Zwei Frauen lesen auf dem Sofa, eine ein Buch, eine am Tablet
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Meinung
Warum wir die historischen Fächer brauchen

Geschichtskenntnisse erlauben ein reflektiertes Denken und Handeln in der Gegenwart. Sie erlauben, Ideen der Vergangenheit weiterzudenken.

Von Volker Ladenthin 04.04.2021

History is bunk, soll der Autobauer Henry Ford gesagt haben. Geld wird mit Innovationen verdient, und mit Handeln und Wandel. In den Naturwissenschaften interessiere allein the state of the art – die neueste Forschung. Rückschau sei sicher anmutig als Schmuck in Festreden. Aber was könne die Vergangenheit schon raten? "Historia magistra vitae" – das gelte vielleicht für statische Gesellschaften, nichts aber lehre die Geschichte der dynamischen Moderne.

Dabei wird leicht vergessen, dass man nur dann handeln kann, wenn man die Bedingtheiten kennt, unter denen das Handeln erfolgt. Diese Bedingtheiten gründen aber in der Vergangenheit. Manche Partei musste durch schmerzliche Wahlniederlagen erfahren, dass ihre vorgeschlagene Strukturreform an der Beharrlichkeit eben dieser Struktur gescheitert war. Traditionen leben lange, und wer sie nicht kennt und daher nicht achtet, handelt naiv. Es gibt kein voraussetzungsloses Handeln. Wer künftig erfolgreich handeln und Gewinn erwirtschaften will, muss die Bedingtheiten kennen, unter denen gehandelt wird. Diese aber erforschen all jene Wissenschaften, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen.

Reflektiertes Denken und Sprechen

Das Studium der Vergangenheit vermag Strukturen offenzulegen, die sich nicht schnell ändern lassen. Diese Strukturen bedingen unser Handeln insgesamt, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Beispiel sind die Sprachen, deren Syntax sich extrem langsam ändert – und deren Semantik wir nicht einmal mit staatlicher Macht loswerden. Selbst totalitäre Systeme sind mit ihren Versuchen bewusster Sprachlenkung gescheitert. Kein Regisseur nennt sich heute noch Spielleiter, wie es von nationalsozialistischen Sprachreinheitsgeboten (auch eine cancel culture) einmal vorgeschrieben wurde.

Wenn wir fragen, was richtiges Deutsch ist, müssen wir in die Vergangenheit schauen: Die Bedeutung von und, aber, wenn oder weil hat sich in Jahrhunderten nicht geändert. Die Vergangenheit verbietet einerseits den Gebrauch bestimmter Worte: So würde sich vermutlich kein Rektor gerne als "Führer" bezeichnen lassen, obwohl von ihm Leadership erwartet wird. Anderseits wird man vergeblich versuchen, Worte wie Neger oder Zigeuner aus Texten zu tilgen (warum verzichte ich gerade auf das Wort "ausmerzen"?): Sie werden allerdings auf ewig im Sprachbestand erhalten bleiben. Sie gehören zur Geschichte der deutschen Sprache und haben dort weiterhin ihre je spezifische Funktion.

Erst wenn man wieder systematisch Bücher verbrennt, könnte man einen Teil der Geschichte so zu löschen versuchen wie jene Pharaonen, die die Namen ungeliebter Vorgänger aus offiziellen Inschriften wegmeißeln ließen. Es ist also tunlich, historisch aufzuklären, was welche Worte wann und in welchem Kontext bedeuteten: Ohne Geschichtskenntnisse gibt es kein angemessenes und erfolgreiches Sprechen – und auch kein angemessenes und kommunizierbares Denken.

"Nur wenn man die Geschichte vergisst, braucht es eine Bewusstseinspolizei."

