rotes Papierboot schert aus Reihe aus weißer Papierbooten aus
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Standpunkt
Hüter der Einmaligkeit

Geisteswissenschaftler stechen im akademischen Diskurs oft heraus. Damit sind sie attraktive Ideengeber, schreibt unser Autor.

Von Ernst Osterkamp 04.12.2020

Im Gespräch mit Eckermann hat Goethe 1827 gesagt: "je inkommensurabeler und für den Verstand unfasslicher eine poetische Produktion, desto besser." Wenn das so ist, dann sind Geisteswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen, insbesondere solche, die es mit künstlerisch gestalteten Texten und Gegenständen zu tun haben, Spezialisten fürs Inkommensurable, deren schwierige Aufgabe darin besteht, dasjenige, was nicht zu messen ist, das Einmalige, Unvergleichliche und theoretisch nur schwer zu Fassende, auf den Begriff zu bringen. Wenn es gut geht, dann färbt diese unerfüllbare und deshalb auch unabschließbare Aufgabe auf sie selbst ab, und sie werden selbst inkommensurabel: nicht kalkulierbar, unvorhersehbar in ihren Argumenten, überraschend in ihren Beobachtungen, unablässig auf der Suche nach der einmaligen Formulierung, die dem historisch Individuellen und künstlerisch Singulären gerecht zu werden vermag, und des­halb von spröder Zurückhaltung gegenüber aktuellen theoretischen Diskursen, die für alles gleich den richtigen Begriff haben. Kurz, sie werden zu Einzelgängern und Einzelgängerinnen im akademischen Betrieb.

Es waren solche Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen, nach denen ich während meines Studiums Ausschau gehalten habe: nicht die Diskursfürsten, die in ihren Argumenten vorhersehbar waren, sondern die Hüter der Einmaligkeit, die aus der Kraft der Individualität beglaubigten, weshalb es unabdingbar notwendig war, sich mit diesem einen Text, diesem einen Forschungsproblem zu beschäftigen und dabei nicht nur einen hohen theoretischen Anspruch, sondern zugleich eine ästhetische Sensibilität zu aktivieren, die selbst wieder unter den Begriff des Inkommensurablen fällt. Solche Einzelgänger sind oft besonders gute akademische Lehrer, weil sie dazu neigen, ihre Schüler deren ganz eigene Produktivität entdecken und entfalten zu lassen, statt sie zu Klonen ihrer selbst auszubilden.

Die Attraktivität der großen Einzelgänger in den Geisteswissenschaften zeigt sich derzeit in der staunenswerten Wirkung, die das Werk des Philosophen Hans Blumenberg entfaltet, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird. Natürlich lassen sich die denkerischen Traditionen, in denen auch dies Werk steht, mühelos identifizieren, aber dessen Faszination gründet auf etwas anderem: auf der Freude an der Überraschung, die sich mit jeder Nachlasspublikation verbindet, auf dem Staunen über die Subtilität, die das einzelne Phänomen erschließt, auf der Bewunderung für die Neugier des Philosophen gegenüber allen lebensweltlichen Zusammenhängen, auf der Verwunderung über seine Distanz zum Zeitgeist, zu der Einzelgänger nun einmal neigen.

Die Geisteswissenschaften, deren Zukunft immer jenseits des Mainstreams liegt, bedürfen der großen Einzelgängerinnen und Einzelgänger, der idiosynkratischen Beobachter und Selbst- und Querdenker, die nur schwer integrierbar sind in große Forschungsverbünde, dafür aber all den Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereichen und Clustern wichtige Ideengeber und Korrektive sein können.

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