Frau bei Augenuntersuchung
picture alliance/Westend61

Neurowissenschaften
Wenn Stress aufs Auge schlägt

Psychische Belastungen können die Sehkraft verschlechtern und gar zur Erblindung führen. Forscher kritisieren ein mangelndes Bewusstsein bei Ärzten.

18.07.2018

Anhaltender Stress kann zu einer stetigen Verschlechterung der Sehkraft beitragen. Zu diesem Schluss kommen die Forscher in einer Studie in der Zeitschrift der EPMA (European Association for Predictive, Preventive, and Personalized Medicine). Die Wissenschaftler hatten hunderte von Forschungsergebnissen und klinischen Berichten über die Einschränkung oder den Verlust der menschlichen Sehkraft untersucht.

"Es gibt deutliche Hinweise auf eine psychosomatische Komponente des Sehverlustes, denn Stress ist eine wichtige Ursache – und nicht nur eine Folge – des fortschreitenden Sehverlustes infolge von Erkrankungen wie Glaukom und Optikusneuropathie", sagt der Leiter der Metaanalyse, Professor Dr. Bernhard Sabel, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Magdeburg.

"Kontinuierlicher Stress und langfristig erhöhte Cortisolwerte können sich negativ auf das Auge und das Gehirn auswirken, da das vegetative Nervensystem unausgeglichen ist, die Blutgefäße dysreguliert werden und der Augeninnendruck steigt", erklärt Sabel. Demnach seien sowohl das Auge als auch das Gehirn am Sehverlust beteiligt, eine Tatsache, die oft nicht bedacht und in der medizinischen Literatur nicht systematisch dokumentiert werde.

Dies zeige die Analyse von wissenschaftlichen Artikeln in der medizinischen Datenbank "PubMed". Die Zahl der Beiträge sei bei weitem geringer als die Suchanfragen zu Zusammenhängen von Sehproblemen und Stress bei Google. Dabei würden Patienten im Gespräch mit ihrem Arzt oftmals die Vermutung äußern, dass psychischer Stress zu ihrem Sehverlust beigetragen haben könnte.

Erklärung medizinischer Fachbegriffe

Glaukom
medizinischer Fachbegriff für die Erkrankung "Grüner Star". Er umfasst eine Gruppe verschiedener Augenerkrankungen, die meist lange Zeit unbemerkt bleiben, jedoch den Sehnerv schädigen und auf Dauer das Sehvermögen einschränken. Schlimmstenfalls erblindet das Auge. Beide Augen können (zeitversetzt) erkranken. Dabei kann ein erhöhter Augeninnendruck die Ursache für ein Glaukom sein. In mehr als der Hälfte der Fälle könne ein solcher laut Professor Sabel von der Universität Magdeburg jedoch nicht festgestellt werden. Hier kann Mangeldurchblutung der Grund sein – eine mögliche Folge von anhaltendem Stress.
Optikusneuropathie
eine Art von Augeninfarkt, bei dem eine den Sehnerv versorgende Augenarterie verschlossen ist. Dadurch wird der Sehnervenkopf zu wenig durchblutet und wird ungenügend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt.
Cortisol
Stresshormon, das sogenannte abbauende Stoffwechselvorgänge aktiviert und so dem Körper energiereiche Verbindungen zur Verfügung stellt. "Abbauend" bedeutet dabei, dass der Körper Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße in kleine und einfache Moleküle zerlegt. Evolutionär sollte es den menschlichen Körper in Gefahrensituationen in Fluchtbereitschaft versetzen. Wird das Hormon dauerhaft ausgeschüttet, hat es negative Folgen.

Arzt-Patienten-Gespräch hat entscheidende Bedeutung

Psychologe und Hirnforscher Sabel begründet die Diskrepanz damit, dass Stress in der Augenheilkunde keine Rolle spiele. Daher würden Ärzte ihre Patienten nicht danach fragen. Auch die Vergütung im Gesundheitswesen sehe keine Zeit für solche Gespräche vor.

Die Bundesärztekammer spezifiziert: Augenärzte könnten eine psychosomatische Beratung durchaus abrechnen. Allerdings müssten sie die entsprechende Qualifikation haben. Diese erfüllten sie, wenn sie die freiwillige 80-stündige Weiterbildung in der "psychosomatischen Grundversorgung" absolvierten. Im medizinischen Studium seien Kurse zur Psychosomatik verpflichtet – wie viel Studierende darüber hinaus machten, hänge natürlich von ihren individuellen Fachinteressen ab.

Sabel ist in jeden Fall davon überzeugt, dass psychosomatische Belastungen in der Augenheilkunde noch zu stark missachtet werden. Er spricht von einem folgenreichen Fehler und hat am SAVIR-Center für Sehstörungen in Magdeburg einen Behandlungsansatz entwickelt, der Stressmanagement, Patientenaufklärung und Techniken zur Wiederherstellung der Sehkraft kombinieren soll.

Im Gespräch mit den Patienten könne das Auftreten des Arztes den Behandlungsverlauf entscheidend beeinflussen. "Vielen Patienten wird gesagt, die Prognose sei schlecht und dass sie sich darauf vorbereiten sollten, eines Tages blind zu werden. Selbst wenn dies bei weitem nicht sicher ist und eine vollständige Blindheit fast nie auftritt, bilden die daraus resultierende Angst und Besorgnis eine neurologische und psychologische Doppelbelastung mit physiologischen Folgen, die den Krankheitszustand oft verschlechtern", sagt Ko-Autor der Studie Dr. Muneeb Faiq vom All India Institute of Medical Sciences in Neu-Delhi, Indien, und der New York University School of Medicine.

Zusätzliche Therapien wie Hirnstimulation, Stressreduktions- und Entspannungstechniken,  Angstmanagement und soziale Unterstützung könnten die Sehkraft dagegen positiv beeinflussen. Kombiniert werden sollten solche Ansätze mit Therapien, die eine Durchblutung des Auges erhöhten und damit den Augeninnendruck reduzierten. Bereits präventiv könnte dies einer Verschlechterung der Sehkraft entgegenwirken.

Die Forscher plädierten dafür, dass Ärzte im Gespräch mit ihren Patienten optimistisch aufträten und diese über Möglichkeiten informierten, wie sie ihr Stresslevel senken könnten, etwa durch Meditation, autogenes Training oder eine psychologische Behandlung. Folgestudien sollten dem Einfluss von Stress auf den Verlauf verschiedener Erkrankungen mit niedrigem Sehvermögen näher auf den Grund gehen.

kas

0 Kommentare