Mann sitzt vor Computerbildschirm, tippt auf der Tastatur und schiebt die Maus
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Verhaltenswissenschaften
Muster bei Tastatur- und Mausbedienung verrät Stresslevel

Wer im Büro gestresst ist, geht anders mit seiner Tastatur und Computermaus um als entspannte Mitarbeiter. Grund sind oft störende Reize.

13.04.2023

Fahrig auf der Tastatur herumhacken und den Curser per Computermaus auf lange Wege schicken – das kann ein Zeichen von Stress im Arbeitsalltag sein. Das Tippen auf dem Keyboard und das Bewegen einer Maus kann einer Schweizer Studie zufolge besser anzeigen, wie gestresst der Mensch sich fühlt, als die sonst für Stressnachweise gemessene Herzfrequenz. Die Mathematikern Mara Nägelin und weitere Forschende von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich präsentieren ihre Ergebnisse im Fachjournal "Journal of Biomedical Informatics".

"Wer gestresst ist, bewegt den Mauszeiger öfter und ungenauer und legt längere Wege am Bildschirm zurück. Entspannte Menschen gelangen dagegen auf kürzeren, direkteren Wegen an ihr Ziel und lassen sich dabei mehr Zeit", sagt Nägelin. Gestresste Menschen machten mehr Fehler beim Tippen und sie schrieben abgehackter, mit vielen kurzen Pausen. Entspannte Menschen machten beim Schreiben weniger, aber längere Pausen.

Wie lässt sich die Verbindung zwischen Stress und Tipp-​ und Mausverhalten erklären? "Erhöhter Stress wirkt sich negativ auf die Fähigkeit unseres Gehirns aus, Informationen zu verarbeiten. Dadurch werden auch unsere motorischen Fähigkeiten beeinträchtigt", sagte die Psychologin und Mitautorin Jasmine Kerr, ebenfalls von der ETH.

Tipp- und Mausverhalten bessere Stressindikatoren als Herzfrequenz

Der nicht an der Studie beteiligte Psychiater und Stressforscher Professor Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin, bezeichnete die Methodik der Studie als wegweisend. "Das ist ein interessanter Ansatz zur Untersuchung der individuellen Stressanfälligkeit", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Man könnte mit der Methode zukünftig für sich untersuchen, wie stress- und störanfällig man unter bestimmten äußeren Bedingungen ist, dann etwas im Umfeld ändern und schauen, ob die Stressanfälligkeit sich verändert hat."

Die Forschenden zeichneten Maus- und Tastaturverhalten sowie Herzfrequenzen von 90 Menschen auf. Alle Probanden erledigten im Labor realitätsnahe Büroaufgaben. Einige blieben ungestört, andere durchliefen zusätzlich ein Bewerbungsgespräch oder bekamen ständig neue Chat-Nachrichten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzten maschinelles Lernen und befragten die Menschen nach ihrem Stressempfinden. "Wir waren überrascht, dass das Tipp- und Mausverhalten besser voraussagt, wie gestresst sich Probandinnen und Probanden fühlen, als die Herzfrequenz", so Nägelin.

Ablenkende Nachrichten und Anrufe lösen Stress aus

Im Arbeitsalltag fühlten sich viele Menschen durch ständig neue E-Mails, Chatnachrichten oder Telefonate abgelenkt, sagte Adli. "Ablenkbarkeit löst Stress aus." Dann sei es sinnvoll, sich gegen störende Reize abzuschirmen: etwa E-Mails nur alle zwei Stunden lesen, signalisieren, wenn man nicht gestört werden will, oder auch regelmäßig Pausen machen.

Adli betont, dass nicht jeder Stress negativ ist. Ein öffentlicher Vortrag oder ein Wettbewerb könne eine Stressspitze erzeugen, die stimulierend sein kann und für gute Leistung oder sogar ein angenehmes Gefühl sorgen. Problematisch werde es, wenn Stressspitzen nicht wieder abklingen und Betroffenen sich nicht mehr davon erholen können.

Ob eine Stresserkennung nach dem ETH-Modell am Arbeitsplatz Sinn macht, etwa, um gesundheitlichen Schädigungen vorbeugen, ist eine heikle Frage. "Wir wollen den Erwerbstätigen helfen, Stress frühzeitig zu erkennen, und kein Überwachungstool für Firmen schaffen", sagte Kerr. Adli kann sich den Einsatz eher für die eigene Einschätzung vorstellen. Aus arbeitsmedizinischer Warte wäre ein Einsatz nur unter absoluter Wahrung von Anonymität denkbar, so Adli.

korrigiert am 04.05.2023, zuerst veröffentlicht am 13.04.2023; Korrektur: Die Studie ist nicht wie zunächst geschrieben in der Fachzeitschrift "Cell", sondern im "Journal of Biomedical Informatics" erschienen.

dpa/ckr