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Zeichnung von zwei Figuren. Zwischen ihnen ist ein Pfeil, der ihren Abstand darstellt.
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Universitärer Alltag
Arbeiten und Lernen zwischen Nähe und Distanz

Nähe und Distanz bilden das Verhältnis von Menschen zueinander ab. Mitunter werden auch in der Wissenschaft Grenzen überschritten.

Von Irmtraud Tarr 02.12.2021

Über das spannungsreiche Verhältnis von Nähe und Distanz im Universitätsalltag zu schreiben, bedeutet Eulen nach Athen zu tragen. Jeder in der pädagogischen Profession hat mit diesem Thema zu tun, kennt den Umgang mit Nähe und Distanz selbst und weiß um seine Herausforderung. Gelingendes Lernen ist nur möglich auf dem Boden einer konstruktiven Beziehung zwischen Studierenden und Lehrenden, die abhängig ist von einer Balance zwischen Nähe und Distanz. Wer unterrichtet, geht mit dem Lernenden eine professionelle Beziehung ein. Bildung entwickelt sich auf der Basis der zeitlich und persönlich begrenzten pädagogischen Bindung.

Folgendes Beispiel einer Studentin zeigt, wie das Lernen auch von einer gelingenden pädagogischen Beziehung zur Lehrperson abhängt: "Erst studierte ich bei einer Professorin, die ich bewunderte. Sie hatte eine warme Ausstrahlung. Dann hatte ich einen Professor, mit dem ich nie warm wurde. Ich hatte Angst vor ihm, weil er launisch war. Mal distanzlos, dann wieder überheblich. Irgendwie habe ich mich durchgewurstelt. Was ich gelernt habe, weiß ich nicht mehr."

Anerkennung, Wertschätzung, Kritik haben unmittelbare Auswirkungen auf das Lernen und die Entwicklung der Persönlichkeit des Studierenden. Jede persönliche Entwicklung kann durch mangelnde Sensibilität, herabwürdigende Aussagen bis hin zu grenzverletzendem Verhalten behindert oder gar beschädigt werden. Abwertende Bemerkungen von Lehrpersonen wirken wie Urteile, die sich tief ins Selbstgefühl eingraben und dort jahrelang negativ nachhallen können.

Beziehung und Machtverhältnisse

Beziehung entwickelt sich aus einem subtilen, dynamischen Gleichgewicht zwischen Bindung und Nähe einerseits und Autonomie und Distanzierung andererseits. Diese Choreographie ist nicht immer einfach zu produzieren und hat prekäre Aspekte, wenn sie in Extreme abgleitet: Zuviel Nähe erdrückt, macht unsicher, verhindert Selbstwirksamkeit. Zuviel Distanz kann Bindung gefährden, Vertrauen verhindern, Beziehung verunmöglichen. Sobald einer der Pole sich vereinseitigt, gerät das soziale Gleichgewicht ins Wanken und die individuelle Integrität der Person kann missachtet und verletzt werden.

Die Studierenden vertrauen sich einem kompetenten, in seiner Disziplin anerkannten Lehrenden an. Die Erwartung an diese Person ist häufig hoch: Sie soll die Studierenden möglichst optimal nach ihren je eigenen Begabungen und Lernstand zum bestmöglichen Abschluss bringen. Diese Beziehung ist von einem Machtverhältnis geprägt. Der Lehrende ist dem Lernenden in vielem voraus: Alter, Kompetenz, fachliche Erfahrung. Dieses Verhältnis ist asymmetrisch. Nicht selten ist dies der Nährboden für Idealisierung. Eine altersgemäße Idealisierung ist zunächst nichts Problematisches. Sie zeigt, dass der Studierende sich weiterentwickeln will und im Lehrenden etwas sieht, was ihn weiterbringen könnte.

Entscheidend sind die Zuschreibungsprozesse. Der Lernende schreibt der Lehrkraft häufig ein unbegrenztes Urteilsvermögen über das eigene Können zu. Das Lehrerurteil wird als prägend erlebt und nicht kritisch reflektiert. Dieses Machtverhältnis kann mit Berührungsprivilegien des Lehrenden gegenüber dem Lernenden einhergehen. Wenn die Lehrperson ungefragt Studierende nach dem Seminar gönnerhaft auf die Schultern klopft, dann kann sich darin die fehlende Distanz oder Asymmetrie manifestieren.

Das pädagogische Machtverhältnis ist auch durch geschlechtsspezifische Verhältnisse geprägt. Die Erziehung junger Frauen geht noch dahin, eigene Gefühle zurückzustellen, Befindlichkeiten nicht oder nur langsam zu trauen, Widerstand zu wagen. Nähe und Distanz sind von subtilen Asymmetrien des Lehrenden gegenüber der Frau unterlegt. Diese Aspekte können zu latenten und offenen Grenzüberschreitungen führen. Sie können missbraucht werden, um Lernende unangemessen zu berühren, sich verbal anzüglich zu nähern und das pädagogische Verhältnis zu gefährden, wobei die Grenzen zu einem missbräuchlichen Verhalten fließend sind.