Sprachbewusstsein entsteht gleichursprünglich mit dem Geschichtsbewusstsein. Wer das Wort "Mohr" heute als diskriminierend empfindet, kennt die Haltung derjenigen nicht, die schon im 8. Jahrhundert über "moren" sprachen, über Männer und Frauen jener Ethnie also, die von den Römern "mauri" genannt worden waren, weil sie in Mauretanien wohnten. Das Wort "Mohr" ist eine phonetische Übernahme eines geographischen Fachterminus in althochdeutscher Zeit – ähnlich wie in der Neuzeit Keks, das von cakes stammt, und Plätzchen meinte. Wer Geschichtskenntnisse hat (und die Verwendung des Wortes maurus bei Juvenal, Livius oder Sallust kennt), braucht also keine Bevormundung von Sprachwarten und Sprachlenkerinnen. Er wird aus geschichtskundiger Verantwortung angemessen sprechen. Nur wenn man die Geschichte vergisst, braucht es eine Bewusstseinspolizei.

Die Unterscheidung von Zeitbedingtem und Zeitlosem

Geschichtskenntnisse ermöglichen es uns, Zeitbedingtes von Zeitlosem zu unterscheiden: In der Problemgeschichte etwa setzt man die Zeitlosigkeit eines Problems voraus, das historisch unterschiedliche Antworten erfährt. Ohne Geschichtskenntnisse spekulieren wir, alles Wissen sei relativ. Aus der Betrachtung der Geschichte wissen wir, dass die Menschen immer schon die Frage nach dem gestellt haben (und daher weiter stellen werden), was wahr, gerecht oder schön ist. An historischen Beispielen lassen sich die denknotwendigen und zeitlosen Voraussetzungen jedes Denkens aufspüren. Und damit die Herausforderungen, die wir auch dann bewältigen müssen, wenn wir sie wegzureden versuchen. In der Geschichtsbetrachtung erweist sich sogar die Relativismushypothese als zeitlose Denkweise.

Zugleich brauchen wir die Geschichte, um uns als Menschheit und als Einzelmensch selbst zu verstehen. Es gibt vieles, was sich nur historisch, nicht aber systematisch erklären lässt. Geschichtsforschung fördert Differenzen zutage, und erst diese ermöglichen es, dass wir uns in unserer besonderen Verfassung erkennen und nach deren Legitimation fragen. Für das historische Bewusstsein ist jede (angebliche) Selbstverständlichkeit ebenso dahin, wie Gretchens Ruh'. Ohne Geschichte erschiene unser Leben alternativlos – erst angesichts von historischer Differenz erkennen wir unseren Zustand in seiner Eigenart und als etwas Gemachtes.

Die historischen Differenzen stellen die Gegenwart in Frage. So imaginierte etwa die antike Dichterin Sappho eine Bildungswelt für Mädchen, in der diese den Ausgleich zwischen Geist und Körper, Natur und Kunst, Individuum und Gemeinschaft, Endlichkeit und Unendlichkeit finden können. Sollte man diesen Anspruch der Geschichte nicht ernst nehmen, um eine Hochschulpolitik, nach der alles der kurzfristigen Employability zu dienen habe, zu neuen Argumentationen herauszufordern? Die Geschichte hält eingelöste Hoffnungen vor, sie stellt eine Herausforderung für die Gegenwart dar.

Gerade also dort, wo sich vergangene Hoffnungen nicht erfüllt haben, bekommen sie als to-do-Liste unverzichtbare Bedeutung.  Dass etwas, wie es war, bleiben könnte, stichelt an der Selbstgerechtigkeit einer sich selbst überschätzenden Gegenwart, die beständig übersieht, dass sie morgen schon zu genau jener Vergangenheit gehört, die sie heute als angeblich überholt im Archiv ablegt. Die Gegenwart nimmt sich zu wichtig oder setzt sich gar absolut. Geschichtskenntnisse fahren diese prometheische Wichtigtuerei auf menschliches Maß zurück.

"Geschichte zeigt, wozu die Menschen fähig sind. So kann man sich mit Geschichtskenntnissen vor den schrecklichen Reduktionisten schützen."

