Eine Person gewichtet auf einer Waage Holzklötze zum Thema "Work" und "Life".
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Vereinbarkeit
Wie Arbeitgeber die Work-Life-Balance fördern können

Die veränderte Lebenswelt stellt neue Anforderungen an die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Eine Studie liefert Denkanstöße.

Von Ina Lohaus 05.10.2020

Forschung & Lehre: In der Kaleido­scope-Studie haben Sie anhand einer Bedarfsanalyse Ideen entwickelt, wie Arbeit und Leben so organisiert werden können, dass sie besser miteinander vereinbar sind. Ist die Vereinbarkeit nur eine Frage der Organisation?

Isabell Welpe: Wir leben und arbeiten heutzutage ganz anders als Menschen noch vor 15 Jahren, aber die Organisation dieses "neuen Lebens" funktioniert nach den alten Mustern. Heute sind wir fast ständig erreichbar, ein Einkommen reicht vielen Familien finanziell nicht mehr, wir leben zunehmend in Städten und es herrscht Fachkräfte- und Wohnraummangel in den Städten. Unsere gesellschaftlichen Institutionen sind im Vergleich dazu weitgehend unverändert geblieben, wie zum Beispiel vor Corona die Regel, zur Arbeit jeden Tag ins Büro zu fahren, unveränderte Schulorganisation, die Öffnungszeiten von Dienstleistern von 9 bis 17 Uhr. Innovationen sind hier dringend erforderlich und die müssen organisiert werden.

F&L: Welche Lösungsansätze haben Ihnen selbst schon häufig das Leben erleichtert?

Isabell Welpe: "New Work" ist ja zum Glück in der Wissenschaft nicht ganz so neu und eigentlich immer schon präsent gewesen, also eine relative Freiheit, wann und wo man forscht. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben zwar sehr viele Aufgaben, können jedoch viel auch eigenständig entscheiden. Das machte und macht die Universität als Arbeitgeber natürlich attraktiv.

F&L: Für welche Berufsgruppen sind die neuen Konzepte gedacht?

Isabell Welpe: Es gibt keine Lösungsansätze, die zu allen Berufsgruppen passen, so wie es ganz generell eigentlich keine "one-size-fits-all"-Ansätze gibt. Deshalb müssen Firmen oder Organisationen unterschiedliche Angebote machen. Zum einen haben verschiedene Menschen verschiedene Bedürfnisse, zum anderen verändern sich ja sogar die Bedürfnisse desselben Menschen im Lebensverlauf. Es gibt Menschen, die wollen gerne ins Büro kommen, sie brauchen "ihr Revier" und auch die Ruhe eines Einzelarbeitsplatzes, während dies für andere der pure Stress ist, und diese Menschen blühen im Homeoffice auf. Organisationen werden erfolgreicher sein, wenn sie eine Kultur schaffen, in der diese Vielfalt akzeptiert wird.

Aber die Lösung für eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben liegt nicht nur bei den Unternehmen. Im Zuge unserer Studie wurde immer deutlicher, dass auch auf gesellschaftlicher und staatlicher Ebene angesetzt werden muss. In einigen Ländern gibt es z.B. ganz andere steuerliche und strukturelle Anreize als in Deutschland, die darauf ausgerichtet sind, das Leben in all seinen Facetten und in den verschiedenen Lebensphasen mit der beruflichen Tätigkeit zu verbinden. Da könnte man einiges übernehmen. Wir sind in diesem Bereich in den letzten Jahren zu wenig innovativ gewesen.

F&L: Können Sie ein Beispiel nennen?

Isabell Welpe: Eine Idee, die öfters in unseren Interviews genannt wurde, ist eine finanzielle Förderung einer "Großelternzeit", wie es sie in anderen Ländern gibt. Großeltern, die selber noch arbeiten, könnten dann entsprechend der Elternzeit für die Betreuung ihrer Enkelkinder eine "Großelternzeit" beanspruchen. Das wäre manchen (Groß) Eltern lieber, als ihre Kinder von familienfremden Personen betreuen zu lassen, so wurde uns mehrfach geschildert.
Ein anderes Beispiel sind Studienkredite, die junge Leute während der Elternzeit aufnehmen könnten, um diese Lebensphase für ein Studium zu nutzen. Eltern, die wir im Rahmen unserer Studie befragt haben, haben uns berichtet, dass es sehr schwierig war, solche Kredite zu bekommen. Das sind strukturelle Dinge, bei denen man ansetzen könnte.

Ein Beispiel aus England ist ebenfalls sehr interessant, das "flexible boarding". Dort gibt es in den Großstädten zunehmend Internate, die "the best of both worlds" von normalen Schulen und Internaten vereinen. In diesen Internaten gibt es die Möglichkeit, flexibel auszuwählen, wann die Kinder dort übernachten sollen und wann sie zuhause schlafen können. Das kann ganz individuell nach Dienstreisen oder Arbeitszeiten ausgerichtet werden. Auch entfallen dann Elterntaxis am Nachmittag, da alle Aktivitäten an einem Ort angeboten werden und stattfinden. In Deutschland sind die Internate und Schulen immer noch sehr binär. Aber es wäre doch gut, wenn es auch hier solch eine flexible Lösung gäbe.

