Beigefarbene japanische Teeschale mit goldenen Reparaturstellen nach der Kintsugi-Methode
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Standpunkt
Ist Emotionalität un-wissenschaftlich?

Innerhalb wissenschaftlicher Diskurse ist Emotionalität selten bis verpöhnt. Zu Unrecht, findet unser Autor. Gefragt sei emotionale Vernunft.

Von Gerhard Trabert 22.01.2021

Gerade in Zeiten einer gesundheitlichen Bedrohung durch einen Krankheitserreger, vor dem man sich schwerlich vollkommen schützen kann, der damit nicht kontrollierbar ist und es auch noch keine kurative Therapie gibt, nimmt Emotionalität auch innerhalb wissenschaftlicher Diskurse wieder vermehrt Raum ein.

Emotionalität ist notwendig, um zu kreativen Lösungen zu kommen. Leider haftet der – angeblich "weiblichen" – Emotionalität viel zu häufig das Stigma der Unprofessionalität, Naivität, Subjektivität und Unwissenschaftlichkeit an. Dagegen wird die angeblich"„männliche" Rationalität mit Werten wie Wissenschaftlichkeit, Souveränität und Objektivität gleichgesetzt. Rationales Lernen beherrscht unsere Schulen und Universitäten. Emotionales Lernen wird dagegen oft vernachlässigt. Empirie ist dann quasi die Verbindung von Ratio und Emotio. Diesem Dualismus wird zu oft zu wenig Bedeutung beigemessen und in diesem Kontext besonders der Emotionalität.

Was spricht eigentlich gegen eine Wissenschaft, die ihre Basis in ihrem emotionalen Engagement hat? Wir brauchen wieder eine neue (oder ist es die alte? Kant, Habermas) Streitkultur, aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse, in denen zum Beispiel gesellschaftliche Ungerechtigkeiten oder auch ökologische Aspekte benannt werden, Alternativen, Verbesserungs- und Veränderungsmöglichkeiten gefordert, entwickelt und diskutiert und deren praktische Umsetzung eingeklagt werden. Studienergebnisse und Erkenntnisse führen derzeit scheinbar nur sehr zögerlich zu einem Umdenken in Politik und Öffentlichkeit, gerade auch in Pandemiezeiten, was den Schutz von vulnerablen Personengruppen in unserer Gesellschaft betrifft. Wir brauchen eine wissenschaftliche und gesellschaftliche inhaltliche Zielsetzung, in der Begriffe wie soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz, Wertschätzung sozial benachteiligten Menschen gegenüber und individuelle sowie gesellschaftliche Verantwortung einen zentralen Platz einnehmen.

Emotionale Vernunft ist gefragt, sich nicht nur auf die vermeintlich objektive Ratio zu stützen, wenn folgenreiche Entscheidungen zu treffen sind, sondern verantwortungsvoll die eigenen Gefühle und subjektiven Wertmaßstäbe in den Entscheidungsprozess zu implementieren.

Ein sehr schönes Bild der Visualisierung die­ses notwendigen Dualismus' von Rationalität und Emotionalität, der dann etwas Neues gemeinsam entstehen lässt, sehe ich in der traditionellen japanischen Wabi-Sabi-Ästhetik in Form der Kintsugi Methode. Gesprungene Keramikfragmente werden mit hochwertigem Material repariert und damit zu etwas Neuem zusammengefügt. Dies ist ein Ausdruck der Wertschätzung insbesondere fragilen Dingen gegenüber. Stellen Wissenschaft, Rationalität nicht oft Fragmente einer globalen Wahrheit dar, die erst durch das emotionale Reflektieren und Erkennen verstehbar werden?

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