Das Foto zeigt eine skizzierte Wolke mit Smartphones, die aus ihr herausregnen.
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Karrierepraxis
Weg mit dem Handy in der Vorlesung

Viele Studierende lassen sich in Vorlesungen von ihrem Handy ablenken. Das schadet der Lernatmosphäre. Plädoyer für eine "No Screen Policy".

Von Miloš Vec 21.12.2018

Vor einiger Zeit meldete sich Stephanie zu Guttenberg zu Wort. Sie hatte in eine "junge Bildungsfirma" investiert und strahlte. Eine Zeitung zitierte sie neben ihrem Porträt mit dem Ausspruch: "Es mag ja romantisch sein, wenn da noch mit Kreide an die Tafel geschrieben wird, aber wir verspielen die Zukunft des Landes." Wirklich?

Abgesehen von der journalistischen Trivialität, eine Investorin zu zitieren, die wenig überraschend empfiehlt, ihr Produkt zu kaufen, stieß mir sofort der trostlose Fetischismus neuer Technik auf, der mit dieser Abwertung einherging: Weg mit der Tafel und dem Schreiben von Hand, bitte Milliarden in Digitaltechnologie stecken. In zu Guttenbergs Argumentation reichten sich nationalpatriotische und didaktische Aspekte die Hand, die Modernisierung durch elektrisches Gerät feierten. Von einem Bertelsmann-Vertreter vernahm man 2018, dass Handys unbedingt ins Klassenzimmer und sogar auf den Tisch aller Schülerinnen und Schüler gehörten.

Nach reiflichem Überlegen und hochschuldidaktischen Fortbildungen bin ich zum gegenteiligen Schluss gekommen und praktiziere an der Universität Wien seit rund einem Jahr eine "No Screen Policy": Ich bitte die Studierenden, ihre Handys wegzuräumen und animiere sie dazu, nicht auf dem Notebook, sondern von Hand mitzuschreiben. Die "No Screen Policy" gilt für meine große verfassungsgeschichtliche Vorlesung mit vielen hunderten Studierenden ebenso wie für die Seminare, bei denen wir in einem kleinen Kreis rund um den Tisch sitzen (oder wie im vergangenen Sommersemester in einem Zirkuszelt). In beiden Fällen habe ich ein Aufatmen meiner Studierenden gespürt und sehe seither in offenere, wachere Gesichter. Sie hören besser zu und sind eher bereit mitzumachen.

"Die Vorlesung ist tot", lautet eine verbreitete Anamnese, die oft mit dem Wunsch verbunden wird, sie technisch neu zu erfinden, um sie zu retten. Es sei veraltet, Stoff in einer Massenveranstaltung vermitteln zu wollen, es handele sich um ein didaktisches Modell aus vermutlich jener Zeit, als Bücher rar gewesen sind. Und tatsächlich wird bisweilen etymologisch gelästert: Allein schon der Begriff "Vorlesung" sage alles und desavouiere die Idee, sie sei noch zu reformieren.

Veranstaltungsbesuch und Studienerfolg

Demgegenüber habe ich nicht nur in meinen unzähligen Prüfungen die Erfahrung gemacht, dass Veranstaltungsbesuch – und zwar gerade der Vorlesung – stark mit Studienerfolg korreliert. Hier werden Kontexte hergestellt, Problemverständnisse entwickelt, Ideen erklärt. Aber wie gestaltet man dieses Format ansprechend? Seit meinen ersten Versuchen als Hochschullehrer gab ich mir Mühe, strukturiert, interaktiv und lebendig zu unterrichten und das Interesse an Lehrveranstaltungen durch begleitende Museumsbesuche, Filmabende und ungewöhnliche Tagungsorte zu heben. Meine Bemühungen stießen bei den Studierenden auf große positive Resonanz. In den vergangenen Jahren hat jedoch ein Störfaktor eine so dominante Rolle bekommen, dass ich ihn nicht weiter ignorieren konnte: das Handy.

Man führt komplexe Gedanken aus, dialogisiert mit Studierenden, erzählt spannende Geschichten – und sieht dann jemanden, der gebannt unter sich auf die Bank schaut. Schon immer habe ich gespürt, wie dies meine eigene Konzentration untergräbt. Nicht nur der oder die konkrete Studierende war gerade in Gedanken anderswo, sondern auch ich selbst wurde für einen Moment abgelenkt und habe kurz den Faden verloren.

Nachdem ich einen Teaching Award der Universität Wien gewonnen hatte, überlegte ich, das Handy aktiv in die Wissensvermittlung einzubinden. Der Plan war, den Studierenden entgegenzukommen, sie "dort abzuholen, wo sie stehen". Mit dem Wiener Preisgeld beabsichtigte ich, eine Software zu erwerben und schmiedete bereits zusammen mit einer Studienassistentin Pläne, Stoffabfragen und Wissensvermittlung spielerisch mit dem Handy zu verbinden. Das Gerät ist ja ohnehin die ganze Zeit nahe bei meinen Zuhörerinnen und Zuhörern, dachte ich, warum nicht damit arbeiten?