F&L: Von welchen Lösungsansätzen könnten Berufsgruppen wie Verkäuferinnen oder Köche profitieren, deren Arbeitsort und Arbeitszeit nicht flexibel gestaltet werden können?

Isabell Welpe: Generell haben wir in unserer Studie entdeckt, wie wichtig die Wohnsituation ist, wenn über die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben gesprochen wird. Dort, wo der Zusammenhalt in der Großfamilie nicht mehr so stark ist, gewinnen Wohnformen an Bedeutung, in denen man sich gegenseitig helfen kann. Die Wohnsituation hat großen Einfluss darauf, wie die Herausforderungen des Alltags bewältigt werden können. Ideal wäre es, wenn Menschen verschiedenartigste Angebote direkt dort vorfinden, wo sie wohnen. Ein breit angelegtes Serviceangebot, durch das viele Dinge des täglichen Bedarfs vor Ort erledigt werden können, ist gerade in ländlichen Gebieten wichtig, um deren Attraktivität zu erhöhen. Und ganz klar, in unserer Studie haben diejenigen, die in Mehrfamilienhäusern oder im größeren Familienverbund gewohnt haben, dies als einen ganz entscheidenden Faktor benannt.

F&L: Viele Vorschläge setzen bei den Unternehmen an, zum Beispiel die Unterstützung bei der Care-Arbeit oder Sport- und Gesundheitsprogramme am Arbeitsplatz. Wenn so das Privatleben immer stärker in die Infrastruktur des Unternehmens integriert wird, wo verläuft dann die Grenze zwischen Arbeit und Leben?

Isabell Welpe: Die genannten Angebote von Unternehmen werden stark nachgefragt. Wenn eine Firma sagt, kommt, arbeitet für uns, wir sorgen dafür, dass eure Wohnung oder euer Haus einmal die Woche professionell gereinigt wird, finden junge Leute das zum Teil attraktiver als einen Dienstwagen oder ein Diensthandy.

F&L: Konzepte wie interaktive Mittagspause oder mobiles Arbeiten im Auto, selbst Schlafboxen für ein "Powernapping" am Arbeitsplatz erwecken den Eindruck, dass jede Minute möglichst effektiv genutzt werden soll. Dient eine solche Verdichtung des Tagespensums einer besseren Verbindung von Beruf und Privatleben oder zielt sie eher auf eine Steigerung von Arbeitsleistung und Effizienz?

Isabell Welpe: In der Tat nehmen Geschwindigkeit und Wettbewerbsdruck weiter zu, und wir sind auf mindestens zwei Arten alle daran beteiligt: Als Kunden nützt es uns, weil auch wir profitieren, wenn wir weltweit Preise vergleichen und das für uns beste Angebot finden, aber als Arbeitnehmer macht uns genau dieses Druck. Auch die Talentmärkte werden sich weiter internationalisieren. Diese Entwicklung hat sich durch die Corona-Pandemie noch verstärkt, denn Corona hat dazu geführt, dass die Arbeitswelt insgesamt virtualisiert wurde und zunehmend im Homeoffice gearbeitet wird. Wenn niemand mehr ins Office kommt, ist es für die Unternehmen weniger wichtig, woher Bewerberinnen und Bewerber stammen, da sowieso alle "zoomen".

F&L: Warum werden innovative Vereinbarkeitskonzepte vielfach nur zögerlich umgesetzt? Sind Unternehmen und Beschäftigte noch nicht offen genug für neue Wege?

Isabell Welpe: Manche Branchen sind bereits sehr offen. Es ist derzeit über­raschend, wie viele Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anbieten, auch 2021 zuhause zu arbeiten oder sogar sagen, "employees can work from home for ever". In Firmen und Organisationen wird darüber nachgedacht, den Bürobestand zu reduzieren, denn Immobilien, gerade in zentralen Lagen, sind ein hoher Kostenfaktor. Ich denke schon, dass jetzt eine Zeitenwende erfolgt ist – ausgelöst sicher auch durch Corona –, deren Entwicklungen nicht mehr umkehrbar sind.
Es gibt Vorreiterunternehmen, die Vereinbarkeitskonzepte bereits implementiert haben. Manchmal werden sie durch gesetzliche Vorgaben regelrecht ausgebremst. Ein Beispiel dafür ist eine Unternehmensberatung, die extra ein gut ausgestattetes Zimmer für Kinder einrichten wollte, die gesund waren, aber deren Schule geschlossen war. Nachdem ein Raum sehr schön her­gerichtet war, scheiterte dieses Projekt daran, dass es im Unternehmen keine Kindertoilette gab. Auch der Hinweis der Firma, dass es für alle diese Kinder in ihrem Zuhause ja auch keine eigene Kindertoilette gab, hat leider nicht geholfen. Dann saßen die Kinder wieder am Schreibtisch neben ihren Eltern.