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Standpunkt
Funktionalisierte Wissenschaft

Der Wissenstransfer stellt neben Forschung und Lehre die dritte Säule der Wissenschaft dar. Unser Autor mahnt vor den Folgen.

Von Peter Dabrock 17.12.2021

Noch heißt diese Zeitschrift "Forschung & Lehre" und soll damit den als Einheit verstandenen Tätigkeitsbereich der Universität umschreiben. Nimmt die in den gegenwärtigen Krisen, allen voran Corona- und Klimakrise, gesteigerte gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft weiter zu, sollte vielleicht über eine Änderung des Titels nachgedacht werden: "Research, Teaching, and Outreach" – also englisch. Dann: Transfer und Vermittlung scheinen zu Titel und universitärer Aufgabenbeschreibung konstitutiv hineinzugehören. Bayern macht es vor: Dort findet sich Out-reach prominent als dritte Säule des Universitätslebens im Entwurf des neuen Hochschulgesetzes. Dass in Bayern vor allem der Fokus auf dem ökonomisch getriebenen Transfer liegt, überrascht nicht wirklich.

All das kann man wollen – ich selbst beteilige mich ja seit Jahrzehnten an dem, was heute etwas gestelzt als Wissenstransfer oder Outreach bezeichnet wird. Aber es muss einem bewusst sein: Folgenlos bleibt das Ganze nicht für die Fremd- und Selbstbeschreibung der Wissenschaft. Über die Fremdbeschreibung ist im Zusammenhang der Corona- und der Klimakrise viel debattiert und geschrieben worden. Für die Leserinnen und Leser dieser Zeitschrift ist die herausgeforderte Selbstbeschreibung von größerer Bedeutung: Was erwartet Wissenschaft von sich selbst, wenn andere etwas von ihr erwarten? Unter Corona-Bedingungen mussten dies Stellungnahmen sein, die erkennbar zugleich der Logik dreier gesellschaftlicher Systeme gerecht werden sollten: der Wissenschaft selbst, klar; der (Social-)Media-Kommunikation (schnell, ansprechend, Aufmerksamkeit generierend) und nahe an politischen Entscheidungen (politisch und juristisch umsetzbar).

Viele, auch ich, haben sich dabei als Individuen mehr oder minder Mühe gegeben und vielleicht auch die Zähne daran ausgebissen, allen drei Logiken zugleich zu entsprechen. Dabei war aber klar: Es sind Stimmen von Einzelnen, wobei in jedem Fach wie in der medialen Öffentlichkeit Päpste, Kardinäle und Clerus minor identifiziert werden. Richtig problematisch wird es, wenn Wissenschaftsorganisationen mit der Erwartung und Erwartungserwartung spielen, die Wissenschaft (verstanden als singulare tantum) zu vertreten – und dann Stellungnahmen abgeben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Peer-Review-Verfahren überlebt hätten, aber medial und politisch massiv funktionalisiert werden konnten. Die traditionellen Verfahren der Wissenschaftskommunikation reichen da nicht aus, das große Vertrauen in die Wissenschaft angesichts solcher Stellungnahmen aufrecht zu erhalten. Hier muss Wissenschaft in sich gehen und transparente Verfahren finden, wer mit welcher Autorität wann spricht. Funktionalisierter Outreach gefährdet sonst Forschung & Lehre – und wie sollte diese Zeitschrift dann heißen?

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