Karriere

Von der Promotion über die Postdoc-Phase bis zur Professur – diese Rubrik unterstützt mit kurzen Ratgeber-Texten und ausführlichen Hintergrund-Artikeln Ihre berufliche Karriere.


offene Schublade eines Schreibtischs voller Krimskrams
mauritius images / Image Source / Kathleen Finlay

Kreativität
Aufräumen schafft kreative Unordnung

Ordnung oder Chaos? Für eine kreative Problemlösung und neue Ideen müssen Arbeitsumfeld und Gedankenwelt gelegentlich neu sortiert werden.

Von Siegfried Preiser 28.12.2019

Zerstört Aufräumen die Kreativität? Im Gegenteil! Aufräumen ist der entscheidende Schritt einer kreativen Problemlösung. Beim Nachdenken oder Grübeln über ein komplexes Problem sammeln sich Informationsbruchstücke, Gedankenfetzen, Erfahrungen, theoretische Konzepte und Assoziationen, die in eine geordnete Struktur gebracht werden müssen, damit eine Problemlösung erkennbar wird. Das Gehirn räumt auf, wirft vermeintlich unbrauchbare Gedanken in den Mülleimer, zieht plausible und attraktive Elemente in den Fokus der Aufmerksamkeit, stellt Beziehungen zu Erfahrungen und Überzeugungen einerseits und zu den erwünschten Zielvorstellungen andererseits her. Im günstigsten Fall fügen sich die Informationen zu einer neuartigen gedanklichen Struktur zusammen, die als kreative Lösung zum Ziel führt.

Aufräumen macht aber bekanntlich nur dort Sinn, wo Unordnung herrscht. Pedanten lassen Ihre Umwelt nie in Unordnung geraten und korrigieren jede kleinste Abweichung sofort: Auf dem Schreibtisch ebenso wie in ihrer Gedankenwelt. Wer Unordnung, Unsicherheit oder Mehrdeutigkeit allzu sehr scheut, der vereinfacht seine Weltsicht vorschnell, der neigt zu Schwarz-Weiß-Malerei, schenkt auch in der Politik oder der Weltanschauung den angebotenen Simplifizierungen Glauben, nimmt Widersprüche nicht zur Kenntnis, bleibt seinen vorgefassten Überzeugungen und Vorurteilen treu. In der perfekt aufgeräumten Gedankenwelt ist für neuartige Ideen kein Platz.

Die Lernumwelt des Kindes, die Alltagswelt des Erwachsenen und das Forschungsfeld der Wissenschaft liefern ständig Überraschungen, Ungereimtheiten und Widersprüche. Wir sind auf diese kognitive Dissonanzen angewiesen, um unser Wissen und unser Verständnis weiterzuentwickeln. Und wir müssen Unordnung in unsere festgefahrenen Gedankenketten bringen, um verkrustete Überzeugungen aufzubrechen und Denkblockaden zu überwinden.

Unordnung führt aus gedanklichen Sackgassen

Wer aufräumen will, wer seine Gedanken neu ordnen und aus kognitiven Sackgassen ausbrechen will, der oder die muss erst einmal Unordnung in festgefügte Gedankengebäude bringen.  Dann kann man prüfen, was besser zusammenpasst, was man einmal auf andere Weise ausprobieren könnte, was einfachere und plausiblere Erklärungsansätze liefert. Und dann fügen sich manchmal plötzlich alle gedanklichen Elemente zu einem neuen Bild zusammen – so wie beispielsweise die Vielfalt der chemischen Elemente, die  Dmitri Iwanowitsch Mendelejew durch Herumpuzzeln mit Kärtchen in eine systematische Ordnung zu bringen suchte, was ihm als das bekannte Periodensystem nach vielfältigen gedanklichen Vorbereitungen schließlich im Traum gelungen sein soll.

