Das Foto zeigt eine junge Frau im Büro eines Start-ups.
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Start-ups
Die Lüge vom digitalen Traum

Die Arbeit in einem Start-up gilt vielen jungen Menschen als erstrebenswert. Wie sieht die Realität aus? Ein kritischer Erfahrungsbericht.

Von Mathilde Ramadier 03.11.2018

Mit 23 Jahren bin ich 2011 nach Berlin gekommen und eigentlich ungewollt in die „fabelhafte Welt“ der Start-ups eingetreten. Ich hatte angefangen, mich als Autorin und Drehbuchautorin zu versuchen, aber konnte davon nicht leben. Also habe ich in den darauffolgenden Jahren für ein Dutzend Start-ups gearbeitet, die meiste Zeit davon freiberuflich. Angestellt war ich nur zweimal.

Ich habe ihre totalitäre Ideologie mitbekommen, ihre Sprache, die Propaganda ähnelt und denjenigen eine Gehirnwäsche verpasst, die viel zu lange für sie arbeiten: die Jungen der Generationen X und Y – die Mehrheit unter den Beschäftigten.

Und das ist es, was mich am meisten ängstigt: Es sind unsichere Zeiten, in denen wir arbeiten. Welches Benehmen, welche Art von Menschlichkeit nehmen diese jungen Leute mit auf den Weg in ihr Berufsleben? Schaffen diese Unternehmenskultur und diese Art des Miteinanders wirklich die Menschen, mit denen wir die Welt von morgen gestalten können, die schon jetzt so zerbrechlich ist?

"Prekariat der Arbeitswelt"

Mit voller Wucht werden diese Menschen mit dem Prekariat der Arbeitswelt konfrontiert – nur, dass man es ihnen nicht ehrlich sagt. Denn ja, die Beschäftigung in einem Start-up ist prekär. Sie ist deprimierend, abwertend, unter dem Einkommensminimum. Zahlreiche Start-ups nach dem Vorbild des Silicon Valleys rühmen sich damit, die Welt zu verändern, sie zu "revolutionieren", um sie zum Besseren zu verändern.

Das ist die Message ihrer Slogans. In den Medien gibt es kaum einen Gegendiskurs.
Start-ups, deren Marktwert in kürzester Zeit die Eine-Milliarde-US-Dollar-Grenze überschreitet, werden "Einhörner" genannt. Sie gelten als Ideal – doch alleine der Name beweist, dass es sich dabei nur um ein Hirngespinst handelt.

Ich glaube, dass es stärker als jemals notwendig ist, die rosarote Brille auszuziehen und die Augen vor der Welt zu öffnen, die sich hinter diesem weltweit verbreiteten neuen kalifornischen Traum versteckt. Es sind nur wenige Start-ups, auf die dieses Ideal zutrifft. Mehr als 90 Prozent scheitern und kaum jemand interessiert sich für die vielen "kleinen Hände" im Hintergrund, die für diese Unternehmen arbeiten und die man arbeitsrechtlich viel zu wenig schützt.

Ich denke an die vielen Praktikanten, an die Beschäftigten, die notgedrungen Verträge als Freiberufler unterschreiben und das immer wieder, womit sie sich selbst den Zugang zu Sozialleistungen verbauen. Ich denke an die Fahrer, die Tag und Nacht für den Fahrservice Uber arbeiten und nicht für sich selbst – wie man versucht, ihnen einzutrichtern. Ich denke an die Lieferanten für  Deliveroo, Foodora und andere, die in Wahrheit Sklaven der Moderne sind.

Angekommen in Berlin habe ich mich wie Tausend andere junge Ausländer auf Jobangebote beworben, meine Kompetenzen präsentiert, meine Abschlüsse vorgelegt, meine Motivation und meine Hoffnung demonstriert. Ich habe nicht wirklich in das Start-up-Ideal gepasst. Von Bewerbung zu Bewerbung hat meine Skepsis gegenüber diesem Modell zugenommen und mein Einsatz für meinen Traum als Autorin zu arbeiten, wovon ich mir mehr versprach. Trotzdem habe ich mich gewissenhaft in die Aufgaben eingearbeitet, die man mir gegeben hat.

Dürftige Bezahlung

Doch die Desillusion hat mich jedes Mal schnell eingeholt. Unter den Angestellten – die meisten unter 30 Jahre – gab es die Überzeugten und diejenigen, die keine andere Wahl hatten als einen  Job anzunehmen, weil sie es sich finanziell anders nicht leisten konnten.

