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Serie: 25 Jahre Forschung & Lehre
Schwierige Kopplung zwischen zwei Welten

Oft hakte es beim Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Woran liegt das und was können Forschende tun, damit es sich bessert?

Von Peter Dabrock 23.02.2019

Das Bekenntnis zu einer verantwortlichen Wissenschaft hat den Rang eines Gemeinplatzes eingenommen. Wer hat schon – auf den ersten Blick – ernsthaft etwas dagegen, wenn Sicherheit der Versuchsanordnung, Verhinderung von Missbrauchsmöglichkeiten, wenn Chancen-Nutzen-Abwägungen, aber auch Kriterien guter wissenschaftlicher Praxis (wie Ehrlichkeit, Vorurteilsfreiheit, Interpretierbarkeit) und nicht zuletzt Biodiversität, Nachhaltigkeit und bei humanbezogener Forschung Autonomierespekt, Nicht-Schaden, Wohltun und Gerechtigkeit gefordert werden?

Nicht nur aus intrinsischen Gründen des wissenschaftlichen Ethos, sondern auch aus Gründen der gesellschaftlichen Reputation sowie der Stärkung des Public Engagement werden diese Forderungen mit Nachdruck vertreten. Oft bleibt jedoch unklar, wie die hehren Forderungen so umgesetzt werden können, dass sie weder als bloße Akzeptanzbeschaffung noch als reine Protestkommunikation funktionalisiert werden und so letztlich verhallen.

Stotternder Kommunikationsmotor

Schaut man genauer hin, stellt man jedenfalls fest, dass der Kommunikationsmotor zwischen Wissenschaft und Gesellschaft auf beiden Seiten stottert. Zwar verkündet das Wissensbarometer 2018 gelassen, dass die Zustimmung zu Wissenschaft und Technik sich seit Jahren auf solidem Niveau halte. Verglichen mit den Zahlen aus den Eurobarometern zwischen 2001 und 2013 muss jedoch in den letzten Jahren ein Rückgang des Vertrauens in die Wissenschaft um nahezu 30 Prozent konstatiert werden.

Eine solche Entwicklung kann nur als beunruhigend interpretiert werden. Über die Gründe mag man streiten: Vermutlich wirken sich für die Wissenschaft komplexe gesellschaftspolitische Entwicklungen aus, die im allgemein feststellbaren Expertenbashing, in Institutionen- und Politikverdrossenheit oder im Verlust der regulativen Öffentlichkeit Symptome finden und zudem durch Social Media-Kommunikationen noch verstärkt werden.

Aber nicht nur von Seiten der Öffentlichkeit, sondern auch auf Seiten der Wissenschaft hakt die schwierige Kopplung zwischen beiden Welten. Auch wenn das sogenannte Defizitmodell offiziell als veraltet gilt, erwecken immer wieder Wissenschaftler den Eindruck, sie seien die Hüter der Wahrheit und müssten – bestenfalls – geduldig der Allgemeinheit erklären, wie die Dinge laufen.

"Die Zeiten der einen Hüterin der Wahrheit sind vorbei."

Aber die Zeiten der einen Hüterin der Wahrheit sind vorbei. Das Bonmot von Daniel Patrick Moynihan, dass jeder das Recht auf seine eigene Meinung, nicht aber auf seine eigenen Fakten habe, ist nur vordergründig richtig. Angemessen ist es kaum. Denn es inszeniert eine Dichotomie, die es bei vielen Fragen, bei denen es um die Glaubwürdigkeit von verantwortlicher Wissenschaft in der Öffentlichkeit geht, so nicht gibt.

Laien abseits des eigenen Fachgebiets

Nicht in der Wissensermittlung, aber in der Wissensvermittlung und erst recht bei der Einspeisung wissenschaftlicher Ergebnisse in die Gesellschaftsgestaltung schleichen sich auch bei Wissenschaftlern allseits bekannte Bias ein. Da unterscheiden sich Wissenschaftler kaum von Laien – abgesehen davon, dass Wissenschaftler auf nahezu allen gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Feldern außer dem eigenen ebenfalls Laien sind, dies aber nicht selten in Déformation professionnelle vergessen.

Daher müssen einzelne Wissenschaftler und noch mehr Organisationen im Wissenschaftssystem noch ernsthafter versuchen, auf Augenhöhe mit der sog. allgemeinen Öffentlichkeit zu kommunizieren. Dabei soll Wissenschaft als responsible research and innovation nicht nur gute Er­geb­nisse liefern, sondern ein professionsbezogenes Ethos bezeugen.

In diesem Geiste sind eingedenk der klassischen Standards von Robert K. Merton nach innen und außen Nutzen und Risiken des eigenen Tuns realistisch einzuschätzen und zu kommunizieren sowie dazu transparente und für Fehler sensible Organisationsstrukturen zu schaffen. Wo dies pro­aktiv durch vor- und nachsorgende Diskursangebote geschieht, da kann Wissenschaft nötiges Vertrauen generieren und da wird sie das, was sie a priori – im wahrsten Sinne des Wortes – sein sollte: citizens’ science.

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