Das Foto zeigt einen Teil des Parks an der Harvard University in den USA
picture alliance/Robert Harding

Wissenschaftlicher Nachwuchs
Tenure-Track-Anstellungen in den USA auf Talfahrt

Die USA galten für Deutschland immer als Vorbild beim Tenure Track. Doch werden die Beschäftigungsverhältnisse in den Staaten immer unsicherer.

15.10.2018

Die Anzahl der Anstellungen über Tenure Track haben in den USA weiter abgenommen. Nur noch ein Viertel der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien darüber beschäftigt. Der Großteil habe Mehrjahresverträge, viele sogar Jahresverträge. Das ergab eine aktuelle Studie der Vertretung der US-amerikanischen Professorinnen und Professoren AAUP auf Grundlage von Daten aus dem Jahr 2016. Zwei Jahre zuvor lag der Anteil der Tenure-Track-Positionen laut Angaben der AAUP noch bei mehr als 29 Prozent.

Der Anteil der Tenure-Track-Anstellungen sei im Schnitt an forschungsstarken Hochschulen und solchen mit 4-jährigen Bachelor-Studiengängen am höchsten. Hier hätten immerhin ein Drittel der Beschäftigten eine Tenure-Track-Stelle. Bei Hochschulen mit einem Abschluss nach zwei Jahren mit einem "Associate Degree", wie es an den staatlichen "community colleges" typisch ist, seien es nur 20 Prozent.

Tenure-Track-Stellen garantieren Wissenschaftsfreiheit

An Universitäten und "4-year-colleges" hätten im Schnitt 38 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter Jahresverträge, vier Prozent seien unter einem Jahr beschäftigt. Der Großteil seien Mehrjahresverträge, davon 38 Prozent unbefristet.

An den "community colleges" hätten mehr als 60 Prozent Jahresverträge, knapp zehn Prozent seien unter einem Jahr beschäftigt. Mehrjahresverträge hätten nur knapp 30 Prozent. Der Anteil der Teilzeit-Beschäftigungen sei mit 65 Prozent deutlich höher als im Durchschnitt der Hochschulen (40 Prozent). Diese Teilzeit-Beschäftigten seien es, die – anders als an den forschungsstarken Hochschulen oft Studierende in höheren Semestern – die Lehraufgaben übernähmen. 

Im Interview mit Forschung & Lehre sprach AAUP-Mitglied Jörg Tiede Anfang 2017 von einem "Abbau aus Kostengründen". Dieser Trend werde sich mit einer zunehmend schlechteren finanziellen Lage der Hochschulen weiter verschärfen, lautete seine Prognose.

Selbst unbefristete Verträge könnten anders als eine Tenure-Track-Anstellung ohne Begründung jederzeit gekündigt werden. Darin sehen die Autoren der Studie eine Gefahr für die Wissenschaftsfreiheit und die Qualität der Lehre: "Wenn Fakultätsmitarbeiter aufgrund ihrer Äußerungen oder ihrer Forschungsergebnisse ihre Stelle verlieren können, können sie den Kern ihrer Verantwortungen nicht erfüllen, Wissen zu vermitteln und zu vermehren".

Gefragten Wissenschaftlern winken ohne Tenure höhere Gehälter

Diese Sorge teilten auch zahlreiche vom US-amerikanischen "Chronicle of Higher Education" befragte Hochschulmitarbeiter. Die "Seele des Hochschulwesens" werde gefährdet. Tenure Track habe geholfen, exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an die US-Hochschulen zu binden, die dort Spitzenforschung frei und ohne Sorge vor einem Jobverlust vorantreiben konnten. Auch deshalb sei das US-amerikanische Hochschulwesen zu einem der besten, wenn nicht dem besten Hochschulwesen weltweit geworden, "ein Vorbild für den Rest der Welt", sagte der Präsident der AAUP.

Die Problematik fehlender Tenure-Track-Anstellungen sehe man aktuell, da zum Beispiel die Klimaforschung stark in der Diskussion stehe. Befristet beschäftigte Wissenschaftler könnten unter größerer Sorge stehen, ihren Job zu verlieren, wenn sie politisch kritisierte Forschungsergebnisse publizierten.

Auch die Verbundenheit zur Hochschule wäre eine geringere. Dies könnte auch mit einem geringeren Engagement für die Forschungseinrichtung einhergehen, zitiert der "Chronicle" die einen. Eine Aufweichung des Tenure-Track-Systems führe auf der anderen Seite zu einem effektiveren Hochschulwesen, sagen andere. Die Universitäten würden schneller auf die Nachfrage nach bestimmten Angeboten reagieren und in weniger gefragten Studiengängen einsparen.

Auch hätten Wissenschaftler in gefragten Forschungsgebieten höhere Gehaltsaussichten. Gebe es keine Tenure-Track-Stelle und damit eine hohe Jobsicherheit für sie, müssten die Hochschulen sie mit höheren Gehältern locken, damit sie nicht in die Wirtschaft gingen.

Ein Bildungsberater rät zu einem Mittelweg: Hochschulen müssten flexibel sein und gleichzeitig den durch Tenure geprägten Kern ihres Systems aufrechterhalten.

aktualisiert: 15.10.18, 12:00 Uhr

kas

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