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Emeritierung und Ruhestand
Wenn die Zeit an der Universität zu Ende geht

Wissenschaft ist oft mehr Berufung als Beruf. Was bedeutet das für den Moment, an dem alles vorbei scheint? Eine Professorin hat sich umgehört.

Von Katrin Schmermund 03.01.2019

F&L: Frau Reuter, Sie haben mit emeritierten Professoren darüber gesprochen, wie diese ihren Alltag verbringen. Stimmt die Rede vom "Unruhestand" in der Wissenschaft?

Julia Reuter: Das kann man so sagen, ja. Die Professoren, die wir befragt haben, haben sich – wenn überhaupt – von der Universität als Organisation verabschiedet, aber nicht von der Wissenschaft und der Scientific Community. Im Gegenteil. Viele nutzen die gewonnene Zeit, um Aufgaben nachzugehen, zu denen sie vorher nicht gekommen sind. Dazu zählen etwa Gutachtertätigkeiten für Fachzeitschriften oder für Berufungskommissionen. Ich habe mit Wissenschaftlern gesprochen, die aufwendige Editionen angehen, Archive und Nachlässe betreuen oder endlich das Lehrbuch schreiben, das aufgrund anderer Projekte lange Zeit in der Schublade lag. Außerdem betreuen viele weiterhin Promotionen oder halten Vorträge.

F&L: Was motiviert Wissenschaftler weiterzumachen?

Julia Reuter: Wissenschaft scheint tatsächlich mehr Lebensform als Erwerbsform zu sein. Das Ideal der Wissenschaft als Berufung ist präsent – vom Nachwuchswissenschaftler bis zum Ruheständler. Dahinter steckt eine besondere Faszination für den Gegenstand. Das Ausscheiden aus der Universität verbinden die meisten mit einer gewissen Finalität und einem Bedeutungsverlust, den es zu vermeiden gilt. Die Professoren, mit denen ich gesprochen habe, wollen sich außerdem bewusst von ihrer Alterskohorte und, wie viele sagen, anti-intellektuellen Tätigkeiten abgrenzen. Natürlich spielen auch private Umstände eine Rolle, ob etwa Partnerin oder Partner noch arbeiten.

Professorin Dr. Julia Reuter
Julia Reuter ist Professorin für Erziehungs- und Kultursoziologie an der Universität zu Köln. privat

F&L: Die wissenschaftliche Arbeit lässt sich leichter im Ruhestand realisieren als manch andere Tätigkeit. Welche Unterschiede haben Sie innerhalb der Wissenschaft beobachtet?

Julia Reuter: Klar differenzieren kann man zwischen den Gerätewissenschaften und solchen Wissenschaften, in denen man in der Regel mit Bibliothek und funktionierendem Computer und passender Software klarkommt. Dazu zählt etwa mein Bereich, die Sozialwissenschaft. Wenn ich dagegen in der Teilchenphysik auf Großgeräte angewiesen bin, habe ich schon weniger Möglichkeiten.  

F&L: Auf welche Aufgaben können Professoren in der Regel leicht verzichten?

Julia Reuter: In unseren Gesprächen wurden vor allem "lästige Verwaltungsaufgaben" als verzichtbar genannt – und große Vorlesungen. Die meisten lehren zwar gerne und machen das auch teils weiterhin, aber sie bevorzugen kleinere Seminare, oft für Masterstudierende. Die großen Grundlagenvorlesungen empfinden sie als anstrengend und aufwendig.

F&L: Zu welchem Zeitpunkt beginnen die meisten, sich Gedanken über die Zeit nach der Hochschule zu machen?

Julia Reuter: In der aktuellen Befragungsgruppe war das wirklich erst kurz vor der Verabschiedung. Das könnte sich künftig allerdings ändern. Mittlerweile haben die Universitäten komplexe Strukturpläne und man muss sich über die Versorgung nach der Pensionierung mehr Gedanken machen, weil man pensioniert nicht mehr die volle Besoldung erhält.

Emeritierung versus Pensionierung – wo liegen die Unterschiede?

Emeritierung
Professorinnen und Professoren, die vor der Umsetzung des Hochschulrahmengesetzes (HRG) in einem Bundesland berufen wurden, haben das Recht auf Emeritierung und scheiden mit der Entpflichtung nicht aus dem Beamtenverhältnis aus. Auf Antrag können sie auch pensioniert werden. Sie sind von ihren Aufgaben entpflichtet, aber nicht entrechtet. Das bedeutet, dass sie weiterhin Angehörige der Hochschule bleiben und berechtigt sind, zu lehren, zu prüfen und zu forschen.

Wie auch die pensionierten Hochschullehrer haben sie jedoch keinen Rechtsanspruch auf Grundausstattung (also sachliche und personelle Ausstattung) und sind dabei auf die Absprachen mit den zuständigen Gremien in der Hochschule angewiesen. Sie erhalten Amtsbezüge. Dazu findet spätestens zum Zeitpunkt der Emeritierung eine individuelle Berechung der zum Zeitpunkt der Überleitung in die C-Besoldung gewährten H-Besoldung plus zwischenzeitlicher Besoldungserhöhungen statt.