Eine geordnete Gedankenwelt aufräumen zu wollen, macht keinen Sinn, weil dann immer die gleiche Ordnung zutage tritt. Unser Arbeitsspeicher, mit dem wir mehrere Informationen gleichzeitig beachten und miteinander in Beziehung setzen können, ist extrem begrenzt. Das führt beim Problemlösen oft zum Grübeln, wobei die immer gleichen Gedanken immer wieder in Sackgassen führen. Für neue Gesichtspunkte ist in dieser starr geordneten Gedankenwelt kein Platz. Um aus dem ergebnislosen Grübeln hinauszukommen und weiter denken (oder auch nur einschlafen) zu können, muss der Arbeitsspeicher des Gehirns geleert werden. So bringt man seine Gedankensplitter in Unordnung, schafft Platz für neue Informationen und kann einen neuen Anlauf machen, seine Gedanken zu ordnen.

Kinder lassen sich durch "Wimmelbilder" oder chaotisch zusammengewürfelte Wühlkisten anregen, neue Spiele zu erfinden oder skurrile Schmuckstücke zu basteln. Diese Funktion erfüllt für manche Erwachsenen ihr chaotischer Schreibtisch. Tatsächlich gibt es Experimente, die nachweisen, dass ein unordentlicher Arbeitsplatz kreative Einfälle begünstigt. Wem ist es nicht schon einmal passiert, dass sie oder er aus Frustration über ein ungelöstes Problem angefangen hat, den Schreibtisch aufzuräumen, und dann beim zufälligen Blick auf einen Prospekt, eine Briefmarke, einen Buchtitel oder eine Ansichtskarte einen Einfall hatte, der schließlich zur Problemlösung beigetragen hat?

Inspiration aus der "Wühlkiste"

Absichtlich herbeigeführte gedankliche Unordnung schafft Gelegenheiten für das kognitive Aufräumen, für die erfolgreiche Suche nach neuartigen Ordnungen. Die angewandte Kreativitätsforschung hat für solche gedanklichen Befreiungsschläge viele systematische Techniken entwickelt. Das Anregungs- und Assoziationspotential zufälliger oder verfremdeter Eindrücke aus der Umgebung wird dabei systematisch genutzt.

Wer allerdings den Schreibtisch oder gar das Arbeitszimmer nicht um möglicher kreativer Einfälle willen vermüllen möchte (weil das nämlich systematisches und strukturiertes Denken und Arbeiten behindert),  kann sich seine Anregungen auch auf ganz unspektakuläre Weise holen: Ein Blick aus dem Fenster, ein Bildschirmschoner mit wechselnden Bildern, ein kurzer Spaziergang im Haus oder über den Parkplatz, ein Prospekt, eine illustrierte Zeitschrift oder ein willkürlicher Blick ins Lexikon, eine gedankliche Erinnerungsreise durch Urlaubsorte, einige Fotos auf dem Handy. Manche nutzen als Wühlkiste unter dem perfekt aufgeräumten Schreibtisch eine Schublade mit "Krimskram", mit Utensilien, die in der Ordnung der Oberfläche einfach keinen Platz haben, die man nicht wegwerfen möchte und mit denen man gelegentlich herumspielen kann.

Vielfältige Wahrnehmungsimpulse durch anregende Gespräche im Kollegium, Informationsmaterialien, Gegenstände, Geräusche  und Gerüche aus der Natur oder dem Straßenverkehr, visuelle Reize aus der Raumgestaltung und vom überbordenden Schreibtisch oder der versteckten Wimmeltruhe können verschiedene Wahrnehmungs-, Assoziations- und Gedächtniszentren des Gehirns simultan stimulieren und dazu beitragen, Gedächtnisinhalte und Gedankensplitter aus verschiedenen Sinnesmodalitäten und Wissensbereichen miteinander in Beziehung zu setzen. Wenn dann eine ordnende und systematisierende Verarbeitung der Assoziationen hinzukommt, können tatsächlich kreative Gedankengänge entstehen.

Wie ordentlich ist Ihr Schreibtisch?

Ihr beruflicher Erfolg lebt vom geordneten Chaos? Sie haben ebenfalls eine "Wühlkiste", in der Sie nach Ideen kramen? Unter welchen Umständen sind Sie besonders kreativ?

Teilen Sie Ihre persönlichen Erfahrungen und Ihren Arbeitsplatz mit uns. Schreiben Sie uns und senden Sie ein Bild Ihres Schreibtisches: kommentare(at)forschung-und-lehre.de.