Auf einem Computerbildschirm wird die DNA-Analyse eines mutierten Coronavirus angezeigt. Die Stelle der Veränderung im Viruserbgut wird durch die Striche markiert.
picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Forschungsdatenbank
Mehr als eine Million Coronavirus-Genome gesammelt

Auf der Gisaid-Plattform wurden mehr Coronavirus-Gensequenzen geteilt, als in anderen Datenbanken. Doch ihre Nutzungsregeln stehen in der Kritik.

28.04.2021

Der Münchner Verein "Gisaid" (Global Initiative on Sharing Avian Influenza Data) hat in seiner Datenbank inzwischen 1,2 Millionen sequenzierte DNA-Proben von Coronaviren aus aller Welt versammelt – mehr als alle anderen Datenbanken. Die Gensequenzen wurden von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus über 170 Ländern und Gebieten analysiert und über die Plattform geteilt. Sie sind zentral bei der Erforschung der Ursprünge des Sars-CoV-2 Virus, beim Nachvollzug der internationalen Ausbreitung von Mutationen (zum Beispiel indem ein Stammbaum erstellt wird) und bei der Beurteilung von Eindämmungsmaßnahmen.

Die Datenbank wurde 2008 ursprünglich zur Dokumentation von Grippeviren gestartet, als Plattform für den internationalen Austausch von Gensequenzen. Sie ist nach einer Anmeldung frei und kostenlos zugänglich.
 
Um die Datenbank zu durchsuchen, Gensequenzen herunterzuladen oder die Analysewerkzeuge anzuwenden, müssen sich Nutzer mit ihrem Namen anmelden und Nutzungsrichtlinien zustimmen. Zu diesen gehört eine Einschränkung der Datenverarbeitung, wie "Nature" vergangene Woche berichtete. Keine Studien dürften veröffentlicht werden, die auf den Gisaid-Daten basieren, ohne dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die betroffenen Sequenzen hochgeladen haben, erwähnt beziehungsweise mit einem Kooperationsangebot kontaktiert worden seien.

Der Tageszeitung "Die Welt" zufolge wird vor allem die automatisierte Analyse von Gisaid-Daten anderer Forscher durch den Verein mitunter verhindert oder verzögert. Das schütze auf der einen Seite die Forschenden, die die Daten hochgeladen haben, schließlich handele es sich um meist unpublizierte Daten. Auf der anderen Seite sei die automatisierte Analyse in einer Pandemie zentral, um den Nutzen der Daten schnell zu multiplizieren, heißt es in einem Bericht über die Kontroverse.

Von diesen Versuchen der Kontrolle der Daten sind manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verärgert. Sie argumentieren, dass der Zugriff grundsätzlich nicht beschränkt sein sollte, berichtete das Magazin "Science" im März.

Kritiker sehen die Einschränkung des Teilens und Veröffentlichens als problematisch an. Sie beurteilten den Prozess der Zugangsvergabe als undurchsichtig und nicht konstant: Zugriffe würden zeitweise unterbrochen. Wissenschaftler, die sehr von der Verfügbarkeit von Forschungsdaten abhängen, fühlten sich von Gisaid bedroht, wie "Science" beschrieb. Gisaid ließ dazu dem Magazin zufolge verlauten, dass jede Person, die sich auf der Webseite registriere und die Nutzungsbedingungen akzeptiere, auch Zugang erhalte. Die Kontroverse bleibt im Raum.

cpy

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