Altes Portraitfoto von Louis Pasteur
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Mikrobiologie und Medizin
Louis Pasteur, Patriot und Pionier

Vor 200 Jahren wurde Louis Pasteur geboren. Zum Geburtstag des großen Wissenschaftlers fasst unser Autor dessen Leben und Leistungen zusammen.

Von Ernst Peter Fischer 27.12.2022

Es braucht viele Wörter, um die Forschungen und Leistungen von Louis Pasteur (1822-1895) zu charakterisieren. Er begann seine wissenschaftliche Laufbahn erfolgreich als Chemiker und Physiker, wandelte sich zum umtriebigen Biochemiker und Mikrobiologen und trug wesentlich zum Kampf gegen Infektionskrankheiten bei, auch weil er sich als Vater der modernen Hygiene und Förderer des Gesundheitswesens (Public Health) hervortat – und von der Gründung des 1888 in Paris eingeweihten Institut Pasteur als Zentrum künftiger Grundlagenforschung war noch gar nicht die Rede. 1922, zum 100sten Geburtstag des französischen Wissenschaftlers, der ein glühender Patriot war, wie Biografen übereinstimmend anmerken, hielt Jules Jusserad als Botschafter seines Landes in den USA eine feierliche Rede, in der er sagte: "Im Laufe der Geschichte hat Frankreich viele große Männer hervorgebracht. Aber es gibt keinen, auf den wir stolzer sind, als auf Pasteur. Vor ein paar Jahren, vor dem Krieg, hat eine Zeitung eine Umfrage organisiert und ihre Leser gefragt, wen sie als den größten Sohn Frankreichs ansehen. Über 2 Millionen Rückmeldungen sind eingelaufen, und unsere militaristische Nation hat Napoleon den siebenten Rang eingeräumt. Auf Platz Nummer 1 hat sie Pasteur gesetzt."

1995, zum 100sten Todestag Pasteurs, fielen Schatten auf das strahlende Bild, als ein Wissenschaftshistoriker der amerikanischen Princeton Universität mit Namen Gerald L. Geison ein Buch über "The Private Science of Louis Pasteur" veröffentlichte und darin erstmals die Labortagebücher des Mikrobiologen als Quelle benutzte. Pasteur hatte zu Lebzeiten verfügt, diese privaten Aufzeichnungen nie jemandem zu zeigen, aber 1964 übergab der letzte Überlebende der direkten männlichen Nachkommen Pasteurs die Labortagebücher der Französischen Nationalbibliothek, wo sie zwar seit 1971 zugänglich, aber erst seit 1985 praktisch nutzbar waren. Die Lektüre des genannten Historikers schien zu zeigen, dass Pasteur mit seinen Daten nicht immer sorgfältig und eher großzügig umgegangen ist, dass er die Ideen anderer Leute ausgeschlachtet hat und sich sogar unethisches Verhalten hat zuschulden kommen lassen.

Pasteurisierung: Die Anfänge der Mikrobiologie

Doch in nachfolgenden Analysen ist diese Dekonstruktion Pasteurs selbst dekonstruiert worden, wobei der Disput hier vor allem erwähnt wird, weil das, was Pasteur im 19. Jahrhundert zu zeigen versucht hat, mit methodischen Schwierigkeiten und Interpretationsproblemen verbunden war, auch wenn einige seiner Einsichten inzwischen zum Standardwissen der modernen Medizin gehören. Pasteur stand zu seinen Lebzeiten Phänomenen wie Fermentation oder Verwesung zunächst ratlos gegenüber, und es brauchte einigen Mut und viel Geschicklichkeit, um zu zeigen, dass diese Prozesse mehr sind als Chemie und das Wachstum von Mikroorganismen erkennen lassen. Was nun diese sich dem unbewaffneten Auge entziehenden Lebensformen angeht, so war zu Pasteurs Zeiten keinesfalls klar, ob sie nicht immer wieder neu spontan aus toter Materie entstehen konnten oder sich durch Reproduktion bereits vorhandener Zellen verbreiteten.

"Es brauchte einigen Mut und viel Geschicklichkeit, um zu zeigen, dass diese Prozesse mehr sind als Chemie."