Quelle: Deutscher Hochschulverband
Pensionierung
Durch den Eintritt in den Ruhestand nach Erreichen der Regelaltersgrenze wird das bisherige aktive Beamtenverhältnis eines Professors oder einer Professorin durch ein Ruhestandverhältnis – die Pensionierung – abgelöst. Die Pension beträgt bei einer ruhegehaltfähigen Dienstzeit von 40 Jahren maximal 71,75 Prozent der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge. Auch die pensionierten Professorinnen und Professoren haben weiterhin Lehr-, Prüfungs- und Forschungsmöglichkeiten an der Hochschule – wie Emeriti.

Nach Eintritt in den Ruhestand können Emeritierte wie Pensionierte ihre Amtsbezeichnung ohne einen Zusatz weiterführen ("Professorenprivileg").

Quelle: Deutscher Hochschulverband

F&L: Wie gut bereiten die Universitäten Hochschullehrende auf den neuen Lebensabschnitt vor?

Julia Reuter: Momentan fällt das Thema an den Universitäten noch sehr dünn aus. Es gibt zahlreiche Informationsbroschüren für den Nachwuchs, was natürlich auch wichtig ist, aber die Emeritierung beziehungsweise der Ruhestand als einschneidender Wendepunkt in der wissenschaftlichen Karriere fällt meist unter den Tisch. Die ausscheidenden Professorinnen und Professoren erhalten kurze Informationsbroschüren, etwa zu Bezügen oder der Entpflichtungsurkunde. Ein würdiger Abschied ist das nicht.

F&L: Wie könnte man es besser machen?

Julia Reuter: Eine generationensensible Personalpolitik sollte stärker auf die mit Emeritierung oder Ruhestand verbundenen Gefühle und Fragen eingehen und gleichzeitig mehr Spielräume für Professorinnen und Professoren bieten, sich weiterhin einzubringen. In der Regel ist lediglich eine Verlängerung von maximal drei Jahren möglich. Die USA bieten da weit mehr Möglichkeiten – nicht nur als Seniorprofessor, sondern auch für Leitungsfunktionen in der Wissenschaft. Der Umgang mit dem Alter ist ein anderer als in Deutschland. Einige Professorinnen und Professoren aus Deutschland werden daher auch von den USA umworben. Das betrifft natürlich vor allem stark internationalisierte Fächer.

Zwischen 2015 und 2024 werden nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts circa 30 Prozent der Professorinnen und Professoren deutscher Universitäten altersbedingt ausscheiden.

F&L: Behindert eine flexible Altersgrenze nicht noch stärker die Chancen für Nachwuchswissenschaftler, den Schritt zur Professur zu schaffen?

Julia Reuter: Nein, das nehme ich nicht so wahr. Die Stelle wird ja, spätestens nach den drei Jahren, trotzdem neu besetzt. Es kann allenfalls zu Konflikten kommen, weil der Nachfolger bereits da ist und die Mitarbeiter ihm oder ihr zugeordnet sind. Der ausgeschiedene Professor muss dann einen neuen Status einnehmen und ist auf eine gute Kooperation mit seinem Nachfolger angewiesen. Viele Lehrstühle sind aber auch dankbar und bitten geradezu darum, dass ein Professor oder eine Professorin über den offiziellen Ruhestand hinaus arbeitet.

F&L: Wie geht man Emeritierung oder Ruhestand am besten an?

Julia Reuter: Mein Eindruck ist, dass es hilft, sich zunächst ausreichend Zeit zu nehmen, neue Routinen für den Alltag zu entwickeln. Denn dieser ist nicht mehr so strukturiert wie vorher. Natürlich kann man sich in verschiedenen Tätigkeiten einbringen, aber man sollte sich nicht zu viel vornehmen. Robert C. Achtley hat in den 70er Jahren ein Phasenmodell des Ruhestands entwickelt, die "Sociology of Retirement". In den ersten Monaten befinden sich Ruheständler demnach in der "Honey-Moon-Phase" und sehen alles positiv. Sie nehmen ein Ehrenamt an, den Vorsitz in einer Organisation oder einem Verein, werden Gastprofessor oder unternehmen lange Reisen. Nicht selten folgt darauf eine Phase der Ernüchterung, wenn die Pensionäre realisieren, dass sie wirklich im Ruhestand sind und eine dauerhafte zeitliche Neustrukturierung und Orientierungspunkte im Alltag benötigen.

Hintergrund

Die geschilderten Eindrücke stammen aus einer Befragung von über 40 Personalern an Universitäten und zwölf emeritierten Professoren. Dieses Jahr beginnt Julia Reuter ein dreijähriges DFG-Forschungsprojekt, in dem sie den Übergang von Professorinnen und Professoren in den Ruhestand mit ihrem Team umfangreicher und detaillierter analysieren will. Befragt werden sollen knapp 30 pensionierte Professorinnen und Professoren verschiedener Fächer. In der aktuellen Befragungskohorte waren keine Professorinnen oder pensionierten Personen.

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