Ein aufgeschlagenes Buch
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Buchbesprechung Wie Leistung unser Leben prägt

Zwei Autoren, ein Thema: die Bedeutung des Leistungsbegriffs in unserer Gesellschaft. Ein einordnender Blick auf die daraus entstandenen Bücher.

Von Ina Lohaus 17.06.2018

Buchtitel wie "Besser ist nicht genug" oder "Wie das Gehirn Spitzenleistung bringt" deuten an, welchen Stellenwert Leistung in unserer Gesellschaft hat. Ratgeber zur Verbesserung der eigenen Leistung gibt es mehr als genug. Gleichzeitig existiert eine ebenso große Zahl an Büchern, die die negativen Folgen der Leistungsoptimierung thematisieren. Das Leistungsprinzip ist durch Ambivalenzen gekennzeichnet, und es ist schon seit einigen Jahren in die Kritik geraten. Zwei Neuerscheinungen setzen sich aktuell mit dem Leistungsbegriff auseinander.

Nina Verheyen, Historikerin an der Universität zu Köln, möchte mit ihrem Buch zu einer Diskussion über den Leistungsbegriff anregen. Sie hält das Alltagsverständnis von Leistung für "hochgradig problematisch". Es suggeriere, dass es objektive Kriterien gibt, mit denen die individuelle Leistung gemessen werden kann, und gewöhne uns daran, Menschen entlang ihrer Leistung zu unterscheiden und zu hierarchisieren.

Dabei werde jedoch übersehen, dass hinter allem, was Menschen erreichen, Anstrengungen von vielen stecken, so dass das Erreichte nicht zweifelsfrei auf eine Einzelperson zurückgeführt werden könne. Die Autorin betont daher, dass es keine individuelle Leistung gibt, die von menschlichen Sinnstiftungen und sozialen Kontexten unabhängig ist. Auch werde das, was als Leistung gelten soll, nicht von einzelnen Personen festgelegt, sondern sei eine gemeinschaftliche Aufgabe. Indem Leistung bewertet, zugeschrieben und anerkannt wird, werde sie im Alltag immer wieder neu erfunden und verändert. Wie sehr sich der Leistungsbegriff fortwährend gewandelt hat, zeigt die Historikerin mit einem lehrreichen Blick in dessen Geschichte.

Sie zeichnet das soziale Leistungsverständnis gebildeter Kreise um 1800 nach, bei dem es um menschliche Dienste für andere ging, die nicht einmal anstrengend sein mussten (anderen Gesellschaft "leisten"). Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden durch industriekapitalistische Dynamiken und wissenschaftliche Entdeckungen Arbeit, Kraft und Leistung enger aufeinander bezogen, was zu einem mechanisch-technischen Verständnis von Leistung führte.

Tiefpunkt in der Geschichte des Leistungsprinzips war der Nationalsozialismus. Wie sich die heute verbreiteten Praktiken der Leistungszuschreibung, zum Beipsiel IQ-Tests, Noten und ähnliches, historisch etabliert haben, wird ebenso beleuchtet wie die rechtshistorische und wohlfahrtsstaatliche Dimension des Leistungsprinzips.

Vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung plädiert die Autorin für ein soziales Leistungsverständnis, "das individuelle Leistung als einen kollektiven Kraftakt begreift und als eine gemeinsame Konstruktion, die sich durchaus ändern lässt". Wandeln sich die Gegebenheiten, müsse der Leistungsbegriff immer wieder neu justiert werden. Die Regeln der Leistungszuordnung können also hinterfragt und verändert werden, bis das Ergebnis sinnvoll erscheint. In ihrem täglichen Gestaltungsspielraum liege ihr eigentlicher Reiz.

Nina Verheyen: Die Erfindung der Leistung. Hanser Verlag, Berlin 2018

Kommt mit der Leistung das Glück?

Es ist nicht nur ein Reiz, sondern  auch eine Notwendigkeit, öfter und gezielter darüber zu verhandeln, was als anerkennungswürdiges Handeln gelten soll. Denn Leistung ist ein grundlegendes Ordnungsprinzip, das Lebenswege eröffnen, aber auch verbauen kann. Doch ist die Leistung tatsächlich so entscheidend für Chancen und Erfolge im Leben? Oder ist dafür eher das Glück ausschlaggebend, das manche Menschen haben und andere nicht?

Die Rolle des Glücks in der wettbewerbsgesteuerten Leistungsgesellschaft untersucht der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Robert H. Frank und blickt dabei vor allem auf die Leistungen, die zu materiellem Erfolg führen. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist, dass Erfolg und Scheitern immer auch von Zufallsereignissen abhängen. Er macht deutlich, dass Erfolge nicht ohne, aber auch nicht allein durch individuelle Leistung errungen werden, sondern immer auch eine Portion Glück dazugehört, und so spricht er im Untertitel seines Buches vom "Mythos der Leistungsgesellschaft".

Anhand eigener Erfahrungen, zahlreicher Fallgeschichten und wissenschaftlicher Experimente zeigt er, wohin es führt, wenn die Leistung überschätzt und der Zufall unterschätzt wird. Es seien nicht nur die Zufälle, die an vielen Stellen den Lebensweg bestimmen, sondern insbesondere das Umfeld, in dem man lebt, sei für individuelle Erfolge ausschlaggebend. Daher plädiert der Autor eindringlich dafür, dieses Umfeld durch Investitionen zum Beispiel im Bildungswesen zu verbessern. Um das dazu benötigte Geld zur Verfügung zu haben, schlägt er eine progressiv gestaltete Konsumsteuer vor. Seine Ausführungen bieten reichlich Diskussionsstoff. Eine Diskussion anzuregen ist genau das, was Robert H. Frank mit seinem Buch erreichen will.

Auch wenn immer wieder neu darüber verhandelt werden muss, was als Leistung zählt, oder ihre Bedeutung durch Glück und Zufall relativiert wird – auf die Kategorie der Leistung kann trotz ihrer Unschärfe nicht verzichtet werden, denn eine bessere ist nicht in Sicht.

Robert H. Frank: Ohne Glück kein Erfolg. Der Zufall und der Mythos der Leistungsgesellschaft. dtv, München 2018