Logo der Boulevardzeitung "Bild" an einem Kiosk
picture alliance/dpa / Christoph Soeder

Berichterstattung über die Corona-Pandemie
Wissenschaft wehrt sich gegen "Bild"-Darstellung

Mehrere Wissenschaftsorganisationen haben zu einer sachlichen Berichterstattung in Krisen aufgerufen. Auslöser war ein Artikel der "Bild"-Zeitung.

07.12.2021

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen hat zu mehr Sachlichkeit in der Berichterstattung über die Corona-Pandemie aufgerufen. "Gerade in Krisensituationen und einem ohnehin schon emotionalisierten Themenfeld ist Sachlichkeit in Diskussion und Berichterstattung in besonderer Weise geboten und weitaus zielführender", hieß es in dem am Montag veröffentlichten Appell.

Zu der Allianz zählen die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Hochschulrektorenkonferenz, die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und der Wissenschaftsrat.

Die Organisationen bezogen sich konkret auf einen Bericht der "Bild"-Zeitung mit der Überschrift "Die Lockdown-Macher", der am Samstag erschienen ist. Die Allianz kritisierte, dass darin einzelne Forscherinnen und Forscher "zur Schau gestellt und persönlich für dringend erforderliche, aber unpopuläre Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung verantwortlich gemacht werden". Das könne zu einem Meinungsklima beitragen, das an anderer Stelle bereits dazu geführt habe, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich demnach physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sahen oder bedroht wurden.

"Politik und Gesellschaft werden, nicht nur in pandemischen Krisen, substanziell durch die Erkenntnisse der Wissenschaft unterstützt. Daher müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft-
ler ihre Expertise frei einbringen können", betont die Allianz in ihrer Erklärung.

In dem Artikel nennt die "Bild"-Zeitung namentlich die Physiker und Pandemie-Modellierer Professor Michael Meyer-Hermann von der TU Braunschweig und dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Dr. Viola Priesemann von der Universität Göttingen und Professor Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität Berlin. Sie hatten mit Modellen den Verlauf der vierten Corona-Welle prognostiziert und von der Politik Gegenmaßnahmen gefordert.

Hochschulen stellen sich hinter ihre Forschenden

Die TU Braunschweig und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung verurteilten am Montag die "diffamierende und inhaltlich falsche Berichterstattung" der "Bild"-Zeitung in einer Stellungnahme als "nicht hinnehmbare Hetze". Die "populistische" Behauptung der "Bild", die genannten Wissenschaftler seien persönlich für die Pandemie-Maßnahmen verantwortlich, schaffe ein Klima der Einschüchterung und trage zur Radikalisierung von Impfgegnern bei.

Die Humboldt-Universität verurteilte die "Falsch-Behauptungen" in dem Bericht als "verantwortungslos" und "unredlich" und hat einer Mitteilung zufolge wegen der "medialen Verunglimpfung" Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht. Den Leserinnen und Lesern würde darin suggeriert, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seien für politische Entscheidungen verantwortlich.

Ein Sprecher der zum Axel Springer Konzern gehörenden "Bild"-Zeitung teilte auf Anfrage in einem Statement mit: "Wir können die Kritik verstehen und nehmen sie ernst. Wissenschaftler verdienen unseren Respekt." Kritik an Wissenschaftlern und ihren Vorschlägen müsse möglich sein, "aber immer angemessen geübt werden".

Der Sprecher verwies auch auf ein Statement des "Bild"-Chefredakteurs Johannes Boie, das in der Montagausgabe und zuvor online veröffentlicht wurde. Darin heißt es: Wer dieses Land regiere, verändere und über das Leben der Menschen bestimme, müsse Kritik aushalten. Gerade auch von Journalisten. "Umgekehrt muss Kritik angemessen geübt werden. Das gilt ausdrücklich auch für 'Bild'."

ckr/dpa

0 Kommentare