Geschichtsschreibung erinnert an Leistungen, die zeigen, was möglich war und daher wieder möglich wäre: 20-30.000 Verse kannten antike Rhapsoden auswendig. Sokrates hatte sein gesamtes philosophisches System im Kopf. Bis heute weiß man nicht mal, wie die Pyramiden gebaut wurden – geschweige denn, dass man sie bauen könnte. Rhein und Loire säumen Schlösser, die noch nach 1.000 Jahren Besucher aus aller Welt anlocken: Welches moderne Hochhaus steht noch in 1.000 Jahren? Die deutsche Nachkriegspolitik integrierte sieben Millionen Flüchtlinge in die vom Krieg ausgehungerte und ausgedünnte Nachkriegsgesellschaft in zerbombten Wohnsituationen. Geschichte zeigt, wozu die Menschen fähig sind. So kann man sich mit Geschichtskenntnissen vor den schrecklichen Reduktionisten schützen.

Aus der Vergangenheit lernen

An der Vergangenheit arbeiten inzwischen viele Wissenschaften, nicht nur die Fächer, die sich um das Fach Geschichte scharren: Die Sprach- und Kulturwissenschaften, die Kunstwissenschaften, die Geographie, die Philosophie, die Pädagogik. Die Bereitstellung gesicherten Wissens, die Erinnerung an das Misslungene und die Bewahrung des Bewährten bereichern unsere Handlungsmöglichkeiten, dienen als Ideengeber, für die wir Zerstreuten heute lange nachdenken müssten. Mit Google kann man das Wertvolle vom Schrott nicht unterscheiden. Was gedacht wurde, sollte man kennen, um nicht Plattitüden aufzutischen, deren systematische Defizite bereits vor 2.500 Jahren aufgezeigt wurden. In meinem Fach ist es die sophistische Idee der formalen Kompetenzen, deren Defizite sich geschichtlich immer wieder erwiesen haben.

Und in den Naturwissenschaften? In der Medizin? Diese Fächer müssen ins Zeitunabhängige oder Künftige streben. Aber wenn ihr Wissen handlungsrelevant werden soll, muss es sich mit dem auseinandersetzen, was es tradiert vorfindet. Wernher von Braun hatte 1945 sehr schnell erkannt, dass er mit seinen technischen Plänen im Nachkriegsdeutschland auf keinen grünen Zweig kommen würde. In den USA kam er sogar auf den Mond. Das haben ihm seine Geschichtskenntnisse gesagt: "'Wenn Wernher von Braun über sein Satellitenprojekt spricht', schrieb der amerikanische Raketen-Publizist J. N. Leonard, 'leuchten seine blauen Augen wie die eines teutonischen Zauberers aus der Edda. Aber von seinen Lippen kommen die kühlen Ausdrücke moderner technologischer Prophetie. Er spricht eindringlich mit einer nur leisen Spur von deutschem Akzent, und er macht auf deutsche und amerikanische Militär-Experten einen tiefen Eindruck. Er kann eine Zuhörerschaft begeistern, seien es nun Ingenieure, Kinder oder theoretische Physiker.'"

"Wir vergeuden Energie, indem wir aufwändig das "neu denken", was man durch einen Blick ins Buch der Geschichte bereits entfaltet und in seinen Folgen beschrieben finden könnte."

Zwischen Recht haben und Recht bekommen liegt das historische Wissen um die Bedingtheiten von Öffentlichkeit, auch für Techniker und Naturwissenschaftler. Manche Naturwissenschaften klagen über gesellschaftliche Akzeptanz und Nachwuchsprobleme. Beides hat historische Gründe, die man erforschen kann.

Ohne Geschichtskenntnisse machen wir uns das Leben unnötig schwer. Wir vergeuden Energie, indem wir aufwändig das "neu denken", erfinden, vorschlagen, was man durch einen Blick ins Buch der Geschichte bereits entfaltet und in seinen Folgen beschrieben finden könnte. Wir sind eine prassende Moderne, wenn wir glauben, alles ließe sich jedes Mal von jeder Generation immer wieder "neu denken". "Selber machen!", lispeln ganz kleine Kinder, wenn sie glauben, nun wären sie schon mit den Großen auf Augenhöhe. Wir lebten in solch einer infantilen Welt, wenn auch wir glaubten, wir kämen ohne Geschichte und ihre Größe aus. Ohne Geschichte wissen wir nicht, dass die memoria zum Stammkapital der menschlichen Vernunft gehört, das schnell Zins und Zinseszins trägt, so dass es dann sogar zum Mars führt – wenn man das will.

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