Was der Pionier der bakteriologischen Forschung in dem Zusammenhang zeigen konnte, nennt man heute mit seinem Namen Pasteurisierung. Gemeint ist das Abtöten von Keimen in Lebensmitteln durch deren kurzzeitige Erhitzung, wodurch man die Haltbarkeit etwa von Milchprodukten erhöhen kann. Während dies im 19. Jahrhundert als segensreich empfunden wurde, klagen saturierte Gesellschaften aus heutiger Zeit über den dabei auftretenden Verlust an Geschmack und Nährstoffen. 1867 wurde Pasteur für sein Verfahren, Wein durch Erhitzen zu konservieren, auf der damaligen Weltausstellung in Paris mit deren Großen Preis geehrt, und der französischen Flotte stand endlich ein Weg zur Verfügung, die Kolonien des Landes mit dem Nationalgetränk zu versorgen.

Die 1860er Jahre erwiesen sich dabei eher als schwierig für Pasteur. Sein Vater starb ebenso wie seine zweijährige Tochter – nur zwei seiner fünf Kinder haben das Erwachsenenalter erreicht –, und 1868 erlitt der große Mann einen schweren Schlaganfall. Solche Schicksalsschläge änderten aber nichts an seinem Lebensmotto "laboremus", "wir arbeiten" – für die Wissenschaft und damit für die Menschheit.

Pasteurs Forschung zu Infektionskrankheiten und Impfstoffen

Zu den mit viel Aufmerksamkeit verfolgten Themen des 19. Jahrhunderts gehörte der Kampf gegen Infektionskrankheiten, die damals erstmals so genannt wurden und denen man mittels Impfungen begegnen wollte. Diese gab es seit 1796, als dem englischen Arzt Edward Jenner eine Pockenschutzimpfung mit einer Lebendvakzine (Kuhpocken) gelungen war. Pasteur wandte sich der Geflügelcholera zu, um an ihrem Beispiel erst zu zeigen, dass Jenners Prinzip allgemein tragfähig ist, und es dann für Menschen auszunutzen. Pasteur arbeitete seit 1881 an einem humanmedizinischen Impfstoff, und er wählte als Zielobjekt die Tollwut, deren Erreger noch unbekannt war. Die Tollwut verbreitete Angst und Schrecken, weil sie zu einem grausamen Tod von Infizierten führte, und Pasteur soll als Kind die damals vergeblichen Bemühungen der Ärzte zur Rettung ihrer Patienten miterlebt haben. Jetzt machte er sich an die Arbeit – laboremus – und probierte verschiedene Impfstoffe, deren Anfertigung und den Umgang mit ihnen aus.

Im Juli 1885 erschien ein Ehepaar aus dem Elsass in seinem Laboratorium, und sie brachten ihren neunjährigen Sohn Joseph Meister mit, dessen Hände und Beine vierzehnmal von einem tollwütigen Hund gebissen worden waren. Pasteur und seine Mitarbeiter wie Emile Roux hatten das infektiöse Agens aus Hunden isoliert und durch Weitergabe an Kaninchen abzuschwächen versucht. Es war sowohl klar, dass der Junge ohne medizinische Hilfe sterben würde, als auch, dass Pasteur nur eine Behandlung zur Verfügung stand, die ausschließlich an Tieren getestet worden war, und das auch nicht zur vollen Zufriedenheit der Wissenschaftler. Auf jeden Fall konnten die Tollwutviren in das Gehirn des Jungen eindringen, wenn ihm niemand zur Hilfe kommen würde. Pasteur besprach sich mit den zwei Ärzten Alfred Vulpian und Joseph Grancher, die die Injektionen übernehmen mussten, die ihm selbst als Chemiker nicht gestattet waren, und am 6. Juli 1885 ging man das Risiko ein. Der Knabe Meister wurde in den kommenden Tagen noch mehrere Male geimpft – und Pasteur und sein Team hatten Glück. Der kleine Joseph erkrankte nicht an Tollwut, wobei die oben erwähnten Labortagebücher einige Dinge verschweigen oder übergehen. Die Öffentlichkeit muss ja nicht alles wissen.

Der Erfolg hielt aber an. Anfang Dezember 1885 wurden bereits mehr als 80 Gebissene vor der Tollwut geschützt, und 1886 bekam Pasteur sein Zentrum für die Antitollwut-Behandlung, das sich zum Institut Pasteur entwickeln sollte. Joseph Meister übernahm hier eine Anstellung als Hausmeister. Als 1940 die Deutschen in das Institut eindrangen, um die Krypta zu stürmen, in der Pasteur begraben lag, beging Meister Selbstmord, um die Eindringlinge abzuwehren und dem Patrioten seine Ruhe zu bewahren. Er hat sie verdient.

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