Wer übernimmt die Publikationskosten?

Zweitens verlagert "Open Access" bekanntlich die Publikationskosten auf die Autoren. Es ist schon erstaunlich, dass viele Autoren das nicht als Zumutung zu empfinden scheinen. Die Beruhigungspille heißt derzeit: Förderfonds an den Hochschulen, die diese Kosten für ihre Mitglieder übernehmen.

Aber glaubt jemand im Ernst, die Hochschulen würden unbegrenzte Fonds auflegen, die für jede angenommene Publikation die Kostenübernahme garantieren, sollte sich "Open Access" als Standard durchsetzen? Und wenn das, was ja höchstwahrscheinlich ist, nicht der Fall sein wird – wer entscheidet dann, was gefördert wird und was nicht?

Man muss kein Schwarzseher sein, um sich die Versuchung vorzustellen, in die die Hochschulleitungen kommen werden: Publikationsförderung nach von ihnen gesetzten inhaltlichen Prioritäten zu vergeben. Wer dann nicht auf der gewünschten Linie forscht, geht leer aus – von den gerade nicht an einer Universität beschäftigten Wissenschaftlern, also zum jeweiligen Zeitpunkt stellenlosem Nachwuchs, von Privatdozenten und Emeriti, gar nicht zu reden.

Zu Ende gedacht, bringt die scheinbar schöne neue Welt der kostenlosen Verfügbarkeit von Wissenschaft das Potenzial zu einem Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit mit sich.

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