"Berührungsprivilegien" und Belästigung

Sexuelle Belästigung ist kein Tabuthema mehr. Sobald aber konkrete Angaben gemacht werden sollen, ist die Antwort: "Natürlich gibt es das, aber sicher nicht bei uns." Die Nationalfondsstudie von 1999 bestätigt eindeutig, dass sexuelle Belästigung an Universitäten keine Seltenheit ist. Obwohl in Bezug auf die Machtverhältnisse heute durch den #MeToo-Diskurs viel in Bewegung geraten ist und Gleichberechtigung zum normativen Fundament der Gesellschaft gehört, prägen im Hinblick auf leibliche Berührungen noch immer eingeübte Verhaltensmuster das individuelle Handeln. Berühren darf eher der Ältere, Statushöhere. Mit dem Agieren von Körperberührungen wird sozialer Status und Respekt wie Intimität ausgedrückt. Dem Statushöheren werden deshalb "Berührungsprivilegien" zugeschrieben. "In unserer Kultur berühren ältere Männer jüngere häufiger als umgekehrt, Vorgesetzte berühren Untergeordnete häufiger als umgekehrt, Männer berühren Frauen häufiger als umgekehrt". (Herold, 2015, S. 125)

Gegenseitiges Vertrauen ist die Basis. Aber eine Tatsache mit Tücken. Der Lehrende gilt als Vorbild. Er wird als Autorität akzeptiert, erscheint aber nicht als unnahbare Person. Die eigene Laufbahn ist davon abhängig, wie weit der Lehrende einen fördert. Durch Idealisierung können problematische Abhängigkeitsbeziehungen entstehen. Die Verantwortung für die Grenzziehung liegt bei der Lehrperson. Sie darf diese Gefühle nicht ausnutzen, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen. Sie muss die Distanz wahren.

Dies erklärt auch, warum körperliche Zudringlichkeiten von Männern nicht immer von den betroffenen Frauen abgewehrt werden. Das männliche "Grabschen" von Frauen im Studium widerspricht zumindest nicht unbedingt der sozialen Verhaltenserwartung. Auch deshalb wird ein männlicher Übergriff auf den weiblichen Körper im Nachhinein erst mühsam von Frauen aufgeschlüsselt und identifiziert (von Männern verleugnet).

Belästigungen erkennen und ihnen begegnen

Sexuelle Belästigung, die nicht nur subtil ist, sondern auch Auswirkungen auf die Laufbahn hat, ist schwer fassbar. Was passiert, wenn ich mich wehre oder nicht wehre? Beides hat Konsequenzen. Wie erkennt man Belästigungen? Wenn Annäherung als Verhalten erlebt wird, das unerwünscht ist, ungute Gefühle und eine Verletzung der persönlichen Sphäre auslöst. Neben benennbaren Belästigungen gibt es auch latente, symbolische Formen: Gesten, Blicke, Haltungen, die auf den Körper einwirken, ihn kontrollieren und modellieren. Die Lehrperson ist höher gestellt und trägt die Verantwortung. Belästigungen werden einem aufgezwungen. Wer sexuell belästigt wird, wird unterdrückt. Formen: Witze, taxierende Blicke, scheinbar zufällige Berührungen, Flirtversuche statt sachlicher Auseinandersetzung, sexuelle Anspielungen, Annäherungsversuche, Anspielungen, Versprechen beruflicher Vorteile. Eine typische Aussage: "Diese ewigen zweideutigen Blicke gehen mir auf die Nerven." Darüber sprechen ist wichtig. Sensibilisierung ist notwendig. Es zeigt sich, dass Frauen sexuell belästigende Situationen nicht immer als solche bezeichnen. Gründe dafür: die Angst, ein gesellschaftliches Tabu zu brechen oder die Lehrperson zu denunzieren, von der man abhängig ist. Eine selektive Wahrnehmung – ich erlebe nur, was ich darf – oder Verdrängung ist vordergründig der einfachere Weg der Bewältigung.

Sexuelle Belästigung gilt es als solche zu erkennen, darüber zu sprechen und auch die subtilen Formen nicht als gegeben hinzunehmen. Verdrängung hilft nicht weiter. Das Unterbewusstsein nimmt sie wahr und das Selbstwertgefühl schrumpft. Wichtig ist die Erlaubnis: "Ich darf meiner Empfindung, sexuell belästigt zu werden, trauen", "Ich habe kein sexuelles Problem, wenn ich mir sexuelle Belästigungen nicht gefallen lasse". Man hat das Recht, sich zu wehren und Hilfe zu holen bei Freunden, Vertrauens- oder Fachpersonen.

Belästigung hat negativen Einfluss auf Körper und Seele. Man ist nie einfach nur Opfer. Sich unwohl fühlen heißt, sich ernst nehmen und darauf zu reagieren. Nützt eine Verhaltensänderung nichts und ist Aufdecken angebracht, können gravierende Folgen entstehen: Änderung des Studienverlaufs, Professorenwechsel, Studienabbruch.

Notwendige Regeln zu Nähe und Distanz

Es ist notwendig, ein verpflichtendes Leitbild mit Normen und Regeln für den sensiblen und wertschätzenden Umgang mit emotionaler und körperlicher Nähe zwischen Lehrenden und Lernenden zu verankern. Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner der Gleichstellungsstellen stehen für Betroffene zur Verfügung. Vorgesetzte werden im Diskriminierungsfall und bei Missbrauchsverdacht entsprechend aktiv. Dies ist ein wichtiger, wenngleich nicht ausreichender Schritt. Sinnvoll sind obligatorische Schulungen, die pädagogisches Personal mit den Grundlagen eines sensiblen, wertschätzenden Umgangs mit Nähe und Distanz vertraut machen. Es ist wichtig, die Integrität von Studierenden wirksam zu schützen. Dies darf keine Frage des Geldbeutels sein.