Ein Forschungssemester an der New York University (NYU) überzeugte mich vom Gegenteil. Vielleicht mehr noch als die Inhalte, über die ich mit Kolleginnen und Kollegen am Institute for International Law and Justice (IILJ) sprach, beeindruckten mich die hochschuldidaktischen Fortbildungen am Washington Square. Ich hörte eine Keynote vom Neue-Medien-Guru Clay Shirky, und mit anderen Global-Hauser- und Jean-Monnet-Fellows zusammen organisierten wir Seminare, die uns der Völker- und Europarechtler Joseph H. H. Weiler hielt. Shirky war gerade aus Shanghai zurückgekommen und plädierte ebenso leidenschaftlich wie abgewogen für eine "No Screen Policy". Weiler, dessen Ansichten die Gruppe ausländischer Fellows immer am meisten beschäftigten, radikalisierte Shirkys Empfehlungen sogar. Während Shirky vor allem die Bildschirme der Studierenden aus den universitären Lehrveranstaltungen verbannen wollte, um ihr Konzentrationsvermögen wiederzugewinnen, ging Weiler noch einen provokanten Schritt weiter: Er berichtete uns, dass bei seinen Lehrveranstaltungen sogar das Mitschreiben untersagt war. Er wollte dadurch den Fokus auf die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Stoff im Hörsaal legen und dafür sogar die Ablenkung durch das emsige, aber nacheilende Mitschreiben ausschließen. Im Gegenzug stellte er seinen Studierenden durchgesehene Mitschriften zur Verfügung.

Verbannung von Bildschirmen

Beide Plädoyers zielten einhellig auf eine Verbannung von Bildschirmen der Studierenden aus dem Universitätsunterricht ab. Seither beschäftigen mich die Gewinne und Verluste, die damit einhergehen. Es ist leicht zu begründen, warum Studierende das Handy dauerhaft weglegen sollen – und zwar so, dass sie es weder sehen noch am Körper spüren. Bereits der Anblick eines abgelenkten Kommilitonen vermindert die Aufmerksamkeit der anderen Zuhörerinnen und Zuhörer. So habe ich es meinen Wiener Studierenden gegenüber bei der Vorstellung meines nach dem Forschungssemester in New York überarbeiteten didaktischen Konzepts begründet.

Ich habe ihnen erklärt, dass ihr Konzentrationsvermögen ihre wertvollste Ressource ist und sie es sich zurückerobern müssen. Dabei sprach ich niemals ein explizites Verbot aus, sondern versuchte eine Art Vertragsmodell: eine multilaterale Absprache über ihre Nutzung elektronischer Geräte im Hörsaal, von der alle Seiten profitieren sollten. Auch im Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) habe ich begonnen, bei den von mir moderierten Workshops und Kolloquien das Problem der Ablenkung zu benennen und eine digitale Diät anzuregen. Denn auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind um keinen Deut besser als Studierende. Sie können sich dem vorsätzlich programmierten Suchtfaktor nicht entziehen, der durch Ausnutzen neurologischer Prozesse die Gewinne der Technologiekonzerne düngt.

Das Notebook freilich stellt eine delikatere Herausforderung. Ich habe glänzende Protokolle gesehen, die davon profitierten, dass digitale Mitschriften leichter zu überarbeiten waren als solche von Hand. Zudem sind Geistes- und Sozialwissenschaften textbasierte Disziplinen, und diese lassen sich auch auf Bildschirmen lesen, bearbeiten, abrufen. Und genau darum geht es oft in Veranstaltungen für angehende Juristinnen und Juristen: mögliche Interpretationsvarianten von Normen zu erkennen und methodisch und begrifflich exakt zu diskutieren.

Darüber hinaus weiß ich wenig über die Gepflogenheiten in den Naturwissenschaften und der Mathematik: Wo liegen hier die Notwendigkeiten und Chancen elektronischen Geräts im Unterricht? Mit dem Paderborner Mathematiker Christian Fleischhack entwickelte sich ein Dialog, der in einen kleinen Essay mündete. Als Ergebnis ließ sich zusammenfassen, dass es auch hier galt, Vor- und Nachteile einer "electronic etiquette policy" gegeneinander abzuwägen. Für die Rechtswissenschaften aber konnte mich bislang noch keine Diskussion von jenen Vorteilen überzeugen, welche die zerstörerische Wirkung von Bildschirmen und ihren bunten Botschaften in Lehrveranstaltungen aufwiegen würden.

Auch für mich selbst habe ich zunehmend beschlossen, Handy und Notebook auf Veranstaltungen wegzulegen. Ein radikales Verbot des Mitschreibens, wie es Joseph H. H. Weiler bevorzugt, beschneidet jedoch das intellektuelle Potenzial von Studierenden: Selbst abzuwägen, was aufzeichnungswürdig erscheint und kritische Anmerkungen zum Gehörten in die Notizen aufzunehmen. Schließlich fand ich schon immer, dass Handschriften etwas Persönliches und Romantisches haben – Frau zu Guttenberg hat völlig Recht: Solche Notizen auf Tafeln und Whiteboards erreichen mehr als nur unseren Verstand. Aber anders als sie es meint, ist es kein Nachteil fürs Lernen.

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