Das Foto zeigt die Wallfahrtskirche St Johann bei Raisting in Oberbayern.
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Religionen
Grenzen der Toleranz bei europäischen Christen

Konfessionslose in Europa sind toleranter gegenüber Einwanderern, Muslimen und Juden als Christen – das ergibt eine aktuelle Studie.

31.05.2018

In Westeuropa lehnen sowohl praktizierende als auch nicht praktizierende Christen eher als konfessionslose Erwachsene Einwandererinnen und Einwander sowie allgemein Minderheiten ab. Auch vertreten sie eher nationalistische Ansichten.

Das geht aus einer neuen Studie des Pew Research Centers über Glauben und religiöse Praktiken in Westeuropa hervor, für die mehr als 24.000 Telefoninterviews mit zufällig ausgewählten Erwachsenen, darunter fast 12.000 nicht praktizierende Christen, durchgeführt wurden. Dabei wurden Christen in der Studie definiert als Personen, die mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen und nicht praktizierende Christen als solche, die sich als Christen betrachten, aber nicht mehr als ein paar Mal im Jahr an einem Gottesdienst teilnehmen. Konfessionslos sind laut Bericht diejenigen, die sich selbst als Atheisten, Agnostiker oder "keiner bestimmten religiösen Gemeinschaft angehörig" bezeichnen.

So sagen in Deutschland 55 Prozent der praktizierenden Christen, dass der Islam grundsätzlich nicht mit deutschen Werten und der deutschen Kultur vereinbar sei, während der Anteil der nicht praktizierenden Christen (45 Prozent), die diese Ansicht vertreten, niedriger ist. Unter den konfessionslosen Erwachsenen sagt ein noch geringerer Anteil (32 Prozent), dass der Islam grundsätzlich nicht mit den Werten ihres Landes vereinbar sei. Ein ähnliches Muster zeigt die Studie für Europa auch in Bezug auf die Frage, ob es Einschränkungen für die Bekleidung muslimischer Frauen in der Öffentlichkeit geben sollte: Christen befürworten eher als Konfessionslose, dass es muslimischen Frauen nicht gestattet sein sollte, religiös begründete Kleidung zu tragen.

Nationalistische Einstellung bei praktizierenden Christen typischer

Praktizierende Christen, nicht praktizierende Christen und Konfessionslose unterscheiden sich der Studie zufolge auch in ihren Einstellungen zum Nationalismus. Nicht praktizierende Christen neigten weniger als praktizierende Christen dazu, nationalistische Einstellungen zu vertreten. Trotzdem sagen sie eher als Konfessionslose, dass ihre Kultur anderen Kulturen überlegen sei und dass es notwendig sei, die nationale Abstammung eines Landes zu haben, um die nationale Identität dieses Landes teilen zu können (zum Beispiel muss man spanische Vorfahren haben, um wirklich spanisch zu sein).

In Deutschland etwa sagten laut Studie beinahe drei Viertel der praktizierenden Christen (73 Prozent), dass es wichtig sei, eine deutsche Abstammung zu haben, um "wirklich deutsch" zu sein. Unter den nicht praktizierenden Christen nehmen 46 Prozent diese Haltung ein, was allerdings immer noch mehr sind als die 35 Prozent der erwachsenen konfessionslosen Deutschen, die angeben, dass eine deutsche Abstammung wichtig ist, um wirklich deutsch zu sein.

Fast jeder fünfte Deutsche will keine Menschen jüdischen Glaubens in seiner Familie

Fast jeder fünfte Deutsche hätte der Studie zufolge ungern Menschen jüdischen Glaubens in seiner Familie. Demnach antworteten 19 Prozent der Befragten Menschen in Deutschland auf die Frage "Wären Sie bereit, einen Juden als Familienangehörigen zu akzeptieren?" mit "Nein". 69 Prozent sagten "Ja". Zwölf Prozent der Befragten gaben keine eindeutige Antwort.

Zum Vergleich: Nur drei Prozent der Niederländer und Norweger hätten ein Problem mit jüdischen Familienmitgliedern. Die höchsten "Nein"-Werte ermittelten die Forscher in Großbritannien (23 Prozent), Italien (25 Prozent) und Österreich (21 Prozent).

Noch deutlich geringer war die Akzeptanzrate, als die Meinungsforscher nach Muslimen fragten. Laut Studie würden 33 Prozent der Deutschen keine muslimischen Familienmitglieder akzeptieren.

Die Studie zeigt, dass nicht praktizierende Christen den größten Anteil an der Bevölkerung in der Region stellen. In jedem Land, mit Ausnahme von Italien, seien diese Personen zahlreicher als praktizierende Christen. Die Zahl der nicht praktizierenden Christen übersteige in den meisten befragten Ländern auch die Zahl der Personen ohne Religionszugehörigkeit.

Auch bei praktizierenden Christen eine Mehrheit für legale Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe

Dabei erstaunt, dass die überwiegende Mehrheit der nicht praktizierenden Christen ebenso wie die Mehrheit der Konfessionslosen  legale Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe  befürworten. Praktizierende Christen sind laut Studie im Hinblick auf diese Fragen konservativer, obwohl es unter ihnen eine deutliche – und in mehreren Ländern eine mehrheitliche – Unterstützung für legale Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe gibt. Praktizierende Christen sind im Hinblick auf diese Fragen konservativer, obwohl es unter ihnen eine deutliche – und in mehreren Ländern eine mehrheitliche – Unterstützung für legale Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe gibt.

Obwohl viele nicht praktizierende Christen angeben, nicht an Gott, "wie er in der Bibel beschrieben wird", zu glauben, neigten sie dazu, an eine andere "höhere Macht oder spirituelle Kraft" zu glauben. Hingegen sagen die meisten praktizierenden Christen, dass sie an Gott glaubten, wie er in der Bibel beschrieben werde. Eine deutliche Mehrheit von konfessionslosen Erwachsenen glaubt nicht an eine höhere Macht oder spirituelle Kraft im Universum.

Die Studie wurde von The Pew Charitable Trusts und der John Templeton Foundation finanziert und ist Teil eines größeren Forschungsprojekts des US-amerikanischen Pew Research Center, um den religiösen Wandel und seine Auswirkungen auf Gesellschaften weltweit zu verstehen.

gri

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