Prof. Dr. Mike S. Schäfer
privat

Standpunkt "Es geht darum, die eigene Reputation zu stärken"

Wissenschaftskommunikation wird immer wichtiger für Hochschulen. Dass es dabei vor allem darum geht, Wissen zu vermitteln, ist jedoch ein Irrglaube.

Von Mike S. Schäfer 05.06.2018

Vor einigen Monaten präsentierte der Leiter einer Hochschul-Kommunikationsabteilung in meiner Vorlesung die Kommunikationsstrategie seines Hauses: ein Vortrag über strategische Ziele, Zielgruppen und Kernbotschaften. Danach meldete sich eine Studentin: "Sie haben 30 Minuten referiert, aber die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens ist gar nicht vorgekommen. Spielt das keine Rolle?" Antwort des Referenten: "Das ist nicht unser Job. Wir wollen, dass uns die Politik wahrnimmt, dass uns die besten Köpfe der Welt sehen, dass wir ein begehrter Ausbildungs- und Arbeitsplatz sind."

Auch wenn sich viele Kommunikationsverantwortliche von Hochschulen sicherlich nicht so pointiert ausdrücken würden, steht diese Anekdote doch für den Wandel der Hochschul- und Wissenschaftskommunikation in den vergangenen Jahrzehnten. Einerseits hat sich die Kommunikation aus der Wissenschaft intensiviert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch wissenschaftliche Einrichtungen sind heute öfter dazu bereit, mit Publika außerhalb ihrer Fächer zu reden, sich in Social Media zu äußern oder Stellung in journalistischen Medien zu beziehen. Dafür gibt es mehr Geld, mehr Schulungen, mehr Unterstützung und oft auch mehr Akzeptanz der Peers und der eigenen Organisation.

Andererseits haben sich die Anreizstrukturen für diese Kommunikation und damit ihre Ziele verschoben. Oft geht es nicht mehr vorrangig um die Vermittlung relevanter Forschungsergebnisse, sondern darum, die institutionelle Reputation der eigenen Hochschule zu stärken, ihre Legitimität in den Augen von Stakeholdern zu erhalten, sich damit die "license to operate" und den Ressourcenzufluss zu sichern. Dies auch deshalb, weil Metriken wie internationale Hochschulrankings zu wesentlichen Teilen auf Messungen eben dieser Reputation beruhen. Auch für einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist es sinnvoll, ihre Publikationen offensiv in Social Media zu bewerben, weil dies neben ihren "Altmetrics"-Scores auch die Zahl ihrer Zitationen erhöht.

Wissenschaftler und Hochschulen können diese Anreize kaum ignorieren: Viele andere spielen das Spiel ja mit, und wenn sie das nicht auch tun, verlieren sie an Boden – ein Dilemma. Dieser Problemlage muss man sich bewusst sein, wenn man – wie kürzlich die neue deutsche Forschungsministerin Anja Karliczek – mehr Kommunikation aus der Wissenschaft fordert: Diese Außenkommunikation verfolgt häufig Eigeninteressen. Das lässt sich auch kaum vermeiden.
Da zugleich der Wissenschaftsjournalismus unter starkem ökonomischem Druck steht und seiner Rolle als neutralem Korrektiv immer weniger nachkommen kann, braucht es neue Intermediäre, neue Formate und neue Finanzierungsformen der Wissenschaftskommunikation. Dabei sollten auch Forschungsförderer, Stiftungen, Akademien und Verbände eine Rolle spielen.

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