Ich habe Menschen fallen sehen. Ich habe Menschen zusammenbrechen sehen, unter Burn-out, Langeweile, teils unter ernsthaften seelischen Erkrankungen. Ich habe Menschen gesehen, die gezwungen waren, zurück zu ihren Eltern zu ziehen, erschöpft, die nicht mal mehr genug Geld hatten, ihre Berliner Miete zu zahlen, und die trotzdem nicht gegangen sind. Der Grund für die zunehmende Gentrifizierung in Berlin ist nicht zuletzt die massive Zunahme von Start-ups in den beliebten Vierteln.

Die Bezahlung der Mitarbeiter in Start-ups ist dürftig und das, obwohl sie nicht selten ihre eigenen Materialien zur Arbeit mitbringen müssen: Laptops, Smartphones und anderes.

Man trichtert ihnen ein, dass sie mit ihrer Arbeit eine einmalige Chance hätten. In The Base*, einem Start-up, das aus dem Giganten Rocket Internet entstanden ist, habe ich 960 Euro brutto für eine Beschäftigung als "Country Manager" bekommen, eine leitende Stelle mit Verantwortung – normalerweise. Stattdessen habe ich von morgens bis abends Daten in Excel-Tabellen getippt.
Bei einem Konkurrenten von Airbnb hat man mir für eine Stelle als zeitlich befristete Managerin 650 Euro brutto geboten. Ich habe abgelehnt und sie ausgelacht. Da es 2011 noch keinen Mindestlohn in Deutschland gab, hatte ich aber nichts gegen sie in der Hand.

Ihr Open-Space-Büro im Herzen von Kreuzberg war voller junger Leute mit mehrsprachigen Abschlüssen, die meisten von ihnen Ausländer, die kein Deutsch sprachen und keine Ahnung von ihren Rechten hatten.
Das Traurigste an diesem Prekariat war die schlechte Atmosphäre. Wenn man sich die Konzepte zahlreicher Start-ups anguckt, muss man sich fragen, ob man diese verschenkten Talente nicht dafür einsetzen sollte, etwas wirklich Innovatives und Nützliches zu machen – etwas Menschliches.
Verändert man wirklich die Welt, in dem man junge Leute mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren lässt, um Gerichte auszuliefern, die sie sich selbst nicht leisten können?

Manche Fahrer von Uber in San Francisco sind darauf angewiesen, im Auto zu schlafen, um ein einigermaßen vernünftiges Einkommen zusammenzubekommen. Sie haben keine Zeit und können es sich nicht leisten, in ihre Vororte zurückzufahren, sondern bleiben auf Abruf, um so viele Stunden zu sammeln, dass sie einigermaßen über die Runden kommen. Im Arbeitsrecht hat es seit dem 19. Jahrhundert keine wirklichen Fortschritte mehr gegeben. In den meisten deutschen Städten fährt Uber aktuell nicht. Immer wieder landeten die Geschäftspraktiken des Unternehmens vor Gericht. Uber sucht jedoch nach alternativen Geschäftsmöglichkeiten.

Die "Sharing Economy", die neue Technologie, der innovative Spirit sind positive Werte, aber sie sollten überdacht werden.  Mit mehr Menschlichkeit, mehr Reife und Respekt – und mit weniger Einhörnern, Smileys und falschen Versprechungen.

Wir brauchen dringend eine allgemeine europäische Gewerkschaft für alle Start-up-Mitarbeiter, wie sie Lieferanten für Deliveroo für sich versucht haben aufzubauen. Wir brauchen Think-Tanks, die den Vergessenen der Digitalisierung eine Stimme verleihen. Diese sind es, die Zeugen der schlechten sozialen Lagen und der allgemeinen Verarmung sind – sozial, wirtschaftlich, aber auch intellektuell.
In den meisten Start-ups, in denen ich gearbeitet habe, habe ich nie mitbekommen, dass jemand auch nur annähernd infrage gestellt hat, was die Geschäftsführer vorgegeben haben. Bei Vesta* hat der Geschäftsführer denjenigen drei Monatsgehälter versprochen, die sich gewünscht haben, einen Betriebsrat zu gründen, damit sie Ruhe geben anstatt den Dialog mit ihnen zu akzeptieren. Er "wollte das bei sich nicht".

Es gibt auch die guten Start-ups, aber sie sind selten. Initiativen wie "Kununu.com" in Deutschland entwickeln sich. Auf diesen Plattformen können ehemalige Angestellte ihre Unternehmen bewerten: Gehalt, Perspektiven und ähnliches – das Ganze anonym. Für dieses eine Mal sind die Rollen umgekehrt. Einmal sind es nicht die Geschäftsführer, die Manager, die Kunden, die die vielen Beschäftigten im Hintergrund bewerten. Ist das nicht die wahre Revolution?

* Die Namen wurden von der Autorin geändert. Übersetzung aus dem Französischen: Katrin Schmermund